Gefährliches Leben

Wenn sie nicht, eine Gefahr für andere, auf der Lauer liegen, setzen sie ihre Sinne ein, um die Umgebung auf Gefahren abzutasten, und beim geringsten Anschein einer Bedrohung flüchten die Tiere der Wildnis, denn Tiere leben gefährlich, und sie meiden die Gefahr, wo sie nur können. Und auch domestizierte Tiere setzen sich lediglich dann Gefahren aus, wenn es um die Aufrechterhaltung ihres Status geht.

Anders der zivilisierte Mensch, dessen Umgebung weitaus friedlicher und bequemer ist als die der Tiere. Wenn er lange genug auf dem Sofa am warmen Ofen oder in der Nähe der Zentralheizung gesessen hat, beginnt der Mensch – meist die maskuline Variante – sich zu langweilen und wird unruhig. Er träumt vom gefährlichen Leben und empfindet sein Dasein als nichtig und ereignislos. Mancher beginnt mit den Nachbarn zu streiten, um ein wenig der Farbe, die er aus dem Fernsehn oder dem Kino kennt, ins eigene reale Leben zu bringen. Andere fahren zur Winterzeit in die Berge, um sich in der Eiger Nordwand oder beim Gletscherkraxeln zu beweisen. Allüberall haben Extremsportarten Konjunktur.

Darüber hinaus gibt es noch die Möglichkeit, mit exotischen Drogen zu experimentieren, an Komabesäufnissen teilzunehmen, illegale Autorennen zu veranstalten oder sich irgendeiner bewaffneten Gruppe anzuschließen. Auch diese Möglichkeiten werden zunehmend genutzt.

Und das alles nur wegen ein bißchen Adrenalin, dessen Ausschüttung man auch dann erleben könnte, wenn man gelernt hätte oder lernte, seine Sexualität auszuleben.

Style in the city

Eine Immobilienfirma wirbt in meinem Kiez, großflächig und mit sehr großen Buchstaben, stylisch um Kunden für „Appartments“ und „flexible Einzelhandelflächen“. Gemeint sind, so ist zu vermuten, Apartments oder vielleicht auch Appartements und Einzelhandelsflächen.

Auf der Website der Firma ist zu lesen: „Wir unterscheiden uns von den meisten unserer Mitbewerber durch den hohen Designstandard …“ Nun frage ich mich als potentieller Kunde, ob zum Stil nicht immer auch ein wenig Konvention gehören sollte, nämlich hier die Beachtung orthographischer und logischer Gesichtspunkte.

Was würden wir von einem Pharmazeuten halten, der uns in seiner Einzelhandel(s)fläche „Appotheke“ etwas verkaufen will, etwa Medizien? Das zur Orthographie. Und die Logik? Was soll ich mir unter einer flexiblen Einzelhandel(s)fläche vorstellen? Die Fläche in einem Gebäude bleibt, anders als beim Luftballon, gemäß dem äußeren Grundriß immer gleich, und wenn ich Wände einziehe, dann teile ich die Grundfläche in mehrere kleinere Flächen auf. Die Gesamtfläche selbst wird dabei nicht flexibel, sondern lediglich durch den Platzbedarf der Mauern verringert. Reiße ich die Mauern wieder ein, gewinne ich nur das zurück, was ich vorher verloren habe. Das nennt man: flexible Flächen-Gestaltung. Aber nicht „flexible Fläche“.

Karneval und Humor

Humor ist eine Grundhaltung, bei der es viele Formen gibt, von den eckigen bis zu den runden, manchmal ganz offen und manchmal versteckt. Karneval hat nur insofern etwas mit Humor zu tun, als hier für einige Tage im Jahr versucht wird zu verstecken, daß man keinen Humor hat. Weil ihm im heimischen Keller nur Tränen kommen, geht der Karnevalist zum kollektiven Lachen auf die Straße, während viele humorvolle Menschen nicht nur so tun, als gingen sie zum Lachen bevorzugt in den Keller. Sogar in Karnevalszeiten.

Mehrmals entfernen

Gerade las ich in der Online-Ausgabe einer Tageszeitung die Überschrift: „Mehrmals im Jahr entzündete Mandeln entfernen.“

Das hat mich überrascht, denn ich wußte bisher nicht, daß entfernte Mandeln wieder nachwachsen.

Brecht und die Geliebten

Es gibt ein schönes Gedicht von Brecht über Liebe und Furcht.

Version 1

Morgens und abends zu lesen

Der, den ich liebe
Hat mir gesagt
Daß er mich braucht.

Darum
Gebe ich auf mich acht
Sehe auf meinen Weg und
Fürchte mich vor jedem Regentropfen
Daß er mich ihm erschlagen könnte.

(Aus: Liebesgedichte von Bertolt Brecht)

Quelle: https://www.suhrkamp.de/insel_taschenbuch_-_liebesgedichte_453.html

Version 2

Morgens und abends zu lesen

Der, den ich liebe
Hat mir gesagt
Daß er mich braucht.

Darum
Gebe ich auf mich acht
Sehe auf meinen Weg und
Fürchte von jedem Regentropfen
Daß er mich erschlagen könnte.

(Aus: Die Gedichte von Bertolt Brecht in einem Band, S. 586, Suhrkamp Verlag 1981)

Version 3

Morgens und abends zu lesen

Der, den ich liebe
Hat mir gesagt
Daß er mich braucht

Darum
Gebe ich auf mich acht
Sehe auf meinen Weg und
Fürchte von jedem Regentropfen
Daß er mich ihm erschlagen könnte.

(Aus: Bertolt Brecht – Die Gedichte, S. 1135 f., Suhrkamp Verlag 2/2016)

Dazu gäbe es einiges zu sagen. Aber bevor ich das tun kann, müßte ich zuerst wissen, welche dieser drei verschiedenen Versionen aus ein und demselben Verlag die authentische ist. Ich habe dort angefragt, jedoch bisher keine Antwort bekommen.

Übergewicht

Eines der besten Mittel gegen Übergewicht ist nicht etwa eine Diät oder Sporttreiben, wie mancher denken mag, sondern die Reduzierung der Zahnpflege auf ein Minimum. Recht bald wird sich eine ordentliche Zahnfleischentzündung einstellen und einem den Appetit verderben. Dann heißt es, die Entzündung nicht allzu schnell zu behandeln, sondern abzuwarten, bis das Idealgewicht erreicht ist. Die Einnahme von Schmerzmitteln ist erlaubt, ja sogar erwünscht, weil sie den leeren Magen belasten und damit den Appetit zusätzlich zügeln. Viel Erfolg.

Kommunikative Widrigkeiten

Neulich stellte jemand auf einem Blog (sich selbst?) die Frage, warum jedes Gelingen ein solches Ausmaß an Zeit und Bemühung beanspruche. Und im weiteren erklärte er, „unser Dasein“ sei „gewissermaßen ins Uneigentliche abgerutscht“, und um es „wahrhaft zu leben“ sei ein anderer „psychischer Zustand erforderlich“. Kurz gesagt: „Ekstatisches Glück“ sei nur „in der Freiheit“ erfahrbar, die möglicherweise illusionär sei. So der Kern seiner Aussage.

Ich gab dazu einen freundlichen, sachlichen, in keiner Weise auf die Person des Autors zielenden Kommentar ab, der seine Aussagen ein wenig relativierte, und wurde wenig später mit persönlichen Unterstellungen, psychogrammähnlichen Mutmaßungen bombardiert, Äußerungen, deren Heftigkeit mich nicht nur wenig überraschte. Zum Inhalt meines Kommentars sagte er so gut wie nichts: Meine Aussagen seien zweifelhaft, es gäbe „tausend Argumente“, die man dagegen vorbringen könne, aber die Zeit sei zu kostbar, um sich mit „pseudophilosophischen Fragen“ zu beschäftigen.

Nachdem ich mich dazu durchaus detailliert geäußert hatte, wurden alle Kommentare gelöscht.

Jetzt frage ich mich: Aus welchem Grund stellt jemand Texte ins Netz und ermöglicht durch die Kommentarfunktion einen Meinungsaustausch, wenn er an einem Meinungsaustausch nicht interessiert ist?

Das zur Vorrede. Nun zum Eigentlichen.

Das Mühevolle am Gelingen. – Soll man auf bekannte Sprichwörter verweisen wie: „Ohne Fleiß kein Preis“ oder „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“, oder ist es besser, einfach zu erwähnen, daß sich bereits in der Bibel, Genesis 2, der Ausspruch findet: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen …“? Ja, das Leben der meisten Menschen ist bisweilen mühsam.

Das ins Uneigentliche abgerutschte Dasein. – Da stellt sich mir die Frage, was wir uns unter einem Eigentlichen vorzustellen haben, in dem unser Dasein sich zu einem früheren Zeitpunkt befunden haben könnte. Wie sah das aus, und zu welchem Zeitpunkt war unser Dasein noch im Eigentlichen? (Mir kam gerade der Gedanke, der Autor könnte mit „wir“ etwas anderes meinen als ich, also nicht einen Pluralis modestiae, sondern eine Art Pluralis majestatis oder einen Beziehungsplural benutzen – das sollte er dann aber erwähnen.)

Glück und Freiheit. – Ich will es kurz machen: Glück ist zum großen Teil Ansichtssache und Freiheit darüber hinaus ein Wort wie ein hohler Backenzahn, solange es nicht definiert ist, ein Leerraum, den jeder beliebig mit dem füllt, was er darin unterzubringen wünscht.

Offensichtlich

Immer dann, wenn wir uns selbst nicht wirklich trauen, benutzen wir Modalwörter. So wird das Wort »offensichlich« gern verwendet, wenn wir unsrer Meinung nicht ganz sicher sind, aber sie dennoch, in manipulativer Absicht, anderen unterjubeln wollen, damit wir mit dieser Meinung nicht mehr allein sind und so vom Selbstzweifel wenn nicht verschont bleiben, so doch wenigstens etwas entlastet werden, denn was andere ähnlich sehen wie wir, so glauben wir, kann nicht ganz falsch sein. Ein riesiges Arbeitsfeld für Sprechakttheoretiker und Psycholinguisten.

Wenn das Modalwort »offensichtlich«, ein Hypothesenindikator, attributiv benutzt wird, um eine Tatsache, einen Gegenstand, einen Zustand oder eine Haltung zu charakterisieren, dann ist es entweder tautologisch (das Offensichtliche muß wegen seiner Offensichtlichkeit nicht noch als solches bezeichnet werden – das Gras ist offensichtlich grün, sagt niemand), oder es ist ein Versuch, den hypothetischen Charakter einer Aussage dadurch zu vertuschen, daß man sie mit einem appellativen Unterton versieht.

»Offensichtlich« heißt: Sieht doch jeder so, mußt du auch so sehen. Solltest du es anders sehen, stimmt etwas mit deiner Optik nicht.

Und dann setzt man sich, einigermaßen beruhigt, hin und putzt die verkratzten Linsen.