Die Botschaft der Dinge und die Desillusionierung

Die Dinge sind nie Boten gewesen, wir haben sie früher nur dafür gehalten oder tun es heute noch. Die Desillusionierung, wenn sie stattfindet, führt dazu, daß alles schleichend der menschlichen Projektion entzogen wird und dann, bei der nächsten eingehenden Prüfung, durchfällt. Projektionsfläche löchrig. Jedes neue Entzünden hat zum Wozu nur die unbewußte Hoffnung, diese Löcher zu stopfen, aber die Frage nach dem Wozu ist nicht zu beantworten, weil schon in der Frage ein Fehler steckt, nämlich der Glaube, alles müßte ein Wozu hergeben. Solche Fragen bedenken nicht, daß Kategorien wie Nutzen, Zweck, Ziel und Sinn anthropomorphe Erfindungen sind und keine universellen Voraussetzungen haben. Kein Gott, der sich etwas wünscht, und keiner, der zu einem Ziel strebt.

Mit Heidegger gesprochen, bedeutet Individuation Transzendenz des Seins des Seienden und damit gewissermaßen Entleerung des Kosmos. Bleibt am Ende jedoch nicht die Wiederauffüllung durch individuelle Sinnstiftung, sondern die Aufhebung des Konzepts Sinn durch die Transzendenz des Individuums, das sich selbst als ebenso konzeptionell begreift wie die von ihm stillschweigend aufgesogene utilitaristische Weltsicht. 

Dank an Alcide für die Anregung.

2 Antworten auf „Die Botschaft der Dinge und die Desillusionierung

  1. Blog von Alcide „Schatten sind viele“ (rekonstruiert)

    Wozu?
    von: Alcide
    Wozu? Sich-Entzünden immer neu, Brennen für eine Sache, der Motor sein für eine Idee…? Wozu?… stattdessen: Fragwürdigkeiten, Weglosigkeiten… was einst mir Symphonie des Universums war ist nun Geräusch… Triumph der Mechanik über den Zauber des Übermaßes… vergilbte Ekstasen säumen den Weg ins Ungebundene… atemlos und schwach… Dinge, die keine Boten mehr sind, sondern nur Dinge… Wer das Wollen nicht mehr will lebt schon in der Dämmerung des schwindenden Ichs.

    7 Kommentare

    Lyriost schreibt am 16.02.2012 um 08:52 Uhr:
    Die Dinge sind nie Boten gewesen, wir haben sie nur dafür gehalten. Die Desillusionierung führt dazu, daß alles schleichend der menschlichen Projektion entzogen wird und dann, bei der nächsten eingehenden Prüfung, durchfällt. Projektionsfläche löchrig. Das neue Entzünden hat zum Wozu nur die unbewußte Hoffnung, diese Löcher zu stopfen, aber die Frage nach dem Wozu ist nicht zu beantworten, weil schon in der Frage ein Fehler steckt, nämlich der Glaube, alles müßte ein Wozu hergeben. Solche Fragen bedenken nicht, daß Kategorien wie Nutzen, Zweck, Ziel und Sinn anthropomorphe Erfindungen sind und keine universellen Voraussetzungen haben. Kein Gott, der sich etwas wünscht, und keiner, der zu einem Ziel strebt.

    (Kommentar sternenschein verlorengegangen)

    Lyriost schreibt am 16.02.2012 um 11:52 Uhr:
    Lieber sternenschein, natürlich reicht es, wenn wir Menschen Wünsche haben, nur ist es leider so, daß ein Großteil dieser Wünsche nicht allgemeinverträglich ist – wie zum Beispiel der Wunsch nach Weltherrschaft oder religiöser Vorherrschaft – und durch angebliche Voraussetzungen, etwa Gottes Wille, Verwirklichung des Weltgeistes, Notwendigkeit etc., einen überindividuellen Adel verliehen bekommt. Schon der Wunsch nach Wachstum und der Wille, dies um jeden Preis zu generieren …

    Auch dir liebe Grüße.

    Alcide schreibt am 16.02.2012 um 12:06 Uhr:
    Erst mal ein Danke für eure konstruktiven Beiträge!
    @Lyriost: du beschreibst den Vorgang der Desillusionierung sehr treffend! Wie aber lebst du mit dieser Desillusionierung? Wie kann man die Löcher in den Projektionsflächen ‚sehen‘ und dennoch glücklich sein? Setzt du nicht auch an die leere Stelle, wo früher metaphysische Deutungen waren, andere, vielleicht ästhetische Deutungsmuster (die als ästhetisches Phänomen gerechtfertigte Welt, Nietzsche)?
    Aber ja, bei der ganzen Sonderbarkeit meines Wesens bin ich doch ein ‚moderner‘ Mensch, der in der Spannung lebt zwischen einer Suche nach etwas das auch jenseits aller Anthropomorphismen Bestand hat oder der zumindest eine Seinsweise antizipiert oder eine Ausrichtung des Denkens, in dem die Sinnleere nicht weh tut…

    @Sonnenschein: ich bin mir durchaus bewusst, dass man an Sinnlosigkeit nur dann verzweifelt, wenn man zuviel Zeit hat um nachzudenken. Wenn ich in Tun oder Beschäftigung aufgehe, wenn ich von Menschen umgeben bin, die mir gut tun, dann ist das alles halb so schlimm, dann ist diese Beschäftigung mit diesen Dingen durchaus erträglich. Die existentielle Beklemmung verwandelt sich dann schnell in ästhetische Neugier… Aber es gibt auch andere Momente: die Momente des Schlaflosen, des aufsteigenden Grauens, die Vorstellung des Ungeheuerlichen inmitten dieses kreatürlichen Wahnsinns…
    Ich sah den Aufsatz von Eisenberg auch vor ein paar Tagen auf den Nachdenkseiten, habe ihn aber nicht gelesen, werde es aber im Laufe des Tages noch tun…
    Habe auch meinen Zweifel, ob wissenschaftliche Logik geeignet scheint sich diesen Fragestellungen zu nähern… Liebe Grüße!

    Lyriost schreibt am 17.02.2012 um 14:25 Uhr:
    Lieber Alcide, natürlich sehe ich die Welt im Sinne Nietzsches auch als „ästhetisches Phänomen“, aber sie ist dadurch nicht gerechtfertigt. Doch bedarf sie einer Rechtfertigung? Rechtfertigung setzt Moral voraus, jede Moral jedoch ist wegen ihrer Relativität fragwürdig, und man kann nicht das eine Fragwürdige auf der Grundlage eines andern Fragwürdigen rechtfertigen. Sinnleere kann dir nur weh tun, wenn du an Sinn glaubst, wenn du jedoch an Sinn glaubst, ist Sinnleere nicht existent. Paradox, nicht wahr? 😉

    sternenschein schreibt am 18.02.2012 um 09:12 Uhr:
    Lieber Alcide,
    wenn du von Menschen umgeben bist, die dir guttun, sagst du.
    Früher hattest du mal geschrieben, es isoliert wenn man anders denkt oder anders leben will, schaft Einsamkeit. Es erschien mir da, als hättest du davor eine unbestimmte Angst, vor dieser Einsamkeit, vor dem von nur wenigen verstanden zu werden. Wovor sollen dich die Menschen, mit denen du dich umgibst schützen oder vor was, sollen sie dich ablenken, fragte ich mich.
    Ich predige Weissgott nicht die Einsamkeit oder Abgeschiedenheit.
    Bin eher ein Mensch, der auf auf Menschen zugeht.
    Muss aber immer ein wenig lachen, wenn ich von anderen höre, wie einsam oder alleine sie sich manchmal fühlen. Auch und selbst wenn sie von vielen Menschen umgeben sind.
    Lachen deshalb, da ich immer denek, sie kennen dieses Alleinesein, die Einsamkeit garnicht. Jedenfalls selten so wie ich sie kenne.
    Nur ich empfinde sie nicht so. Ich kenne keine Langeweile oder innere Leere.
    Ich sehe oder spreche manchmal drei Wochen mit keinem Menschen, da ich sehr abseits lebe, kilometerweit von den nächsten Menschen entfernt. Nachts wenn ich schlafe, bin ich hier der einzige Mensch auf 9 qkm. Ich merke dieses oftmals garnicht. Wundere mich dann höchstens, wenn ich nach drei Wochen einkaufen gehe, dass ich noch sprechen kann.;-)
    Ich lebe hier in der Enklave, nicht weil ich es muss, oder vor der Welt bzw. mir selbst davonlaufe, sondern weil ich es so will. Ich war früher mein Leben lang von recht vielen Menschen umgeben.Besucher sagten manchmal, bei mir sei es wie auf einem Bahnhof, ein dauerndes kommen und gehen.
    Dagegen ist es jetzt ein Kontrastprogramm, mal drei Wochen lang nicht einen einzigen Menschen zu sehen.Aber auch irgendwie schön.
    Und deshalb verstehe ich deine Angst vor Isolation oder auch Einsamkeit nicht, obwohl sie wohl im Menschen begründet ist. Zudem wir ja auch alle verschieden sind und unterschiedlich auf das Äussere aber auch auf das Innere reagieren.
    Liebe Grüsse

    Alcide schreibt am 18.02.2012 um 14:15 Uhr:
    @Lyriost: Wie so oft quälen uns die Meinungen, die wir von Dingen haben mehr, als die Dinge von sich aus quälend wären. Sobald man sich Gedanken über Dinge macht, ist man i.d.R. schon verloren, weil dann das Abstrakte über das Praktische siegt… Es gibt natürlich auch mehrere Arten von Sinn: den metaphysischen Sinn, (die Angst beim Tod nicht verloren zu gehen), aber auch den banalen Alltagssinn (sein Leben anständig rumbringen, sich verwirklichen). Am ‚metaphysischen Sinn‘ kann man sich lange abarbeiten, aber er bleibt doch zumeist nicht fassbar, da ist jede Empirie fehl am Platz, und deshalb geeignete Grundlage für jede Art von Glauben… Den ‚praktischen Alltagssinn‘ kann man sich zumindest selbst geben, oder es zumindest versuchen: und das ist ja schon etwas… lieben Gruß!

    Alcide schreibt am 18.02.2012 um 14:27 Uhr:
    @Sternenschein: Es freut mich für dich zu hören, dass du mit dem Alleinsein so gut klarkommst. Ich werde richtig neidisch: so viel Ruhe, wahrscheinlich einen klaren Nachthimmel (wie ich ihn nur selten sehen kann). Ich treffe mich vielleicht auch nur alle 3-4 Wochen mal mit mehreren Freunden, und hin und wieder mal zum Joggen oder Rennradfahren. Es gibt dann auch mal Zeiten wo ich 3 Wochen lang nur Gespräche mit der Supermarktkassiererin führe, die sich i.d.R. darauf beschränken, ob ich eine Tüte brauche oder nicht. Umso schöner ist es dann nach langer Isolation wieder mal ein schönes Treffen zu haben und sich wieder artikulieren zu können. Die Verwunderung, die man dann beim Sprachen hat, dass es ja noch geht, ja die kenne ich nur zu gut…
    Als Mensch sind wir schon als soziales Wesen konzipiert: es gibt dann natürlich in der Erziehung Dinge, die einen prägen: bei mir war das die absolute Ignoranz meiner Eltern gegenüber meinem Wesen, außerdem: laute, lärmende, ja bösartige Brüder (die zwar nur meine Aufmerksamkeit wollten, allerdings mit Mitteln, die mich das Alleinsein schätzen lernten). Man hat seine Phasen: du sagst ja auch, dass du es früher in vollen Zügen gehabt hast das lärmende Leben… kann dann gut verstehen, dass man dann auch irgendwann ‚menschengesättigt‘ werden kann… Liebe Grüße!

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  2. Ah! Der Mensch, der Erwachsene, der Erwachende versucht (meist sehr unvollständig) sich aus dem ihm innewohnenden kindlich – urtümlichen Animismus zu befreien!
    Blöder Teppich, über den ich stolpere, dummes Marmeladenbrot, das mir hinunterfällt – ach, hätt ich nur meinen Regenschirm mitgenommen, dann würde es gewiß nicht regnen –
    nein, ich glaube nicht recht daran, dass wir das schaffen. Uns von der unterstellten Botschaft der Dingwelt zu lösen.

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