Kultur

Jemand (ches Wort. Eine (sic!) so lebendiges Miteinander, (sic!) mit so einem bürokratischen Wort zu benennen. Am besten noch Kulturen studieren. Der Höhepunkt einer sprachlichen Entgleisung.

(Genaugenommen sind eher diese unvollständigen Sätze in mehrerer Hinsicht neben der Spur.)

Mein ebenso dezenter wie begründeter Hinweis, daß das, was er schreibt, in jeder Hinsicht unzutreffend ist, wurde nicht freigeschaltet, weil wohl zu kritisch. Deshalb hier kurz meine Begründung, weshalb diese zwei Zeilen barer Unsinn sind und nicht wirklich zum Weiterlesen einladen.

Zum einen ist Kultur alles andere, nur kein typisch deutsches Wort, denn es ist abgeleitet von lateinisch cultura, wie das in den meisten europäischen Sprachen der Fall ist. Cultura, colturo, kultur, culture, kulttuuri und so weiter. Zugegeben, auf Hawaii, in Birma und in Tibet ist man weniger »bürokratisch« …

Was macht nun das deutsche Wort Kultur im Gegensatz zu den anderen Ableitungen, also zum Beispiel zum typisch? dänischen kultur, bürokratisch?, frage ich mich. Und die Antwort, man ahnt es, ist: nichts. Nichts, außer der Phantasie des Autors.

Wahrscheinlich hat er auch nicht Ethnologie studiert, was man früher Völkerkunde nannte, sonst käme er nicht auf die Idee, ein solches Studienfach wäre »der Höhepunkt einer sprachlichen Entgleisung«.

Aber man kann ja jeden Unfug unwidersprochen von sich geben, und der steht dann da, als wäre es keiner, wenn man Widerspruch nicht zuläßt.

Kulturen sprechen Sprachen

Stiftungen

Beim Wort Stiftung denkt der Unbedarfte an SOS-Kinderdörfer und Bildungsförderung, an Wohltätigkeit und uneigennützes Verhalten. Es gibt unendlich viele Wohltäter, die große Vermögen stiften. Schaut man dann aber genauer hin, etwa bei den über fünfzigtausend Stiftungen in Liechtenstein, dann stellt sich heraus, daß dieser Ort so eine Art Stall für ausländische Sparschweine ist, zu dem im Normalfall nur einer Zugang hat, wenn es ans Schlachten geht: der Stifter selbst.

So etwas nennt man Etikettenschwindel.

Gesundes Volksempfinden und gesunder Menschenverstand

»Das gesunde Volksempfinden ist die NS-ideologische Interpretation des gesunden Menschenverstandes«, lese ich bei Wikipedia. 

Das ist ja nun in vieler Hinsicht grundfalsch. Unabhängig von dem Begriff »gesundes Volksempfinden«, der bei den Nazis en vogue war und heute nicht mehr so gern verwendet wird, gibt es natürlich etwas, auf das dieser Begriff rekurriert, denn Begriffe wachsen nicht auf Bäumen, sondern sind Ausdruck eines Verhältnisses des Begriffsschöpfers zu etwas Konkretem oder Abstraktem, dem er eine Bezeichnung gibt. Dieses Etwas ist das, was jeder Begrifflichkeit vorausgeht. 

Verkürzt formuliert, wird hier behauptet, das Empfinden sei Interpretation des Verstandes. Nun fühlt jeder unmittelbar, daß es genau umgekehrt ist. Noch bevor irgendein Datenneuron zu flattern beginnt, war da ein Gefühl. Und alles Denken, aller Verstand zapft die Batterie der Gefühle an, bevor etwas Kognitives zu flackern anfängt. Richtig ist: Der gesunde Menschenverstand ist nichts anderes als zum kollektiven Verstand verdichtetes allgemeines Sittlichkeitsgefühl, eine Art Gefühlssubstrat, das sich als Hirnprodukt ausgibt und seine Herkunft aus der natura archetypa verschleiert. 

Der gesunde Menschenverstand ist das gesunde Volksempfinden in pulverisierter Form. Ein gutes Konzentrat für den Aufguß jeder Ideologie, die um die archetypischen Bilder, die anthropologischen Tiefenstrukturen des Menschen weiß und diese inneren Bildwelten geschickt appellativ in Schwingung bringt.

Xenophobie ist nur eine von vielen möglichen biologischen Determinanten, die so gezielt zu neuem Leben erweckt werden können, wenn sie nicht ohnehin gleichsam autosuggestiv virulent sind.

Und es braucht viel skeptischen Verstand, um den schlimmsten Formen des gesunden Menschenverstands zu widerstehen und ihnen die pathologischen Züge attestieren zu können, die sie leider nicht immer für alle sichtbar auszeichnen.

Vorbild

Allenthalben ist nun wieder zu hören, so wie sich manche Besserverdienende zur Zeit verhielten, könne die wirtschaftliche Elite ihre Vorbildfunktion nicht glaubhaft machen. »Jedem, der eine Führungsposition innehat, kommt eine Vorbildfunktion zu …« Das sagte ein gewisser Herr Ackermann (Jahreseinkommen bei 13 Millionen Euro). 

Ganz abgesehen davon, daß es für eine Gesellschaft sicher besser ist, sich Vorbilder woanders zu suchen als bei denen, die die Bedeutung des Geldes maßlos überbewerten – nicht bei Raffke und Co., sondern bei Menschen wie dem Dalai Lama, bei einigen Philosophen, manchen Schriftstellern, bei ehrlichen Wohltätern, bei Menschen mit Augenmaß –, sollten die auf den unteren Stufen der Wohlstandstreppe solche Vorbildsprüche mal ernst nehmen und ihren gerechten Anteil am kräftigen Anstieg der Produktivität einfordern. 

Nur gut, daß uns bei aller Der-Markt-wird’s-schon-richten-Euphorie und der zunehmenden Individualisierung der Erwerbstätigkeit die guten alten Gewerkschaften nicht abhanden gekommen sind.

Erdmann – Szenische Monodialoge 6

ERDMANN verknittert, verläßt das Schlafzimmer, geht zum PC und startet ihn, dann begibt er sich ins Bad.

Du da im Spiegel
bist du’s wirklich?
Spieglein Spieglein
an der Wand
jaja geschenkt
zähl selber deine
grauen Haare
und denk mal langsam
an die Alterssicherung
ein Konto in Liechtenstein
hast du ja nicht.

Nee, das bekommt man
doch erst ab fünfzig
ich meine fünfzigtausend
Pensionsanspruch im Monat.
In zehn Jahren krieg ich
die auch zusammen.
Ja wir Kinder der Neidkultur.
Hat einer mal ein klein
bißchen mehr
gleich mißgünstiges
Geraunze statt selber
Leistungsträger werden
aber wenn es dir
zu mühsam ist
die Leistung der andern
schwitzend wegzutragen
dann mußt du
dich bescheiden.

Du weiß ja
noch nicht mal
wo Liechtenstein liegt
dieses mächtige Land
dem keiner was anhaben kann
wo Finanzterrorismus
straffrei ist.

Im Fernsehen nannte
das einer Steuerschummelei*
was da jetzt rausgekommen ist
was heißt rausgekommen
als wenn nicht jeder
das längst wußte
also was da jetzt
ans Licht gezerrt wird
hat wohl noch einer
ein Hühnchen zu rupfen
mit dem Herrn
von der Post.

Apropos Post
hast du nicht erst
letztens zehn Briefmarken
die du privat geklebt hast
als Geschäftsunkosten
deklariert und abgesetzt
na und
das ist Steuerbetrug
mein Lieber
wenn das rauskommt!

Du bist jetzt gewarnt
wenn sie sogar
die Großen kriegen
die sind jetzt auch gewarnt
war wahrscheinlich
der Sinn der Übung
die Aktenvernichter
sollen ausverkauft sein
hört man.

Verläßt das Bad, hört ein Summen
Diese blöde Kiste.

Hat sich beim Runterfahren
gestern abend wieder aufgehängt
die ganze Nacht gelaufen
bei den Strompreisen
oder hab ich Trottel im Vorschlaf
nur wieder vergessen
das Ding auszuschalten?
Setzt sich kopfschüttelnd
an seinen Arbeitsplatz.

 

* Von FDP-Seite war auch das Wort „Verwerfungen“ zu hören.

Dummheit und Proportionalität

Einer, der sich für besonders schlau hält, sagte:

… das ist das proportionale Verhältnis zwischen Stupidität und Intelligenz, also muss es immer überall das gleiche Größenverhältnis sein.

Hier wird nicht nur qua postulierte eigene Großartigkeit eine unsinnige Behauptung aufgestellt, sondern diese Behauptung gleich in den Rang eines Naturgesetzes erhoben. 

Niemand Nichtstupides zweifelt daran, daß zwischen dem Endlichen, in diesem Falle der endlichen Intelligenz, und dem Unendlichen, hier der Dummheit, kein proportionales Verhältnis bestehen kann, sowenig wie zwischen gerader und krummer Linie.

Für solche Leute wie für einen Großteil der Möchtegern-Philosophen-Zunft gilt ein umgekehrt proportionales Verhältnis, das ich schon oft festgestellt habe:

Je großspuriger die Aussage, um so geringer die Intelligenz des Kopfes, dem sie entschlüpft.

Karikaturen

Mit jedem ernstgemeinten Protest gegen Karikaturen machen Gruppen sich erst recht zur Karikatur. Diese unfreiwillige Selbstkarikatur wirkt stärker karikierend als jede noch so gelungene Darstellung von außen und ist sogar noch prägnanter als die gewohnte und gewünschte Selbstdarstellung, die für den kritischen Außenstehenden stets karikaturistische Elemente enthält. Und je ausgeprägter die Ernsthaftigkeit der Selbstdarstellung von Gruppen, um so stärker das Humorpotential. Ob es sich dabei um weltumspannende Religionsgemeinschaften oder den örtlichen Schützenverein handelt, spielt keine Rolle.