Beinahe paradox

Nur wer sich mit allen Konsequenzen darüber klar ist, daß er jederzeit sterben kann, kann dem Leben mit Freude alles abgewinnen, was es zu bieten hat. Wer die Todesbedrohung, die über ihm schwebt, ebenso verdrängt wie die unumstößliche Tatsache seiner Sterblichkeit, läuft Gefahr, in Unzufriedenheit und Mißmut abzugleiten und sich vom Leben betrogen zu fühlen.  

Zwischen den Zeilen

Viele Leser behaupten, zwischen den Zeilen lesen zu können, was früher so manchen Autor verwunderte, der sich sicher war, nicht zwischen den Zeilen geschrieben zu haben. Mittlerweile sind die meisten Autoren dazu übergegangen, zwischen den Zeilen zu schreiben. Wer allerdings glaubt, eine solcherart veränderte Buchproduktion spare eine Menge Papier (oder Speicherplatz), der sieht sich getäuscht: Die Bücher werden dennoch immer dicker. Wenn die Autoren nicht so fleißig zwischen den Zeilen schrieben, gäbe es vermutlich nur noch Folianten vom Typ „Krieg und Frieden“ in einem Band.

Mini-Miszellen 5 – Auch ein Glaubenskrieg

Es ist nicht mehr feierlich, was wir an Propaganda von allen Seiten um die Ohren gehauen bekommen. Ich fühle mich schon länger nicht mehr informiert, sondern nur noch manipuliert. Jetzt wurde in der Ukraine, so wird gesagt, ein mit angeblich über eintausend Menschen gefülltes Einkaufszentrum in Brand geschossen. Man sieht auf einem Bild, wie es brennt. Man sieht aber auch einen fast leeren Parkplatz, auf dem eine Handvoll Fahrzeuge herumstehen. Was sagt uns das?

ARD

Plapperheinis Laberkiste. Markenkern.

Die CDU sei insgesamt »gut beraten, wenn sie an ihrem Markenkern der inneren Sicherheit festhält«. Sagt ein ehemaliger CDU-Innensenator in Berlin über einen, der Zäune errichten läßt, damit Obdachlose nicht zu ihrem Quartier unter einer Brücke gelangen können.

In Hamburg wird der »Markenkern der CDU« vermißt, die Stadt sei so autofahrerunfreundlich geworden. »Merkel entkernt die CDU«, heißt es in der SZ. Der Bonner Generalanzeiger sieht »Die Union … Marke ohne Wert«. Die NRW-SPD will »zurück zum Markenkern«. Und so weiter und so fort. Hatte man bisher gedacht, CDU, SPD oder andere ähnliche Gebilde seien Parteien, stellt sich nun heraus: Sind sie nicht, sie sind Marken, so wie ALDI oder das Posaunenwerk der evangelischen Kirche Hessen-Nassau – »es lohnt sich (, sich) für diese große Marke der EKHN einzusetzen« – oder DIE LINKE, wo es beim letzten Parteitag (aus dem Kreisverband Krefeld) hieß, »der Markenkern der Linken dürfe nicht aufgeweicht werden«. Glück auf im Betonbau.

Man möchte, leicht abgewandelt, mit Wilhelm II. sagen: Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Marken.

Der Gegensatz des Optimismus

Viele glauben, der Gegensatz des reinen, unverfälschten Optimismus wäre der reine, unverfälschte Pessimismus. Das ist ganz falsch, vielmehr ist Realismus der Gegensatz, denn während der Realist sich nicht vorstellen mag, braucht und kann, in naher oder fernerer Zukunft, also noch in diesem Leben, zum Optimisten zu werden, muß der Pessimist solch eine Wendung für durchaus möglich halten.

Mehrdimensionales Denken

Alle Welt redet von 3-D-Filmen, -Kameras, -Fotoapparaten -Fernsehern. Der Blick in die Tiefe ist das Gebot der Stunde. Beim Denken allerdings erfreuen sich bei denselben Leuten weiterhin die binären Schematisierungen, die für die Fundamentalismen dieser Welt unverzichtbar sind, besonders großer Beliebtheit, und wenn einer mal simples Farbendenken im schwarzweißen Raum betreibt, dann schütteln zwanzig andere den Kopf und glauben, es würde ihnen nicht schaden, ihre Nervenzellen auf diese Weise durcheinanderzubringen. Forscher sind inzwischen in der Lage, die »Tätigkeit« der Synapsen in 3 D zu betrachten; nur um die Ergebnisse ihrer Betrachtungen fruchtbar zu interpretieren, braucht es mehr als die traditionellen dyadischen Schemata. Verändertes Sehen führt nur dann zu verändertem Denken, wenn die Sicherheiten logischer Denkmuster wenigstens zeitweise und provisorisch in Frage gestellt werden. Leider ist das einfache Denken vor allem eines: einfacher. Beim Sehen hilft die Brille. Was hilft beim Denken?

2011

»Resilienzfähigkeit«

In der Sendung Philosophie spezial bei WDR 5 ging es um das Thema Utopie. Genauer um die Einhaltung von Regeln und deren Auslegung. Stefan Selke, Soziologe, erzählte von seinem Aufenthalt in einem benediktinischen Kloster und daß es ihn gewundert habe, wie großzügig, »elastisch« man mit den dort geltenden Regeln umgegangen sei. Die Strenge habe sich in Grenzen gehalten. Darauf meinte der Moderator Jürgen Wiebicke sehr treffend, es gehe ums Verzeihen.

Der Begriff sagte Stefan Selke offensichtlich nicht zu, denn er meinte, heute würde man das vielleicht besser »Resilienzfähigkeit« nennen. Darauf folgte ein längerer emphatischer Monolog, den ich nur noch akustisch wahrgenommen habe, weil ich mich über den Begriff »Resilienzfähigkeit« nachzudenken gezwungen sah. Kurz darauf war die Sendung zu Ende.

Nun ist es so, daß in jedem zweiten Statement, das in die Welt posaunt wird, seit etwa zwei, drei Jahren dieses Intellektualität vortäuschen sollende und aus dem Psychologenjargon stammende Modewort »Resilienz« an prominenter, häufig auch unpassender Stelle in den Raum geworfen wird. Als reiche es nicht aus, von Widerstandsfähigkeit oder Widerständigkeit zu sprechen, wenn es darum geht, die Zumutungen des Lebens und anderer Menschen und Systeme an sich abprallen (lat. resilīre) zu lassen.

Es mag normal und verzeihlich (!) sein, wenn Soziologen oder Psychologen von Resilienz sprechen, aber mittlerweile ist der Gebrauch des Wortes so inflationär bis in die unterste Ebene der Kommunalpolitik vorgedrungen, daß Menschen wie Herr Selke aus Distinktionsgründen nun zu unbedachten Begriffserweiterungen wie oben gezwungen zu sein scheinen. Dabei hat er leider nicht bedacht, daß dem Begriff »Resilienz« (psychische Widerstandsfähigkeit) der Begriff »Fähigkeit« inhärent ist, es also nicht möglich ist, der Resilienz einen neuen Untermieter zu verschaffen, denn die Fähigkeit ist bereits Hauptmieter im Haus der Resilienz.

Erschwerend kommt hinzu, das verzeihen etwas gänzlich anderes ist als standhalten. Verzeihen hat etwas mit Toleranz zu tun, mit dem nachträglichen Akzeptieren von etwas, das uns nicht gefallen hat. Resilienz dagegen ist reine Abwehr von und Standhalten gegenüber Nichtverträglichem. Toleranz ist dabei nicht vonnöten.

WDR 5

Über Übel

»Die eingebildeten Übel sind die unheilbarsten«, sagt angeblich Marie von Ebner-Eschenbach. So jedenfalls steht es in einer der vielen Sprüchesammlungen im Netz.

Da eingebildete Übel keine Übel sind, sondern nur Ideen von Übeln oder Meinungen über sie, sind sie durchaus heilbar, so wie die falsche Komparation von Absolutadjektiven. Daß »unheilbar« nicht zur Bildung eines Superlativs taugt, gleichwohl jedoch dazu mißbraucht wird, ist also zwar kein eingebildetes Übel, sondern ein tatsächliches, aber trotzdem ist es ein heilbares.

Schlägt man im Buch nach, findet man: Marie von Ebner-Eschenbach ist nicht verantwortlich für die fälschliche Steigerung des Nichtsteigerbaren, denn sie sagt formal richtig: »Eingebildete Übel gehören zu den unheilbaren.« Ich denke nicht, daß das inhaltlich immer stimmt, aber die Toren, die etwas zum Übel erklären, das gar keines ist, gehören nicht selten zu den Unbelehrbaren.

Die alternde Mnemosyne

Haben wir etwas verlegt, neigen wir, wenn wir in die Jahre kommen, dazu zu glauben, unser Gedächtnis hätte nachgelassen, was dadurch untermauert wird, daß wir beispielsweise öfter auf der Suche nach verlegten Gegenständen zu sein scheinen als früher. Wohl weil wir uns, wie bereits zu früheren Zeiten, nicht mehr daran erinnern mögen, in der Vergangenheit ähnlich häufig nach etwas gesucht zu haben wie heute, halten wir ein mit der Zeit nachlassendes Gedächtnis für unausweichlich. Tatsächlich ist es so, daß die Gedächtnisleistungen im höheren Alter ein wenig nachlassen, aber das liegt zum großen Teil daran, daß viele meinen, sie müßten sich jeden Quark merken, und damit die mnemonische Registratur in ihrem kognitiven Apparat unnötig überfordern.

Der Hauptgrund für unnötiges Suchen ist jedoch eine Abnahme der Bewußtheit. Wir erinnern uns nicht mehr, wohin wir die Bohrmaschine gelegt haben, weil wir beim Ablegen mit den Gedanken bereits woanders waren, etwa bei Schrauben und Schraubenzieher. Je mehr uns bekannt ist an Gegenständen und Abläufen, um so mehr wird als selbstverständlich betrachtet und damit aus dem Bewußseinsfokus ausgesondert. Kennen wir alles.

Wer zunehmend vergeßlich wird, dem hilft nicht so sehr ausgefeilte Mnemotechnik, als vielmehr eine verstärkte bewußte Wahrnehmung der Umgebung, aber vor allem des eigenen Tuns. Dazu ist manchmal ein etwas langsameres Agieren notwendig als gewohnt, und das ist nicht nur gut fürs Bewußtsein und das Gedächtnis, sondern schont auch die Nerven und entlastet die Knochen.

Sauber denken

In einem Beitrag über den Islam war die Rede vom westlichen »Denkmuster eines sich unaufhaltsam weiterentwickelnden Fortschritts«. Bei solchen Formulierungen, die es leider manchmal geradezu regnet, frage ich mich wieder und wieder, warum derjenige, der solch unreflektiertes Wortmaterial in Texte streut, derartig offensichtliche semantische Unsinnigkeiten nicht bemerkt.

Es ist doch nicht der Fortschritt, der sich in diesem »Denkmuster« weiterentwickelt, sondern vielmehr entwickeln sich das Denken selbst, die Beziehungen und die Verhältnisse allgemein, und wenn die Veränderungen bejaht und als positiv betrachtet werden, dann nennt man dies Fortschritt. Fortschritt selbst ist nur (be-)wertendes Attribut einer Bewegung auf etwas hin – der Begriff »Fortschritt« ist eine nahezu beliebig zu füllende Prädikathülle.

Lauter Lärm

»Der Lärm rings um ihn herum war ziemlich laut, konnte auch einem Kind nicht verborgen bleiben.«

Wenngleich es neben objektiven Kriterien auch vom Hörenden abhängt, ob eine Abfolge von Geräuschen als Lärm betrachtet wird, so ist doch das Wort »Lärm« per definitionem die gängige Bezeichnung für eine Horde von akustischen Ereignissen, die von den meisten Menschen – meist sogar von hörgeschädigten – als störend empfunden werden. Weshalb? Weil diese Geräusche stets laut sind, und zwar ziemlich. Und weil das so ist, bleiben diese Schallereignisse niemandem außer unsensiblen Tauben verborgen. Also den menschlichen, denn die tierischen flattern bei Lärm von dannen, so schnell sie können.

Wie man sich denken kann, gibt es keinen vernünftigen Grund zu der Annahme, daß ausgerechnet Kindern Lärm verborgen bleiben könnte, selbst wenn er nicht ohrenbetäubend sein sollte wie der von ihnen häufig selbst erzeugte, den fast alle Kinder immer wieder gern genießen.

War schon der erste Teil des Satzes wenig tiefsinnig, so muß der zweite Teil als widersinnig betrachtet werden, denn Kinder hören in aller Regel besser als Erwachsene, weil das Gehör der Menschen im Laufe der Jahre durch vielerlei negative Einflüsse, vor allem Lärm und Ohrenschmalzwachstum, geschädigt wird.

Mögliche Einwände wären Verweise auf neurologische oder auch metaphorische Synästhesien, aber das ist ein anderes Thema. Hier geht es nur um rein akustische Ereignisse und um sprachliche Logik.

Spielend reich werden

Unsoziale Marktwirtschaft ist ein einfaches Spiel, bei dem alle dem Geld nachjagen, wie beim Fußball dem Ball, und das länger dauert als ein Fußballspiel, mindestens bis zur nächsten Inflation. Und am Ende gewinnen immer die Banken.

Rechnen

Man nimmt 40 Milliarden mehr Steuern ein als erwartet oder vielmehr errechnet, war unlängst zu hören. Gestern wurde bekannt, daß einige Hypo-Real-Estate-Banker sich mal eben um 55 Milliarden Euro verrechnet haben. Vielleicht sollte in den Schulen statt der Beschäftigung mit Differenzialrechnung und analytischer Geometrie lieber wieder größerer Wert auf die Grundrechenarten gelegt werden. Auch scheint mir bei den übelerregend hohen Summen, mit denen in der letzten Zeit jongliert wird, ein wenig die Anschaulichkeit zu leiden. Deshalb schlage ich vor, in Finanzverwaltungen und Banken wieder zum Abakus zurückzukehren. Zur Einführung empfehle ich einen Schnellkurs im Kaukasus.

(PS: Dieser Beitrag von 2011 ist aktueller denn je angesichts nicht existierendem Sondervermögen et cetera.)

Werbeschach

Ein verkehrt stehendes Schachspiel, über das sich zwei Spieler mit großem Ernst beugen und auf dem sie gleichzeitig ziehen. Und eine Fotografin, die ebensowenig Ahnung vom Schachspielen hat wie die Verlagsmitarbeiter, die den Buchumschlag zu verantworten haben. Glanzleistung.

Mich wundert dieser Fauxpas nicht, denn daß Fotografen bei Werbeaufnahmen tricksen, ist nichts Neues, da wird für Brauerei Blaß gern mal das Bier von der Konkurrenz eingekauft, weil es farblich überzeugender wirkt, oder mit Farbe aus der Tube nachgeholfen. Seien wir also froh, daß die Fotografin kein Halma-Spiel herbeigeholt hat, weil es bunter ist. Reklame ist verlogen. Bisweilen fällt es auf.

DW

Pause for Thought: Money without Value in a Rapidly Disintegrating World — The Philosophical Salon

The acceleration of the “emergency paradigm” since 2020 has a simple yet widely disavowed purpose: to conceal socioeconomic collapse. In today’s metaverse, things are the opposite of what they seem. Inaugurating Davos 2022, IMF director Kristalina Georgieva blamed the pandemic and Putin for the “confluence of calamities” that the world economy is now facing. No…

Pause for Thought: Money without Value in a Rapidly Disintegrating World — The Philosophical Salon

Mancher trägt es mit Humor

Er kam vom Arzt, und man sah ihm an, daß es ihm nicht gutging. Als er mir aber dann von der schweren Krankheit erzählte, veränderte sich sein Gesichtsausdruck, und seine Augen begannen, wenn nicht zu leuchten, so doch aufzuklaren, und die ersten Sonnenstrahlen zwinkerten durch die wolkige Verdüsterung. Er machte gar Scherze und in seiner aufgeregten Beredsamkeit launige Bemerkungen: Da sind wir schon wieder bei den Krankheiten, sagte er ernst und lachte. Später stellte sich heraus, daß er von der plötzlichen Krankheit eines nahen Bekannten berichtet hatte.

Wir tragen unsere Last mit einer gewissen Erleichterung, wenn es um uns herum nicht allzu beschwingt zugeht.

Das Ende am Anfang (des Wortes)

Es gab Zeiten, da war DIE ZEIT eine durchweg gute Wochenzeitung. Das ist schon eine Weile her. Heute liest man Artikel wie den von David Hugendick über den Einfluß apokalyptischer Stimmungen auf den Präfixgebrauch. Lange nichts Lächerlicheres mehr gelesen. Man hört förmlich Pferdegeräusche im Hintergrund, aber es sind nicht die Pferde der Apokalyptischen Reiter, die da zornig schnauben, sondern die Kolleginnen in der Redaktionsstube, die amüsiert vor sich hin wiehern.

DIE ZEIT

Rattern und Plappern

Manche Menschen sinnen, und man sieht, wenn man phantasiebegabte Augen hat, wie es hinter der Stirn dieser Stillen rattert, wenn sie etwas zu verstehen versuchen oder ihr Gedächtnis durchstöbern. Andere ersetzen das Rattern durch Plappern. Das sind die, die das Sinnen zu vermeiden trachten. Manchmal geht das bis zur Besinnungslosigkeit – der Zuhörer.