Possessivpronomina

Menschen, deren Rede geradezu zwanghaft angereichert ist mit egozentrierten Possessivpronomina, sind nicht gerade ideale Beziehungspartner, und man sollte ihnen Gelegenheit geben, den Gebrauch dieser Pronomina auf Nomen wie zum Beispiel Einsamkeit auszudehnen. Doch das wird wahrscheinlich nichts nützen, denn sie werden dies nicht in so ausreichendem Maße als negativ empfinden, daß sie etwas an ihrem Sprachgebrauch und dem damit verbundenen Denken und Handeln ändern. Einsam sind meistens die, die wenig Sinn für solche Possessivpronomina haben.

Der letzte Mensch

Der Tag entlaubt
vom Hämmern der Maschinen
und Nächte finstern taub
im hellen Lärmen.
Der letzte Mensch jagt
gaffend nach Rosinen
und fette Füllungen
verpackt in Därmen.

Das Denken läuft
vom Band in Wortfabriken
und über alles fällt
ein dichtes Netz
aus Bildermüll
und Normmusiken
und geistchromiertem
In-Geschwätz.

Der letzte Mensch
wird blind geboren,
zum Wachsen fehlt
ihm jeder Sinn.
Das Leben brüllt
ihm in die Ohren
und seine Tage
fliehen so dahin

Sonne und Schatten

Wenn es uns in der Sonne zu warm wird, findet sich fast immer schnell ein schattiger Platz. Es gibt immer irgendwo kühlenden Schatten – und sei es in der Nacht. Der Weg vom Schatten in die Sonne aber ist weitaus schwieriger. Es gibt nicht immer wärmende Sonne.

Über Rassismus

Ein Rassist ist im tiefsten Herzen ein wissenschaftsgläubiger Mensch: Er ist überzeugt, seine Vorurteile seien nicht bedingt durch Mangel an Denkvermögen, sondern Folge der basischen Verteilung in der Desoxyribonukleinsäure. Folglich blickt er auf andere Menschen wie ein Biochemiker, der eine Sequenzanalyse vornimmt. Im Unterschied zum Rassisten kann der Biochemiker jedoch zwischen Genotyp und Phänotyp unterscheiden.

Erfahrung

In der Leichtigkeit des Seins liegt immer verborgene Schwere. Wir müssen uns dessen nur bewußt sein und sie rechtzeitig wahrnehmen, damit wir nicht von ihrem plötzlichen Durchbrechen überrascht und in eine Krise gestürzt werden. Wenn wir aber in der Krise stecken und die Schwere uns zu schaffen macht, sollten wir daran denken, daß in ihr immer auch verborgene Leichtigkeit steckt. Und manchmal genügt ein Wimpernschlag, um die Schwere zu durchbrechen und wieder zur Leichtigkeit zu gelangen. Und wenn wir dann aufpassen und die Schwere nicht vergessen, dann kann alles gelingen.

Gestörte Melancholie

Durch den wohligen
Dunst mattroter Klage
fern allem Streiten
weit weg vom Hassen
reißen sie Schneisen
ins mürbe Bewußtsein
traumschwerer Tage
unruhbewölkt und
vom Streben verlassen
reißen mit giftigen Zacken
die Stunden
künstlicher Hast und
blutarmer Worte
lebenslang unauslöschliche
Schrunden:
rissig-zerschundene
steinharte Orte

Über Selbstbewußtsein

Manche machen sich nicht auf die Suche nach sich selbst, weil sie Angst haben, nichts zu finden. Aber sie irren sich. Es ist vor allem der Mangel an Selbstbewußtsein, der das Bewußtsein des Selbst verhindert.

Der zersplitternde Trost

Wo selbst die Tauben sich im Lärm verlaufen
da wird das sanfte Wort verschluckt, bleibt stumm.
Wo Blinde kalte, kranke Augen kaufen
da werden alle tiefen Blicke krumm.

Da hilft kein Rausch, kein sinnvolles Besaufen
die Bilder kreischen, das Delirium
im Ohr das Prasseln roter Scheiterhaufen
verbrannter Hoffnungen Martyrium.

Das ist die Zeit, da sie mit Feuer taufen
und niemand fragt sich noch, warum
kein Glanz mehr auf den Sternenhaufen –
vom Trost befreites Säkulum

Plagiat 

Man erinnert sich vielleicht an die Plagiatsvorwürfe Daniel Libeskinds in Richtung Peter Eisenman, als es um die architektonische Konzeption des Berliner Holocaust-Mahnmals ging. Eisenmans Stelen hatten eine gewisse Ähnlichkeit mit denen Libeskinds, die vor dem Jüdischen Museum in der Lindenstraße zu sehen sind.

Nun ist jemand auf einen italienischen Zeichentrickfilm aus den siebziger Jahren gestoßen, in denen es eine Szene mit ganz ähnlichen psychologisch-architektonischen Stelen gibt, und es wird die Vermutung geäußert, hier könne die Quelle des möglichen Plagiatplagiats sein. Und wer weiß, vielleicht findet ein Kustos im Depot des Pergamonmuseums demnächst Fotografien einer Ausgrabungskampagne mit eng angeordneten Steinen, die an Stelen erinnern. Und dann?

Ich empfinde solche Plagiatsdebatten als oberflächlich, weil darin ein fragwürdiger Originalitätsgedanke zum Ausdruck kommt, der die ganze Moderne durchzieht.

Ist es nicht zum einen so, daß wir tagtäglich einer unglaublichen Bilderflut ausgesetzt sind, von der nur ein geringer Teil den Weg durch die Huxleysche Reduzierröhre in unser Bewußtsein findet? Und der Rest sickert in unbewußte Tiefen, aus denen jederzeit luftblasenähnlich etwas aufsteigen kann, was sich mit anderem in unserem Bewußtsein vermischt. Ist das nun etwas Eigenes oder etwas Fremdes?

Als schöpften nicht alle wirklich kreativen Menschen in erster Linie aus ihrem Unbewußten, das ja, wie wir nicht zuletzt durch C. G. Jung wissen, zum Großteil ein kollektives Unbewußtes ist. Wenn wir uns beklauen, dann beklauen wir uns nicht gegenseitig, wir beklauen uns selbst. Und das ist ja wohl nicht verboten.

Wenn ich bei jedem Satz, den ich schreibe, überlegte, ob jemand das schon mal ähnlich formuliert hat, dann käme ich wohl nicht weit.

Und wir wissen doch alle, was ein gewisser Salomon vor ein paar Jahren gesagt haben soll: «Es gibt nichts Neues unter der Sonne.» 

Für klarere Fälle gibt es das Urheberrecht und die Patentämter.

Über Denken und Meinen

Wenn eine Meinung in einem urteilsfähigen Kopf entsteht, haftet ihr eine wie auch immer geartete Plausibilität an, und die Meinung ist ernst zu nehmen. Der Grad der Plausibilität ist jedoch stets abhängig vom Grad der Durchseuchung dieser Meinung mit Vorurteilen, von denen niemand ganz frei ist. Und wer glaubt, seine Urteilsfähigkeit sei so rein wie Quellwasser, der unterliegt einem Vorurteil.

Wenn eine Meinung in einem vorurteilsfähigen Kopf entsteht, haftet ihr wenig Plausibilität an, und die Meinung ist nicht sonderlich ernst zu nehmen. Der Grad der Plausibilität ist jedoch stets abhängig vom Grad der Durchseuchung dieser Meinung mit plausiblen Urteilen, von denen niemand ganz frei ist. Und wer glaubt, die Vorurteilsfähigkeit anderer sei so rein wie Quellwasser, der unterliegt einem Vorurteil.

Wir sollten also nicht nur denken, bevor wir etwas sagen, sondern auch genau hinschauen, auf welchen Prämissen dieses Denken beruht.

Nur wer sein eigenes Denken bedenkt, kann saubere Meinungen produzieren. Das ist mit Sicherheit kein Vorurteil.

Redundanz des Nichtverzeihens

Verzeih mir, daß du mir nicht verzeihst. Und vor allem, daß ich dir verzeihe. Denn wer nicht verzeihen kann, wird sich seines Mangels erst dann richtig bewußt, wenn er auf jemanden trifft, der das kann. Daß er diesem dann wiederum nicht verzeihen kann, daß er verzeihen kann, liegt auf der Hand und ist tragisch in seiner Zirkularität. Aber es gibt nur einen Weg heraus. Verzeih mir. Verzeih dir.

Verzeihen ist etwas Wunderbares. Verzeihen befreit und öffnet Türen, Türen zu anderen, aber auch zu dir selbst.

Am Zeitrand lauert das Schweigen

Die einen sind es
die die Schrammen färben
ein wenig bunter Hautschorf.
Kein tiefer Blick
kein wahres Wort
nur Blutgerausche
Alltagsgähnen
stummes Gedröhn
in einem fort.

Und andre sind es
die uns in die
Tiefe stoßen:
vereister Blick, gefrornes Blut.
Schwarzweiß und tonlos
mancher Schrei.

Hier, dort die Schleifer
die die Seelen schleifen
mit schwarzen Diamanten
tiefe Wunden reißen.
Kein Glück, kein Trost.
Nur Barbarei

Vision

Die Fröste kreisen
kriechen in dein Glutgehirn
noch zuckt der weiße Atem
aber bald gefriert das Blut
und deine Seele bricht wie Glas
in stumpfe Messer stürzt das Herz
die Mondscheinnächte blicken leer
auf die Ruinen der Gefühle
verwehte Hülsen glücklicher Tage
flattern im Wind wie schmutzige Fahnen
und kalte Strahlen fahnden im Nichts
nach Resten wärmender Winde.
Der Oststurm ruft dich zur Ordnung.
Geh endlich fort. Hier leben
maskierte Gestalten. Hier wartet
der heimliche Tod

So ohne Sinn

So ein glutloser Tag
ohne Sonnenaugen
sinnleeres Nichts
im solarischen Sprühn
kein Lichtgefühl
am Rande der Welt
wo wolkenumwühlt
rotes Gestein lautlos
ins Dunkel stürzt
kein Tropfen Blut
nicht mal Zischen
nur Möwenschnäbel
Totentanz.

Im Dunst der
Rettungsring und
dein Gesicht mein Gesicht.

Nächtens
werde ich
atemlos morsen
Anna Anna
oder so ähnlich
wieder vergebens.
Palindrom in der
Finsternis.

Dumpfstummes Herz
will nicht verstehn

Maskensammlung

Meine Kommode im Flur hat viele Schubladen mit einer ständig wachsenden Sammlung von Masken in allen Farben.

Da ist die des verständnisvollen Liebhabers, die des liebevollen Sohnes, des Literaturkenners, des Akademikers, des Chronischkranken, des immer noch jugendlichen älteren Herrn. Daneben liegen die Masken des Philosophen (etwa zehn verschiedene), des Altachtundsechzigers, mehrere unterschiedliche Musikkenner-Masken, nach Stilen geordnet, von Heavy-Metal bis Schubert. Die Moralistenmaske, ein wenig angestaubt, findet sich neben der des Fußballfans und in einer anderen Schublade die des Lyrikers in der späten Postmoderne. Eine Esoterikermaske gibt es auch und natürlich die Vatermaske, die mir schon immer als eine der problematischsten erschienen ist. Und es gibt viele andere mehr, so viele, daß ich unlängst bei eBay nach einer passenden alten Kommode Ausschau gehalten habe.

Je nach Bedarf setze ich eine der Masken auf, wenn ich das Haus verlasse, um den Erwartungen derer gerecht zu werden, die ich zu treffen gedenke, und manchmal nehme ich ein paar weitere mit, damit ich, falls nötig, auf irgendeiner Toilette unauffällig wechseln kann: „Ich muß mich mal kurz frisch machen.“

Ehrlich gesagt: Das strengt mich ganz schön an, und von Zeit zu Zeit überlege ich mir ernsthaft, ob ich nicht besser aufhören sollte mit diesem Maskentanz und einfach nur noch ich selbst sein.

Und wenn die andern dann Probleme haben, mich in ihre Schubladen einzuordnen, dann ist das deren Problem. Ich aber bin so frei, wie jemand nur irgend sein kann. Ich denke, das werde ich tun: Ich werde mich von den Masken befreien. Der Teil meiner Persönlichkeit, der in jeder von ihnen enthalten ist, geht mir dadurch nicht verloren, im Gegenteil: Ich werde für alle als Ganzes sichtbar. Jedenfalls für die andern Maskenlosen und für die, die ihre Brillenmaske absetzen oder sich zumindest bewußt werden, daß sie eine tragen.

Nicht erschrecken, ich bin mal so frei.

Morgen

Wenn die Morgensonne
die Fenster zerbricht
ist es Zeit
die Gitterstäbe
zu putzen.

Denn am Abend
ist Hochzeit.

In den Nachbarkäfigen
schmücken sich leise
die Bräute.

Auch die Messer
sind schon gewetzt.
Blank. Kalter Stahl.
In der Ferne
krähen die Hähne

Stärke und Macht

Wer in Machtkategorien denkt, wird nie verstehen, was Stärke ist. Es sind die Schwachen, die sich nach Macht sehnen und die sie für Stärke halten, wenn sie sie besitzen. Ein starker Mensch braucht keine Macht. Macht ist ihm eher etwas Lästiges, wenn sie ihm zufällt. Allenfalls wird er sie benutzen, um sich gegen die mächtigen Schwächlinge zur Wehr zu setzen, wenn sie ihn angreifen. Und das tun sie gern, denn sie haben wie alle Kleinen ein idiosynkratisches Gespür für wirkliche Stärke, eben weil sie selbst sie nicht besitzen: das Ressentiment der Zukurzgekommenen.

Über Inkompetenz

Um nachprüfbare Aussagen über das Ausmaß der Inkompetenz in Politik und Verwaltung machen zu können, fehlt mir die statistische Kompetenz, denn ich bin bisher nicht durch die verbreitete Falsifikation statistischer Daten mittels Ausdeutung zum Kern der Statistik durchgedrungen. Der Nebel ist zu dicht und mein Interesse an mathematischen Mogeleien zu gering.

Also muß ich meine Erfahrungen zugrunde legen. Demzufolge schätze ich, daß etwa fünfzig Prozent aller Ressourcen durch Inkompetenz verlorengehen, wobei der Ausdruck »Ressourcen« sich allein auf die Zahl der Beteiligten bezieht und nicht auf deren tatsächliche Möglichkeiten, denn ein Spitzfindiger könnte sagen, daß in Wirklichkeit nichts verlorengeht, weil die Inkompetenz den Ressourcen bereits immanent ist, was hieße, daß die tatsächlichen Ressourcen sich von den theoretisch angenommenen unterscheiden, sprich fünfzig Prozent Reibungsverlust normal sind.

Ich weiß nicht, ob ich mich einem solch pessimistischen Menschenbild anschließen soll, aber der Einwand scheint mir nicht ganz unberechtigt zu sein.

Da Politik und Verwaltung aber mit einem Wirkungsgrad von über fünfzig Prozent immer noch recht gut zu funktionieren scheinen, auch wenn sie ein wenig teuer sind, bleibt genug Zeit für Kompetenzgerangel, gewissermaßen die bunteste Blüte der Inkompetenz.

Da geht es munter zu, und zuweilen hat man das Gefühl, daß Kompetenzgerangel so etwas wie das Feuilleton der Verwaltung ist – mit fließendem Übergang zum Sport, denn wenn jemand ein stabiles Seil findet, sind bald alle Beteiligten – man kann es immer wieder in den Nachrichten hören – mit kräftezehrendem Tauziehen beschäftigt. Bisweilen müssen Teilnehmer länger überlegen, wenn man sie fragt, worum es gehe, denn der sportliche Aspekt, die Möglichkeit der muskulären Selbstdarstellung, tritt häufig stark in den Vordergrund.

Was ich mich dabei frage: Welchen fünfzig Prozent muß dieses Tauziehen zugeordnet werden? Das ist keine leichte Frage, aber ich hätte sie gern beantwortet.
Deshalb habe ich sie vor einiger Zeit in den Raum gestellt, und verschiedene Wissenschaftsdisziplinen waren sofort bereit, sie interdisziplinär zu beantworten.

Und wenn sie mit dem Kompetenzgerangel darüber, wer bei der Beantwortung dieser Frage welchen Beitrag leisten kann, darf und soll, fertig sind, werde ich bestimmt eine Antwort mit vielen Fußnoten erhalten.

Doch das wird wohl noch eine Weile dauern, denn im Augenblick sind alle mit Tauziehen beschäftigt, was immerhin einen enormen Unterhaltungswert hat.

Und je länger ich dabei zusehe, um so mehr drängt sich mir der Verdacht auf, daß all die Probleme und drängenden Fragen instrumentalisiert werden. Sie sind Anlaß für die Verlagerung der Bolzplatzkindheit auf die staatlich subventionierte Bühne. Was etwas Sympathisches hätte, wenn es uns weiterbrächte. Aber vielleicht ist es einfach so, daß die Menschen nicht erwachsen werden wollen, weil es viel schöner ist, Kind zu sein. Das verstehe ich. Und bei mir ist das nicht anders. Deshalb habe ich mir bei John Glet ein Paar robuste Lederhandschuhe gekauft.

Auch ich will Spaß haben. Aber keine dermatologisch relevanten Reibungsverluste.

Tag für Tag Nacht

Schaufelschwielen keuchen Gräben
Splitterrisse hoffnungslahm.
Böse bellen Uniformen
Fusel flucht auf Abraham.

Zyanaugen löschen Flehen
Wunde Blicke blickerstickt.
Eisgelächter schneidet Leben
Peitschen knurren haßgespickt.

Angstbefeuert schmelzen Seelen
Leiber stürzen aufs Gesicht
zucken in den klammen Furchen.
Brüllend löscht der Tod das Licht.


Deutsche Meister schwitzen DAMALS
Robenrentner rheumalahm.
Mythenrauch schwült kalte Helden
Lippen zucken prahlebram

Der Tod und der Schatten

Überall, wo Lichter lohen, brennen, glühen, schimmern, huschen große oder kleine Schatten umher. Schatten sind so allgegenwärtig wie das Licht. Der Tod aber wirft keine Schatten, denn er stellt alles in den Schatten, weil er die Lichter ausbläst.

Latet anguis in herba

Eine Häufung lateinischer Zitate und Redewendungen wirkt selbst in wissenschaftlichen Abhandlungen oft verkrampft wichtigtuerisch und erzeugt bei aufmerksamen Lesern eher Abscheu als Bewunderung. Wenn aber die Texte um die Zitate herum wohlgeordnet und prägnant sind, ist man geneigt, ein Auge zuzudrücken.

Aber lateinische Redewendungen in einem Schreiben der Hausverwaltung? Da vermutet man doch sofort, daß die Hausverwalterin auf dem Flohmarkt versehentlich den Büchmann mitgenommen hat, weil die Farbe so gut zum grünen Kostüm paßt.

Und wenn es dann nur mit Mühe gelingt, den um das Zitat herumgruppierten Text in deutscher Kanzleiversuchssprache zu entziffern, dann hilft nur noch homerisches Gelächter. Aber das klingt ja nicht lateinisch, sondern griechisch. Ich werde mein Antwortschreiben mit ein paar altgriechischen Floskeln garnieren. Bin gespannt auf die Reaktion.

Wer die Sprachschleiferei nicht so gut beherrscht wie weiland Spinoza das Linsenschleifen, der sollte besser auf derlei bildungsbürgerlichen Schnickschnack verzichten, denn durch die Qualität solcher Zitateinsprengsel wird die Armseligkeit der Umgebung nur noch deutlicher.

Latet anguis in herba.

2005

Sonett 66 – Nachdichtung

 

TIRED with all these, for restful death I cry:
As to behold desert a beggar born,
And needy nothing trimmed in jollity,
And purest faith unhappily forsworn,
And gilded honor shamefully misplaced,
And maiden virtue rudely strumpeted,
And right perfection wrongfully disgraced,
And strength by limping sway disabled,
And art made tongue-tied by authority,
And folly, doctor-like, controlling skill,
And simple truth miscalled simplicity,
And captive good attending captain ill.

Tired with all these, from these would I be gone,
Save that, to die, I leave my love alone.

William Shakespeare
Sonett 66 – Nachdichtung

Dies müdgesehen, möcht im Tod ich ruhn:
Wie sich Verdienst mit Bettelgroschen quält
Und taube Nuß da stelzt in goldnen Schuhn
Und treuem Glauben wird Verrat vermählt

Und Gaunerhemd mit Kreuz am Band geschmückt
Und junge Tugend schwärzt der alte Sumpf
Und wahre Größe gilt als weltentrückt
Und Kraft erlahmt im Impotenztriumph

Und Kunstgewalt von Machtverstand entmachtet
Und edler Geist ist Spielzeug schlauer Narren
Und Wahrheit wird als Bonhomie verachtet
Und Sklavin Güte zieht der Bosheit Karren.

Von all dem müde, möcht ich heut noch fort –
Ließ ich nicht dich allein an diesem Ort.

 

Über Zynismus

Zynismus kann etwas sehr Amüsantes und Anregendes für den Betrachter haben. Vorausgesetzt, der Zyniker hat außer dem Salz auch ein wenig Selbstironie in die Suppe gestreut. Ist das nicht so, empfehle ich ein Vorgehen nach der homöopathischen Methode, in diesem Fall fremdironisches Kommentieren. Dann wird neben dem Betrachter auch der Suppenkoch angeregt. In sehr schweren Fällen kann man zusätzlich etwas Pfeffer und Salz in die zynische Suppe streuen. Das hilft in jedem Fall sofort und wirkt abführend. Aber es nimmt allen das dauerhafte Amüsement.

Liebesvorstellungen

Die Krise der dauerhaften Liebesfähigkeit hat viel damit zu tun, daß eine wachsende Zahl von Menschen ihre Vorstellungen über die Liebe zunehmend aus Groschenromanen, Szene-Psychologen-Geschwätz, Soap-Operas und Hollywoodfilmen bezieht.

Verschwendung ist Trumpf

Zeit ist Geld. Dummer Spruch von Raffern, die nicht begriffen haben, daß Geld oberhalb des Durchschnittseinkommens immer mehr seinen Wert verliert und es deshalb unsinnig ist, seine Zeit für den Gelderwerb zu opfern, statt darüber nachzudenken, wie man sich mit Geld Zeit kaufen kann.

Eines aber haben Zeit und Geld gemeinsam: Allzu viele Leute können nicht damit umgehen und verschwenden beides auf absurde Art und Weise.

Unbewußte Selbstkritik

Manche Menschen verkörpern selbst genau das, was sie so vehement kritisieren. So gehen sie naßforsch und rücksichtslos gegen vermeintlich naßforsches Verhalten und Rücksichtslosigkeit vor und merken nichts dabei, denn ihrem eigenen Verhalten gegenüber scheinen sie blind zu sein.

Und sie sind durch nichts zu bremsen in ihrer Empörung und wilden Entschlossenheit, auf sich aufmerksam zu machen, und hören nicht mal dann auf, wenn ihre Worte so gar nicht mehr klar, sondern durch ihren schaumigen Mund bereits zur Unkenntlichkeit entstellt sind und alle andern nur noch den Kopf schütteln.

Man ist dann leicht geneigt zu sagen: Der muß es nötig haben. Ja, der hat es nötig, und sein Unbewußtes versucht auf diesem ungewöhnlichen Weg der Projektion, eine Situation zu schaffen, die nach einer Weile dafür sorgen wird, daß wenigstens ein Hauch von Selbstzweifel in das empörte Gemüt einsickert, was schlußendlich vielleicht doch einmal Einsicht erzwingen könnte. Und es ist leider (?) so: Erzwingen kann man Einsicht bei sich selbst nur selber. 

Zeitlose Zeit

Wenn die Uhren
denken könnten
würden sie sprechen

Wenn die Uhren
fühlen könnten
würden sie schreien

Wenn die Uhren
denken und fühlen könnten
würden sie schweigen

Wenn die Uhren
schweigen könnten
wäre es still auf der Welt

Wenigstens für eine Weile

Der Papst stirbt

Wie Schattenlichter
das Blitzen
entfremdeter Tod.

Die Welt beugt sich
laut über
das fremde Sterben
für dich

in den zeitlosen Säulen
das kalte
Steinegestrüpp.

Die Massen
auf den Plätzen
der endlosen
Wahngewalten.

Und zum
Schluß nur
ein Name mehr
auf der Tafel
der verruchten
Stellvertretergestalten.

Eine Blume aus Stein
im Fenster
der Glockentänze.

Ein Name nur
der Vergeblichkeit.

Kein Trost
im Gewühl.

Nur gefiederte
Worte

2005

Geschenk

Im eisigen Schneestein
der zeitlichen Weiten
torkeln vermummte Gestalten
wie hungrige Raben
mit flehenden Armen
und zittrigen Händen
in Aschengewändern.
Sie rufen nach Warmem
und betteln um Gnade
zertreten die Waagen
zerreißen die Roben
zerbrechen die Tafeln
und sprechen
das Wort vor sich hin:
Kein Recht für
das Recht.
Nur gerechte
Begnadung

Manchmal

Manchmal ist die Krankheit das Medikament.

Manchmal ist Krankheit das beste Medikament gegen Krankheit.

Manchmal ist Krankheit das beste Medikament gegen falsch verstandene Gesundheit.

Manchmal ist Krankheit der Weg zur Gesundheit.

Furcht und Erleichterung

Wenn du spürst, wie die Jalousien der Verdrängung herunterrauschen, und du noch einen Zipfel des Schrecklichen siehst. Große Erleichterung, aber immer auch die Furcht, die Jalousien könnten sich beim nächsten Mal irgendwo verhaken.

Immer dasselbe

»Wartet mal ab, ich hab noch gar nicht richtig angefangen.«

Das Gefährlichste am Menschen ist sein Wille zur Macht, sein Ehrgeiz, vollständig er selbst zu werden. Oder was er dafür hält. Und am Ende liegt die ganze Welt in Trümmern. Und er steht mittendrin. Oder sitzt. Dann schüttelt er sich dreimal. Und immer wieder den Kopf, als wenn das etwas nützte. Und bald geht alles wieder von vorne los: Aufbauen, Zerstören, Kopfschütteln.

Augen und Ohren und anderes

Wer hat sich nicht schon einmal verhört oder verguckt? Klar, jeder. Aber was für die Ohren und die Augen gilt, gilt auch für unser Gefühl: Es besteht immer die Gefahr der Täuschung. So real und niemals kritisierbar Liebesgefühle auch sein mögen, sie sind nicht immer verständlich und häufig »unangemessen«, weil wir etwas in den andern hineinzuinterpretieren versuchen, was nicht vorhanden ist. Liebe macht bekanntlich schlechte Augen. Und dann, wenn wir eine Brille zur Hand nehmen, wundern wir uns über das, was wir sehen, und über uns selbst, auch wenn das an unseren Gefühlen manchmal nichts ändert.

Zukunft

Die meisten von uns neigen dazu, ihr Leben in die Zukunft zu verschieben. Bei diesem ständigen öffentlichen Nachdenken und dem Gerede über gesellschaftliche Zukunftsperspektiven und auch bei unserem inneren Palaver über unsere eigene Zukunft wird häufig das vergessen, was viel wichtiger ist: unsere Gegenwart.

Wenn wir ganz in unserer Gegenwart aufgehen und unsere Möglichkeiten heute nutzen, brauchen wir uns um die Zukunft keine Sorgen zu machen. Und uns morgen nicht damit zu quälen, was wir gestern versäumt haben.

Ausrufezeichen

Lehrer sagen und schreiben gern etwas mit Ausrufezeichen. Aber oft ist das Gesagte das Ausrufezeichen nicht wert. Wo du keine Ausrufezeichen findest, da lasse dich ruhig nieder, und suche nach den versteckten Zeichen im Text, und – noch besser – setze die Ausrufezeichen selbst, und zwar an den richtigen Stellen, wenn es solche für dich gibt: Aber darüber mußt du selbst entscheiden.

Gewissen

Es ist so, als wären wir in unserer Kindheit mit einer Art retardierendem Breitband-Antibiotikum gegen uns selbst geimpft worden, das uns einerseits unsere Wege asphaltiert und diese deshalb leichter begehbar gemacht hat, aber uns heute immer wieder behindert, weil es erdrutschartig von Zeit zu Zeit Geröll auf unserem Weg zu uns selber auftürmt. Jedes Medikament hat eben unerwünschte Nebenwirkungen.

Oder sind es erwünschte? Wir sollten darüber nachdenken, wem die Wirkungen und Nebenwirkungen nützen. Und dann die von uns nicht erwünschten Nebenwirkungen mit einer anderen Medikation bekämpfen: zum Beispiel Eigensinn.

Das Dumme ist nur, daß gewissenfernes Nachdenken schon wieder Eigensinn voraussetzt und Eigensinn meistens gewissenfernes Nachdenken: ethischer circulus vitiosus.

Wahrnehmung und Bewußtsein

Wir alle leben im Dunkeln. Das Sonnenlicht als Quelle der Offenbarung ist nichts als eine Widerspiegelung unseres Bewußtseins, gewissermaßen eine optische Täuschung. Was uns den Weg erhellt, ist einzig und allein das von den Sinnen gefütterte Bewußtsein, das sich durch die sinnliche Wahrnehmung seiner selbst bewußt wird. So was wie ein kosmischer Zerrspiegel des Überkosmischen.

Verkündigungsmenschen

Manche Menschen verkünden bei Festlichkeiten laut und gern und unter Tränen, daß sie alle lieben, und sie herzen und küssen jeden, der ihnen in den Weg kommt und sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen kann. Diese Verkündigungsmenschen sind voll der Liebe für alle. Wahrscheinlich haben solche Menschen deshalb so wenig Zeit, wenn du ihnen signalisierst, daß du sie brauchst.

Verständigungsparadoxie

Zu den tragischen Absonderlichkeiten der zwischenmenschlichen Kommunikation gehört die Tatsache, daß uns die am besten zuhören, zu denen wir nicht sprechen, und daß uns die, denen wir etwas sagen wollen, nicht zuhören.

Uhren

Bei der letzten Umstellung haben meine Uhren mir ihre Krallen gezeigt. Aber es hat ihnen nichts genützt. Sie mußten sich fügen, so wie auch ich mich fügen mußte. Aber die Hähne sind uns allen überlegen. Sie fügen sich nicht. Sie krähen weiter die richtige Zeit. Aber die Biologen arbeiten dran.

Ewiges Leben

Das Feuer lange erloschen, ausgetretene Glut
und an den Ufern warten die Gefährten noch.
Ihr Rufen klingt falsch wie Gesang.
Sieh doch, sie winken dir zu.

Doch das Rad dreht und dreht
es gibt kein Entkommen.
Halt ihn, diabolischer Strick, göttlicher Knoten fest!
Auf immer Tag, auf ewig die Sonne glüht.

Und Asche regnet aufs Haupt
die Lichter zucken im Nebel.
Der König reist durch sein kleines Reich
immer im Kreis durch sein Reich

Über Gedichtinterpretation

Wer ein Gedicht analytisch seziert und regelgeleitet interpretiert, läuft Gefahr, das Gedicht gründlich mißzuverstehen. Es ist so, als wenn man einem Lebewesen das Blut abzapfte, um es besser zu begreifen. Gedichtinterpretationen erscheinen manchmal sehr plausibel, und man kann einiges aus ihnen lernen, aber meistens mehr über das Weltbild, die Bildung und den interpretatorischen Ansatz des Rezipienten als über das Gedicht. Von den Intentionen des Dichters ganz zu schweigen.

Es gibt sogar Interpretationsverfahren, die Gedichte zerstören, weil sie die komplexen Wort-und-Sinn-Gebilde auf architektonische Phänomene reduzieren. Mit einer architektonischen Denkweise aber läßt sich ein musikalisches Phänomen nicht erfassen, nicht mal dann, wenn es so streng architektonisch daherkommt wie Bachsche Fugen.

Die Frau

Was die Frau dem Mann über ihre strukturelle Beschaffenheit mitteilt, ist gleich Null. Männer bilden sich ein, die Strukturen, die sie finden (wenn sie denn welche finden), sagten ihnen etwas über den »Bauplan« der Frau; dabei betrachten die Männer nichts weiter als die Strukturen ihres eigenen Denkens, die ihnen von ihren »Forschungsgegenständen« entgegenblinken.

Frauen sind mit Spiegeln umstellt, undurchdringlich für den Blick des Mannes. Er sieht immer nur die Reflexion seines eigenen Denkens, kann gar nichts anderes sehen. Wenn er doch nur begriffe, daß er die Oberfläche der Frau betrachtet, wenn er glaubt, in ihre Geheimnisse eingedrungen zu sein.

Umgekehrt gilt natürlich (fast) das gleiche.

Über Gefühle und Entscheidungen

Allem, was wir tun, liegt eine Entscheidung zugrunde, das zu tun, was wir tun, sei uns das nun bewußt oder nicht, sei die Entscheidung eine bewußte oder eine, die wir erst in unserem veränderten Handeln bemerken. Es ist ein Mythos, daß wir uns von unseren Gefühlen leiten lassen, denn die Gefühle entstehen erst in der Folge. Wir können uns erst in einen Menschen verlieben, wenn wir uns entschieden haben, ihn anzuschauen. Wir müssen uns immer erst entscheiden, diesem oder jenem Gefühl Raum zu geben – oder auch nicht. Das alles gilt auch für die Entscheidung, uns nicht zu entscheiden.

Von Raupen und Schmetterlingen

Die Raupe stand immer wieder vor dem Spiegel, betrachtete sich und sagte ein ums andere Mal: »Wie ein richtiger Schmetterling.«

Der Schmetterling, der noch Reste seines Kokons mit sich herumschleppte, die an ihm klebten, erkannte die versteckte Schönheit in der Raupe, die sich unterschied von allen anderen Raupen, ja Schmetterlingen, flog immer wieder um die Raupe herum und versuchte, sich bemerkbar zu machen. Aber die Raupe spielte ihre Spiele vor dem Spiegel und beachtete ihn nicht.

Schließlich faßte er sich ein Herz und sprach sie an. »Du wunderschöner Schmetterling, du bist doch auch allein wie ich, wollen wir uns zusammentun?«

Doch die Raupe sah nur kurz hoch vom Spiegel, taxierte den Schmetterling sekundenschnell und schaute dann an ihm vorbei.

»Laß mich in Ruhe, ich interessiere mich nicht für Raupen«, sagte sie unwirsch.

Bildstörung

Nichts nützt das Rütteln am Tisch,
wenn der Kopf nicht aufspringt.
Die Strahlen des Mondes rufen vergebens.
Noch zucken unruhig die Augen
hinter lähmenden Jalousien.
Geduldig harren meine Hände.

Nichts nützt das Rütteln am Kopf,
wenn das Herz nicht anspringt.
Die Strahlen der Sonne rufen vergebens

Selbstverwirklichung?

Eine besondere Art von Hilferufen ist die, die der Rufer selbst nicht bemerkt: Wer auffällig akzentuiert seine Unabhängigkeit und Selbstbestimmung betont und sich und andern mit besonderer Eindringlichkeit zu zeigen versucht, daß er ohne fremde Hilfe alles im Griff hat, zeigt damit, daß es nicht so ist und er der Hilfe bedarf. Das Fatale daran ist die Vehemenz, mit der die angebotene Hilfe zurückgewiesen wird, weil man ja ganz eigenständig selbst alles im Griff zu haben sich einredet. Wird der Hilferuf von andern gehört, werden diese als Phantasten betrachtet, und das Hilfsangebot wird ausgeschlagen, das Unabhängigkeitsgehabe verstärkt. Oft endet dies nach anfänglicher Euphorie nicht in der Selbstverwirklichung, sondern in einer heftigen Lebenskrise. In krassen Fällen manchmal dann in der Selbstzerstörung.

Gesunder Menschenverstand

Häufig ist zu lesen, wenn man sich dieses oder jenes anschauen würde, dann sei sicher, daß man den Glauben an den gesunden Menschenverstand verlöre. So schlimm? Ja, wenn ich es mir dann anschaue, kann ich die Erwartung manchmal verstehen. Manchmal aber auch nicht, und zwar deshalb, weil das Vorgeführte mir unmittelbar einleuchtet und ich keinerlei Widerspruch in meinem Verstand bemerke. Und in aller Regel kann ich mich auf meinen Verstand verlassen, das weiß ich aus Erfahrung. Auf den gesunden Menschenverstand kann ich mich jedoch nicht verlassen, und auch das weiß ich, weil ich es erfahren habe – und nicht nur ich.

An den gesunden Menschenverstand glaube ich nicht, und deshalb kann ich den Glauben an ihn, man verzeihe es mir, daß ich den Erwartungen nicht gerecht werden kann, nicht verlieren. Um den Glauben an den gesunden Menschenverstand verlieren zu können, muß man einen kranken Verstand haben, denn nur ein kranker Verstand glaubt an den gesunden Menschenverstand. Und nur wer an etwas glaubt, kann diesen Glauben verlieren. Nein?

Doch. Daraus folgt, daß es der kranke Verstand ist, der an den gesunden Menschenverstand glaubt, und der ist ihm das Maß aller Dinge, denn wenn der kranke Verstand ganz ehrlich ist, dann gibt er zu, daß er sich selbst für den gesunden Menschenverstand hält und daß er davon ausgeht, daß es andere gibt, die nicht über diese Art Verstand verfügen, wie zum Beispiel ich. Wenn er seinen Glauben an den gesunden Menschenverstand aber nun verliert, was hat er dann noch? Richtig, dann hat er was gewonnen: Verstand.

Wir

Manchmal fühle ich mich einen Wimpernschlag lang recht wohl in meiner Welt, aber nur so lange, bis mir wieder einfällt, daß meine Welt ein Teil deiner Welt ist und deine Welt ein Teil meiner, auch wenn dir das vielleicht nicht klar ist, und dann wird mir bewußt, daß ich allein bin in meiner Welt, wenn ich nicht gleichzeitig in deiner Welt bin. Und auch wenn mir deine Welt weniger gut gefällt als meine, möchte ich doch auf Dauer nicht allein sein, denn Solipsismus ist etwas für Abgestorbene, und ich fühle mich sehr lebendig. Bleibt nur die Hoffnung, daß unsere scheinbar getrennten Welten sich im Bewußtsein einander annähern und irgendwann miteinander verschmelzen, das heißt, daß wir beide erfahren, wo wir wirklich sind.

Sprachrohr

Man sollte sich beim Sprechen, besser noch vor dem Sprechen, immer wieder überlegen, ob man nicht ein Sprachrohr von jemand anderem ist, und wenn ja, von wem, denn es fördert Interessenkonflikte mit uns selbst, wenn wir uns bewußtmachen, wessen Sprachrohr wir sind. Und Interessenkonflikte mit uns selbst fördern die Klarheit des Denkens.

Das ist nicht nur ideologiekritisch gemeint, sondern ganz existentiell.

Repetitive Wahrnehmungsdiagnostik

Alles Repetitive verändert die innere Wahrnehmung, vorausgesetzt, es beinhaltet minimale Veränderungen und wird über einen längeren Zeitraum ausgedehnt. Dann entsteht in der Wahrnehmung so etwas wie die Reflexion des Raum-Zeit-Kontinuums. Man muß sich nur die Zeit nehmen und den Raum geben, die Zeit als Raumzeit wahrzunehmen, und so lange warten, bis man die Wahrnehmung nicht mehr als Wahrnehmung wahrnimmt. Und das über einen längeren Zeitraum. Man kann das auch Meditation nennen, wenn man will.

Sprachwandel

Im  aktuellen Jugendsoziolekt hat das Wort »Opfer« eine semasiologische Umdeutung erfahren, hin zum Pejorativen. Potentielle Opfer neigen dazu, das Wort Opfer zum Schimpfwort zu machen, mit denen andere potentielle Opfer bedacht werden können, um damit potentielle Täter von sich selbst abzulenken. Man muß sich dann nur noch geignete Sündenbocke suchen. Das ist ja nicht schwer. Am besten Juden, Zigeuner, Behinderte, Intellektuelle oder Migranten, wie es seit einiger Zeit so schön politisch korrekt heißt. Wobei das mit den Migranten so eine Sache ist, weil gerade bei Jugendlichen aus Migrantenfamilien dieser Gebrauch des Wortes »Opfer« sehr verbreitet zu sein scheint.

Auf Opfersuche, falls das nötig ist und für die Opferrolle nicht längst jemand ausersehen wurde, macht man sinnvollerweise ein gemeinsames Casting. Solche Allianzen von Tätern und Opfern finden sich allenthalben und haben sich in der Weltgeschichte recht gut bewährt.

Arbeitslose Aktionäre

Wenn die Arbeitslosen Aktien der Deutschen Bank kaufen würden, brauchten sie bald nicht weiter nach Arbeit zu suchen, und es gäbe demnächst noch mehr arbeitslose Aktionäre. Das würde zwar an der Arbeitslosigkeit nichts ändern, aber an der Arbeitslosenstatistik. Und das wär doch schon mal was. Andererseits: Dann würden ja viel weniger mein Blog lesen, weil sie so sehr mit den Aktienkursen beschäftigt wären. Also doch kein so guter Vorschlag. Man muß eben immer überlegen, wenn man Vorschläge macht, ob man sich damit nicht selbst schadet. Ist alles eine Interessenfrage.

Das paßt doch gar nicht hierher. Stimmt, aber die Arbeitslosen haben ja auch gar kein Geld, um Aktien zu kaufen.

Über Kritik

Harsche Kritik von einem Dummkopf ist mir lieber als das heftige Lob von einem Denkmenschen, denn bei dem man weiß nie, was dahintersteckt. Am angenehmsten ist mir eine gerechte Beurteilung, von wem auch immer. Also kritisches Lob. Das hilft mir weiter.

Verstand und Verständnis

Verständnis kommt nur sprachlich von Verstand. Wirklich tiefes Verständnis aber kann der Verstand nicht generieren. Verständnis kommt aus dem Herzen. Ein Gefühl.

Wie destilliert man Blut?

Wie bekommt man das fremde Leben aus dem eigenen, wenn man dieses fremde Leben als das eigene fühlt und begreift? Ich glaube nicht, daß eine Bluttransfusion dauerhaft helfen kann, da sie ja leider bei vielen Krankheiten nur vorübergehend für Besserung sorgt. Besser wäre wohl Destillation. Aber wie destilliert man Blut?

Klarheit

Klarheit ist eine gute Voraussetzung für alle Lebensbereiche. Aber nichts ist so hinderlich bei der Gestaltung wie ein zu klar ausgeprägter Gestaltungswille. Wer sich selber zu sehr zwingt, verschmachtet irgendwann im eigenen Kerker. Wenn niemand nach ihm schaut.

Mitmenschen und Nachbarn

Wenn wir keine nachbarlichen Mitmenschen hätten, könnten wir freier atmen, aber wir dürften uns keinen Schnupfen einfangen, weil wir ohne Nachbarn nach einer Weile nicht mehr wüßten, wie wir den Mund aufbekommen sollen.

Apodiktisch

In der geistigen Auseinandersetzung gibt es nichts essentiell Apodiktisches. Niemand ist so mächtig, daß er ungerügt apodiktisch auftreten könnte, denn die Grundlage jeder Meinungsäußerung ist das Argument. Und das Argument ist nur dann ein Argument, wenn es falsifizierbar ist. Kugelsichere Argumente gibt es nicht.

Deshalb ist jede Aussage, die wir machen und implizit oder explizit argumentativ unterfüttern, letztlich nichts weiter als eine mehr oder weniger plausible Hypothese, darauf wartend, daß ein Kritiker mit einem Argumentationsgewehr daherkommt und unsere Argumentation in Stücke schießt oder einer mit einem Lappen die Schminke abwischt, wenn unsere Argumente zu dünn sind.

Aber nun dem Argumentierenden apodiktisches Verhalten vorzuwerfen, weil man gerade kein Gewehr oder keinen Lappen zur Hand hat, das ist doch ein wenig zu dürftig und reicht nicht zur Falsifizierung einer Argumentation aus.

Wer selber kraftvoll und stringent argumentiert, braucht keine Angst zu haben vor apodiktisch auftretenden Geistesgrößen, denn diese Großen erscheinen uns oftmals nur deshalb groß, weil sie so viele Zwerge um sich herum versammeln, die selber nicht die Kraft zum Denken haben und sich demzufolge an den vermeintlichen Denkriesen anhängen, um selbst größer zu erscheinen.

Entscheidend ist die Qualität der Argumentation. Und wenn unsere Argumente den anderen nicht standhalten, dann sollten wir uns nicht ärgern, sondern freuen, denn wir haben wieder was dazugelernt.

Wir können aber auch anfangen, zu spucken und zu treten, wie das so häufig geschieht. Aber dann dürfen wir uns nicht wundern, daß uns das nicht weiterbringt im Denken, denn wenn der Kopf mit Spucken beschäftigt ist und die Füße mit Treten, haben wir keine Gelegenheit, uns hinzusetzen und nachzudenken.

Aber manchmal ist uns eben mehr nach Spucken und Treten, das kennt ja jeder. Nur, was bringt uns das? Am Ende doch nur Beschämung. Und sei es vor uns selbst.

Phänomenologie der inneren Dummheitsentstehung

Dumme Menschen sind nicht deshalb dumm, weil sie keine Gedanken haben oder falsche oder verdorbene, verfaulte. Dumme Menschen sind dumm, weil sie sich selbst nicht richtig oder gar nicht zuhören, sondern lieber anderen, die auch nicht wirklich dumm sind, aber Dummheiten erzählen, weil sie sich selbst nicht richtig zuhören. Vice versa. Deshalb fühlen sich Dummköpfe zu Dummköpfen hingezogen.

Ohrenärzte sind hier in jedem Fall machtlos.

Wer gegen dieses Phänomen der Verblödung ein Heilmittel fände, der würde reich und berühmt und mehr.

Verhandlung

Das Falsche ist richtig, wenn das Richtige falsch ist. Aber nur dann. Die einzige Instanz, die beides auseinanderhalten kann, ist dein Urteilsvermögen. Aber wenn dein Urteilsvermögen auf falschen Prämissen beruht, dann ist das Falsche nicht richtig und das Richtige nicht falsch. Das solltest du bedenken, bevor du ein endgültiges Urteil fällst. Vor allem dann, wenn es so ist, daß eine Revision nicht zugelassen wird. Von der höheren Instanz. Und es gibt immer eine höhere Instanz – und sei es in deinem eigenen Bewußtsein, vor dir selbst verborgen. Sei es Gott oder das Schicksal. Aber das ist ja so ziemlich dasselbe. Also sei ein wenig vorsichtiger bei den internen Gerichtsverhandlungen. Aber wem sage ich das. Selbst Gott ist unvorsichtig. Oder sich seines eigenen Bewußtseins nicht bewußt. Und wenn er sich seines Bewußtseins bewußt wäre? Dann brauchte er uns nicht.

Ein Tag wie jeder andere

Es sind die Nägel
die den Leib der Liebe zieren
es ist das Blut
das sie vom Rost befreit
und nicht nur sie.

Es sind die Wunden
die den Nordwind spüren
es ist der Tag
der kranke Seelen heilt
und nicht nur sie.

Es sind die Lahmen
die zum Hügel starren
mit toten Augen
grauer Wut.

Kein warmes Herz
das nicht zu Salz
gefriert

Falsche Brennweite

Was kann man schon sehn
wenn Blicke nur Haut berührn
wie eine Leinwand

auf der Vergangenes webt
die Flut gekrümmter Bilder

mit trockenem Blick
in dem Vergangenes lebt
wie Würmer im Sarg

kann man irgendwas sehen
wenn man die Blicke nur denkt

kann man irgendwas sehen
wenn man nur Häute erblickt?

Verstummen

Ich wasche magre Wörter
im Speichel müder Tage
sie bröckeln manchmal
brechen durch
im Mund wie alte Honigwaben
und ich verschluck
mich dran und spuck sie
aus wie Rotz.

Und dann ist
Ruh.
Die Vögelein schweigen im Walde.
Und nur ein Baum
knarrt leis im Wind
ein Wort.

Die Steine schweigen
und alle Sterne knien nieder.
Ohnmacht beginnt.
Die Nacht geht
nicht mehr
fort

Der rote Vogel

Er hatte nie sonderlich auf sein Gefieder geachtet, mehr auf das Gefieder der anderen Vögel um ihn herum. Jetzt war er verletzt, denn ein Pfeil hatte ihn getroffen. Er zog den Pfeil heraus, und nach einer Weile heftigen Blutens schloß sich die Wunde und verkrustete. Der Vogel wartete noch ein wenig, und dann ging er zum Wasser, um das Blut abzuwaschen. Er wusch und wusch, aber die Flügel wollten nicht weiß werden wie die der anderen. Da begriff der rote Vogel langsam, daß er ein roter Vogel war, und er begriff auch, warum die anderen Vögel ihn oft so merkwürdig distanziert beäugt hatten. Als er wieder fliegen konnte, verabschiedete er sich von den weißen Vögeln und flog davon, um nach anderen roten Vögeln zu suchen, flog davon mit seiner heilenden, heilsamen Wunde.

Anregung

»Die Krise der Lyrik hängt auch damit zusammen, daß man sie nicht verfilmen kann«, sagt Peter Rühmkorf. Das klingt erst mal plausibel, aber bei genauerer Betrachtung umschwirren immer mehr Fragezeichen den kriselnden Lyrikkopf.

Abgesehen davon, daß Lyrik schon immer in der Krise ist, weil sie, wenn sie gut ist, existentielle Krisen dokumentiert (wer will das schon so genau ungenau wissen) und mit ihren Mitteln zwar nicht löst, aber doch mildert, ist es nicht in Wahrheit so, daß die Leser in einer Krise sind, weil sie sich durch medial vermittelte, leicht zugängliche, leicht zu konsumierende Literaturfilmkost nicht nur aus Hollywood zu Fastfood-Bildessern entwickelt haben?

Wer sagt denn, daß man Lyrik nicht verfilmen kann? Kann man das wirklich nicht? Ich kann mir gut vorstellen, zwischen all den karibischen Trinkgenüssen
und anderen lifestyleprägenden Bildzaubereien vor dem Hauptfilm im Kino ein visualisiertes Gedicht zu sehen, vielleicht gar als verstörendes oder einfühlsames Entree zum Spielfilm. Wie wäre es? Warum nicht mal was Neues im Kino?

Alle Kreter lügen

Eine wunderbare Basis – und vielleicht die fruchtbarste – für ein Gespräch ist die gemeinsame Hypothese, daß es so etwas wie objektive Wahrheit nicht gibt, nicht zuletzt untermauert von Nietzsches mehr oder weniger überzeugendem Relativismus und allerlei physikalischen Forschungsergebnissen, daß aber auch das eben nur Hypothese, nur Meinung ist und nicht objektive Wahrheit. Wenn jemand behauptet, es sei objektive Wahrheit, daß es objektive Wahrheit nicht gebe, ist das zumindest theoretisch genauso abenteuerlich wie die Feststellung, es könne eine objektive Wahrheit jenseits der subjektiven geben. Warum fällt mir da jetzt wohl der Kreter ein, der sagt: Alle Kreter lügen?

Die eigene Meinung

Daß so viele Menschen aber auch so wenig Zutrauen zu der eigenen Meinung haben – kaum widerspricht man ihnen höflich und vorsichtig und erklärt, warum, da schreien sie gleich Zeter und Mordio und behaupten, man wolle ihnen etwas einreden und die eigene Weltanschauung als objektive Wahrheit deklarieren. Lustig ist das vor allem dann, wenn man versucht, andere, die ihre subjektive Wahrheit als objektive setzen und das nicht bemerken, auf diesen Umstand hinzuweisen. Dabei ist Kritik doch nur Anregung zum Denken. Na ja, eben. Kein Schmiermittel zur Vorurteilspflege. Aber das bekommen sie doch zuhauf, wenn sie mit Gleichgesinnten reden. Wieso nur erwarten sie das von mir? Harmoniebedürfnis in Ehren, aber wenn ich nur mit Gleichgesinnten spräche, würde ich noch kleinere Gedankenkrümel produzieren.

Warum, weshalb, wieso?

Schon wieder Schatten, Tod und trübe Tage
Vergänglichkeit und all die dunklen Farben
das Sein, das Nichts, die alte Sinnsuchfrage
und grelles Licht auf die verhüllten Narben.

Weshalb bist du so negativ, so bitter
wieso nicht Frühlingsglück nach schweren Stürmen
warum nicht Sonnenschein nach dem Gewitter
erfüllte Hoffnung unter Kirchentürmen?

Die Welt ist voll von Illusionsmaschinen
die gute Laune spritzt aus blinden Drüsen
der warme Saft rinnt aus den Witzlatrinen
und Zuversicht aus falschen Analysen.

Was tut da schon ein Dorn, ein kleiner Splitter
erzeugt im Schädel mattes Wetterleuchten
im trüben Auge neben all dem Flitter
ein Hauch im Sentiment der Tränenfeuchten.

Warum nicht negativ, weshalb nicht bitter
wieso nicht schwarze Nacht mit roten Stürmen
Verzweiflungsschreie nach dem Blutgewitter
verrauchte Hoffnung unter alten Türmen?

Fragt etwa jemand den Komödienschreiber
Warum sind deine Stücke leicht und heiter
weshalb nicht öfter aufgespießte Leiber
wieso nicht eimerweise Kot und Eiter?

Noch mal über Geschwafel

Naturgemäß bin ich nicht gegen amüsantes und geistreiches oder zumindest sophistisches Geschwafel … aber das Lächerlichste ist doch der Bierernst, der im Geschwafelgewand daherkommt, sozusagen Karneval der Paragraphenjongleure. Und oft haben sie so viel Poesielikör getrunken, daß sie selbst nicht mehr mitbekommen, wie weit sie sich von zu Hause entfernt haben, ohne die Tür zu öffnen.

Erfrischend undemokratisch

Das Erfrischende an so einem Weblog ist, daß so leicht kein nach Quisquilien und Zwiebeln riechender Professor dahergerudert kommt und in rügendem Tonfall meint, diese Schreibe sei zu feuilletonistisch – und überhaupt … übertriebene Analogien, zu metaphorisch … blabla. Aber was nicht ist, kann ja noch kommen. Demnächst werden vielleicht auch bloggende Profs auf der Bildfläche erscheinen und, wenn es nicht unter ihrer Würde ist, die Kommentarfunktion nutzen. Nützt denen aber nichts. Hier haben sie nicht das letzte Wort, und es gibt keine Zensuren, die über irgendwas entscheiden. Im Notfall, wenn sie mal recht haben sollten (kann ja vorkommen), gibt’s dann immer noch die Löschfunktion.

Hegel und ich

Will man sich an seinem Geschwafel berauschen und andere beeindrucken, dann suche man sich möglichst polyvalente Äquivokationen als Gegenstand aus, nehme passende und unpassende Wörter, gut gemischt, eine möglichst komplizierte grammatikalische Struktur bildend, und werfe sie, die Regeln der formalen Logik beachtend, in den Raum. Allüberall offener Mund. Und am Ende kriegt man ihn vor Staunen selbst nicht mehr zu. Im günstigsten Fall aber ist das Überraschung über die eigene Verführbarkeit.

Der Fremde

Er ist verschlungen in den Strom der Zeiten
in Finsternis gehüllt im bunten Bilderbruch
und keine Zeichen, die ihn hingeleiten
ins Licht, in frische Luft, befreit vom Brandgeruch.

Und an den Rändern seiner Nachtgesichter
versinkt der Sinn, gerinnt zu bröckligem Gestein
in ihm die Worte seiner toten Dichter
Kultur, ein unverbindliches Beisammensein.

Im späten Licht verdichtet sich Geschichte:
Jahrtausend und Jahrzehnt: nur Abel – Kain
auf ihren Schultern ruhen blutige Gewichte
ererbter Wahn, beleuchtet, blind vom Feuerschein.

Ein Hexentanz im Staub der Folianten,
ein Lufthauch kaum im Kerker der verglühten Zeit
kein Testament der im Gewühl Verbrannten
nur Mummenschanz, die Larven der Vergangenheit.

Über Paradigmenwechsel

Die postmodern-strukturalistische Dekonstruktion scheitert daran oder ist sogar dauerhaft daran gescheitert, daß sie so gar nichts Konstruktives hervorgebracht hat, wodurch deutlich wurde, daß die Dekonstruktion alles andere als eine erhellende Form der Rekonstruktion ist und deshalb nicht nur wissenschaftstheoretisch kontraproduktiv. Wenn Dekonstruktion zur Destruktion wird, kann man auch gleich einen Pflasterstein ins Fenster werfen. Aber den Versuch der Dekonstruktion aufgeben heißt nicht, daß wir demnächst alle Plattdeutsch lernen müssen.

Maßlosigkeit

Mit Maßlosigkeit erweckt man den Eindruck der Größe, aber nicht die Größe selbst. Deshalb ist Maßlosigkeit eher etwas für die Kleinen, die Großen haben die Größe als Maß. Von Bescheidenheit keine Rede. Gewissermaßen maßvoll unbescheiden.

Im Versteck

Da ist kein Lärm
wo Wunden tropfen
und wer nicht hören will
sieht keine Träne.

Man stirbt nicht dran
so leicht fließt keiner aus
und wer in Fernen blickt
fühlt nicht mal Schmerz.

Nur manchmal wird er wach
wenn ihn im Dunkeln Blicke streifen
dann spürt er
auf der Brust den Schutt
verglühter Tage
und plötzlich
zittert seine Hand
und tastet
nach dem Riegel.

Und morgens wäscht er Rost
von seinen Fingern.

Mit Seife spart er nicht

Tiefe

Die Tiefe der Sprache erkennen wir, wenn wir täglich leidenschaftslos durch ihre Untiefen waten und uns urplötzlich der Boden unter den Füßen weggerissen wird. Wir müssen auch mal Wasser schlucken, um das Atmen zu schätzen.

Ich-Spielerei

Wir können nur dann wirklich unabhängig werden, wenn wir wissen, wie abhängig wir sind. Unabhängig ist, wer sich eingesteht, wie abhängig er ist, und das akzeptiert. Das ist wahre Souveränität. Alles andere ist Ich-Spielerei und häufig nichts weiter als ein Versuch, Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren.

Tagtraum

Die ätzenden Chiffren
im Nacken der Zeit
die nüchternen Stiefel
besudeln mechanisch
das schlohweiße Kleid.

Die Ruhe ist tückisch
ein wandloser Bau
mit zittrigen Säulen
umflattert von Eulen
verwittert im Tau.

Und Narben mit Körpern
aus Blut und Zement
die emsigen Krüppel
verbrennen marschierend
ihr Testament

Gesunder Optimismus

Tag spielt das Licht deiner Nacht
trübe Laterne übt Sonne
Nagg und Nell: längst totgelacht
Würmerwitz in der Tonne.

Trotzig kleben verblichene Fahnen
wie Löschpapier an den Masten
das Wetterglühn der Nervenbahnen
die Chiffrensprache der Phantasten

Gelassenheit

Niemand wächst so rapide wie ein scheinbar kleiner Mensch, der plötzlich begreift, wie groß er ist, und niemand schrumpft so schnell wie ein virtuell großer Mensch, der plötzlich mit seiner Winzigkeit konfrontiert wird. Es bedarf nur einer einzigen tiefen Erschütterung. Und manche Menschen oszillieren im Takt der Erschütterungen zwischen groß und klein hin und her. Erst wenn sie begreifen, daß Größe und Winzigkeit relative Bezeichnungen sind, können sie sich richtig einschätzen und zu größerer Gelassenheit gelangen.

Wenn nicht

Wenn nicht dein Atem
manchmal stockt und stottert
wenn nicht dein Puls ein wenig unruhig ist
wenn nicht die Farbe etwas bunter
und deine Nächte etwas kürzer sind

wenn nicht die Wege sich verändern
und die Gewohnheit dich vergißt
Wenn du nicht alles neu betrachtest
und spürst das wahre Eigentlich.

Wenn nicht dein ganzes Leben manchmal
wankt und wackelt

… ist es nichts

Über Fehler

Niemand wird dadurch kleiner, daß er große Fehler macht. Kleiner wird er, wenn er diese Fehler übersieht oder sie ignoriert, denn mit der Zeit wird er durch die Last der Folgen komprimiert. Für die kleinen Fehler gilt dasselbe. Jeder wird dadurch größer, daß er große und kleine Fehler macht, wenn er diese Fehler sieht und sie nicht ignoriert, denn mit der Zeit wird er durch die Fähigkeit zur Selbstkritik wachsen.

Liebe und Schmerz

Wenn wir lernen, uns selbst nicht zu verlassen, können wir nicht verlassen werden, aber wenn wir uns selbst nicht verlassen, können wir niemals bei einem anderen ankommen. Das ist die Schwierigkeit der wirklichen Liebe, und ich fürchte, eine unlösbare. Wir können nur versuchen, den Schmerz als Teil des Wunderbaren zu akzeptieren.

Liebe und Verliebtheit

Viele Menschen neigen dazu, ihre Verliebtheit als Liebe zu einem anderen Menschen mißzuverstehen. Dabei ist diese Verliebtheit meistens doch nur Freude über ihre eigene Fähigkeit, Gefühle zu entfalten und in sich wahrzunehmen. Wenn das überhaupt etwas mit Liebe zu tun hat, dann mit Eigenliebe. Der andere wird als Spiegel oder als Projektionsfläche benutzt und ist damit nur Objekt der Eigenliebe. Im günstigen Fall entsteht aus diesem Erkennen und Widerspiegeln im anderen Liebe, nämlich dann, wenn der andere hinter dem Spiegel als Subjekt bemerkt wird. Aber das ist nicht gerade häufig. Und deshalb ist Liebe, losgelöst von egoistischen Erwartungen, selten. Und es dauert, bis sie sich zeigt. Aber je heftiger das Strohfeuer der Verliebtheit, um so wahrscheinlicher ist es, daß auch die Wurzeln der Liebe Schaden nehmen. Oder nicht wahrgenommen werden, weil Verliebtheit mit Liebe verwechselt wird. Und das Zündeln zur Gewohnheit geworden ist.

Selbstdarstellung

Es gibt mindestens zwei unterschiedliche Intentionen für Selbstdarstellung: Eitelkeit und das Bedürfnis, anderen mitzuteilen, wer man ist, wie man ist, was man ist, damit sie das bei ihrem Denken und Handeln berücksichtigen. Wenn sich der Selbstdarstellungstrieb jedoch nur auf das Denken der andern richtet, ist er tatsächlich durch Eitelkeit motiviert.