Selbstschutz und Tabu

Anatomie der Schwachsinnsbehauptung: Wer sich nicht traut, seine Meinung zu sagen, weil er Angst davor hat, daß sie sich im Gespräch als unsinnig erweist, meidet das Gespräch und die Selbsterkenntnis am besten dadurch, daß er erklärt, er dürfe das, was er denkt, nicht sagen, denn er verstoße sonst gegen Tabus. So kann man bequem weiter dummdenken. Eine Variante: Der etwas Mutigere sagt das, was er denkt, freiheraus, ohne nachzudenken, und führt den folgenden Widerstand und das Gelächter ausschließlich darauf zurück, daß dieses Ausdruck einer Tabuisierung sei. Auch so bleibt der eigene Standpunkt imprägniert gegen Fremdargumente und kann Stehpunkt bleiben.

Moralapostelei

Die Hauptschwierigkeit bei der Apostrophierung anderer als »Moralapostel« – das ergibt sich aus der inneren Logik der Nachdrücklichkeit –, ist der Umstand, daß man dabei erst schleichend, doch dann immer offensichtlicher selbst zu dem wird, was man zu bekämpfen glaubt. Apostolisches Sendungsbewußtsein schafft sich selbst eine Moral, von deren Warte aus es die Moral der anderen zu entwerten versucht. Dabei wird man leicht zum Demagogen oder zum Prediger.