Ordnung

Es gibt viele Menschen, die den größten Teil des Tages damit beschäftigt sind, dafür zu sorgen, daß »alles seine Ordnung« hat, es jedoch völlig abwegig finden, auch nur einen winzigen Teil dieses Tages über Sinn und Charakter dieser Ordnung nachzudenken. Auch ich bin nicht ganz frei von dieser schlechten Angewohnheit, wenngleich bei meinen Bestrebungen die Ordnung der sprachlichen Zeichen im Vordergrund steht.

Rauchverzicht

Wer mit dem Rauchen aufhören möchte, sollte wissen, was die schwierigste Hürde ist, die er überwinden muß: Es ist der Glaube, der Glaube an das Gerede der guten Ratgeber, die behaupten, es sei schwierig, mit dem Rauchen aufzuhören, und erfordere enorme Willenskraft. So schlecht beraten, wird unser armer Raucher, der so gern Nichtraucher wäre, jedoch um seinen breiigen Willen weiß, verzagt schauen und geneigt sein, die Flinte, die er sicher bald ins Korn wird werfen müssen, gar nicht erst in die Hand zu nehmen. Dabei ist nichts leichter, als mit dem Rauchen aufzuhören. Es reicht vollkommen, zu glauben, daß Rauchen doof ist, und sich Tag für Tag mehr darüber zu freuen, daß man es nicht mehr muß.  

Zitieren

Wenn ich aus eigenen Mitteln, also mit einem Griff in die Werkzeugkiste, nicht in der Lage bin, etwas auf anschauliche, originelle oder auch nur gedanklich präzise Art und Weise darzulegen, und mich deshalb bemüßigt sehe, mit Hilfe eines Zitats ins geistige Geschehen einzugreifen – also ungefragt fremde Autorität in Frondienst zu nehmen –, dann halte ich lieber den Mund. Leider ist eine solche Haltung weniger verbreitet als Wölfe in deutschen Wäldern.

Divina providentia

Beinahe jeder einfach gestrickte Anwärter auf den Schwachsinnigenorden, der in größeren Dimensionen zu denken versucht, als man angesichts seiner Hirnleistungsfähigkeit erwarten könnte, schwafelt bisweilen von »ganz anderen Mächten« (der Vorsehung, den höheren Mächten), die er in die Geschicke der Menschen eingreifen sieht. Das kennt man aus Hitlers »Mein Kampf« , einem Prototyp wahnhaften theologischen Vorsehungsgeschwätzes.

Daß immer wieder moralisch Empörte diese »Mächte« als Reaktion auf den »Sittenverfall« ins Gespräch bringen, wie weiland Eva Hermann nach der Katastrophe von Duisburg (»Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen«), läßt tief blicken, tief ins schlichte Gemüt mit seinem schlichten Denken. Als wäre Gott eine Figur, die menschliche Vorurteile und Abneigungen hegte. Ich glaube eher, daß Gott auch an Sex and Drugs and Rock ’n‘ Roll seinen Spaß hat. Aber ich kann mich vielleicht täuschen.

2010

Pflanzen spielen à la Merz

Baumpflanzaktion Kyrilltor Brilon Petersborn Friedrich Merz
Alberner sind nur noch Kranzniederlegungen, bei denen man im Stehen die Schleifen streichelt. Hier tut man so, als pflanze man Bäume. Tatsächlich wurden die bereits von anderen in den Boden gebracht und natürlich auch von anderen bezahlt, versteht sich. Man sollte von einem Bewerber für ein Bundestagsmandat nicht zuviel erwarten.

Bildquelle: Kristin Sens

Selbstinszeniertes Unglück

Wer nicht mitbekommt, wie wenig ein Mensch braucht, um glücklich zu sein, der ist auf dem besten Weg ins Unglück, wenn er nicht bereits mittendrin steckt. Schwere persönliche Schicksalsschläge werden in derartigen Fällen selbst für extremstes Mißbehagen nicht benötigt, nicht mal leichte. Es reicht eine kleine, nicht als solche empfundene Wahrnehmungsstörung oder eine Gefühlsschwankung vor einem soliden Hintergrund unrealistischer Erwartungen. Wenn dann noch die ebenso tiefe wie falsche Überzeugung hinzukommt, jemand schulde uns was, komme seinen Verpflichtungen jedoch nicht nach, ist das Unglück perfekt. 

Kariert denken

Man muß schon ziemlich klein und kariert denken, um glauben zu können, aus kleinen Karos könne wie durch Zauberei stilistisch Ansprechendes, gar großer Stil entstehen. Aus kleinem Karierten kann man allerbestenfalls große Karos kreieren.

Ohne einen Charakter, der ihn trägt, ist Stil sowieso nur eine alberne Attitüde und löst sich bei genauerer Betrachtung in kleine Karos auf.

Jambisches Wörterschütteln

Zieh blank den Vers als wär er kaltes Eisen
und schlag hinein in Reihen weißer Zähne
die durcheinanderpurzeln wie gekalkte Wörter
und Dichtermund spuckt leise weise Stummel

Aus unvertrauten Seelenkatakomben
drängt Ekles hoch und ungezügelt Übel
das knitternde Papier empfängt die Saat
im Mund erblühen ätzende Gestalten

Frisch wie der Morgen grau wie fahler Tag
am Abend folgt in Schwärmen rotes Bluten

Mitten im kleinen Leben

Als ich mich an den Rand
stellte stand ich
plötzlich mittendrin
so wie früher
da ich noch heimlich
wartete auf Späteres
– wenn ich mal groß bin –
in den Ohren kein Hallen
stampfender Maschinen
kein Schnellerschneller
nur der ruhige Puls
des kleinen Lebens
am Rand
im Wartestand

besser man bleibt
wo man ist
wenn man ist

besser man bliebe und
stürbe langsamer

Nie oder morgen

Beständig opfern wir
dem Gotte Zukunft
unkenntlich wie alle
Götter doch unersättlich
wie die Katze
vor ihrer Schale
Gegenwart schleckend
gern geben wir sie hin
in unsichtbare Hände
die Schale heute
das Schalgewohnte
erwerben einen Wechsel auf
den Wechsel
für unbestimmte Zeit
vielleicht nie
oder morgen

Genderei

Die Genderei hat zwei große Vorteile: Zum einen lenkt sie den Genderer davon ab, daß er seine Muttersprache meist nur unzulänglich beherrscht und, sollte er dies trotz damit einhergehender Denkhemmung überhaupt bemerken, nicht gewillt/nicht fähig/zu faul ist, daran etwas zu ändern. Klarer Vorteil für den Mann, der jetzt Feminist spielt oder dabei ist, es zu lernen.

Zum anderen tröstet das Gendern die Genderin darüber hinweg, daß ihr Vorgesetzter, obgleich unterqualifiziert und häßlich wie die Nacht, doppelt soviel verdient wie sie selbst, wenngleich es sie noch mehr ärgert, daß der mittlerweile trotz ausgeprägter Ineloquenz konsequenter gendert als sie selbst. Klarer Vorteil für den Mann, der im stillen süffisant bemerkt: Man kann nicht alles haben.

Fazit: Es wird viel gegendert, aber sonst nichts geändert.

Diese Erkenntnis schlägt deshalb mittlerweile – trotz des gehäuften Vorkommens von feministischen Faustsymbolen – bei mancher Frau, die nüchtern Bilanz zieht, schon ein wenig auf die Stimmung.

Verstummen

Ich wasche magre Wörter
im Speichel müder Tage
sie bröckeln manchmal
brechen durch
im Mund wie alte Honigwaben
und ich verschluck
mich dran und spuck sie
aus wie Rotz

Und dann ist
Ruh.
Die Vögelein schweigen im Walde.
Und nur ein Baum
knarrt leis im Wind
ein Wort

Die Steine schweigen
und alle Sterne knien nieder.
Ohnmacht beginnt.
Die Nacht geht
nicht mehr
fort

Schüler und Lehrer

Wenn ein Schüler die Art der Lehrer so sehr stört, daß er diese als lehrerhaft bezeichnet, dann muß man davon ausgehen, daß der Schüler noch sehr schülerhaft ist. Ein fortgeschrittener Schüler wird dem Lehrer dort, wo es ihm nötig erscheint, auf sachliche Art entgegentreten. Tut er das nicht, haftet der Schülerstatus auch dann noch an ihm, wenn er die Schule längst verlassen hat, und er wird es schwer haben, von Erfahreneren Rat anzunehmen.

Problemlösung

Wir haben im allgemeinen weniger Probleme, Probleme zu finden, als sie zu lösen. Nicht selten besteht die Lösung eines Problems jedoch darin, zu erkennen, daß das Problem entweder keines ist oder Folge einer falschen Anschauung.

Bevor wir einen Sachverhalt zum Problem erklären, sollten wir unsere Sicht auf diesen überprüfen. Wenn unser Problem zum Beispiel darin zu bestehen scheint, zuwenig Geld zu haben, kann es durchaus sein, daß wir tatsächlich nicht zuwenig Geld haben, sondern nur falsche Vorstellungen darüber, wieviel Geld wir brauchen, um zufrieden zu sein.

Mir scheint, wir haben hauptsächlich deshalb zuwenig Geld, weil wir zuviel über Geld nachdenken.