Das kleine Maß für große Dinge

Neulich schrieb ich etwas über Anthropomorphismus. Tatsächlich habe ich danach nicht mehr bewußt über den Unterschied zwischen anthropomorph und animistisch nachgedacht. Aber in meinem Kopf ging das ohne mein Zutun wohl weiter, denn heute wachte ich mit dem Gedanken auf, das seien nicht zwei verschiedene Bezeichnungen für etwas Ähnliches, sondern tatsächlich Gegensätze. Ein Nachkomme der autochthonen amerikanischen Bevölkerung hatte in meinem Traum einen Baum umarmt, um so um Entschuldigung zu bitten, weil er ihm sein Leben nehmen müsse, um mit seiner Familie in der Wohnstatt nicht zu erfrieren.

Dem liegt ein animistisches Bild der Natur zugrunde. Mensch und Baum sind gleichermaßen belebte Teile der Natur, und der Mensch nutzt seine Macht über den Baum deshalb nur mit Vorbehalt und nur aus der Not heraus.

Anthropomorph dagegen ist die Vorstellung des Gläubigen, Gott habe ihn nach seinem Bilde erschaffen, weswegen Adam das korrekte Bild Gottes im Umkehrschluß entdeckt, wenn er morgens in den Spiegel blickt.

Anthropomorph ist auch das gutgemeinte Handeln der Hundehalterin, die ihren Liebling bei sinkenden Temperaturen in einen selbstgestrickten Anzug steckt, ob es dem vermenschlichten Tier gefällt oder nicht.

Animistische Vorstellungen schließen Pflanzen mit ein, anthropomorphe nicht. (Mal abgesehen von Disney-Filmen für Kinder.) Animismus ist Einfühlung oder mit Einfühlung verbunden, Anthropomorphismus dagen Aneignung, Vereinnahmung im Sinne des protagoräischen Homo-mensura-Satzes.

Man kann den Gedanken, der Mensch sei das Maß aller Dinge, aber auch als Eingeständnis deuten, das anthropomorphe Brett vor dem Kopf verhindere ein wirkliches Sehen.

4 Antworten auf „Das kleine Maß für große Dinge

  1. Ein Kind rennt hinaus auf die Morgenwiese, und auf allen Gräsern glitzert der Tau. Die blinkenden Tropfen wispern mit tausend Stimmen, und vom Aufgang her rollen Ballen roter Wärme durchs Gezweig. Das Kind weiß sich nicht zu fassen vor Entzücken.

    Irgendwo hinter dem Horizont lauern die mit der Deutungshoheit. Die mit der Definitionsmacht. Eine warnende Stimme sagt dem Kind, lass dich nicht auf die ein. Das Auseinanderlegen von Definitonen ist die dürrste Weise des Philosophierens, auf Endlosigkeit angelegt. Kommt der nächste, der selten der Nächste ist, und weiß es anders und besser.

    Es liegt in der Natur der Sache, dass die Kinder erwachsen werden, meist vollzieht sich das Erwachsenwerden in der Form des Zusammengeschrienwerdens. Falsch! Alles falsch! Wir haben doch längst rausgefunden, was richtig ist! Das Kind muss dann wählen unter den Schreien, die Wahl fällt beliebig aus, wie es Ort und Zeit eben bringen. Das kann es doch nicht gewesen sein, denkt das Kind. Es stößt all die Schreie von sich, und wenn es Glück hat, ist da unter all dem leeren Stroh noch ein Funke übriggeblieben, ein Funke der elementaren, fassungslosen Freude, als es zuerst hinausrannte auf die Morgenwiese. Dieser Funke, entdeckt das Kind, das erwachsen gewordene Kind, ist all mein Besitz. Ich hätte ihn besser hüten sollen.

    Und da es nun alt ist, das Kind, kniet es nieder und pustet aus vollen Backen, den Funken neu zu entfachen, zum Brand, und wieder färben sich rot die Horizonte. Die Sonne geht jetzt unter, aber ist sie nicht ebenso schön wie im Aufgang?

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  2. Das ist sehr schön geschrieben. Voller Poesie wie das Leben, wenn man den Blick für das Ganze und das einzelne hat.

    Das Empfinden eines Kindes, wenn es erwachsen geworden ist, muß jedoch nicht zwangsläufig durch analytische Definitionen zerstört worden sein. Nicht jeder wird zusammengeschrien und läßt das zu. Zu meiner Zeit als Kind war das autoritäre Gebrüll weit verbreitet, aber ich habe mich mit Händen und – vor allem – mit Füßen dagegen gewehrt.

    Nein, das Kind erweitert seinen Horizont, und zum Empfinden gesellt sich ein Wissen, das das Empfinden fürderhin begleitet und bereichert. Niemand muß sich für die eine oder die andere Seite entscheiden. Jeder kann sich gleichzeitig oder intermittierend in verschiedenen Erlebnisbereichen aufhalten, doch wenn er zu anderen Menschen darüber spricht, sollte er die unterschiedlichen Regeln der jeweiligen Bereiche berücksichtigen. Kinder reden anders als Wissenschaftler. Wenngleich sie manchmal die klügeren Philosophen sind, sind sie nicht unbedingt die besseren Theoretiker oder Rhetoriker. Kein Kind käme auf die Idee über so etwas wie Deutungshoheit zu sprechen.

    Ich übrigens auch nicht. Je nachdem, auf welcher Ebene ich mich befinde, gibt es für mich nur Erfahrungsaustausch oder Argumentation. Am besten beides gemeinsam.

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  3. Ist wohl so. Natürlich kommen Kinder nicht auf die Idee, über Deutungshoheit zu sprechen, sie sind ihr nur ausgeliefert. Und manche werden so zusammengebrüllt, dass für das Wehren mit den Füßen nur noch der Weg nach Innen bleibt. Wenn sich dann im Innen schon die brüllenden Sinninhaber einen festen Brückenkopf verschafft haben, ist für dies Kind lebenslange Arbeit angesagt, überhaupt erst einmal das Innen wieder frei zu bekommen, von dem Draußen ganz zu schweigen. Aber das nur am Rande. Grundsätzlich ist das Wandern zwischen den verschiedenen Geltungsräumen immer eine Option. Muss dann jeder selber rausfinden, wo er sich am liebsten aufhält. Mancher kriegt eingeredet, hier bist du zu Hause, und merkt irgendwann, bin ich nicht, war ich nie, bloß raus hier. Aber, wie gesagt, das nur am Rande. Im Grundsatz d’accord.

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  4. Ja, den harten Besen für das beharrliche Fegen des Über-Ich-Raums sollte man sich auf jeden Fall rechtzeitig anschaffen, denn dieser Raum wird ebenso beharrlich von allerlei institutionellen Autoritäten über die in der Kindheit geschaffenen emotionalen Kanäle neu gefüllt. Wir sollten Bescheid wissen über diese Kanäle und die Erbauer und Betreiber. Dieses Wissen erwerben wir über Reflexion und Analyse der Enstehungsbedingungen von Bewußtsein und dessen Manipulation durch Religion, Moral etc.

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