Gestikulierer

Redner, die sich ihrer Sache, die sie vorzutragen haben, nicht so sicher sind, wie sie vorgeben, neigen dazu, ihrem Mundwerk allzuviel Handwerk beizugeben, und verlieren sich oft in gestischen Verzierungen, so daß man nach einer Weile geneigt ist, den akustischen Sinn abzuschalten und nur noch mit den Augen zu hören. Der Effekt ist ähnlich dem, der uns zu manch tieferer Einsicht verhilft: fernsehen ohne Ton.

Emphase

Was wäre das Leben ohne zeitweise Begeisterung, was wäre das Dasein ohne Augenblicke der Emphase! Aber mit der Emphase ist es wie mit jedem Rausch: Punktuell steigert sie das Leben, reißt uns für unvergleichliche Augenblicke aus der Öde des Alltäglichen. Wird die Emphase jedoch zur Gewohnheit, macht dies uns zu Witzfiguren, denn alle Emphase nährt sich vor allem von einem: von zerebralen Strukturen, von Gehirnzellen. In der Daueremphase gehen sie unwiederbringlich verloren.

Media in vita

Ohne dir persönlich allzusehr nahetreten zu wollen: Dir ist doch sicher bekannt, daß in deinem Studienplan im Nebenfach Geologische Anthropologie eine Exkursion in die Hölle, ersatzweise ins Purgatorium, vorgesehen ist. Und in deinem Keller liegt seit Jahren die Ausrüstung – du weißt schon: In der Ecke hinter deinem alten Kinderfahrrad, von dem du dich immer noch nicht trennen konntest, ist eine Klappe …

Du erinnerst dich nicht? Solltest du aber. Es kann jeden Tag losgehen. Dieserart Exkursionen werden kurzfristig angesetzt.

Erdmann – Szenische Monodialoge 5

ERDMANN verknittert, verläßt das Schlafzimmer, geht zum PC und startet ihn, dann begibt er sich ins Bad.

Ausgerechnet in Köln
in der Höhle
des Löwen Meisner
Protestantenaufmarsch
aber gesittet
gewissermaßen auf 
Einladung des Löwen
der nicht brüllt
sondern hinter dem
Maulkorb der 
zeitweiligen Vernunft
nur harmlos zischt
wie eine Schlange
tss tss.

Er wird sie schon noch
alle bekehren
notfalls mit der
geweihten Pranke
aber einstweilen
hat er erst mal
vorsorglich den Meßwein
weggeschlossen
und statt zum Abendmahl
zum gemeinsamen Frühstück
in der Kirche
mit symbolfreiem 
Kaffee eingeladen
und gebrauchtem
Streuselkuchen.

Von der letzten Beerdigung
sind ja noch ein paar Stücke da
die Kirchenmäuse
werden was 
andres finden müssen.

Und in den Gremien
der Ökumene wird man
mit trockenem Munde reden
über den theologischen Dissens
bezüglich der
ontologischen Differenz.

Leider kein Scherz.
Verläßt das Bad, hört ein Summen
Diese blöde Kiste.

Hat sich beim Runterfahren
gestern abend wieder aufgehängt
die ganze Nacht gelaufen
bei den Strompreisen
oder hab ich Trottel im Vorschlaf
nur wieder vergessen
das Ding auszuschalten?
Setzt sich kopfschüttelnd
an seinen Arbeitsplatz.

Schleichende Konservierung

Manchmal 
schwimmst du
zu weit hinein
ins Blaue
ins Tageswörtermeer
da wo die Wellen 
sich brechen
und die Bretter
sich drehn
doch wenn der
Wind erlahmt
schmeckst du Asche
im Mund
und die Häute sehen
die salzigen Muster
die sich in die
Poren schleichen
und du fühlst dich 
wie Hakenfleisch
bald ist es Zeit 
für die Zunge
an Land
zu gehn

Der Prozeß der Erinnerung

»Die Erinnerung ist ein unzuverlässiges Instrument«, sagt Günter Grass. »Deswegen ist die Erinnerungsarbeit ein Prozess, die (sic!) immer aufs Neue geprüft werden muss.«

Nun wurde ja genügend darüber geschrieben, daß die Grass’sche Erinnerungsarbeit besonders schleppend, geradezu schneckenhaft vor sich geht, jedenfalls dann, wenn es sich um Verstrickungen der eigenen Person handelt. Bei Verfehlungen anderer dagegen hat Grass in aller Regel traditionell weniger Hemmungen gehabt, die Moralkeule unter dem Schreibtisch vorzuholen. Aber so sind wir Menschen nun einmal: Man denke an die Sache mit dem Splitter und dem Balken aus der Bergpredigt.

Was aber muß immer wieder geprüft werden? Geprüft werden muß die eigene Erinnerung, und das ist ein immerwährender Prozeß mit hoffentlich vielen Revisionen und Wiederaufnahmeverfahren, bei dem wir zugleich Ankläger und Verteidiger sein sollten. Wer der Richter ist, wissen wir nicht so genau, aber wahrscheinlich sind auch der wir selbst: unheilige Trinität.

Und wenn der Richter ein guter Richter ist, dann wird er zu keiner Zeit abschließend urteilen, sondern uns Gelegenheit zur Bewährung geben und nie das Wort sprechen: »Eine Revision ist nicht möglich.«

Eines aber sollten wir bei dem Verfahren auf keinen Fall: Wir sollten unsere Wahrheitsfindung nicht an den Zuschauern im Gerichtssaal und den Gerichtsreportern orientieren, die bei genauerer Betrachtung allesamt eine überraschende Ähnlichkeit mit uns selbst haben.