Unvergänglich

in memoriam Perenike (Ulrike Mückstein)

Jeder Tod ist Täuschung
Leben ist nicht wahr
Rosen Berge Meere:
Trübes Sein wird klar

Ungezündet brennen
Ende und Beginn
kriechen in den Flammen
zueinander hin

Wahrgenommen werden
Sinne sind der Sinn
Wachs die harten Hölzer
Ziel: die Hand am Kinn

Klares Sein wird trübe
wird sich selbst gewahr
Bild im blinden Spiegel:
Trübes Sein wird klar

Seitenwechsel

An der Straße steht ein Huhn
hat nichts Besseres zu tun
pickt und zickt
und wirkt alleweil verückt.

Auf der andern Seite glotzt ein Hahn
ist erotisch unerfahrn
also ruft er: Komm mal rüber
spricht zu sich: Da will ich drüber.

Doch das Huhn denkt: Pustekuchen
was soll ich mit nem Kräh-Eunuchen?
schenkt dem Hahn nicht einen Blick
immergleicher Weibertrick.

Unser Hühnchen gackert irre
Schließlich wird das Hähnchen kirre
wechselt auf die andre Seite
das Hühnchen auch, welch eine Pleite …

Letzte Worte

Er sagte
das ist mein letztes Wort
und schaute wüst und leer
sicher nicht sagte ich
und schüttelte den Kopf
du willst doch nicht sterben
schweige ruhig ein wenig
doch wenn du wieder reden wirst
wird vielleicht
keiner mehr zuhören

Lockerungsübung

Schrei in die Stille
lausche dem holzigen Echo
als wäre es wilder Honig
der auf die Zunge tropft
das falsche Glück
faß es an als wäre es aus Glas
und laß es fallen in die
steinigen Schluchten
wohlan hör den Salut und sieh
die Bäume durch Kanäle
treiben als eilten sie heimwärts
wo Lichter in dunklen Sälen warten
wo warmes Abendmahl erkaltet
wo borstige Reden
aus Samtgewändern quellen
wo die Glut der Stille
verzischt auf dem harten Stein
dem Opferstein 

Verhaltenes Schönsehen

Auch ich ein Gutseher
frohnaturig im Nahbereich
nur da hinten die Grube
durchs Fernglas betrachtet
sie sieht so harmlos aus
mit dem vielen Grün drum herum
ein wenig zu einladend
meine ich – verdächtig
in dieser Hinsicht ein
unverbesserlicher
Pessimist