Schmerzverschiebung

Eine merkwürdige Strategie der Vermeidung von Verlustgefühlen ist die aktive Inszenierung einer Verlustsituation. Wenn man ihn selber herbeiführt, ist der Verlust kein tatsächlicher und deshalb nicht oder weniger schmerzhaft, so glaubt man. Das ist natürlich ein Irrtum. Der Schmerz kommt nur sehr viel später.

Unbekümmerte Sensibilität?

Jemand wünschte sich, sein Gegenüber möge gleichermaßen sensibel und unbekümmert in die Welt schauen. Gibt es so jemanden? frage ich mich.

Ein sensibler Mensch ist gemeinhin einer mit einem hochempfindlichen Sensorium, feinfühlig und demgemäß leicht erregbar, ein Mensch mit langen Antennen, wo andere nur grobe, halb sedierte Fühlwarzen haben. Solch ein Mensch wird besonders feinnervig sein und schon deshalb häufig verletzt oder mindestens verstimmt. Diese Wahrnehmungserfahrung, so darf man annehmen, wird im Laufe der Jahre aus ihm einen eher vorsichtigen Zeitgenossen gemacht haben, der ganz gewiß nicht mehr unbekümmert und so ohne weiteres auf Menschen und Dinge zugehen kann, haben diese ihm doch in der Vergangenheit gerade wegen seiner ausgeprägten Sensibilität so manche leidvolle Erfahrung verschafft.

Extravaganz mit Sensibilität gleichsetzend und Schlichtheit mit unbekümmertem Wesen, so könnte man einwenden, dieses beide sei jedoch durchaus kompatibel.

Mit Schlichtheit und Extravaganz aber ist es ganz anders, weil bei diesem Begriffspaar, das nicht für eine gefühlsbedingte Verhaltensweise steht, eine Haltung charakterisiert wird, die in hohem Maße von der Umgebung abhängig ist und sich häufig als deren Kontrapunkt versteht, so daß in einer extravaganten Gesellschaft Schlichtheit zur Extravaganz wird, während die Extravaganz in ihrer Einfallslosigkeit und mangelnden distinktiven Qualität schon wieder – zumindest ironisch – als eine Art Schlichtheit bezeichnet werden kann.

Zurechtgedreht

Ein entfernter Bekannter war internetsüchtig, wie er mir vor kurzem bekannte, als ich ihn in einer Verfassung antraf, die dazu angetan war, ihm die ansonsten ein wenig blockierte Zunge zu lösen: Ein klein wenig durch Alkoholeinfluß beeinträchtigt, stolperte er durch die Landschaft und suchte erfolglos nach seiner Wohnung. Während ich ihn nach Hause geleitete, berichtete er, er sei sogar sexsüchtig gewesen, schlimm sei solch ein Zustand. Aufmerksame Freunde jedoch, die, mit denen er vorhin bowlen gewesen sei, hätten ihn gerettet und ihm professionelle Hilfe verschafft bei solch einem Psychofuzzi, und der hätte ihm das Hirn gekonnt zurechtgedreht: Nun sei er glücklich wie früher, schaue mit Genuß beinahe jede Serie im Fernsehen und sei auch wieder dreimal wöchentlich beim Bowlen.
Das Leben sei schön.

Die Zeit

Kindliche Naivität

Auf die Frage, was sie von Gendersternchen halte, sagte die mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Autorin Strobel, sie verstehe gar nicht, was alle gegen Sternchen hätten, und sprach von den Sternen am Himmel, die ja nun kein Herrschaftszeichen seien und so weiter blabla.

Vielleicht könnte man auch statt des Sterns einen kleinen Mond oder die liebe Sonne nehmen. Meine ich. Oder das kleine Häufchen von WhatsApp, das so schön dampft.

Nun ist es ja so, daß nicht »alle«, sondern nur eine Mehrheit der deutschsprachigen Menschen, die die Sprache in vielfältiger Weise nutzen, etwas gegen solcherart Wörter- und Satzverschandelung haben – und das nicht nur aus in der Sprachwissenschaft allseits bekannten guten Gründen.

Aber Sterne als Symbol von Herrschaftsfreiheit? Ich schaue beim Denken an Sterne als Symbole weniger in den Himmel, an dem wegen der Lichtverschmutzung, vieler Wolken und Gase aller Art ohnehin nicht mehr viele Sterne zu sehen sind. Ich schaue eher auf die Schulterklappen von Uniformen, auf denen mal weniger, mal mehr Sterne als Symbole von Macht und Status ihrer Träger blinken.

Soviel über naive Konnotationsverweigerung und semantische Einäugigkeit.

Antisemitismus unverstanden

»An einem Berliner S-Bahnhof haben Unbekannte einen der 29-Jährigen erst auf seinen Glauben angesprochen und dann mit Reizgas ins Gesicht gesprüht. Der Staatsschutz ermittelt.« So kann man bei »Spiegel online« lesen.

Im weiteren Text liest man dann etwas von einer »antisemitischen Straftat«. Wegen des »jüdischen Glaubens«. So einen Schwachsinn höre ich immer wieder, und so langsam reicht es mir. Ich frage mich: Wie ungebildet sind die Schreiber und Laberer eigentlich, die diesen Unsinn verbreiten? Wenn ich mich recht erinnere, geht es den Judenhassern heute ebensowenig um theologische Dinge wie den Nazis früher. Schon Hitler und seinen Konsorten ging es nicht um Glaubensdinge, sondern um »die Vernichtung der jüdischen Rasse«.

Also hört auf, von was anderem zu reden als »Rasse«, und Rassenhaß, wenn es um Antisemitismus geht, nur weil das Wort »Rasse« nicht mehr in euren weichgespülten Sprachgebrauch paßt.

Spiegel online

Merkwürdigkeit

Je ausgeprägter und umfassender die Dummheit eines in die Zukunft gerichteten Gedankens, desto größer das Verbrechen, das zu begehen selbst intelligente Menschen bereit sind, um diese idiotische Phantasie in die Tat umzusetzen – egal ob es um Krieg, um Geldanhäufung oder zwischenmenschliche Beziehungen geht.

Falscher Dampfer

Die Schwierigkeit beim Reisen auf dem falschen Dampfer ist nicht, daß es unmöglich wäre, den Dampfer als solchen zu erkennen. Besonders Wasserscheuen hilft die Erkenntnis eines eventuellen Irrtums oder auch nur ein Zipfel Ahnung, man könne so falschliegen wie das Ziel in weiter Ferne, nicht weiter, denn man wird naß werden oder sogar ein wenig Wasser schlucken müssen, wenn man versucht, das Fahrzeug während der Fahrt zu verlassen.

Glaubsinn

Die Behauptung der Sinnlosigkeit berücksichtigt nicht die Fragwürdigkeit des Konzeptes „Sinn“. Deshalb ist eine solche Behauptung ebenso paradox wie ihr Gegenteil. Die Erkenntnis dieser Tatsache berechtigt bei Bedarf zur zeitlich begrenzten Verzweiflung zum Zwecke der Zerglaubung von Sinngläubigkeit.

Antisakrale Anwandlung

Man muß kein Freund teuflischer Mächte sein, um kanonisierten Heiligen und vor allem deren oft hieratisch daherschreitenden Nacheiferern und Imitatoren mit einer reflexhaften Abscheu zu begegnen.

Glauben und wissen

Mit dem Bewußtsein ist es ganz ähnlich wie mit dem Glauben an eine göttliche Gestalt oder ein kosmisches Prinzip: Man weiß wenig bis nichts darüber, wie es funktioniert oder funktionieren könnte, und hat nicht die geringste Ahnung, was es tatsächlich IST, was sein Wesen ausmacht.

Das hindert einen Großteil der Menschen jedoch nicht daran, mit scharfem Messer das richtige vom falschen Bewußtsein oder den wahren Glauben vom Irrglauben zu trennen. Falsch und Richtig wissen sie beinahe so gut zu unterscheiden wie ein Veganer ein Ei vom andern.

Falsches Bewußtsein

Ein zentraler Terminus marxistischer Ideologiekritik ist das »falsche Bewußtsein«, das notwendigerweise die Basis jeder den Überbau einer Gesellschaft bildenden Ideologie (außer der marxistischen natürlich) sei.

Kurz gesagt, liegt dem Reden vom »falschen Bewußtsein« zweierlei zugrunde: zum einen die Annahme, es gäbe so etwas wie objektive Realität, die nur haargenau widergespiegelt werden müsse, um ein wahrheitsgemäßes Bild zu bekommen (der Mensch als Reflexionsautomat). Außerdem der Anspruch, im Besitz der (einzig) passenden politischen Überzeugung zu sein, die wie ein Rosenstrauch aus dem richtigen Bewußtsein herauswächst.

Der Mensch mit dem falschen Bewußtsein ist also entweder ein Lügner, wie vor allem all jene, die vom kapitalistischen System profitieren, oder von Linsentrübung betroffen, wie alle anderen, die entweder nicht von diesem System profitieren oder sich einbilden, sie hätten einen Vorteil davon. Diese Einbildung entsteht dann, wenn der einzelne sich über seine tatsächlichen Interessen täuscht, also zum Beispiel lieber Volvo fährt als Trabi.

Da er das richtige Bewußtsein besitzt, weiß der marxistische Theoretiker jedoch über die Bedürfnisse der Mehrheit besser Bescheid als diese selbst. Auch deshalb war die DDR wie andere vergleichbare gesellschaftspolitische Experimente so überaus erfolgreich.

Leihmacht

Mit vereinten Hirnenkräften arbeiten die Neurowissenschaften an der Inthronisierung des Denklappens und wollen uns weismachen, das Gehirn sei von Natur aus zum Zepterträger erkoren. Aber von wem? Wer hat dem Hirn das Machtinsignium in die Hand gedrückt? (Und geflüstert: Hier, Kopp, halt mal kurz. Aber mach keinen Blödsinn damit.)

Philosophieren

Recht verstanden, ist Philosophie nicht etwa eine Lehre von den Erscheinungen, den sichtbaren Dingen, auch nicht irgendeine Art, naturwissenschaftliche Erkenntnisse in systematische Prokrustesbetten zu stopfen. Vielmehr ist Philosophie – oder besser das Philosophieren – eine Methode zur Gedankenerhellung, so etwas wie ein Klärwerk für die Massen naturwissenschaftlichen und gesellschaftswissenschaftlichen Faulschlamms, die unsere Gehirne Tag für Tag erzeugen und absondern. Nicht zu vergessen natürlich die alltägliche psychologische Wahnproduktion. Es muß eine Instanz geben, die all die eigenen und fremden Gedanken in uns auf ihre Stichhaltigkeit prüft.

Ordnung

Es gibt viele Menschen, die den größten Teil des Tages damit beschäftigt sind, dafür zu sorgen, daß »alles seine Ordnung« hat, es jedoch völlig abwegig finden, auch nur einen winzigen Teil dieses Tages über Sinn und Charakter dieser Ordnung nachzudenken. Auch ich bin nicht ganz frei von dieser schlechten Angewohnheit, wenngleich bei meinen Bestrebungen die Ordnung der sprachlichen Zeichen im Vordergrund steht.

Rauchverzicht

Wer mit dem Rauchen aufhören möchte, sollte wissen, was die schwierigste Hürde ist, die er überwinden muß: Es ist der Glaube, der Glaube an das Gerede der guten Ratgeber, die behaupten, es sei schwierig, mit dem Rauchen aufzuhören, und erfordere enorme Willenskraft. So schlecht beraten, wird unser armer Raucher, der so gern Nichtraucher wäre, jedoch um seinen breiigen Willen weiß, verzagt schauen und geneigt sein, die Flinte, die er sicher bald ins Korn wird werfen müssen, gar nicht erst in die Hand zu nehmen. Dabei ist nichts leichter, als mit dem Rauchen aufzuhören. Es reicht vollkommen, zu glauben, daß Rauchen doof ist, und sich Tag für Tag mehr darüber zu freuen, daß man es nicht mehr muß.