Erdmann – Szenische Monodialoge 8

ERDMANN verknittert, verläßt das Schlafzimmer, geht zum PC und startet ihn, dann begibt er sich ins Bad.

Schon erstaunlich
findest du nicht auch
mein lieber Spiegel
genau wie du
noch nicht richtig wach
aber schon ein freundlicher
Gesichtsausdruck
na ja unlängst
erst blankgewienert
mußt dich erkenntlich zeigen.

Apropos freundlicher Gesichtsausdruck
gestern hab ich aus aktuellem Anlaß
ich bin ja von Geburt katholisch, r.k.
den Herrn Mixa bildgegoogelt
herrje o Herr
Ritter im Kreuzzugsritterorden
selbst sein seltenes gequältes
Lächeln hat noch etwas Bedrohliches
ansonsten bis in die Mundwinkel
tiefempfundene Härte.
Schlägt so einer Kinder
wie jetzt Irregeleitete behaupten?
Man weiß es nicht.
Aber glaubt es gern.

Es könnte sein
müßte man ihm zugute halten
wenn die Vorwürfe nicht
gerichtlich verboten werden
was die Kirche angedroht hat
einmal Schläge immer Schläge
es könnte sein
daß in den Kindern
die geschlagen worden sein sollen
oder wollen
nicht nur der Satan
nein, auch der
Geist der Achtundsechziger
gefährlich aufblitzte
und deshalb  – präventive
schwarze Pädagogik
ist Putativnotwehr –
bekämpft werden sollte
und mußte
jener Geist, der dafür
verantwortlich ist
daß unschuldige Kirchenleute
die Macht über ihre
gebetgewöhnten Hände
verloren und bekümmert
zusehen mußten
wie ihre Finger
unter die Soutanen
und in die Wolle der
Schäfchen wanderten.

Nichts zum Lachen
nicht mal zum Lächeln.

Mathias Richling
kann sich die Parodie sparen
das Original ist
unübertrefflich.*

„War einmal ein Bumerang  …“

Verläßt das Bad, hört ein Summen
Diese blöde Kiste.
Hat sich beim Runterfahren
gestern abend wieder aufgehängt
die ganze Nacht gelaufen
bei den Strompreisen
oder hab ich Trottel im Vorschlaf
nur wieder vergessen
das Ding auszuschalten?
Setzt sich kopfschüttelnd
an seinen Arbeitsplatz.

2010

Die Phantasie von der „Mitte“

Wenn der Generalsekretär der CDU sich „große Sorgen um die SPD“ macht und befürchtet, daß sie sich von ihrer Wählerbasis entfernt, dann weiß man, der Wahlkampf hat begonnen. Demnächst mutiert das dann, nach dem Vorbild Trumps (linksradikale Demokraten“) wie in den USA zum Schüren von absurden Ängsten vor dem „Kommunismus“. Etwa so: „Alle Wege der SPD führen nach Pjöngjang.“ Nicht mehr wie früher nach Moskau.

„… nicht mehr in der Mitte“

Metareflexion

Man hört bisweilen, die Beachtung von Grammatik und Orthographie begrenze die Ausdrucksmöglichkeiten. Diese These, die gern die Lyrik ins Feld führt, ist jedoch durch nichts belegt und, wie ich denke, Ausdruck des Wunsches, die eigene Lernunwilligkeit und daraus resultierende Schwächen zu kaschieren. Weil man es zu mühsam findet, sich mit Regeln vertraut zu machen, stellt man diese in Frage. Doch wer überzeugend und erfolgreich gegen Regeln opponieren will, muß sie erst einmal lernen. Unvollständige Sätze in Gedichten, wie etwa eine Ellipse, verstoßen in keiner Weise gegen die Rechtschreibung, sondern sind ein Wesensmerkmal moderner Dichtung. Überdies wird kein halbwegs vernünftiger Mensch Wert darauf legen, in der Lyrik die konventionelle Interpunktion und dergleichen beachtet zu sehen.

Grundsätzlich jedoch fördert nach meiner Erfahrung die umfassende Kenntnis und Anwendung der grammatikalischen und orthographischen Regeln ebenso die Klarheit des eigenen Denkens, wie sie zum tieferen Verständnis dessen beiträgt, was ein anderer zu sagen hat.

Ein Gedanke ist so etwas wie ein Tautropfen, und wer sich Gedanken macht über die graphische Repräsentation seiner Gedanken, also die Grammatik und die Regeln der Orthographie in seine Überlegungen einbezieht, tritt ein in die Metareflexion. Dadurch, daß man das, was man denkt, nicht einfach kompromißlos raushaut, sondern in eine den Regeln der Sprache gemäße Form bringt, wird so mancher Gedanke klarer. Was einer tatsächlich denkt, wird erst sichtbar, wenn der Morgennebel sich gelichtet hat. Der Tautropfen beginnt zu schillern.  

Stilisierung

Es ist völlig unsinnig, einem Künstler vorzuwerfen, durch seine Stilisierung der Realität reduziere er sie und verwandle sie willkürlich in abstrakte Unerkennbarkeit. Ist doch jede Wahrnehmung von Objekten ein automatisierter Prozeß reduzierter und selektiver Aneignung. Der Künstler tut nichts anderes, als auch diesen Prozeß wahrzunehmen und ihn für kurze Zeit zu individualisieren. Wer glaubt, Realität sei etwas, was unabhängig von Wahrnehmung existiere, macht Realität zu einem bildgebenden Automaten. Die wahre Reduktion ist die, bei der das Bild bereits im Kopf ist, bevor man es sieht.       

Urknällchen light

In Genf wird seit gestern wieder scharf geschossen. Das Experiment sei aber noch weit davon entfernt, die Bedingungen zur Zeit des Urknalls nachzustellen, sagte CERN-Generaldirektor Rolf-Dieter Heuer. Man darf vermuten, daß er weiß, was er sagt. Journalisten wissen es besser: „Heute wird der Urknall simuliert“ („BZ“), „Urknall im Labor“ („Welt“), „Dem Urknall ganz nah“ („FAZ“), „CERN simuliert Urknall“ („Chip online“), Forscher simulieren erfolgreich Urknall“ (MDR) und so weiter und so fort. Journalismus light.

2010