Selbst-Enttäuschung

In den meisten Fällen sind wir selbst verantwortlich für unsere Enttäuschungen: weil wir zugelassen haben, daß wir vorgeführt, getäuscht wurden – entweder von anderen, aber immer auch von uns selbst. Wenn wir das bemerken, sind wir sauer auf uns, und diese Selbst-Enttäuschung ist der schmerzhafteste Teil der Enttäuschung.

Gleichmut

Ich empfehle, sich von monströsen Terminius-technicus-Exzessen wie etwa dem Extremkompositum »Widerfahrnisbewältigungskompetenz«, inzwischen im Bildungsvortäuschungsblabla weitverbreitet als »Resilienz« betitelt, ebensowenig beeindrucken zu lassen wie von deren schlichtem anglizistischen Pendant (»coping«) und mit angemessener Gleichmut zu reagieren, wenn einem beim Lesen derartige Sprachschöpfungen widerfahren. Im ganzen gesehen, das gebe ich ehrlich zu, schwanke ich in solchen Fällen der Terminologiegestaltung allerdings zwischen Erheiterung und Frustrationsintoleranz.

Identitätsverschiebung

Noch vor einigen Jahrzehnten galt das antike »Erkenne dich selbst« als das heimliche Ziel alles bewußten Lebens. Diese Art der Selbstfindung wird mehr und mehr abgelöst durch permanente Selbsterfindung, Selbstinszenierung, so daß das lebenslang haltbare Konstrukt eines stabilen Selbst zunehmend in Frage gestellt wird, genauso wie die Notwendigkeit des Blicks nach innen. Wer sich selbst ständig neu erfindet, hat keine Zeit und keinen Raum für Selbsterkenntnis, und es gibt auch keinen Grund dazu, denn das Selbst wird zunehmend zu einer äußeren Funktion des Menschen. Im Innern hallt es nur noch leer, wenn man hineinruft.

Spezialoperation

»Nach größeren Gebietsverlusten seit dem russischen Einmarsch hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den Befehlshaber der Streitkräfte in der Ostukraine ausgewechselt. Per Dekret entließ das Staatsoberhaupt am Montag Hryhorij Halahan und setzte stattdessen Viktor Horenko ein. Der 44 Jahre alte Generalmajor Halahan hatte seit August 2020 die Spezialoperation in den Gebieten Donezk und Luhansk geführt.«

Selenskyj setzt also wieder mal per Dekret jemanden ab. Also nichts Ungewöhnliches. So ist das in Demokratien wie Russland und der Ukraine, da regiert man per Dekret. In manchem, wie dem Regierungsstil, ist man sich also durchaus einig. Im Kleidungsstil dagegen nicht immer.

Was mir jedoch auffiel, war der Begriff Spezialoperation. Bisher hat man uns doch erzählt, daß Russland den Krieg so bezeichne und jedes Reden von Krieg in russischen Medien verboten sei, obgleich beim russischen »RT DE« stets vom Ukraine-Krieg die Rede ist, also bei einem Medium, das natürlich nur vorurteilsgefestigte Leser von solcherart Feindpropaganda konsumieren sollten, die vorher die ungefilterten Verlautbarungen des ukrainischen Generalstabs, des britischen Geheimdienstes oder des Dekreteurs selbst aus den Nachrichten der deutschen Sender und der deutschen Presse als Tatsachenschilderungen serviert bekommen haben. Weil aber nicht jeder einseitige Propaganda toll findet, ist »RT« als Regulativ bei uns vorsichtshalber natürlich verboten.

Also Spezialoperation der Ukraine, nicht »in der Ukraine«. Das höre und lese ich zum ersten Mal. Und dann: »Der Krieg dort hatte 2014 begonnen.« Soso: »Der Krieg dort hatte 2014 begonnen.« Also die Spezialoperation der ukrainischen Armee. Sieh mal an. Doch nicht nur im Frühjahr 2022 die der russischen. Manche wird das überraschen. Die »Zeitenwende« war also von vielen Seiten gut vorbereitet. Auf Spezialoperation folgte Spezialoperation.

Unser Wirtschaftsminister Habeck sagte gestern in der Tagesschau: »Rußland führt einen Wirtschaftskrieg gegen uns.«

Die EU, Großbritannien, die USA und Assoziierte überziehen Rußland seit langem mit einer Sanktion nach der anderen, sogar solchen Maßnahmen, die die Gaslieferungen behindern, aber wenn Rußland sich dagegen verhalten wehrt, dann »führt es einen Wirtschaftskrieg gegen uns«. So kann man es sehen, wenn man nur ein Auge hat und immer in die gleiche Richtung schaut.

So wie hier: »Russland erpreßt uns«

Wie war das noch? »US-Sanktionen gegen Nord Stream 2: Blanke Erpressung«.

Wen interessiert denn die jüngere Geschichte, wenn man das eigene unentspannte Leben im Hier und Jetzt anderen in die Schuhe schieben möchte. Von der etwas ferneren Geschichte ganz zu schweigen. Der erpresste Erpresser war schon immer eine Witzfigur, und die Verteufelung des anderen lenkt wunderbar von den Dämonen im eigenen Keller ab.

Kohortenkram und seine Krämer

Nach dem ermüdenden und Staublunge fördernden, wenngleich erhellenden Lesen mehrerer sozialwissenschaftlicher Bücher mit viel Statistik und Empirie, Daten über unterschiedliche Altersgruppen, kurz Kohortenkram, ist mir ein griffiger Begriff eingefallen, unter dem Sozialpsychologen und Soziologen pejorisierend zusammengefaßt werden können: Kohortenkrämer. Die Rache des eingestaubten Lesers. 

Externalisierung von Selbsterkenntnis

Unter denjenigen, die konstatieren, daß die Zahl der Menschen mit problematischer Persönlichkeitsstruktur stark zunimmt, finden sich erstaunlich viele mit problematischer Persönlichkeitsstruktur. Da die Zahl derartiger Hobbypsychologen in letzter Zeit gewaltig zugenommen hat, tritt tatsächlich das ein, was diese, anfangs zu Unrecht, festgestellt haben: eine Inflation im Bereich der soziopathologischen Zeitgenossenschaft. Verunglückte Selffulfilling prophecy oder auch eine Art Positivierung des negativen Denkens.

Der Segen der Medizin

Die US-amerikanische Arznei- und Lebensmittelaufsicht FDA hat festgestellt, daß innerhalb von fünf Jahren Zehntausende Herzinfarkte auf die Einnahme des Schmerzmittels und Antirheumatikums Vioxx zurückgeführt werden können. Dem vorangegangen war ein gutes Geschäft für Pharma-Manager und -Aktionäre, auch für  Drugstores und die Damen und Herren Apotheker. In der Folge eine prachtvolle Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Kardiologen. Je gesünder die Medizinbranche, so scheint es, um so kränker die Patienten.

2011

Siehe auch hier

Spiralentheorie

Jetzt, vor den großen Lohnrunden, geistert wieder der angstbesetzte Begriff der Lohn-Preis-Spirale durch die Medien, eine im Kern falsche Bezeichnung, ein verschleierter Kampfbegriff, der ganz sicher nicht von einem Gewerkschafter erfunden wurde. In Wirklichkeit handelt es sich nämlich, wie man an der gegenwärtigen Entwicklung sehr schön sehen kann, um eine Preis-Lohn-Spirale.

Der anbietende Teil der Wirtschaft möchte trotz gestiegener Rohstoffkosten etc. nicht auf die gewohnt hohen Gewinne verzichten und versucht sie deshalb durch Preissteigerungen, gern auch willkürliche, zu erhalten oder auszubauen.

Ist das gelungen, möchte man die übergroße Mehrheit der Gesellschaft zu Verschlankungsübungen überreden, die tatsächlich nötig sind, aber für alle.

Immergleiches Spiel.

Mini-Miszellen 6

Man liest, Wirtschaftsminister Habeck nenne die Gaskrise inzwischen eine »quasi wirtschaftskriegerische Auseinandersetzung«. Ach nein, »quasi« und »inzwischen«. Tatsächlich war sie das von Anfang an ganz klar und keinesfalls »quasi« durch die US-amerikanischen Sanktionen gegen North Stream 2 – ungefähr zehn Milliarden Euro in den Sand gesetzt. Und dann die diversen Sanktionen gegen Rußland seit 2014. »Inzwischen« kommen die Folgen der Sanktionen an – bei uns. Wie Erdmann das Anfang März bei mir sagte:

Für uns heißt das
zahlen für die Ukraine
und frieren
für die Ukraine.

Es ist keine Frage, wer die Verantwortung dafür trägt, wenn unsere Energieversorgung demnächst zusammenbrechen sollte. Putin ist es nicht, soviel steht fest. Es ist wie mit der angeblichen Zahlungsunfähigkeit Rußlands. Man sperrt die russischen Konten und beklagt sich dann, Rußland könne Schulden nicht zahlen. Man behindert durch allerlei Sanktionen russische Gaslieferungen, und demnächst wird man sich beschweren, Rußland (oder vielmehr Putin) drehe den Hahn zu und benutze Gaslieferungen als politische Waffe.

Und wir sollen das glauben.

Problemlösung

Es gibt keine Probleme, die man nicht durch zusätzliche Probleme verstärkt, wenn man sie mit Sprengstoff zu lösen versucht, und am Ende löst man alle Probleme, indem man das Problem des Sprengstoffs mit Sprengstoff zu lösen versucht. Nennt sich Apokalypse.

Drecksack

»›Unterhaken‹ gegen die Inflation«

Heute habe ich beschlossen, mich mit den Familien Quandt und Albrecht, den Mercedes-Benz-Aktionären und Aufsichtsratsmitgliedern von Blackrock (ehemalige allerdings aus Geschmacksgründen teilweise ausgeschlossen) und vielen anderen Sehrvielbesserverdienenden freundschaftlich unterzuhaken im Kampf gegen die Inflation, von der wir alle gleichermaßen betroffen sind.

Die werden sich freuen.

Tagesschau

Nachtflug über Afrika

Als ich Afrika überflog
zuckten seine Lichter
in der Ferne
an wenigen Stellen
blinkten unter den Lidern
wie verwaiste Leuchtreklamen
Afrika, unser Heimatland
ein bischen hell ganz im Norden
an den Küsten
und im äußersten Süden
in der Mitte Schwärze
fast wie im armen
Nordkorea

Beinahe paradox

Nur wer sich mit allen Konsequenzen darüber klar ist, daß er jederzeit sterben kann, kann dem Leben mit Freude alles abgewinnen, was es zu bieten hat. Wer die Todesbedrohung, die über ihm schwebt, ebenso verdrängt wie die unumstößliche Tatsache seiner Sterblichkeit, läuft Gefahr, in Unzufriedenheit und Mißmut abzugleiten und sich vom Leben betrogen zu fühlen.  

Zwischen den Zeilen

Viele Leser behaupten, zwischen den Zeilen lesen zu können, was früher so manchen Autor verwunderte, der sich sicher war, nicht zwischen den Zeilen geschrieben zu haben. Mittlerweile sind die meisten Autoren dazu übergegangen, zwischen den Zeilen zu schreiben. Wer allerdings glaubt, eine solcherart veränderte Buchproduktion spare eine Menge Papier (oder Speicherplatz), der sieht sich getäuscht: Die Bücher werden dennoch immer dicker. Wenn die Autoren nicht so fleißig zwischen den Zeilen schrieben, gäbe es vermutlich nur noch Folianten vom Typ „Krieg und Frieden“ in einem Band.

Mini-Miszellen 5 – Auch ein Glaubenskrieg

Es ist nicht mehr feierlich, was wir an Propaganda von allen Seiten um die Ohren gehauen bekommen. Ich fühle mich schon länger nicht mehr informiert, sondern nur noch manipuliert. Jetzt wurde in der Ukraine, so wird gesagt, ein mit angeblich über eintausend Menschen gefülltes Einkaufszentrum in Brand geschossen. Man sieht auf einem Bild, wie es brennt. Man sieht aber auch einen fast leeren Parkplatz, auf dem eine Handvoll Fahrzeuge herumstehen. Was sagt uns das?

ARD

Plapperheinis Laberkiste. Markenkern.

Die CDU sei insgesamt »gut beraten, wenn sie an ihrem Markenkern der inneren Sicherheit festhält«. Sagt ein ehemaliger CDU-Innensenator in Berlin über einen, der Zäune errichten läßt, damit Obdachlose nicht zu ihrem Quartier unter einer Brücke gelangen können.

In Hamburg wird der »Markenkern der CDU« vermißt, die Stadt sei so autofahrerunfreundlich geworden. »Merkel entkernt die CDU«, heißt es in der SZ. Der Bonner Generalanzeiger sieht »Die Union … Marke ohne Wert«. Die NRW-SPD will »zurück zum Markenkern«. Und so weiter und so fort. Hatte man bisher gedacht, CDU, SPD oder andere ähnliche Gebilde seien Parteien, stellt sich nun heraus: Sind sie nicht, sie sind Marken, so wie ALDI oder das Posaunenwerk der evangelischen Kirche Hessen-Nassau – »es lohnt sich (, sich) für diese große Marke der EKHN einzusetzen« – oder DIE LINKE, wo es beim letzten Parteitag (aus dem Kreisverband Krefeld) hieß, »der Markenkern der Linken dürfe nicht aufgeweicht werden«. Glück auf im Betonbau.

Man möchte, leicht abgewandelt, mit Wilhelm II. sagen: Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Marken.

Der Gegensatz des Optimismus

Viele glauben, der Gegensatz des reinen, unverfälschten Optimismus wäre der reine, unverfälschte Pessimismus. Das ist ganz falsch, vielmehr ist Realismus der Gegensatz, denn während der Realist sich nicht vorstellen mag, braucht und kann, in naher oder fernerer Zukunft, also noch in diesem Leben, zum Optimisten zu werden, muß der Pessimist solch eine Wendung für durchaus möglich halten.