Zurechtgedreht

Ein entfernter Bekannter war internetsüchtig, wie er mir vor kurzem bekannte, als ich ihn in einer Verfassung antraf, die dazu angetan war, ihm die ansonsten ein wenig blockierte Zunge zu lösen: Ein klein wenig durch Alkoholeinfluß beeinträchtigt, stolperte er durch die Landschaft und suchte erfolglos nach seiner Wohnung. Während ich ihn nach Hause geleitete, berichtete er, er sei sogar sexsüchtig gewesen, schlimm sei solch ein Zustand. Aufmerksame Freunde jedoch, die, mit denen er vorhin bowlen gewesen sei, hätten ihn gerettet und ihm professionelle Hilfe verschafft bei solch einem Psychofuzzi, und der hätte ihm das Hirn gekonnt zurechtgedreht: Nun sei er glücklich wie früher, schaue mit Genuß beinahe jede Serie im Fernsehen und sei auch wieder dreimal wöchentlich beim Bowlen.
Das Leben sei schön.

Die Zeit

Eine Antwort auf „Zurechtgedreht

  1. ameparia schreibt am 18.08.2010 um 09:46 Uhr:
    Der Artikel und all die anderen Kommentare waren sehr interessant.

    GrafKroete schreibt am 18.08.2010 um 19:05 Uhr:
    Nun, die einen Nennen es Sucht, die Anderen Vergnügen…… ist das Leben lang genug das man auf Vergnügungssucht verzichten darf??????

    ameparia schreibt am 18.08.2010 um 21:16 Uhr:
    @GrafKroete
    Sofern ich mich nicht täusche (sic) ist ein ausschlaggebendes Merkmal, dass die Betroffenen unter der Sucht leiden. Prinzipiell sag ich zu jedem Magersüchtigen, der sich wohl fühlt und glücklich ist, dass er so weiter machen soll. Und wenn jemand darunter leidet – und sei es nur an einem von zehn Tagen, sollte es ernst genommen werden.

    GrafKroete schreibt am 18.08.2010 um 22:15 Uhr:
    Klar und wenn der Magersüchtige sich dann an drei von zehn Tagen unwohl fühlt ist es auch bald vorbei mit dem mageren Vergnügen ………….. Ich hatte mein Leben lang viel Vergnügen mit exzessivem Handeln, Sucht wurde mir dabei gerne unterstellt.
    Wer legt fest was Sucht ist? Die Pfaffen? Die Politiker? Die Ärzte? Du? Ich jedenfalls nicht!!!! Aber wenn jemand zu mir kommt und sein Handeln als zwanghaft, krankhaft und änderungswürdig deklariert, dann will ich mich gerne Bemühen diesem Menschen Einsicht in meine Vergnügungen zu gewähren.
    Ich denke ich: Würden Menschen Menschen nicht immer in Rahmen pressen wollen gäbe es vermutlich nur noch pures Vergnügen. Alleine, es fehlt mir der Beweis…

    ameparia schreibt am 18.08.2010 um 22:21 Uhr:
    „Klar und wenn der Magersüchtige sich dann an drei von zehn Tagen unwohl fühlt ist es auch bald vorbei mit dem mageren Vergnügen ………….. “

    Nicht unbedingt. Sekundärer Krankheitsgewinn. Außer du meintest, dass er irgendwann stirbt.

    „Würden Menschen Menschen nicht immer in Rahmen pressen wollen gäbe es vermutlich nur noch pures Vergnügen. Alleine, es fehlt mir der Beweis…“

    Da magst du Recht haben…
    Ich möchte nicht sagen, was eine Sucht ist, oder nicht – was Krankhaft ist oder nicht; und ich wurde schon öfter gefragt und immer gab ich diese Antwort: wenn jemand leidet, ist es eigentlich egal, wie genau man es nennt. Wichtig ist, dass er dann Hilfe findet. Sei es nun, dass sein Handeln ihm Vergnügen bereitet, oder dass er das Handeln so umstrukturiert, dass es ihm gut tut.

    Lyriost schreibt am 18.08.2010 um 22:27 Uhr:
    Manch einem ist es ein Vergnügen, das Vergnügen durch moralische Bedenken in Mißvergnügen umzubiegen. Fast schon scheint es bei dem einen oder andern Suchtcharakter anzunehmen, dem Vergnügen zu wehren. Dies Wehrhafte dem Vergnügen gegenüber gehört zum Kern der meisten Religionen. Dionysos ist mächtig, aber sein Ansehen ist gering. Vielleicht deshalb, weil er so mächtig ist. 😉

    Lyriost schreibt am 18.08.2010 um 22:50 Uhr:
    Liebe ameparia, was heißt in diesem Falle leiden? Worunter leidet der Mensch, dessen Konsumverhalten vom Verhalten der Mehrheit abweicht? Leidet er daran, daß die Mehrheit die Nase rümpft und ihm einredet, er sei nicht ganz dicht? Oder leidet er an sich selbst? Aber warum?

    ameparia schreibt am 18.08.2010 um 23:23 Uhr:
    „Leidet er daran, daß die Mehrheit die Nase rümpft und ihm einredet, er sei nicht ganz dicht?“
    Leidet er daran, so kann er Hilfe finden, das Rümpfen zu ignoriere und zu tun, was ihm gefällt und gut tut. Ich denke hier z.B. an einen Homosexuellen, der leidet, weil er als abnormal angesehen wird.

    Leidet er an sich selbst, würde ich Plassmanns Theorie empfehlen (https://www.researchgate.net/publication/299468481_Moderne_Traumatherapie). Da ich nicht sicher bin, ob ich dich richtig verstanden habe, hol ich jetzt nicht weiter aus.

    Es gibt beides, denke ich. Und leicht zu trennen ist es nicht immer. Aber ich denke, man kann spontan davon ausgehen, dass ein Junge, der vergewaltigt wurde (und es nicht verarbeiten konnte), sich nicht aus Spaß runterhungert, sondern damit er z.B. seine Gefühle regulieren kann. Entscheidend ist für mich persönlich immer das subjektive Empfinden. Und davon ausgehend wendet man sich dem Leiden unter Anderen, oder unter sich selbst zu.

    Lyriost schreibt am 18.08.2010 um 23:41 Uhr:
    Man darf natürlich nicht (potentiell tödliche) Krankheiten mit gesellschaftlich Verpöntem gleichsetzen. Merkwürdigerweise wird sowohl Lese- wie auch Büchersammelsucht, also Bibliophilie, nicht als problematisch betrachtet, es sei denn, es handelt sich um pornographische Literatur. 😉

    ameparia schreibt am 18.08.2010 um 23:46 Uhr:
    Wobei pornografische Literatur natürlich potentiell tödlich ist ;).

    M.Sonnenschein schreibt am 20.08.2010 um 12:53 Uhr:
    ….der Süchtige muss sich aber auch helfen lassen wollen, sonst hat man keine Chance, ich spreche aus Erfahrung

    Lyriost schreibt am 20.08.2010 um 13:13 Uhr:
    Sexsüchtigen hilft am besten ein (katholischer) Priester. 😉

    Unbreakable schreibt am 21.08.2010 um 23:10 Uhr:
    Ob süchtig oder nicht – wir werden alle sterben. Das Leben ist potentiell .. äh… definitiv tödlich. 😉

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