Laute im Wind

Wo seid ihr alle
stumme Ahnen
ihr Lippen die
die meinen streiften
die früh verfärbten
spät gereiften
wo eure Worte die
mich mahnen

ihr lebt schon
lange in den Lüften
wo still sich
Ewigkeiten queren
wo sich die
Namenslisten leeren
Geruch befreit
von allen Düften

wo seid ihr die
nach Worten suchten
zu füttern die
Wolken die Winde
und heimlich
in Gedanken fluchten
ihr ginget von dannen
wie Blinde

was blieb ist nur
noch Schattentanz
an dunklen Tagen
ohne Glanz

Ohne Groll

Ressentiments sind stets zweischneidige Gebilde, und sie haben gleichermaßen das Potential zur Verletzung des andern wie auch zur Selbstverletzung, besonders dann, wenn es sich um Ressentiments gegenüber vermeintlichen Ressentiments anderer handelt.

Der Außenstehende kann nicht umhin, darüber zu lachen. Ohne Groll. 

Die Farben der Tinte

Da schreibt jemand
ein paar Zeilen Hackprosa
und wirft sie aufs Trottoir
des Boulevards und schon
kommen alle Köter angelaufen
Promenadenmischungen und
solche mit Stammbaum
und heben das Bein
Urinieren als Massenphänomen
wer hat den stärksten Strahl
Joffe oder Broder oder
und alles nur wegen
Versen die keine sind
schon gar nicht satanisch
nur ein paar undurchdachte
Gedanken von einem
der sich in letzter Tinte
versehentlich selbst ertränkt

2012

Gehackte Prosa

Kunststoffgefühle
und vieles dumme Reden
des falschen Wortes Kühle

Feuilletonchefgedanken
der schwachen Lyrik Ranken

fahler Schwall zum bleichen Wort
falscher Spruch am falschen Ort

ein schlechtes Gedicht
Papier mit letzter Tinte
hat kaum ein Gewicht

Monogamie und Beziehung

Viele Beziehungen scheitern. Man ist auf der Suche nach den Gründen. Michèle Binswanger will die Hauptursache gefunden haben: falsch verstandene Treue und Monogamie. Willkommen in den sechziger Jahren. Nur, was damals notwendig war, um verkrustete Strukturen aufzubrechen, wirkt heute ein wenig lebensfremd, weil wir inzwischen in einer Gesellschaft leben, die offener ist und freier als die damalige und die gelernt hat, daß nicht alles, was natürlich scheint, auch wünschenswert und zivilisatorisch integrierbar ist.

Ich finde sie gelinde gesagt merkwürdig, diese Argumentationen, die bestimmte Teile unserer genetischen Disposition anerkennend werten, andere Teile jedoch nicht. Mag ja sein, daß Monogamie eine „junge Erscheinung“ ist. Das gilt aber auch bei der Körperpflege zum Beispiel, da gibt es auch einige „junge“ Erscheinungen, oder bei der Gewohnheit, seinem Gegenüber nicht gleich den Schädel einzuschlagen, wenn uns dessen Gesicht nicht paßt. Auch werfen wir unsere Kinder heute nicht mehr einfach auf den Mist, wenn sie mißgebildet zur Welt kommen. Unsere Gesellschaft zeichnet sich durch die ein oder andere zivilisatorische Errungenschaft aus.

Ich selbst halte Treue in der Beziehung und damit Verläßlichkeit für wichtig, und deshalb sollten Mann wie Frau sich ordentlich sexuell ausleben, bevor sie eine richtige Bindung eingehen. Und man sollte sich einen Partner suchen, der auch sexuell zu einem paßt – nicht nur in bezug auf gesellschaftliche Stellung, Image und Bankkonto, wie das gern gemacht wird.

Aber die Wegwerfgesellschaft, die sich durchgesetzt hat, wirkt sich auch auf Beziehungen aus. So wie man alle naselang ein neues Auto zu brauchen glaubt oder andere Novitäten, so meint man auch etwas zu verpassen, wenn man nicht jede Gelegenheit zum Fremdvögeln wahrnimmt. Das, was man hat, weiß man nicht mehr wirklich zu schätzen. Das ist der Fluch der Überflußgesellschaft, der in überzogenen Ansprüchen und Erwartungen kulminiert, was der Hauptgrund dafür ist, daß so viele Beziehungen kaputtgehen.

Moral

Naturgemäß sind moralische Vorstellungen kulturell tradiert und damit in hohem Maße relativ, abhängig von den gewachsenen Strukturen der Gesellschaften, in denen sie sich manifestieren. Das heißt jedoch keineswegs, alle diese Vorstellungen, Normen und Gewohnheiten hätten in gleichem Maße ein Recht auf Akzeptanz. Sosehr ich die Herkunft meiner eigenen Moral reflektiere und sie damit zumindest in Teilen in Frage stellen mag, so bin doch ich selbst es, der moralische Pflöcke in den eigenen Boden treibt und dafür sorgt, daß diesen für alle sichtbar gesetzten Maßstäben so weit wie möglich Geltung verschafft wird und dem entgegenstehende Vorstellungen so abgewertet werden, wie sie es verdienen. Trotz der ungesicherten Herkunft und Geltung moralischer Normen dürfen wir in unserer täglichen Praxis keine moralische Indifferenz zulassen. In der Theorie muß das Phänomen Moral jedoch von allen Seiten intensiv beleuchtet, und deren Erscheinungsformen dürfen selbstverständlich auch radikal in Frage gestellt werden. 

Relevanzbedarf

Die Häufigkeit des Wortes Relevanz in der Rede eines Wortklinglers ist der Bedeutung des Redners umgekehrt proportional. Je unwichtiger der Verwender ist oder sich fühlt, um so häufiger wird er dem Relevanten und der Relevanz verbal frönen und ihnen scheinbar seine Reverenz erweisen. Tatsächlich Relevantes wird den meisten jedoch ganz ohne Charakterisierung und Hierarchisierung als solches deutlich.

Gipfelsturm

Als ich gestern morgen den emeritierten Professor Joachim Krause im Rundfunk ironiefrei und mit überlangem Hiatus gendericus von Abgeordnet *innen sprechen hörte, wußte ich: Der Zenit der Idiotie ist nah. Von ferne betrachtet, kommt mir das Ganze vor wie das Getümmel unterhalb des Mount-Everest-Gipfels.

Zeitnah

Was will uns jemand, der das Wort »zeitnah« inflationär benutzt, damit sagen? Er will uns darüber informieren, daß er vor kurzem beim Putzen des Zeitfensters ausgerutscht und von der Leiter gefallen ist, sich dabei nicht ohne Folgen den Kopf an  der Fensterbank gestoßen hat und von diesem Zusammenstoß so bald nicht wieder genesen wird.

Das Leben des Schriftstellers

Im Gespräch mit Simone de Beauvoir sagt Jean-Paul Sartre – man unterhält sich über den Ruhm –, ein Schriftsteller, der ein »gültiges« , ein anerkanntes Buch geschrieben habe, werde »ein anderes Leben haben nach seinem Tod«.

Natürlich meint Sartre so etwas wie literarisches Leben, aber das nimmt dem Ausspruch nichts von seiner Komik – oder auch Tragik. Ganz wie man will.

Wenn ich mal wieder in der Nähe bin, werde ich auf dem Cimetière du Montparnasse vorbeischauen.

Wertewandel

Früher war es auch, aber nicht nur in Deutschland üblich, positive Tugenden wie Fleiß und Genauigkeit zu Unrecht als typisch deutsch zu betrachten, heute bezeichnet man, besonders in Deutschland, das eine als Übereifer und das andere als Kleinlichkeit. Das einzige, was geblieben ist, ist das Etikett: typisch deutsch. Typischer Irrtum.

Als Angeber bezeichnet man „jemandem“ …

Der Lautsprecher der Dilettantenabteilung im deutschen Hobbylinguistenverband Bastian Genitivtod Sick hat wieder – im „Spiegel“ – zugeschlagen. In der Zwiebelfisch-Kolumne beschäftigt er sich mit dem Vorkommen der fliegenden Gestalten in der deutschen Sprache. Wie immer volkstümlich und anbiedernd launig, wie Quadrantarius-Professionelle es besonders lieben. Normalerweise lese ich diese Sachen nicht mehr, aber, nun ja, man hört bisweilen in einem schwachen Moment auch eine Schnulze im Radio.

Herr Sick weiß nicht immer, wo Kommas zu setzen sind und wo nicht, geschenkt. Allein, daß niemand „Pleite gehen“ kann, sondern nur pleitegehen, das sollte er, als der Sprachspezialist, für den er sich hält, schon wissen. Aber vor allem sollte er nicht die Fälle durcheinanderbringen, auch wenn’s mal nicht um den Genitiv geht. Als einen Angeber bezeichnet man nicht „jemandem“, als Angeber bezeichnet man jemand oder jemanden. Zum Beispiel jemanden, der sich anmaßt, andere belehren zu wollen, sich selbst jedoch ausnimmt.

Seine Lapsus sprechen nicht für ihm. Ich meine ihn.

Zwiebelfisch

Die Idiotie des Kapitalismus

Volkswagen hatte im letzten Jahr den Gewinn auf 19 000 Millionen Euro verdoppelt, mehr als das Bruttosozialprodukt von Zypern oder Bolivien und vergleichbar mit dem von Afghanistan, einem Land mit immerhin dreißig Millionen Einwohnern, und hat angekündigt, dieses Jahr ohne Gewinnsteigerung auszukommen. Schon liest man in der Presse, auch bei VW „wüchsen die Bäume nicht in den Himmel“, „beim Gewinn in der Warteschleife“, „VW tritt auf der Stelle“. Von „Stagnation“ ist die Rede, die Börsenkurse sinken. Und wenn sich der Gewinn, der sich gerade verdoppelt hatte, wider Erwarten halbieren sollte, dann wird vom Untergang des VW-Konzerns schwadroniert werden. Das ist die Logik der Denkgestörten in den Redaktionen. Nicht zu vergessen: Wir befinden uns in der Krise, und daraus haben wir uns erst befreit, wenn jeder heutige Millionär Milliardär geworden ist. Da muß der VW-Chef Winterkorn mit einem mageren Jahreseinkommen von nur 17 Millionen Euro noch ein wenig sparen.

2012