Menschenkenntnis

Im Laufe der Jahre bildet sich bei den meisten Menschen ein Geflecht von Vorurteilen, die sie Erfahrung nennen, und deshalb betrachten sie die andern (wie sich selbst) meist recht oberflächlich und geben ihnen nur dann die Chance, genauer angeschaut zu werden, wenn sie ins Schema passen, das die Menschenkenner sich zurechtgelegt und dessen Grundlage sie mit dem Namen Menschenkenntnis versehen haben. Es ist sehr schwer, ein solches Verhalten abzustellen, weil dem unbewußte, nicht reflektierte Prozesse zugrunde liegen. Sich selbst nimmt man vor allem deshalb nicht realistisch wahr, weil man gleich einer Mater genau der stereotypen Grundform entspricht, die man sich zurechtgebastelt hat – eingehende Betrachtung nicht notwendig, denn man glaubt sich zu kennen, auszukennen mit sich selbst.

7 Antworten auf „Menschenkenntnis

  1. Phil_Sophie schreibt am 05.03.2012 um 09:57 Uhr:
    Vorurteile gibt es immer beim Kennenlernen. Diese aber dann bei näherer und längerer, nachhaltiger Betrachtung des Einzelnen meist sukzessive abgebaut und in Erfahrung umgewandelt, bzw. als Vorurteil bestätigt haben.
    Viele Jahre der Kundenanalyse bestätigen mich heute zu 99 v.H. meiner „Vorhersagen“, die keineswegs Vorurteile geschweige denn Oberflächlich sind.

    Lyriost schreibt am 05.03.2012 um 14:46 Uhr:
    Das Gefährlichste und Hartnäckigste sind die (positiven) Vorurteile uns selbst gegenüber, unter denen ich selber auch leide, nach dem Motto: Meistens hatte und habe ich recht. Aber ich bewege mich da eher nur bei achtzig Prozent. Jedes Urteil über einen andern Menschen – außerhalb von Geschäftsbeziehungen: Ein potentieller Geschäftspartner paßt ja bereits ins Schema! – ist zwangsläufig oberflächlich: „Der Nachbar war solch ein freundlicher, hilfsbereiter Mensch. Daß der ein Serienmörder sein soll?“ 😉

    Phil_Sophie schreibt am 05.03.2012 um 15:38 Uhr:
    Mir scheint, du hast Angst vor analytischen Fehltritten. Die wird es immer geben, privat als auch geschäftlich. Niemals werden wir uns in einem Menschen zu 100 v.H. sicher sein können. Wäre das der Fall, gäbe es keine Scheidungen und Trennungen jeglicher Art.
    Jemanden in ein bestimmtes Schema zu stecken ist keine Oberflächlichkeit, sondern Erfahrung.
    In deinem Besteckkasten wirfst du deine Gabeln zu den Gabeln und nicht zu den Messern. Das ist ein Erfahrungswert der sich bewährt hat und keine Oberflächlichkeit.

    Lyriost schreibt am 05.03.2012 um 16:44 Uhr:
    Angst habe ich nicht, aber ich bin vorsichtig und selbstkritisch genug, auch mir selbst nicht ohne weiteres zu trauen, und ich habe auch eine Besteckschublade ohne Kasten. Es gilt jedoch auch: Ohne eine gewisse Oberflächlichkeit wären wir nicht handlungsfähig.

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  2. Dazu lässt sich m.E. relativ wenig sagen.

    Ich kenne mich schon recht gut, kann aber destotrotz nicht vorhersehen, was eine neue Erfahrung mit mir macht. Eine neue Erfahrung kann mich unterschwellig umkrempeln. Das merke ich erst dann.

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  3. Mir macht das Thema gerade sehr zu schaffen. Ich lebe schon lange allein, habe zwar soziale Kontakte, aber meist nur stundenweise. Was mir früher als Mutter und Partnerin vermeintlich leichter fiel, fällt mir heute schwer und das verunsichert mich zunehmend. Ich täusche mich in der Einschätzung der anderen immer häufiger.
    Mir fehlt die tägliche Auseinandersetzung und das „Gespiegeltwerden“ von vertrauten Menschen.
    Allerdings erfahre ich gerade in der Auseinandersetzung mit meinen erwachsenen Kindern, dass ich auch damals zu sehr auf mich bezogen war und mich irrte in meinen Einschätzungen.

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  4. Natürlich, aber manchmal ist die „Wahrheit“ bitter, auch wenn man vielleicht nicht alle Aspekte sieht. Trotzdem: angeschaut werden muss, was passiert ist, sonst kann man das, was ist, nicht verstehen und damit auch nicht verändern.🙋‍♀️

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  5. Ich irre, verirre mich. Ganz gewiß. Doch auf diesen Wegen entdecke ich die verborgenen Blumen, schnuppere nur einmal an der Rafflesia, erschrecke vor der fleischfressenden Pflanze, liebkose nicht ungestraft die Rose.
    Doch, ja, ich habe sie. Die Vorurteile. Und pflege sie zum Teil ungebührlich – vor allem die, die mit mir selbst zu tun haben. Dafür schäme ich mich ab und an. Und manchmal überwinde ich sie. Doch gehe ich in einen unbekannten Wald und ein unbekanntes Stadtviertel, so begleiten sie mich und warnen mich vor ungebührlichem Verhalten.
    Der anderen? Auch. Aber gerade auch von mir.
    Erschreckend finde ich Menschen, die behaupten, sie seien vorurteilsfrei. Ich halte das für eine weit überzogene Selbstannahme, eventuell auch für einen Mangel an Selbstbeobachtung.

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