Literaturezeption als reduzierte Lektüre

Jeder, der einen literarischen Text liest, hat seine eigene Herangehensweise, seine ganz persönliche Lesart. Teilt er Ergebnisse seiner Lesart anderen mit, neigen diese häufig dazu, diese Lesart eines anderen als reduziert und damit minderwertig zu betrachten, weil sie beim andern das Eigene, Widerspiegelungen der eigenen Lesart vermissen. Es ist jedoch ganz natürlich, daß der andere der andere ist. Wenn ich die Gefühle, Erfahrungen und Erkenntnisse anderer nicht teile, dann bin ich ich, aber keineswegs reduziert. Von Reduktion zu sprechen setzt voraus, daß man das Ganze kennt. Aber wer kennt schon das Ganze eines Textes, die dazugehörigen Subtexte, den Prätext aus biographischen Details des Autors, des jeweiligen Lesers und nicht zuletzt die intertextuellen Voraussetzungen? Jeder kennt nur seine Version davon. Daß jemand nun seine eigene Version des Ganzen mit dem Ganzen als solchen verwechselt, verstehe ich, denn die meisten machen das so. So werden sie selbst (in ihrer Vorstellung) zu ganzen Persönlichkeiten, und die anderen werden (ebenfalls in der Vorstellung) degradiert. Diese Mischung aus Aufblasen des Eigenen und Destruieren des andern steckt meist dahinter, wenn einer sagt, ein anderer habe eine reduzierte Lesart. So simpel arbeitet das Ego.

Gähnen

Wenn wir einem offensichtlich Harthörigen einen etwas komplexeren Vorgang erklären – und dazu etwas weiter ausholen, als er es gewohnt ist –, und er beginnt zu gähnen, dann liegt das nicht notwendigerweise daran, daß ihn unsere Ausführungen langweilen. Auch ist sein Verhalten nicht unbedingt als Affront gemeint. Oft ist es vielmehr so, daß unser Gesprächspartner noch an die längst widerlegte Hypothese glaubt, sein Gähnen sei Ausdruck von Sauerstoffmangel und erhöhtem Kohlendioxidgehalt des Blutes. Da er weiß, daß Gehirne zum Denken viel Sauerstoff benötigen, reißt er ein ums andere Mal den Mund auf wie ein Raubfisch sein Maul. Nimmt der Gähner doch – ganz zu Unrecht – an, er könne durch diese Übung seine Gehirnfunktionen verbessern.

Koryphäen und Koniferen

Es ist eine unbedachte Verächtlichkeit gegenüber den Koniferen, Koryphäen als Koniferen zu bezeichnen. Während Koryphäen, vor allem selbsternannte, sich häufig durch Zwergwüchsigkeit auszeichnen, aber nur selten über einen Meter siebzig groß werden, gehören Koniferen zu den schnellwachsenden Arten, und einige ihrer Exemplare, wie etwa der Küstenmammutbaum, werden über hundert Meter hoch. Manche Koniferen, etwa Kiefern, halten schon mal ein paar tausend Jahre durch. So gesehen, sind die Koniferen die wahren Koryphäen. Deshalb ist es statthaft, abweichend vom üblichen Sprachgebrauch, die Konifere als Koryphäe zu bezeichnen. Wenn wir nun »unsere Koryphäen« anschauen, sollte daher, bevor wir ihnen den Ehrennamen »Konifere« verleihen, unser Augenmerk darauf liegen, ob sie nadeln.

Perspektivwechsel

Wenn ich den Blick vom Mikroskop abwende und einer zeitweiligen misanthropischen Neigung nachgebe, stellt sich mir die Menschheitsgeschichte dar als eine Krise der Evolution, und wenn ich mein Fernglas zur Hand nehme, sehe ich Bilder, die vermuten lassen, daß die ganze Geschichte, und nicht nur die des Organischen, sondern alles Kommen und Gehen, nichts weiter ist als eine Krise des Seins. Krise ist der Normalfall der Existenz.

Krise

Aufgewachsen in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als die Winter noch Winter waren, was man daran sah, daß morgens, wenn man sich aus dem warmen Bett quälte, der Blick nach draußen nicht möglich war, weil an den Fenstern die Eisblumen grinsten, bin ich doch etwas amüsiert ob des weinerlichen Krisengeredes, das durch unser Land wabert wie die Alkoholschwaden an den Stammtischen.

Damals wusch man sich morgens kalt, denn es kam nicht einfach warmes Wasser aus der Wand, wie das heute hierzulande fast überall ganz normal ist. Man freute sich über eine duftende Apfelsine und streckte sich am Wochenende, wenn der Badeofen angeworfen wurde – so komfortabel hatte es doch schon mancher, aber durchaus nicht alle –, wohlig in der Wanne. Wie war das Leben schön.

Den Begriff Unterhaltungselektronik gab es noch nicht, denn es war eher Arbeit angesagt als Unterhaltung, und so wuchs ich erst mal ganz ohne Fernseher auf, und wir fuhren nicht mit dem Auto zur Schule oder zur Arbeit, sondern mit der Bahn. Oder wir gingen zu Fuß. Ja, man lief damals noch selbst.

Wie das heute ist, möchte ich hier nicht ausführen, das weiß jeder selbst. Viele haben sich so weit entfernt vom Leben, daß sie den Kontakt zu ihrer tatsächlichen Existenz weitgehend verloren haben und nur noch im Warmen auf den Sofas sitzen und über mögliche Einschnitte in ihren Lebensstandard lamentieren, was nicht bedeutet frieren und hungern, sondern vielleicht nicht so viele Städtereisen und nicht alle drei Jahre das neueste Modell von BMW. Und der Single fragt sich, ob er die 100-Quadratmeter-Wohnung auch in der Krise noch wird halten können.

Wenn die angekündigte Wirtschaftskrise einen Sinn haben soll, jenseits aller Ökonomie, dann den, die Spirale zum Übersatten zu kappen und viele Menschen dazu zu bringen, mal darüber nachzudenken, ob Wohlstand tatsächlich deckungsgleich ist mit materiellem Schnickschnack. Jede Krise, selbst eine zur Krise hochgeredete Pause des Wirtschaftswachstums, bietet eine Chance zum persönlichen Wachstum. Wie bei allen Krankheiten, so steckt auch in der Erkrankung des Wirtschaftssystems die Chance, wieder mehr Kontakt zu sich selbst und der Essenz der eigenen Existenz zu bekommen.

Emergent art

Seitdem sich in der Kunst der Begriff emergent art etabliert hat, hat der Sinn von Avantgarde seine Bedeutung weitgehend verloren, denn es geht nicht mehr um inhaltliche Novität, sondern nur noch um geldwertes Neuigkeitsstreben. Vielleicht war das bei so mancher »Avantgarde« früher nicht anders, nur wurde es nicht so deutlich hinter den ehrlich verschämten Blicken der jungen Künstler. Heutzutage ist die Scham ebenso wie Bescheidenheit antrainiert und augenzwinkernde Pose. Und Einfachheit nichts als sinnleerer Kult. Die Schatten Andy Warhols sind lang. Aber die bunten Blasen Takashi Murakamis, die in diesen Schatten aufblühen, werden in absehbarer Zeit in der Folge der Finanzspekulationsblasen platzen.