Gesinne

Am meisten vermisse ich den Sinn beim Reden über den Sinn. Welch haltloses Geplappere ist das doch meistens, wenn Menschen vom Sinn sprechen, gar vom Sinn des Lebens. Man könnte dies Gerede als unsinnig bezeichnen, würde man nicht durch solche Wortwahl die Möglichkeit dessen einräumen, was im allgemeinen als Sinn bezeichnet wird. Tatsächlich könnte auch der Unsinn der wahre Sinn sein. Ja, »wahrer Sinn« – die bizarre Exotik der Sprache auf ihrem Höhepunkt. Ich bin mehr für sprachliche Erotik, etwa: das Rätsel des Seins oder die kryptischen Gestalten des Seienden.

6 Antworten auf „Gesinne

  1. Zwischenweltler schreibt am 19.05.2011 um 14:55 Uhr:
    *smile*
    …dann könnte man Dir aber die Mystifizierung der Sinn-lichkeit zur Last legen.

    Lyriost schreibt am 19.05.2011 um 14:59 Uhr:
    Ja, gern. Besser die Schwüle der Sinnlichkeit als die Herrschaft des trockenen Sinns. :-)))))))))

    Zwischenweltler schreibt am 19.05.2011 um 15:07 Uhr:
    Jepp! Mehr Kondome statt Sinnfragen. 🙂

    iman schreibt am 22.05.2011 um 00:25 Uhr:
    Hallo
    Besuchen Sie meinen Blog
    Ich schrieb Geschichten über den Islam und muslimische Denken
    (ungültiger Link)

    Lyriost schreibt am 24.05.2011 um 08:20 Uhr:
    Lieber Iman,

    auch im Islam sehe ich keinen Sinn.

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  2. Na ja, über Sinn zu reden macht nur dann Sinn, wenn es sinnvoll ist. Dass sich das im Kreis dreht, hat seinen Grund. Sinn schlechthin – also nicht nur Sinn in einem gegebenen Rahmen, wie „Sinn eines Wortes“ – ereignet sich nur dort, wo der Sinn im Außerhalb des menschlichen Begreifens verankert ist. Da das Außerhalb des menschlichen Begreifens dem menschlichen Begreifen per definitionem entzogen ist, bleibt als Rekurs nur die überwältigende Einsicht, da draußen ist was, Sinn ist, da ist wirklich Sinn, keine Ahnung welcher, aber Sinn ist. Diese Einsicht ist nicht vermittelbar, sie ist eher Überwältigung, ein existenzielles Radikal, das nicht weiter rückführbar ist. Deshalb ist auch nicht wirklich Diskussion möglich. Keiner kann hier den anderen überzeugen. Wenn der eine sagt, aus der ganzen Entzündung seines Entzückens heraus, Sinn ist, und der andere, seh ich nicht, dann müssen die beiden es dabei bewenden lassen. Es gibt keinen Weg, sich gegenseitig zu überzeugen. Wohl gibt es den Weg, sich gegenseitig zu überreden, nämlich durch das vitale Vorleben des Beispiels. Ob die andere Seite sich dann aber beeindrucken lässt, ist noch immer ihre Sache. Wo die Begründungen anheben, beginnt auch die Angreifbarkeit, naturgemäß. Wenn der Depressive argumentiert, das Universum ist sinnlos, suggeriert er damit, er kenne das ganze Universum und könne es beurteilen, die Depression offenbart sich somit als maskierter Größenwahn. Sagt der Depressive jedoch einfach, ich fühle nichts als Sinnlosigkeit, so ist das Argumentieren am Ende, man kann dann nur versuchen, ihn aus seinem Loch herauszuhelfen. Das gleiche gilt mutatis mutandis für den Glücklichen, der Sinn fühlt. Nur braucht der keine Hilfe. Im Zwischenbereich zwischen „alles sinnlos“ und „alles sinnvoll“ liegen die Milliarden von Sinngebungen, die auf einen Rahmen bezogen sind und von den Menschen gern als Schlagwaffe benutzt werden, sie sich einander über den Schädel zu ziehen. Das Problem hier ist nicht eine tatsächliche Beschaffenheit der Welt, sondern die Endlosigkeit unseres Geredes, hinter dem sich der Wille zu Bevormundung und Besserwissen verbirgt. Das Geltenlassen sagt immer nur das eine: seinen Sinn im Leben muss schon jeder selber finden, wir sollten uns gegenseitig dabei helfen, aber immer im Bewusstsein, was für den da drüben Sinn ist, mag für mich Unsinn sein. Das gute Zusammenleben ergibt sich daraus, dass alle gegenseitig sich gelten lassen, in Sinn und Unsinn, denn da ist niemand, der verbindlich den Unterschied festlegen könnte. Wenn welche behaupten, und viele tun das, sie besäßen das Wissen über den finalen Sinn des Universums der Geschichte Gottes was immer, dann sind sie Feinde des guten Zusammenlebens, und damit Feinde der Menschheit: inimici humani generis.

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  3. »… da draußen ist was, Sinn ist, da ist wirklich Sinn, keine Ahnung welcher, aber Sinn ist.«

    Da draußen ist was? Ja, aber wieso? Und weshalb dadraußen? Selbst wenn man, geistesgeschichtlich hellsichtig oder möglicherweise eher fehlsichtig, aristotelisch Entelechie und damit ein Telos voraussetzt, wie später zum Beispiel auch Hegel und mit ihm im Grunde die ganze deutsche idealistische Philosophie, so bleibt das bestenfalls eine dem metaphysischen Bedürfnis des Menschen geschuldete Glaubensfrage, also die philosophische Entsprechung des Gott- oder Götterglaubens der theologischen Vorstellungen. Gibt es einen Gott oder Götter? Wir wissen es nicht. Ob dem menschlichen Leben und der Geschichte der Menschheit Sinn zugrunde liegt (und wenn ja, welcher) oder nicht und ob das Reden vom Sinn außerhalb der Lebenspraxis angemessen ist oder, wie etwa Theodor Lessing in seiner Schrift »Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen« darlegt, eher fragwürdig, um nicht zu sagen »unsinnig« ist, wer will das wissen?

    Es ist ein wenig so wie bei Janoschs hungrigem Weihnachtsbären: »Du heiliger Weihnachtsbär – rieche ich da nicht
    Ofenrauch? Und wo es raucht, brennt auch ein Ofen, und wo ein Ofen brennt, steht auch ein Topf auf dem Ofen.
    Und wo ein Topf auf dem Ofen steht, könnte Erbsensuppe im Topf sein … Ooooh!«

    Mir scheint, die Menschen schon der Antike haben irgendwann angesichts des erlebten überbordenden Blödsinns nach einem Rettungsanker gesucht und sind bald antonomisch fündig geworden: Wo es Unsinn gibt, muß es doch auch Sinn geben, sonst macht der Unsinn keinen Sinn. 😉

    »Sinn« ist (wahrscheinlich) nur ein Wort, dessen Bedeutung unklar ist und selten hinterfragt wird.

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  4. Wer was alles gesagt hat, ist immer faszinierend zu verfolgen. Aber das war ja meine Ansage, das Erleben von Sinnhaftigkeit ist nicht vermittelbar. Hinter Ihrem Wegdisputieren der bloßen Möglichkeit dieses Erlebens scheint mir eine sonderbare Erregung zu wohnen, die dem Eifer verwandt ist. Erleben von Sinn ist das Erleben einer Exzentrizität, die eben, wie das Wort sagt, das Zentrum des Erlebens außerhalb seiner selbst erfährt. Dies Erfahren ist genuin und nicht weiter reduzierbar, Sie aber scheinen alle Welt und vor allem sich selber davon überzeugen zu wollen, gibt es gar nicht, alles Schwindler, oder Träumer, oder Systemphilosophen, was immer. Persönlich bin ich davon überzeugt, dass die meisten Menschen, die in sich irgendwie diese Exzentrizität wohnen fühlen, sich gar nichts Besonderes dabei denken, vielleicht hängen Sie friedlich der einen oder anderen Religion an, die Ihnen die Sache erklärt, denn so ist das nun mal, alles Erleben will nicht nur erlebt, es will auch erklärt sein. Problematisch wird das, wenn die Erklärungen als absolute Geltungen gesetzt werden, dann treten die Sinnverwalter als Sinninhaber auf den Plan. Solche Verderbnis aber entweiht nicht die genuine Erfahrung, sowenig eine Textverderbnis den genuinen Sinn des Textes entweiht. Was den armen Theodor Lessing anbelangt, so ging es dem ja nur darum, die Menschheitsgeschichte als einen an sich nicht sinnhaften Vorgang zu zeigen, dem gegenüber Geschichtsschreibung als sinngebend auftritt. Eine Warnung, die von der modernen Geschichtsschreibung durchaus aufgenommen worden ist, indem heute ja gerne von „Erzählungen“ geredet wird, nicht selten unter Außerachtlassung der Wahrheit, dass die Erzählung von den „Erzählungen“ selbst wieder eine Erzählung ist. In jedem Fall handelt es sich hier nur um einen partikularen Sinn, der sich auf einen gegebenen Rahmen bezieht, und die Diskussion macht ja allen Beteiligten sehr viel Freude, warum also irgendjemandem den Spaß verderben. Was aber das Licht anbelangt, das alles Sein und alles Seiende durchwaltet, so sagen eben manche, sie sehen es. Warum wollen Sie denen das bevormundend wegbeweisen? Aus der Besorgnis heraus, die wollen sich zu Lehrmeistern aufschwingen? Aber Ihnen steht es ja frei zu sagen, tut mir leid, seh ich nicht, zeigt mir das erst mal. Mein Argument ist nur, wir werden wohl, Sehende wie nicht Sehende, nebeneinander her leben und miteinander auskommen müssen. Ein bisschen gegenseitiges und wohlwollendes Interesse wäre da hilfreich.

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  5. Handelt es sich nicht immer um »partikularen Sinn«? Gerade bei den »Sehenden«. Leider ist es so, daß es besonders diesen sogenannten Sehenden nicht selten, um nicht zu sagen meist, am »wohlwollenden Interesse« für andere Sichtweisen mangelt. Wie man auch und gerade am armen Kugelfänger Theodor Lessing sehen kann. Es geht mir nicht um diesen oder jenen zurechtgezauberten Sinn, sondern um die grundsätzliche Fragwürdigkeit der Annahme, es gäbe so etwas wie einen überzeitlichen »Sinn« der Existenz von etwas. Wir belegen etwas, das wir nicht verstehen, das Sein, mit einer über die bloße Existenz hinausgehenden globalen metaphysischen Bedeutung und schaffen so gewissermaßen den Sinn von Sinn. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Ganze real ist oder sich nur in unseren Köpfen abspielt.

    Als wäre der blinde Drang nach Sein mehr als ein blinder Drang und hinter diesem Drang stecke ein intelligenter Strippenzieher, der sich etwas bei der Erfindung und Ankurbelung dieses Drangs gedacht hat. Als lauschten wir bei der Betrachtung der Welt und ihrer Geschichte dem Erzähler eines ziemlich dicken Entwicklungsromans, bei dem es am Ende, wenn auch leider nicht für uns selbst, zur kollektiven Erlösung durch ein Happy-End wie im Hollywoodfilm kommt. Auch und gerade in der Philosophie überzeugt mich das Hollywoodkonzept nicht sonderlich. Man seufzt und freut sich kurz, aber es bleibt doch ein schaler Geschmack.

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  6. Es geht nicht um Annahmen und Entwürfe und Voraussetzungen, es geht um das, was einer wirklich erfährt. Da diese Erfahrung mitteilbar, aber nicht überprüfbar ist, ist natürlich, wie in allen menschlichen Zusammenhängen, dem Schwindel Tür und Tor geöffnet. Vielleicht liegt da Ihr Problem. Der Prophet gilt bekanntlich nichts, der Prophetendarsteller alles. Wer aber die Erfahrung von Sinn wirklich gemacht hat, wird sich Einwände vielleicht freundlich anhören, sich aber seine Erfahrung nicht wegdisputieren lassen. Umgekehrt hat der mit der Erfahrung kein Recht, diese Erfahrung anderen aufzwingen zu wollen. Wenn einer, wie Sie sagen, unüberzeugt bleibt, dann bleibt er das eben. Man muss hier auf gegenseitiges Missionieren verzichten. Die wirkliche Existenz GOttes ist zum Beispiel ein Lieblingsthema PvM’s. SIE ist da, und daran ist nichts wegzunehmen, elle est là, et elle l’a, und damit hat es sich. Sie wiederum haben das volle Recht, dazu die Achseln zu zucken. Beide Seiten haben nicht das Recht, dem ganzen Rest der Menschheit die eine oder andere Einstellung als Normdenk oder Pflichtfühl aufs Auge zu drücken. Vielleicht denken Sie, armer Irrer, oder: Traumtänzer. Vielleicht denkt der auf der anderen Seite von Ihnen: armer Blinder. Erfahrungsgemäß wird dem Zusammenleben nicht aufgeholfen, wenn solche Einschätzungen mit Nachhall laut ausgerufen werden, zusamt der impliziten Aufforderung an gleichgesinnte Zuhörer, jetzt gemeinsam Haha-hahaha! zu machen. Was die Religionen anbelangt, so wäre es absurd anzunehmen, dass hinter dem Posaunen einer religösen Überzeugung auch eine genuine religiöse Erfahrung stecken müsse. „Glauben“ hat nichts mit wirklicher Erfahrung zu tun. Als dem Heiligen Paulus die Stimme vom Himmel erklang und er vom Kamel stürzte und erst einmal blind war, war das nicht sein „Glauben“, sondern es war eine Erfahrung, und gar keine schöne. Die unvermittelte Begegnung mit dem „Draußen“ ist selten angenehm, manchmal versteckt sich der Betroffene sogar in der Wüste, in der Hoffnung, hier findet „der“ mich nie. Tut SIE dann doch. Ich hoffe, Sie verstehen meinen Punkt. Wir können uns gegenseitig von solchen Dingen berichten. Dem Versuch, uns gegenseitig zu überzeugen, sollten wir nur zögernd nahetreten. Abstand zu nehmen aber wäre von dem Vorhaben, die jeweils andere Position als schlechthin falsch, wohl gar moralisch verwerflich hinzustellen.

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