9 Antworten auf „Zauderer unter Beschuß

  1. Ich halte mich mal an die schönen Binnenreime, und die sind gelungen. Was die Ansage anbelangt: natürlich war der cunctator klug, aber doch auch nur, weil er gewinnen wollte, und auf das passende Mittel sann. Ums Gewinnen geht es immer, und manchmal ist schon das bloße Überleben Gewinn. Der Zauderer, der einfach nur aus der Schusslinie bleiben will, geht ein erhebliches moralisches Risiko ein. Wie immer bei moralischen Risiken, muss hier jeder für sich selber entscheiden. Der politischen Entscheidung, wenn sie verantwortete Entscheidung ist, bleibt dann zuweilen nichts anderes übrig, als voranzugehen, in der Hoffnung, dass die vielen Einzelnen das Beispiel unterstützen. Irgendwann ist eben, wie immer im Leben, Schluss mit lustig.

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  2. Das ist zu einfach, und das wissen Sie auch, Sie wollen provozieren. Wenn jede Gegenstimme vorweg qualifiziert wird als „irgendwelches Gerede“, können wir uns die Auseinandersetzung sparen, selbst die parlamentarische, die aber doch hier gefragt ist. Die Technik, unerwünschte Meinungen einfach auf ihre als schmuddelig erschaute Motivation zurückzuführen („hormonverseuchte Hirne“), liegt zwar immer griffbereit, aber man muss nicht alles machen, was man kann. Dass die Erbitterung ins Ungemessene wachsen mag, wenn man den richtigen Weg zu sehen meint, und die andere Seite will da einfach nicht mit, ist mir wohlbekannt. Die öffentliche Diskussion hat immer und überall die Tendenz, in solche Erbitterungszustände hineinzurutschen. Man sagt dann, da werden „niederste Instinkte angesprochen“. Der schnellen und entschlossenen Problemlösung, die wir im Augenblick dringend brauchen, ist das nicht förderlich. Hab das als Dienstvorgesetzter bis zum Abwinken erlebt: wenn ein wirkliches Problem vorliegt, muss entschieden werden. Vor der Entscheidung sollen alle sagen dürfen, was sie auf dem Herzen haben, ungeschützt und ohne Angst vor Nachteilen, alle Beschwerden und alle Argumente und alle dummen oder klugen Gedanken – und anschließend entscheide ich, als Chef, und die Entscheidung ist bindend, sie wird umgesetzt, sofort. Faustregel: besser ein Chef, der zuweilen eine falsche Entscheidung trifft, als einer, der sich vor jeder drückt. Wer es allen Seiten recht machen will, wird zum Schluss von allen Seiten gehasst. Wer sich alle Optionen offen halten will, ist zum Schluss der Sklave der Ereignisse, die Ereignisse entscheiden für ihn, und dann muss er machen, ob er will oder nicht. Wenn die Hütte brennt, ist Aussitzen nicht mehr die Option, Löschen ist die Option. Löschen, und zwar sofort, mit allem, was zur Hand ist.

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  3. Zum einen, der von Ihnen erwähnte Quintus Fabius Maximus Verrucosus „verhinderte, dass die Karthager nach den römischen Niederlagen am Ticinus, bei Trebia, den Trasimenischen Seen und später nach Cannae die Hauptstadt Rom einnehmen konnten. Dabei erwies er sich als brillanter Abwehrstratege.“

    „Ein einziger Mann hat uns durch sein Zögern den Staat wiederhergestellt. Denn irgendwelches Gerede ging ihm nicht über das Wohl der Allgemeinheit. Im Nachhinein glänzt sein Ruhm daher jetzt noch mehr.“ (Zeitgenosse über den Zauderer)
    https://www.frag-machiavelli.de/quintus-fabius-maximus-verrucosus-cunctator/

    Mein Hinweis war ja als Zitat ausgewiesen.

    Zum anderen finde ich es dringend erforderlich, daß möglichst viele dem bellizistischen Überschwang, der durch die Lande schwappt, etwas entgegensetzen. Auch wenn es nur wenige zu interessieren scheint, welche Folgen ihr Handeln haben kann.

    Wenn jetzt „ein einziger Mann“ verhindert, daß unser Land, das nicht angegriffen wird, gänzlich in einen Krieg hineingezogen wird, weil überwiegend mit dem Bauch Denkende der Schuldgefühle erzeugen wollenden Kriegspropaganda erliegen, dann ist das recht, denn dieser Mann hat geschworen, Schaden vom deutschen Volke abzuwenden. Wenn es ums Überleben geht, darf es keine Kompromisse geben.

    Kompromisse hätten andere in anderen Ländern vor längerer Zeit machen müssen, als es noch nicht ums Überleben ging. Aber dazu waren sie nicht bereit. Jetzt haben sie den Salat.

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  4. Ich sehe schon, das wird sich wieder im Kreis drehen. Bin aber froh, dass Sie ein Forum bieten, auf dem immer wieder so anregender Gedankenaustausch möglich ist. Das heißt, falls mal gerade das Internet funktioniert, das wackelt in meiner Gegend seit vierundzwanzig Stunden, und ich passe immer auf die offenen Fenster, um schnell hier einen Beitrag einzuschieben. Wie wir uns alle täglich darauf verlassen, dass die schöne Welt ihren Gang geht, und wie mühsam das Vorankommen wird, wenn da mal was ausfällt! Dies gesagt, hab ich mal wieder gesagt, was ich sagen wollte, und Sie vermutlich auch. Wir werden uns da nicht einigen können. Bleibt dabei, einer wird die Entscheidung treffen müssen.

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  5. So ist es. In der letzten Zeit haben einige, von Moskau bis Washington, Entscheidungen getroffen, und wie mir scheint, waren es allesamt falsche Entscheidungen. Wie falsch die waren, wird man wahrscheinlich wie immer erst viel später sehen. Ich entscheide mich erst mal für eine Osterpause. Bis dann.

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  6. Weg von einer quasi aktuellen (denn wird sie nicht immer geführt, werden nicht Gelegenheiten gesucht, sie herbeizureden?) Diskussion um leider immer noch Frieden oder endlich wieder Krieg denke ich an Allgemeineres und z.B. das schöne Buch, Die Entdeckung der Langsamkeit. Aber auch das Lob der Langsamkeit oder andere Hymnen auf die Zauderer. Oder eine Wildwestgeschichte, keineswegs im literarischen Wert vergleichbar, die ich in Jugendzeiten las (für damals waren mir da zu wenig Pferde drin und die Indianer zu bös, es waren die Zeiten des rauen Nordostens, noch nicht des späten, romantisch verklärten Wildwestens, und geschossen wurde noch brav mit Vorderladern): der allen überlegene Waldläufer, gegen den der gute Lederstrumpf wie ein Anfänger ausgesehen hätte, ermahnt seinen jungen Schützling und Lehrling: „Du mußt immer langsam sein. Langsam gehen, alles in dich aufnehmen. Nur wenn es darauf ankommt, mußt du blitzschnell sein.“ – Zwar als Zitat gekennzeichnet, aber so genau weiß ich den Wortlaut nicht mehr, das ist halt das, was meine Erinnerung daraus gemacht hat. –
    Selbst die alten Rothautkiller wußten demnach, dass hastige Entscheidungen dumm sind. Fatale Folgen haben können.
    Schnelligkeit ist gut, dort wo sie hingehört. Aber Hast war es noch nie. Wenn Entscheidungen zu fällen sind, so fälle man sie nach Faktenlage und nicht emotional, so sehr einem das Leid mancher auch nahegeht. Das ist eine alte Lehre. Und das überaus großzügige Liefern von Waffen z.B. durch das hochgerüstete und auch mit überquellenden Reservelagern versehene Amerika ist kein emotionaler, sondern ein wohlbedachter Akt des Eigeninteresses, das sieht doch wohl jeder (Übrigens, auch wenn das fast nicht hierhergehört: wie viele Flüchtlinge nehmen die Amis wohl diesmal auf? So viele, wie bei den letzten kriegerischen Aktionen, bei denen sie mitspielten?). Auch hier ist zu überlegen, welche Position man einnehmen möchte. Man muß sich ja nicht gleich in die seltsame Einigkeit von China, Indien und Pakistan, die so ein bißchen Gemetzel nicht weiter erwähnenswert finden und grundsätzlich hier mal aus Bündnisgründen neutral bleiben, so spinnefeind sie sich untereinander auch sind, einreihen.
    Würde man statt Waffen Verbandmaterial und Essen liefern, dann zählt das eh nichts, nicht wahr? Nur Hilfe beim Töten ist eine gute Tat. Aber wie Waffen liefern wenn die vorhandenen, so sie funktionieren, knapp sind und komplex, so dass ihre Bedienung erst umständlich gelernt werden muß? Aber es geht ja um die große Geste, auch wenn man dann, was genau die Leute, die nach der raschen Tat schreien, zu fürchten vorgeben, selbst waffenlos dastünde!
    Ach so, ja, ich wollte ja weg vom aktuellen Beispiel. Zurück zur allgemeinen Bedachtsamkeit und vor allem zur ausgeübten, nicht schnöde abgebrochenen Solidarität mit denen, die man einmal als Verbündete ansah. Wie Kurden, Afghanen,… Oje, ich breche ab, ich komme hier in ein ganz ungutes Fahrwasser.

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  7. Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar, liebe Gerlint, dem ich nur zustimmen kann und der mir zeigt, daß es auch in der gegenwärtigen Zeit der Ausuferung betreuter Meinungsgestaltung möglich ist, sich seine eigenen Gedanken zu machen, wenn man Übung darin hat und über einen ausreichenden Vorrat an Imprägnierspray gegen Progagandaschmutz verfügt.

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