Phänomenal

Wer das Nichts sucht, der muß nicht weit gehen. Der einzige Ort, wo es nichtend ins Sein umschlägt, ist in den Köpfen der Menschen. Dort fristet es sein kümmerliches Nichtdasein als nichtempirisches Komplementärphänomen des als empirisch gesichert scheinenden Seins.

Idiographische Hirnforschung

Die äußerlich erfolgreichste Form der Hirnforschung mögen die nomothetischen Neurowissenschaften sein, ich aber ziehe die klassische, nichttomographische Methode vor: das invasive Nachdenken über das Vorgedachte.

Psychischer Knochenbau

Nun sag, wie hältst du es mit dem Charakter?

Die Meinung darüber, ob der Charakter angeboren oder erworben sei, ob man ihn ändern kann oder nicht, wird vom Zeitgeist jeder Epoche unterschiedlich beantwortet, je nachdem, ob der genius saeculi eher optimistisch oder pessimistisch eingefärbt ist und wieviel Zöpfe zum Abschneiden bereithängen. Die Antwort auf diese Gretchenfrage aber hängt in erster Linie davon ab, was man als Charakter bezeichnet.

So wie ich das Wort Charakter verstehe, ist der Charakter eine Konstante, und alle »Änderung« ist entweder Verstellung oder mangelnde Fähigkeit, hinter die eigenen Verrenkungen und Selbsttäuschungen zu schauen. Der Charakter ist für mich so etwas wie psychischer Knochenbau, und meiner hat sich bei genauerer Betrachtung, das heißt nackt vor dem Spiegel und auf Röntgenbildern, seit über fünfzig Jahren nicht geändert. Der eine nicht und nicht der andere. Und wer glaubt, bei andern charakterliche Veränderungen zum Guten oder zum Schlechteren wahrzunehmen, der hat lediglich vorher nicht aufmerksam genug hingeschaut.

Und wie man sich über die Schmächtigkeit manches Menschen wundert, wenn man ihn eines Tages mal ohne seinen mit Schulterpostern aufgemotzten Mantel sieht, so erstaunt uns bisweilen der Charakter anderer, wenn veränderte Lebensumstände alle schmückende Kostümierung abgeschmolzen haben.

Deshalb zeigen sich die meisten am liebsten nur sich selbst nackt vor dem Spiegel. Aber auch das bevorzugt im Dunkeln.

Über Kritik

Da wir in unserem fortgeschrittenen Denken beim Pluralismus der Perspektiven angekommen sind, sollten wir diesen auch bei der Kritik anwenden: Es gibt viele Formen von Kritik, und wir müssen in jedem einzelnen Fall herausfinden, ob die Kritik Wert für uns oder an sich hat oder nicht. Auch die Frage, ob eine Kritik „akzeptabel“ ist oder nicht, hängt ab von den Maßstäben, die wir anlegen, um Kritik zu beurteilen. Eine inhaltlich wertvolle Kritik kann ebenso unakzeptabel sein, zum Beispiel in der Form, wie eine von geringem Wert akzeptabel.

Einen allgemeingültigen Maßstab für Kritik gibt es nicht. Am besten scheint mir jedoch solche Kritik zu sein, die sich offen zeigt für jede Form der Kritik an der Kritik. Obgleich auch die selbstkritische Kritik alles Recht hat, auf exogene Kritik kritisch zu reagieren. Eine Kritik, die Kritik auszuschließen versucht, verliert ihr Recht.

These – Antithese – Synthese, das ist ein guter Weg, vorausgesetzt, die Synthese gebiert neue Thesen und Antithesen und erstarrt nicht in Selbstgefälligkeit.

Wie das Denken allgemein, so ist auch Kritik als Prozeß zu betrachten und nicht als Endpunkt eines Prozesses.

Der Hochmut und der Fall

Wenn man einige Erfahrung im Fallen gesammelt hat und die Fallgesetze nicht nur theoretisch kennt, sondern auch ihre praktische Anwendung mit der ein oder anderen schmerzlichen Empfindung leiblich durchzuexerzieren gezwungen war, kann man sich wie eine Katze auf wohlbekanntem Terrain ohne weiteres auch mal eine Spur Hochmut leisten, wenn man glaubt, fremdem, gänzlich unangemessenem Hochmut begegnen zu müssen. Aber nur dann – und auch dann nicht ohne das Bewußtsein, daß dies ein selbstironisch-spielerischer Akt ist und kein integraler Ausdruck der Persönlichkeit.

9. November

Am 9. November denke ich an vieles. Immerhin war ich vor dreißig Jahren zu Fuß von der Willibald-Alexis-Straße in Kreuzberg zum Checkpoint Charly gelaufen, um zuzuschauen, wie sich die Gefängnistore öffneten.

Das war schon ein besonderes Erlebnis, und ich dachte in diesem Augenblick, der ein Wendepunkt in der Weltgeschichte, der europäischen Geschichte, besonders aber auch in der deutschen Geschichte war, nicht an andere Tage mit dem Beinamen 9. November, die ganz genauso Wendepunkte in der deutschen Geschichte waren. Und da gibt es einige.

Heute denke ich vor allem daran: Während sich für die einen 1989 die Tore öffneten, wurden den anderen 1938 die Türen eingetreten, und nach Verunglimpfung, Mobbing und Diskriminierung begann nun die Verfolgung der Juden, die in industrieller Massenvernichtung mit dem Ziel der »Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa« gipfelte. 

Vor allem aber denke ich daran, daß es zwischen beiden Ereignissen einen Zusammenhang gibt. Leider denken nicht alle daran, im Osten noch weniger als im Westen Deutschlands.