Umgangssprachlicher Krieg

Beim Ausdruck »umgangssprachlicher Krieg«, also bei der Bezeichnung dessen, was offen euphemistisch am besten temporäres Friedensdefizit genannt werden kann, findet sich eine Verschiebung des Euphemismus ins Attribut. Man möchte die verschleiernde Wirkung, ohne daß das Stilmittel, das für den Nebel sorgt, sofort sichtbar wird. Deshalb nennt man das Ding beim Namen, benutzt jedoch ein nebulöses weichspülendes Beiwort, hoffend, daß dieses dem harten Wort seine Kraft nimmt. So hat man alles gesagt und kann je nach Lage der Dinge seine Hände in Unschuld waschen.

Die christliche Moral

Die christliche Moral
hat die Menschen gezähmt

ist kreuzgefahren

hat die Heiden entwolft

hat Hexen und Ketzer gerettet
vor dem Feuer
Indianer geschützt
den Dreißigjährigen Krieg verhütet
die Armen den Reichen
aus dem Rachen gezogen

den Ersten Weltkrieg unterbunden
den Zweiten Weltkrieg verhindert

Dank der christlichen Moral
kein Auschwitz und Hiroshima
der Mensch dem Menschen
kein Wolf

Was wären wir
ohne die christliche Moral?

Gewohnt peinlich

Der FDP-Abgeordnete Paul Fresdorf, Abgeordnetenhaussitzer in Berlin, hat mir mal wieder vor Augen geführt, weshalb die FDP zu Recht dort in aller Regel in der Nähe der Fünf-Prozent-Hürde herumsitzt.

In der Debatte um die Berliner Bildungspolitik meinte Herr Fresdorf: »Es wäre eine gute Möglichkeit für die große Hoffnung der Sozialdemokratie, Franziska Giffey, nach Berlin zu eilen. Da könnte sie zeigen, wie wichtig ihr ihre Heimatstadt ist.«

Mal wieder zeigt sich ein FDP-Abgeordneter wie üblich so vorlaut wie schlecht informiert. Tatsächlich ist Frau Giffey in Frankfurt (Oder) geboren, in dem kleinen Dorf Briesen aufgewachsen und hat in Fürstenwalde ihr Abitur gemacht. Per definitionem ist eine Heimatstadt aber der Ort, in dem man aufgewachsen ist. Das ist in diesem Fall nun wirklich nicht Berlin.

Ob Spandau (bei Berlin) die Heimatstadt eines Berliners sein kann, darüber läßt sich streiten. Vor allem aber streitet man in Spandau darüber, ob Berlin die Heimatstadt eines Spandauers sein kann. Dazu muß man wissen: Herr Fresdorf ist in Spandau geboren und aufgewachsen.

Im Dunkeln die Zeit

Ein besonderes Merkmal der Zeit ist, daß die meisten sich nicht für sie zu interessieren scheinen. Also kreiert sie die vielen Zeiterscheinungen, um auf sich aufmerksam zu machen. Doch es nützt ihr nichts, denn die Betrachter halten die Erscheinung für das Wesen. Und so bleibt die Zeit weiter allein in der Dunkelheit.

Meinungsautomat

An jeder Ecke stehn sie, und keiner weiß, wie sie heißen, diese Automaten … nun, wie soll ich sie nennen, ein passender Neologismus zur rechten Zeit: Meinungsverkündungsautomaten. Warum ist nicht schon mal eher einer darauf gekommen? Warum nicht ich?

Meinungsauswahl

»Der Kommentar muss erst noch freigeschaltet werden …«

Jemand schrieb sinngemäß, die obersten europäischen Richter wären blöde Antisemiten. Daraufhin erklärte ich in einem Kommentar sachlich und mit, wie ich glaube, recht guten Argumenten, weshalb ich diese Meinung, die der Schreiber natürlich nicht für seine Meinung, sondern für Wahrheit hält, weshalb ich diese Meinung nicht teilen kann und daß ich es für eine schlechte Angewohnheit halte, Andersdenkenden, in diesem Fall den obersten europäischen Richtern, inflationär den Stempel Antisemit aufzudrücken.

Das ist ja sehr in Mode. Wie leider auch wieder der tatsächliche Antisemitismus. Ob und (wenn ja) wie beides zusammenhängen könnte, möchte ich hier nicht erörtern, sondern nur darauf hinweisen, daß es möglicherweise einen Zusammenhang gibt.

Daraufhin las ich kurz und knapp, ich schriebe »Schwachsinn«.

Leider wollte man mir nicht erklären, inwiefern meine Worte als »Schwachsinn« angesehen wurden und weshalb genau die Richter blöd sind. Möglicherweise weil es zuviel Mühe gemacht hätte, mir das zu erklären, oder weil man sich nicht mit Denkprozessen den Abend verderben mochte.

Also ließ man den »Schwachsinn«-Satz, den ein anderer als ich möglicherweise als beleidigend empfinden könnte, als letzten Kommentar stehen und gab weitere Kommentare nicht frei.

Da ich so etwas wie auch die Abschaltung der Kommentarfunktion in letzter Zeit öfter erlebt habe, obgleich meine Kommentare weder beleidigend noch unsachlich waren, sondern lediglich einer anderen Meinung argumentativ Ausdruck gaben, werde ich zukünftig Meinungsäußerungen auf Blogs, die Kommentare einer Zensur unterwerfen, nicht mehr dort kommentieren, sondern bei Bedarf hier in der Rubrik »Einer sagte«.

Dann bleiben die Genannten vom fremden Meinungsschmutz auf ihren heiligen Seiten verschont.

Zimmergeschichte

Wir sitzen alle zusammen in einem Zimmer mit verschlossenen Türen. Die einen versuchen, sich dort einzurichten, und streiten über das Muster der Tapete und die richtige Anordnung der Sitzgruppen, während andere neue Legierungen für Brechstangen ersinnen, mit denen wieder andere vergeblich auf die Türen einstürmen, die sich als außerordentlich widerstandsfähig erwiesen haben. Dies ganze Szenarium existiert seit langer Zeit, und wir haben uns angewöhnt, es Geschichte zu nennen. Ein großes Wort für die Wirklichkeit in unserm kleinen Zimmer, das sich, wie wir vermuten dürfen, in einem Haus befindet, von dem wir aber leider nichts wissen, weil die Türbrecher, diese ewigen Versager, zwar viel schwitzen, doch leider nichts fertigbringen, als Brechstange um Brechstange zu verbiegen.

Diese Geschichte als Ganzes können wir ebensowenig sehen wie das Sein als Ganzes – die Türen sind zu, und wir kommen nicht raus, um eine höhere Perspektive einzunehmen.

Wie wollen wir nun eine Totalität erfassen, in deren Innerem wir uns befinden? Bleibt erst mal nichts weiter übrig, als das Ganze als ein Abenteuer zu betrachten und sich zu bemühen, innenarchitektonisch Akzente zu setzen.

Erdmann – Szenische Monodialoge 8

ERDMANN verknittert, verläßt das Schlafzimmer, geht zum PC und startet ihn, dann begibt er sich ins Bad.

Schon erstaunlich
findest du nicht auch
mein lieber Spiegel
genau wie du
noch nicht richtig wach
aber schon ein freundlicher
Gesichtsausdruck
na ja unlängst
erst blankgewienert
mußt dich erkenntlich zeigen.

Apropos freundlicher Gesichtsausdruck
gestern hab ich aus aktuellem Anlaß
ich bin ja von Geburt katholisch, r.k.
den Herrn Mixa bildgegoogelt
herrje o Herr
Ritter im Kreuzzugsritterorden
selbst sein seltenes gequältes
Lächeln hat noch etwas Bedrohliches
ansonsten bis in die Mundwinkel
tiefempfundene Härte.
Schlägt so einer Kinder
wie jetzt Irregeleitete behaupten?
Man weiß es nicht.
Aber glaubt es gern.

Es könnte sein
müßte man ihm zugute halten
wenn die Vorwürfe nicht
gerichtlich verboten werden
was die Kirche angedroht hat
einmal Schläge immer Schläge
es könnte sein
daß in den Kindern
die geschlagen worden sein sollen
oder wollen
nicht nur der Satan
nein, auch der
Geist der Achtundsechziger
gefährlich aufblitzte
und deshalb  – präventive
schwarze Pädagogik
ist Putativnotwehr –
bekämpft werden sollte
und mußte
jener Geist, der dafür
verantwortlich ist
daß unschuldige Kirchenleute
die Macht über ihre
gebetgewöhnten Hände
verloren und bekümmert
zusehen mußten
wie ihre Finger
unter die Soutanen
und in die Wolle der
Schäfchen wanderten.

Nichts zum Lachen
nicht mal zum Lächeln.

Mathias Richling
kann sich die Parodie sparen
das Original ist
unübertrefflich.*

„War einmal ein Bumerang  …“

Verläßt das Bad, hört ein Summen
Diese blöde Kiste.
Hat sich beim Runterfahren
gestern abend wieder aufgehängt
die ganze Nacht gelaufen
bei den Strompreisen
oder hab ich Trottel im Vorschlaf
nur wieder vergessen
das Ding auszuschalten?
Setzt sich kopfschüttelnd
an seinen Arbeitsplatz.

2010

Die Phantasie von der „Mitte“

Wenn der Generalsekretär der CDU sich „große Sorgen um die SPD“ macht und befürchtet, daß sie sich von ihrer Wählerbasis entfernt, dann weiß man, der Wahlkampf hat begonnen. Demnächst mutiert das dann, nach dem Vorbild Trumps (linksradikale Demokraten“) wie in den USA zum Schüren von absurden Ängsten vor dem „Kommunismus“. Etwa so: „Alle Wege der SPD führen nach Pjöngjang.“ Nicht mehr wie früher nach Moskau.

„… nicht mehr in der Mitte“

Metareflexion

Man hört bisweilen, die Beachtung von Grammatik und Orthographie begrenze die Ausdrucksmöglichkeiten. Diese These, die gern die Lyrik ins Feld führt, ist jedoch durch nichts belegt und, wie ich denke, Ausdruck des Wunsches, die eigene Lernunwilligkeit und daraus resultierende Schwächen zu kaschieren. Weil man es zu mühsam findet, sich mit Regeln vertraut zu machen, stellt man diese in Frage. Doch wer überzeugend und erfolgreich gegen Regeln opponieren will, muß sie erst einmal lernen. Unvollständige Sätze in Gedichten, wie etwa eine Ellipse, verstoßen in keiner Weise gegen die Rechtschreibung, sondern sind ein Wesensmerkmal moderner Dichtung. Überdies wird kein halbwegs vernünftiger Mensch Wert darauf legen, in der Lyrik die konventionelle Interpunktion und dergleichen beachtet zu sehen.

Grundsätzlich jedoch fördert nach meiner Erfahrung die umfassende Kenntnis und Anwendung der grammatikalischen und orthographischen Regeln ebenso die Klarheit des eigenen Denkens, wie sie zum tieferen Verständnis dessen beiträgt, was ein anderer zu sagen hat.

Ein Gedanke ist so etwas wie ein Tautropfen, und wer sich Gedanken macht über die graphische Repräsentation seiner Gedanken, also die Grammatik und die Regeln der Orthographie in seine Überlegungen einbezieht, tritt ein in die Metareflexion. Dadurch, daß man das, was man denkt, nicht einfach kompromißlos raushaut, sondern in eine den Regeln der Sprache gemäße Form bringt, wird so mancher Gedanke klarer. Was einer tatsächlich denkt, wird erst sichtbar, wenn der Morgennebel sich gelichtet hat. Der Tautropfen beginnt zu schillern.  

Stilisierung

Es ist völlig unsinnig, einem Künstler vorzuwerfen, durch seine Stilisierung der Realität reduziere er sie und verwandle sie willkürlich in abstrakte Unerkennbarkeit. Ist doch jede Wahrnehmung von Objekten ein automatisierter Prozeß reduzierter und selektiver Aneignung. Der Künstler tut nichts anderes, als auch diesen Prozeß wahrzunehmen und ihn für kurze Zeit zu individualisieren. Wer glaubt, Realität sei etwas, was unabhängig von Wahrnehmung existiere, macht Realität zu einem bildgebenden Automaten. Die wahre Reduktion ist die, bei der das Bild bereits im Kopf ist, bevor man es sieht.