Ich und Man

Einer ist um so mehr ein Ich, je weniger er denkt, was man denkt. Doch je mehr einer Ich ist, desto komplexer erscheinen die Strukturen dessen, von dem er sich unterscheidend als Ich abzusetzen trachtet. Die Pflege des Man ist also eine Komplexitätsreduktion zur Entlastung des Ich, gleichzeitig destruiert es nach Kräften die Herausbildung eines Ich-Bewußtseins. Dieses Ich-Bewußtsein jedoch ist die Voraussetzung dafür, daß einer stehenbleibt, wenn die Herde davongaloppiert. Ist das Stehenbleiben dennoch einmal gelungen, wird das Ich sehr bald bemerken, daß in seinem Innern etwas zerrt und rumort: die innere Herde.

Bewußtsein und Instinkt

Wenn das Bewußtsein so sehr getrübt ist, daß die Dunkelheit mit ihren schwarzen Händen die Lichter zu löschen beginnt, springt rechtzeitig die Notbeleuchtung an: der Instinkt. Oder andersherum: Wenn das Bewußtsein bei fünfhundert Watt Leistung angelangt ist, gerät der Instinkt zur Funzel, so wie das Licht des Nachttischlämpchens von der Morgensonne zum Frühstück verspeist wird.

Doppelte Fälschung

Logik des Kopierens: Ein Mensch, der andere zu kopieren versucht, weil ihm selbst Originäres fehlt oder er solches bei sich noch nicht wahrgenommen hat, tut gut daran, menschliche Originale, besonders die mit Kopierschutz, als Fälschungen oder Reproduktionen zu betrachten, damit er nicht Gefahr läuft, sich seinen tatsächlichen Mangelzustand eingestehen zu müssen.

Diese Gefahr ist jedoch viel geringer, als man denkt. Wie ich sehe, ist ein solches Defizit recht weit verbreitet und stabil, zudem wird es durch verstärkte mediale Berieselung mit seinem Überangebot an idololatrischem Geschnatter gefördert. So kann sich ein eigenständiges Bewußtsein, selbst wenn potentiell vorhanden, kaum noch entfalten.

Geschlossene Gesellschaft

Wenn wir uns allzusehr mit unseren Meinungen identifizieren, laufen wir Gefahr, sie für Wissen zu halten. Dieses Scheinwissen lähmt uns und nimmt dem Prozeß der Meinungsbildung alle Dynamik. Wir prüfen nur noch, ob unsere Erlebnisse und Wahrnehmungen unser Wissen bestätigen, und nicht mehr, ob unser Wissen mit den neuen Erfahrungen übereinstimmt. Im ungünstigsten Fall wissen wir über das Bescheid, was geschieht, ohne unsere äußere Wahrnehmung ins Bewußtsein zu heben, ja wir können es nicht, weil uns unser Bewußtsein signalisiert, Neuaufnahmen seien nicht nötig, da alles, was an die Tür klopft, bereits bekannt und bewertet sei. Keineswegs wegen Überfüllung geschlossen, sondern geschlossene Gesellschaft.

Quantenphänomene und Bewußtsein

»Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.« Diese Maxime im Umgang der Menschen miteinander gilt nicht nur für menschliche Beziehungen, sondern gleichermaßen für die Erforschung dessen, was wir Realität nennen. Diese Realität ist keine Ansammlung von Konstanten, sondern konstituiert sich abhängig von unseren Fragen an sie. Wir müssen uns gute und richtige Fragen ausdenken, wenn wir erfahren wollen, wo wir sind. Und eines Tages werden wir vielleicht in der Lage sein, die Grundbedingungen unserer Existenz genauso zu verändern wie die Einrichtung unseres Wohnzimmers.

Dann allerdings werden wir unsre Urururururururururururururururururururenkel hoch x sein. Aber da unser Bewußtsein, wie es aussieht, unzerstörbar ist, hat es damit keine Eile.

Telepolis

Langeweile

Langeweile ist nicht, wie oft behauptet wird, ein Übersättigungs- oder Überdrußphänomen, sondern vielmehr ein Mangelzustand, denn sie ist zum größten Teil Ausdruck fehlenden Bewußtseins der Vergänglichkeit.

Konstanten der Wahrnehmung

Wir erfahren die Welt nicht nur gemäß unseren Erfahrungen und Glaubenssätzen, sondern vor allem und in erster Linie gemäß unseren angeborenen Wahrnehmungskonstanten.

Raum und Zeit sind nicht real im materiellen Sinn, sondern Ausdruck unserer apriorischen Bewußtseinsstrukturen.

Niemand hat in dieser Hinsicht eine Wahl.

Wählen können wir lediglich bei der Bewertung des Ganzen: Unsere Erfahrungen, Religion und Philosophie sind Folge unserer Sinneseindrücke und gedanklichen Ableitungen, nicht etwa umgekehrt. Sosehr wir uns das auch wünschen mögen.

Was wir ändern können, sind lediglich Bewußtseinszustände, Fokussierungen und Perspektiven. Die Grundmuster unserer Wahrnehmung, das eigentliche Bewußtsein können wir nicht ändern, es ist gewissermaßen ins Sein eingewachsen.

All unser Denken und Handeln ist Ausdruck unserer Sinneswahrnehmung, und wir können uns mit Hilfe der Phantasie unendlich viel zurechtmachen, aber eine Welt jenseits von Zeit und Raum können wir uns nicht vorstellen. Und dabei sind Zeit und Raum nichts anderes als unsere angeborene Vorstellung von der Realität. Sie kommen nicht den Dingen selbst zu.

Was wirklich „ist“, können wir nicht wahrnehmen, wir bleiben immer im Netz unserer selbstgeschaffenen Vorstellungen, Erscheinungen hängen. Bestenfalls können wir spekulieren, welche böse Spinne dieses Netz gewebt hat und ob und, wenn ja, warum sie uns darin fangen will.