Wenn – dann

Wenn ich aus heiterem Himmel zum Besuch einer Zaubervorstellung zwangsververpflichtet werde, mir erklärt wird, am Ende sei der volle Eintrittspreis zu entrichten – ob mir die Vorstellung nun gefalle oder auch nicht –, dann habe ich mehrere Möglichkeiten: Ich kann den Zauberern zuschauen und mich an deren Kunstfertigkeit freuen, ich kann meine Blicke auf die Dekolletés der Assistentinnen fokussieren oder die Bewegungsabläufe der Zaubererhände akribisch zu analysieren versuchen. Auch besteht die Möglichkeit, die Augen zu schließen, Finger in die Ohren zu stecken und sich der Magie des Augenblicks zu verweigern. Wenn mir das alles nichts ist, kann ich alternativ die andern Zwangsverpflichteten beobachten und mich mit deren Gesichtsausdrücken beschäftigen. Es sind noch einige andere Herangehensweisen denkbar. Da ich nicht genau weiß, wie lange die Vorstellung dauern wird, schaue ich erst mal eine Weile staunend zu, wie die Kaninchen aus dem Zylinder wachsen, dann interessiere ich mich mehr für die Assistentinnen, gähne irgendwann herzhaft und beginne ein Gespräch mit meinem Nachbarn zur Rechten, das nach einer Weile so intensiv wird, daß mich das Drumherum nicht mehr interessiert … bis ein neues, bisher nie gezeigtes Kunststück angekündigt wird. Inzwischen haben sich die Assistentinnen umgezogen … Später dann wende ich mich meinem Nachbarn zur Linken zu. Und dann … So oder so ist das Leben.    

Türk-Eis

Türkeis Premier Erdogan im Gespräch“, formuliert ZEIT online. Das klingt nicht nach geographisch-politischer Zuordnung, sondern eher nach einer neuen Eissorte. Spraches Anwender sind bisweilen allzu verwegen.

Sprache und Logik

Sprache und Grammatik sind vor allem deshalb so faszinierend und fruchtbar, weil sie logisch gesehen in vielem unlogisch sind. Das schafft Entfaltungsraum, während reine Logik darum bemüht ist, den Raum zum Punkt zusammenzupressen. Versucht jemand beides, Sprache und Logik, zusammenzuführen, kommt er immer wieder in holprige Bereiche, in denen er schillernd scheitert und zu der Erkenntnis gelangt, daß jeder erkenntnistheoretische Treppensturz nicht nur blaue Flecken zur Folge hat, sondern auch neue Erkenntnis. Daneben sorgt solch ein Sturz für schadenfreudiges Gaudium bei den Umstehenden und vor allem bei denen, die auf den Treppenstufen sitzen und gern die Gelegenheit wahrnehmen, die ästhetische Qualität der Darbietung zu würdigen, indem sie Haltungsnoten vergeben.  

Das Sein träumt

Die Sonne schien hell
gähnend erwachte das Nichts
Sein war nur ein Traum

So schloß das Nichts die Augen
starb röchelnd ins Sein hinein

Lichter erloschen
gähnend erwachte das Sein
Nichts war nur ein Traum

Verblödungstheorien

Die immer wieder gehörte These von der Verblödung der Gesellschaft halte ich, obgleich auch ich hin und wieder den Fernseher einschalte, für falsch. Ein flüchtiger Blick ins Geschichtsbuch genügt, um zu erkennen, daß diese Behauptung offenkundig eine Folge mangelnder Geschichtskenntnis in Verbindung mit übermäßigem Fortschrittsglauben ist. Zwar haben wir tatsächlich gewisse Fortschritte gemacht, doch alle Ideale sind geblieben, was sie schon immer waren: Ideale. So ist auch unbegründeter Optimismus, der diese Ideale für erreichbar hält, ebenso eine Form von Blödheit wie die Annahme, frühere Gesellschaften wären weniger blödsinnig gewesen als unsere.

Erdmanns diogenessches Lachen

Besonders dann, wenn ich im Zirkus sitze, lache ich gern, aber nicht nur über die geschickten Ungeschicklichkeiten der Clowns, sondern vor allem dann, wenn ich mich in den verschiedenen menschlichen und tierischen Gestalten in der Manege wiedererkenne. Ich glaube, dem Erdmann geht das ganz ähnlich. Aber wir gehen beide immer seltener in den Zirkus. Wozu auch? Zirkus ist überall, sogar zu Hause in der Tonne.

Erdmann – Szenische Monodialoge 7

ERDMANN verknittert, verläßt das Schlafzimmer, geht zum PC und startet ihn, dann begibt er sich ins Bad.

Komisch, seit der
Wettermann im Bau sitzt
scheint die Sonne.
Frühling voran.
Aber Vorsicht
mit den Frühlingsgefühlen
nur nicht zu heftig ausleben
jedenfalls nicht sexuell
blaue Flecken sind
unbedingt zu vermeiden
und beim Spielen im Bett
besser alle zwei Minuten
nachfragen: Ist es so genehm?
Am besten vorher
schriftlich geben lassen
erst recht beim
experimentellen Koitieren
mit Spielzeug für Erwachsene
sonst klicken später woanders
womöglich professionellere
Handschellen.

Auch sollte man vielleicht
vorsichtshalber sakrale
Gewänder anschaffen
ein guter Schutz vor
bösen Überraschungen.

Noch besser
man läßt das mit
der körperlichen Liebe
Sublimierung ist angesagt
läßt den Ersatz stecken
holt die richtige Machete
aus dem Schrank
und überfällt
Leute mit Geld
da ist man dann
wenn’s schiefgeht
schnell wieder auf
freiem Fuß.

Komische Zeiten
sind das.

Verläßt das Bad, hört ein Summen
Diese blöde Kiste.
Hat sich beim Runterfahren
gestern abend wieder aufgehängt
die ganze Nacht gelaufen
bei den Strompreisen

März 2010