Der Nerv der Zeit

Der Zeitgeist hat, wie auch die Zeit selbst und alle anderen Geister, keine Nerven, aber er nervt, weil er denen, die welche haben, auf die Nerven geht. Und wenn von jemandem behauptet wird, er treffe den Nerv der Zeit, dann hat er in Wirklichkeit den Zeitgeist eingefangen und erschreckt damit zu mitternächtlicher Stunde harmlose Schlummerer, die meinen, es gebe ebensowenig Neues unter der Sonne wie unter der Bettdecke.

Seltsame Vögel

Der pfäuische Mensch kann nur ein wenig stolzieren und das Rad schlagen. Beim Versuch, beides gleichzeitig zu tun, fällt er meistens hin. Der Pfau dagegen, dem der Mensch nachzueifern versucht, kann sogar flattrig fliegen. Und sieht dabei immer noch eleganter aus als der radschlagende Stolpervogel am Boden.

Die Karikatur der Nacktschnecken

Schon erstaunlich. Als das elektronische Ganzkörperpetting mit an der Realität orientierten bildgebenden Verfahren zum ersten Mal eingeführt werden sollte, gab es einen Aufschrei der Empörung, und beinahe alle, außer denen mit Idealmaßen, befürchteten, auf diese Weise nackt zur Schnecke gemacht zu werden. Nun, da die modifizierten Scanner die Menschen in geschlechtslose Strichmännchen umzuformulieren versprechen, regt sich nicht mehr viel. Durch die virtuelle Reduktion zur asexuellen Karikatur scheint sich niemand so recht verletzt zu fühlen.

Stoischer Heroismus

Erscheint nicht jeder ausgeprägte Stoizismus dem ein wenig übertrieben, der seiner noch nicht zu bedürfen glaubt, weil er, bequem und selbstverliebt, jederzeit die naheliegende Alternative des sentimentalen Selbstmitleids hat? Zwischen Selbstmitleid und Stoizismus klafft nur ein kleiner Spalt, über den zu schreiten aus der Vogelperspektive als Klacks erscheint. Ist der Übertritt gelungen, so mag im Stoizismus ein wenig Selbstmitleidsrest nachklingen, der sich Außenstehenden als Übertreibung der stoischen Haltung darstellt, so daß sie unangenehm berührt sind, wenn der Stoiker das, was sie für seinen Schritt halten, als beherzten oder gar dramatischen Sprung erscheinen läßt. Ist es ein Sprung? Ich selbst bin gegenwärtig weder zu Schritt noch Sprung geneigt oder getrieben, und so wage ich auch keine Mutmaßung über die Breite des Spalts zwischen heroischem Selbstmitleid und stoischem Heroismus.

Laster

Der Jahresbeginn ist die Hochzeit der (zumindest vorübergehenden) Lasterbekämpfung. All die guten Vorsätze wollen in die Tat umgesetzt werden. Weshalb aber bekämpft jemand seine Laster? Nun, die Antwort ist einfach: damit er mehr Zeit und moralische Rechtfertigung gewinnt, sich über die Laster der anderen zu echauffieren. Wenn es auch nur selten gelingt, den eignen guten Vorsätzen gerecht zu werden, die Aufregung über die moralische Fehlbarkeit der anderen wird durch diese Mißerfolge eher zunehmen und sich im Laufe der Jahre so verdichten, daß ein neues Laster entsteht: das Laster der Intoleranz. Ja, der Vorrat an Duldsamkeit ist begrenzt, und die meisten Menschen benötigen zunehmend so viel Indulgenz für sich selbst, daß für andere immer weniger übrigbleibt. Die Positition des gütigen Beichtigers ist so verwaist, wie das Wort »Beichtiger« veraltet ist.

Lichtenberg-Variation

Wenn ein Wort auf ein Sinnesorgan trifft, und es kommt nichts Brauchbares bei dieser Zusammenkunft heraus, dann liegt das in den seltensten Fällen am Wort. Bisweilen helfen Ohrenstäbchen oder Augentropfen, doch nicht so häufig, wie man sich das wünschen mag, denn Schmalz und Schmutz sitzen leider oft so tief wie der Aberglaube. Nahezu unerreichbar.

Entgegenkommen

Allzu großes Entgegenkommen wird von manchen Menschen entweder als Selbstverständlichkeit betrachtet oder gar als Angriff mißverstanden. Besonders von denen, die das eigene Zurückweichen als Entgegenkommen ansehen.