Erdmann – Szenische Monodialoge 15

ERDMANN verknittert, verläßt das Schlafzimmer, geht zum PC und startet ihn, dann begibt er sich ins Bad.

Ganz schön kalt hier
und beim Wasser dauert es wieder
bis das warme ankommt
läuft erst durchs ganze Haus
und wärmt die Tapeten
in wenig genutzten Nebenräumen

war wohl mal anders geplant
oder gar nicht
im Sommer macht’s ja nichts
aber immerhin gute Übung
für den nächsten Winter
ohne russisches Erdgas

ein gewisser Herr Röttgen
macht sich stark für einen
Importstop russischer Heizprodukte
Sanktionen sind immer gut
meint er und meinen
viele andere auch

sieht man ja gerade
wie gut das funktioniert

die Ukraine und die NATO
haben so lange nach Sanktionen
Zwang Strafen Vergeltung geschrien
bis der Bär in seiner
Höhle aufgewacht ist
und jetzt den Elefanten
im Porzellanladen gibt

nur weiter so

und wieder trifft es
vor allem Unschuldige
so war es in Vietnam
so war es im Irak
so war es in Libyen
so war es in Afghanistan

so war es immer

ach so, ja, Sanktionen
gab es da keine
ging ja nicht um Rußland
den bösen Putin
sondern bluten für
die freie Welt
bluten für die gute Sache
der andern

jetzt wird mir ganz warm
vor Aufregung

unerträglich diese
Wettlügerei
wenn es um
die Ukraine geht
dieses zutiefst demokratische
Land, dessen Führung
gerade mit allen Mitteln versucht
uns in den Krieg hineinzuziehen
und die eigene Bevölkerung
zu verheizen

als wäre das Problem im
Osten des Landes nicht hausgemacht
als wäre die Krim
von alters her ukrainisch
statt ein Wodkawitz
von Chruschtschow
ein Geschenk in der Familie
reine Symbolik

was nützt das Völkerrecht
wenn die Völker nicht
gefragt werden?

dabei wäre ein Hafen mehr
für die Flotte der
freien Welt
nicht zu verachten
mit vielen Sternen
auf den Fahnen
und so schön nah
am Reich des Bösen

jetzt ist mir wieder kalt
bin etwas vom Thema abgekommen
schnell anziehen
auch der Blick in die
Geschichtsbücher wärmt nicht

Wozu das alles?
wo doch die Fleischtöpfe
mit denen gewinkt wird
nach und nach
vegetarisch verseucht sind
langfristig gibt es da
nicht viel zu holen

Ich frage mich wirklich
was den ukrainischen Nationalismus
im Westen für manche so sexy macht
ist es nur die Tradition
früher antisowjetisch
als man in der Westukraine
in der galizischen Waffen-SS
mit Hitler Bruderschaft trank

oder heute der
antirussische Reflex
der sich wieder Bahn bricht

wie auch immer
der große russische
Aggressor ist da
und die vielen kleinen
und auch die großen
Herausforderer tun so
als hätten sie ihn
nicht gerufen

Für uns heißt das
zahlen für die Ukraine
und frieren
für die Ukraine
sind noch Schulden
aus dem letzten
Weltkrieg

Und schaun wir mal
ob die Kindergeschichten

vom tapferen David
im oliven T-Shirt
und vom feigen Mann
am langen weißen Tisch
uns weiterhelfen

Ich glaub es nicht

Verläßt das Bad, hört ein Summen

Diese blöde Kiste.
Hat sich beim Runterfahren
gestern abend wieder aufgehängt
die ganze Nacht gelaufen
bei den Strompreisen
oder hab ich Trottel im Vorschlaf
nur wieder vergessen
das Ding auszuschalten?

Setzt sich kopfschüttelnd
an seinen Arbeitsplatz.

6 Antworten auf „Erdmann – Szenische Monodialoge 15

  1. Das liest sich alles sehr plausibel und ich denke, dass du das gut dargestellt hast. Aber wie sollte denn das Zusammenleben in der heutigen Welt aussehen? Was ich nicht akzeptieren kann, ist die These, dass der Bär so weit gereizt wurde, dass er nicht mehr anders kann. Die Ukraine mag so undemokratisch gewesen sein wie Ungarn und Polen, oder noch schlimmer. Aber es fand eine Entwicklung statt, die es den Menschen ermöglichte, sich zu entwickeln. Dass ein Wettkampf größerer Mächte mitspielte mag sein. Aber was meines Erachtens in der heutigen Welt nicht mehr passieren sollte, ist die Anwendung brachialer Waffen gegen ein anderes Land. Das ganze dann immer mit der Brille des „historischen“ Rechts. Es ist mir „scheiß“ egal wem die Krim historisch gehört. Es ist mir aber nicht egal, dass Russland einfach einmarschiert ist und sagte, das ist jetzt mir. Hätte er die Bevölkerung gefragt, hätte er möglicherweise eine Mehrheit gefunden, die dafür war. Aber wäre er nicht einmarschiert, hätte diese Mehrheit vermutlich keine echten Repressalien erlitten. Zumindest nicht mehr, als die Gegner jetzt. Jetzt von langer Hand unglaublich schlecht geplant hirnlos in die Ukraine einzufallen geht alleine auf Putins Deckel.

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  2. Ich bin auch für ein friedliches Zusammenleben. Das haben Menschen aber noch nie dauerhaft geschafft. Sie suchen fast alle nur den eigenen Vorteil auf Kosten anderer. Und Staaten sowieso. Ich habe auch kein Geheimrezept, und ich sage nur, was ich sehe, und halte mich so weit wie möglich von Propaganda fern. Auch und gerade von emotionaler. Und ich finde es schlimm, wenn der amerikanische Präsident, wie jetzt geschehen, Kriegsleid nur bemerkt, wenn es mal andere direkt aktiv verursachen als US-Amerikaner.

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  3. Der US Präsident ist mir nicht lieber als unser Kanzler oder Zelinsky. Aber er ist mir definitv lieber als z.B. Trump und ähnliche Demagogen. Klar ist da ein gehörige Portion Doppelmoral im Spiel, aber so ist das in der Politik. Wie du sagst, jeder ist sich erst mal selbst der Nächste.

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  4. Freue mich jedenfalls aufrichtig, dass Sie wieder da sind, habe Ihre Beiträge in den letzten Wochen vermisst. Und freut mich auch für Sie, dass Sie nun offensichtlich mal losgeworden sind, was Sie loswerden wollten. Was raus muss, muss raus. Für mich als Leser geht die Frage weniger auf die Meinung, als vielmehr darauf, ob die Meinung gut ausgedrückt ist, vielleicht sogar brillant. Karl Kraus, um nur ein Beispiel zu nennen, hat seine Meinungen immer so ausgedrückt, dass man mit einer gewissen Ehrfurcht vor dem Ergebnis steht, auch wenn man in der Sache denkt, der hätte sich ruhig mal ein bisschen besser informieren können. Da Sie Ihren Beitrag veröffentlicht haben, nehme ich an, Sie sind mit dem künstlerischen Ergebnis wenigstens selber zufrieden. Ist doch mal was. Wie gesagt, freut mich für Sie, und für mich dann auch.

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  5. Vielen Dank für den Kommentar, Herr Flamm, ich hab das mal an den Herrn Erdmann weitergegeben. Der ist wie ich selbst nicht so recht zufrieden mit der ästhetischen Qualität des Ganzen und meint, das ginge kürzer. Der Meinung bin ich auch. Aber alles zu seiner Zeit. In ein paar Monaten klingt das dann vielleicht so wie schon früher:

    Tagesschau

    Milchglasiges
    Wundengebrüll
    zerfließt an
    schreckenverkrusteten
    Seelen.
    Sekundenstarker
    Trauerbruch
    wieselt vorbei.
    Unterm Mantel
    erstarrter Tränen
    trommeln Herzen.
    Vergessen

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