Erdmann – Szenische Monodialoge 1

ERDMANN, verschwitzt, verläßt das Schlafzimmer, geht zum PC und startet ihn, dann begibt er sich ins Bad.

Diese Hitze. Langsam wird
die Hölle zur Hölle.
Ich dachte immer, die Hölle
wäre nur eine Idee
eine katholische.
Erdmann pult sich im Ohr.
Wenn es bloß kühler wäre!
Aber lieber nichts wünschen
das fördert nur den Extremismus.
Am Ende wäre in den Ohren
kein Schmalz, sondern Schnee.
Und Mittelohrentzündung.
Lieber nichts wünschen.
Haben nicht viele sogar
Eis in den Ohren?
Sinnbeschränkt.
Die Welt als Wille und
reduzierte Vorstellung.
Manchmal reicht auch
Teleshoppen und Schopenhauer
mit Ohrenklappen.
Beneidenswert.
Verläßt das Bad, hört ein Summen
Diese blöde Kiste.
Hat sich beim Runterfahren
gestern abend wieder aufgehängt
die ganze Nacht gelaufen
bei der Hitze
oder hab ich Trottel im Vorschlaf
nur wieder vergessen
das Ding auszuschalten?
Setzt sich kopfschüttelnd
an seinen Arbeitsplatz.

Barton Fink

Ein Tag ein Leben
lang frischer Fisch
und donnernder Applaus
doch der Weg führt fort
führt hinaus zu
fetten Fimgesichtern
kotzenden Träumedichtern
Genies mit Flachmann
die Geschichte schreibt
das Leben
auch wenn das Leben
die Geschichte schreibt
ein Tag ein Leben lang
auf schuhbesäten Fluren
wenn der Versicherungsvertreter
Geschichten erzählen könnte
vom Seelenfrieden
und selbst die Tapeten
weinend die Wand verlassen
wenn man sie läßt.

Wo das verzweifelte Lachen
überspringt wie die
gelynchte Mücke
ein Gruß von David
gesättigte Enttäuschung
vor hungrigem Papier
und immer der Blick
auf die Schöne am Meer
und gerötete Laken
wo sie blutig nicht
mehr erwachte
die Aufopferungsvolle.
War sie nicht wild
auf deinen Mördermund
Mundt?

So wie Judas
der Fußküsserkomödiant
nicht wild war
auf eine Geschichte
mit Barton-Fink-Gefühl
als könne man das kaufen
immer und überall
wie Mundtsche Flammen
rauchlos kühl
papierentsprungen
wie die Schöne
am Meer

ein Leben einen Tag lang
der Fisch das Meer
die Frau
melusinengleich
und die Frage
was ist in dem Karton
in den ein Leben
paßt?

Der neue Duden

Heute erscheint der neue Duden, und damit ist die nächste Stufe dieser unseligen, unsinnigen Rechtschreibreform in Zement gegossen. Die Treppe sollte ursprünglich in die lichten Räume einer erleichterten Rechtschreibung führen, aber daraus wurde nichts. Die Treppe führt ins Leere, und die obersten Stufen sind bereits verstaubt, und auf ihnen liegt der verharschte Schnee von gestern. Eine grausige Mischung.

Die jetzige Treppe, von der der neue Duden eine Stufe ist, führt uns auf Umwegen langsam dorthin zurück, wo wir hergekommen sind. Und es wird nicht die letzte Stufe sein.

Dort, wo wir jetzt stehen, herrscht allgemeine Verunsicherung. Wenn selbst ausgewiesene Experten, wie unlängst Theodor Ickler, beim Wahrig, dem Konkurrenzprodukt der Mannheimer Wörterschinder, nicht zwischen »Druckfehlern« und systematischen Lapsus calami unterscheiden können, nur weil sie im Doppelpack auftreten, wer soll dann noch wissen, wie man richtig reformiert schreibt?

Den neuen Duden werden – und man muß kein anerkannter Prophet sein, um dies zu prognostizieren – neben vielen systematischen Fehlern auch »Druckfehler« zieren. Und deshalb wird auch er nicht das sein, was Schüler und Lehrer und »Innen« brauchen.

Wohl dem, der es sich wie ich leisten konnte und kann, wenigstens privat auf diesen ganzen Blödsinn zu verzichten und einfach nur traditionell richtig zu schreiben.

Aber das kann sich doch jeder leisten, der es kann. Oder?

2006