Metareflexion

Man hört bisweilen, die Beachtung von Grammatik und Orthographie begrenze die Ausdrucksmöglichkeiten. Diese These, die gern die Lyrik ins Feld führt, ist jedoch durch nichts belegt und, wie ich denke, Ausdruck des Wunsches, die eigene Lernunwilligkeit und daraus resultierende Schwächen zu kaschieren. Weil man es zu mühsam findet, sich mit Regeln vertraut zu machen, stellt man diese in Frage. Doch wer überzeugend und erfolgreich gegen Regeln opponieren will, muß sie erst einmal lernen. Unvollständige Sätze in Gedichten, wie etwa eine Ellipse, verstoßen in keiner Weise gegen die Rechtschreibung, sondern sind ein Wesensmerkmal moderner Dichtung. Überdies wird kein halbwegs vernünftiger Mensch Wert darauf legen, in der Lyrik die konventionelle Interpunktion und dergleichen beachtet zu sehen.

Grundsätzlich jedoch fördert nach meiner Erfahrung die umfassende Kenntnis und Anwendung der grammatikalischen und orthographischen Regeln ebenso die Klarheit des eigenen Denkens, wie sie zum tieferen Verständnis dessen beiträgt, was ein anderer zu sagen hat.

Ein Gedanke ist so etwas wie ein Tautropfen, und wer sich Gedanken macht über die graphische Repräsentation seiner Gedanken, also die Grammatik und die Regeln der Orthographie in seine Überlegungen einbezieht, tritt ein in die Metareflexion. Dadurch, daß man das, was man denkt, nicht einfach kompromißlos raushaut, sondern in eine den Regeln der Sprache gemäße Form bringt, wird so mancher Gedanke klarer. Was einer tatsächlich denkt, wird erst sichtbar, wenn der Morgennebel sich gelichtet hat. Der Tautropfen beginnt zu schillern.  

Stilisierung

Es ist völlig unsinnig, einem Künstler vorzuwerfen, durch seine Stilisierung der Realität reduziere er sie und verwandle sie willkürlich in abstrakte Unerkennbarkeit. Ist doch jede Wahrnehmung von Objekten ein automatisierter Prozeß reduzierter und selektiver Aneignung. Der Künstler tut nichts anderes, als auch diesen Prozeß wahrzunehmen und ihn für kurze Zeit zu individualisieren. Wer glaubt, Realität sei etwas, was unabhängig von Wahrnehmung existiere, macht Realität zu einem bildgebenden Automaten. Die wahre Reduktion ist die, bei der das Bild bereits im Kopf ist, bevor man es sieht.       

Urknällchen light

In Genf wird seit gestern wieder scharf geschossen. Das Experiment sei aber noch weit davon entfernt, die Bedingungen zur Zeit des Urknalls nachzustellen, sagte CERN-Generaldirektor Rolf-Dieter Heuer. Man darf vermuten, daß er weiß, was er sagt. Journalisten wissen es besser: „Heute wird der Urknall simuliert“ („BZ“), „Urknall im Labor“ („Welt“), „Dem Urknall ganz nah“ („FAZ“), „CERN simuliert Urknall“ („Chip online“), Forscher simulieren erfolgreich Urknall“ (MDR) und so weiter und so fort. Journalismus light.

2010

Ratten und Menschen


Ratten werden gern als Versuchsobjekte abkommandiert, gerade wenn es um die Erforschung menschlichen Suchtverhaltens geht. So will man vor kurzem mit Hilfe von Rattenversuchen herausgefunden haben (Ratten fressen – wie ich – lieber Fettklößchen als Salat), daß fettes Essen süchtig macht.

Die Ratte ist ein zäher Kosmopolit wie der globalisierte Mensch, und der Mensch mag sie nicht sonderlich und bekämpft sie nicht nur im Labor. Ohne die hedonistischen Mechanismen im Rattengehirn wären sogar diese possierlichen Tierchen längst ausgestorben. Darin unterscheiden sie sich nicht von andern Arten. Auch nicht vom Menschen. Das fängt schon bei der Sucht zu atmen an.

Wenn – dann

Wenn ich aus heiterem Himmel zum Besuch einer Zaubervorstellung zwangsververpflichtet werde, mir erklärt wird, am Ende sei der volle Eintrittspreis zu entrichten – ob mir die Vorstellung nun gefalle oder auch nicht –, dann habe ich mehrere Möglichkeiten: Ich kann den Zauberern zuschauen und mich an deren Kunstfertigkeit freuen, ich kann meine Blicke auf die Dekolletés der Assistentinnen fokussieren oder die Bewegungsabläufe der Zaubererhände akribisch zu analysieren versuchen. Auch besteht die Möglichkeit, die Augen zu schließen, Finger in die Ohren zu stecken und sich der Magie des Augenblicks zu verweigern. Wenn mir das alles nichts ist, kann ich alternativ die andern Zwangsverpflichteten beobachten und mich mit deren Gesichtsausdrücken beschäftigen. Es sind noch einige andere Herangehensweisen denkbar. Da ich nicht genau weiß, wie lange die Vorstellung dauern wird, schaue ich erst mal eine Weile staunend zu, wie die Kaninchen aus dem Zylinder wachsen, dann interessiere ich mich mehr für die Assistentinnen, gähne irgendwann herzhaft und beginne ein Gespräch mit meinem Nachbarn zur Rechten, das nach einer Weile so intensiv wird, daß mich das Drumherum nicht mehr interessiert … bis ein neues, bisher nie gezeigtes Kunststück angekündigt wird. Inzwischen haben sich die Assistentinnen umgezogen … Später dann wende ich mich meinem Nachbarn zur Linken zu. Und dann … So oder so ist das Leben.    

Türk-Eis

Türkeis Premier Erdogan im Gespräch“, formuliert ZEIT online. Das klingt nicht nach geographisch-politischer Zuordnung, sondern eher nach einer neuen Eissorte. Spraches Anwender sind bisweilen allzu verwegen.