Sauber denken

In einem Beitrag über den Islam war die Rede vom westlichen »Denkmuster eines sich unaufhaltsam weiterentwickelnden Fortschritts«. Bei solchen Formulierungen, die es leider manchmal geradezu regnet, frage ich mich wieder und wieder, warum derjenige, der solch unreflektiertes Wortmaterial in Texte streut, derartig offensichtliche semantische Unsinnigkeiten nicht bemerkt.

Es ist doch nicht der Fortschritt, der sich in diesem »Denkmuster« weiterentwickelt, sondern vielmehr entwickeln sich das Denken selbst, die Beziehungen und die Verhältnisse allgemein, und wenn die Veränderungen bejaht und als positiv betrachtet werden, dann nennt man dies Fortschritt. Fortschritt selbst ist nur (be-)wertendes Attribut einer Bewegung auf etwas hin – der Begriff »Fortschritt« ist eine nahezu beliebig zu füllende Prädikathülle.

Lauter Lärm

»Der Lärm rings um ihn herum war ziemlich laut, konnte auch einem Kind nicht verborgen bleiben.«

Wenngleich es neben objektiven Kriterien auch vom Hörenden abhängt, ob eine Abfolge von Geräuschen als Lärm betrachtet wird, so ist doch das Wort »Lärm« per definitionem die gängige Bezeichnung für eine Horde von akustischen Ereignissen, die von den meisten Menschen – meist sogar von hörgeschädigten – als störend empfunden werden. Weshalb? Weil diese Geräusche stets laut sind, und zwar ziemlich. Und weil das so ist, bleiben diese Schallereignisse niemandem außer unsensiblen Tauben verborgen. Also den menschlichen, denn die tierischen flattern bei Lärm von dannen, so schnell sie können.

Wie man sich denken kann, gibt es keinen vernünftigen Grund zu der Annahme, daß ausgerechnet Kindern Lärm verborgen bleiben könnte, selbst wenn er nicht ohrenbetäubend sein sollte wie der von ihnen häufig selbst erzeugte, den fast alle Kinder immer wieder gern genießen.

War schon der erste Teil des Satzes wenig tiefsinnig, so muß der zweite Teil als widersinnig betrachtet werden, denn Kinder hören in aller Regel besser als Erwachsene, weil das Gehör der Menschen im Laufe der Jahre durch vielerlei negative Einflüsse, vor allem Lärm und Ohrenschmalzwachstum, geschädigt wird.

Mögliche Einwände wären Verweise auf neurologische oder auch metaphorische Synästhesien, aber das ist ein anderes Thema. Hier geht es nur um rein akustische Ereignisse und um sprachliche Logik.

Spielend reich werden

Unsoziale Marktwirtschaft ist ein einfaches Spiel, bei dem alle dem Geld nachjagen, wie beim Fußball dem Ball, und das länger dauert als ein Fußballspiel, mindestens bis zur nächsten Inflation. Und am Ende gewinnen immer die Banken.

Rechnen

Man nimmt 40 Milliarden mehr Steuern ein als erwartet oder vielmehr errechnet, war unlängst zu hören. Gestern wurde bekannt, daß einige Hypo-Real-Estate-Banker sich mal eben um 55 Milliarden Euro verrechnet haben. Vielleicht sollte in den Schulen statt der Beschäftigung mit Differenzialrechnung und analytischer Geometrie lieber wieder größerer Wert auf die Grundrechenarten gelegt werden. Auch scheint mir bei den übelerregend hohen Summen, mit denen in der letzten Zeit jongliert wird, ein wenig die Anschaulichkeit zu leiden. Deshalb schlage ich vor, in Finanzverwaltungen und Banken wieder zum Abakus zurückzukehren. Zur Einführung empfehle ich einen Schnellkurs im Kaukasus.

(PS: Dieser Beitrag von 2011 ist aktueller denn je angesichts nicht existierendem Sondervermögen et cetera.)

Werbeschach

Ein verkehrt stehendes Schachspiel, über das sich zwei Spieler mit großem Ernst beugen und auf dem sie gleichzeitig ziehen. Und eine Fotografin, die ebensowenig Ahnung vom Schachspielen hat wie die Verlagsmitarbeiter, die den Buchumschlag zu verantworten haben. Glanzleistung.

Mich wundert dieser Fauxpas nicht, denn daß Fotografen bei Werbeaufnahmen tricksen, ist nichts Neues, da wird für Brauerei Blaß gern mal das Bier von der Konkurrenz eingekauft, weil es farblich überzeugender wirkt, oder mit Farbe aus der Tube nachgeholfen. Seien wir also froh, daß die Fotografin kein Halma-Spiel herbeigeholt hat, weil es bunter ist. Reklame ist verlogen. Bisweilen fällt es auf.

DW

Pause for Thought: Money without Value in a Rapidly Disintegrating World — The Philosophical Salon

The acceleration of the “emergency paradigm” since 2020 has a simple yet widely disavowed purpose: to conceal socioeconomic collapse. In today’s metaverse, things are the opposite of what they seem. Inaugurating Davos 2022, IMF director Kristalina Georgieva blamed the pandemic and Putin for the “confluence of calamities” that the world economy is now facing. No…

Pause for Thought: Money without Value in a Rapidly Disintegrating World — The Philosophical Salon

Mancher trägt es mit Humor

Er kam vom Arzt, und man sah ihm an, daß es ihm nicht gutging. Als er mir aber dann von der schweren Krankheit erzählte, veränderte sich sein Gesichtsausdruck, und seine Augen begannen, wenn nicht zu leuchten, so doch aufzuklaren, und die ersten Sonnenstrahlen zwinkerten durch die wolkige Verdüsterung. Er machte gar Scherze und in seiner aufgeregten Beredsamkeit launige Bemerkungen: Da sind wir schon wieder bei den Krankheiten, sagte er ernst und lachte. Später stellte sich heraus, daß er von der plötzlichen Krankheit eines nahen Bekannten berichtet hatte.

Wir tragen unsere Last mit einer gewissen Erleichterung, wenn es um uns herum nicht allzu beschwingt zugeht.

Das Ende am Anfang (des Wortes)

Es gab Zeiten, da war DIE ZEIT eine durchweg gute Wochenzeitung. Das ist schon eine Weile her. Heute liest man Artikel wie den von David Hugendick über den Einfluß apokalyptischer Stimmungen auf den Präfixgebrauch. Lange nichts Lächerlicheres mehr gelesen. Man hört förmlich Pferdegeräusche im Hintergrund, aber es sind nicht die Pferde der Apokalyptischen Reiter, die da zornig schnauben, sondern die Kolleginnen in der Redaktionsstube, die amüsiert vor sich hin wiehern.

DIE ZEIT

Rattern und Plappern

Manche Menschen sinnen, und man sieht, wenn man phantasiebegabte Augen hat, wie es hinter der Stirn dieser Stillen rattert, wenn sie etwas zu verstehen versuchen oder ihr Gedächtnis durchstöbern. Andere ersetzen das Rattern durch Plappern. Das sind die, die das Sinnen zu vermeiden trachten. Manchmal geht das bis zur Besinnungslosigkeit – der Zuhörer.

Nichts Neues

Eine psychopathologische Verirrung einiger Menschen, die sich im Laufe der Entwicklung des technischen Instrumentariums zur Massenkrankheit weiterentwickelt hat: immerzu was Neues haben zu wollen. Zu Höhlenzeiten war eine solche Grundhaltung nicht die schlechteste, denn sie führte heraus aus der kalten Enge, aber heute, in Zeiten starken Bevölkerungswachstums und extremer Ressourcenverschwendung, bringt ungebremste Novitätengier als weitverbreitete Handlungsorientierung die Menschheit langfristig wahrscheinlich eher wieder zurück zu subterranen Lebensformen, als daß sie etwas Wegweisendes hervorzaubert.

Bizarre Reklame

Gerade sah ich eine Anzeige der »Christophorus Gruppe«. Obendrüber der Leitgedanke: »Sonnentage im Herbst des Lebens«. Das Wachkomahaus Oase bietet Wachkomapflege an. Fehlt nur noch die Sonne.

Mehrlagige Gedanken

Wenn ich unsere Gesellschaft durch die geschichtsphilosophische Brille betrachte und nach Niedergangsindikatoren spähe, so frage ich mich, an Montesquieus Dekadenztheorie denkend, auf einer anderen Brille sitzend und im Nahbereich fündig werdend, ab wieviellagigem Toilettenpapier diese Zivilisation als untergangsgeweiht zu betrachten ist und ob unsere zivilisatorischen Errungenschaften hier und dort Ähnlichkeiten mit der spätrömischen Verfallskultur aufweisen.

Irrsinn

Sollte nicht glauben
man gewänne Frieden
wenn man im Kriege siegt
auf Revanche folgt Revanche
folgt Revanche

man gewinnt nur ein paar Stunden
bis zum nächsten Gemetzel
ein paar Tage bis zum Feuersturm
ein paar Jahre

bis zum Untergang