Urknällchen light

In Genf wird seit gestern wieder scharf geschossen. Das Experiment sei aber noch weit davon entfernt, die Bedingungen zur Zeit des Urknalls nachzustellen, sagte CERN-Generaldirektor Rolf-Dieter Heuer. Man darf vermuten, daß er weiß, was er sagt. Journalisten wissen es besser: „Heute wird der Urknall simuliert“ („BZ“), „Urknall im Labor“ („Welt“), „Dem Urknall ganz nah“ („FAZ“), „CERN simuliert Urknall“ („Chip online“), Forscher simulieren erfolgreich Urknall“ (MDR) und so weiter und so fort. Journalismus light.

2010

Ratten und Menschen


Ratten werden gern als Versuchsobjekte abkommandiert, gerade wenn es um die Erforschung menschlichen Suchtverhaltens geht. So will man vor kurzem mit Hilfe von Rattenversuchen herausgefunden haben (Ratten fressen – wie ich – lieber Fettklößchen als Salat), daß fettes Essen süchtig macht.

Die Ratte ist ein zäher Kosmopolit wie der globalisierte Mensch, und der Mensch mag sie nicht sonderlich und bekämpft sie nicht nur im Labor. Ohne die hedonistischen Mechanismen im Rattengehirn wären sogar diese possierlichen Tierchen längst ausgestorben. Darin unterscheiden sie sich nicht von andern Arten. Auch nicht vom Menschen. Das fängt schon bei der Sucht zu atmen an.

Wenn – dann

Wenn ich aus heiterem Himmel zum Besuch einer Zaubervorstellung zwangsververpflichtet werde, mir erklärt wird, am Ende sei der volle Eintrittspreis zu entrichten – ob mir die Vorstellung nun gefalle oder auch nicht –, dann habe ich mehrere Möglichkeiten: Ich kann den Zauberern zuschauen und mich an deren Kunstfertigkeit freuen, ich kann meine Blicke auf die Dekolletés der Assistentinnen fokussieren oder die Bewegungsabläufe der Zaubererhände akribisch zu analysieren versuchen. Auch besteht die Möglichkeit, die Augen zu schließen, Finger in die Ohren zu stecken und sich der Magie des Augenblicks zu verweigern. Wenn mir das alles nichts ist, kann ich alternativ die andern Zwangsverpflichteten beobachten und mich mit deren Gesichtsausdrücken beschäftigen. Es sind noch einige andere Herangehensweisen denkbar. Da ich nicht genau weiß, wie lange die Vorstellung dauern wird, schaue ich erst mal eine Weile staunend zu, wie die Kaninchen aus dem Zylinder wachsen, dann interessiere ich mich mehr für die Assistentinnen, gähne irgendwann herzhaft und beginne ein Gespräch mit meinem Nachbarn zur Rechten, das nach einer Weile so intensiv wird, daß mich das Drumherum nicht mehr interessiert … bis ein neues, bisher nie gezeigtes Kunststück angekündigt wird. Inzwischen haben sich die Assistentinnen umgezogen … Später dann wende ich mich meinem Nachbarn zur Linken zu. Und dann … So oder so ist das Leben.    

Türk-Eis

Türkeis Premier Erdogan im Gespräch“, formuliert ZEIT online. Das klingt nicht nach geographisch-politischer Zuordnung, sondern eher nach einer neuen Eissorte. Spraches Anwender sind bisweilen allzu verwegen.

Sprache und Logik

Sprache und Grammatik sind vor allem deshalb so faszinierend und fruchtbar, weil sie logisch gesehen in vielem unlogisch sind. Das schafft Entfaltungsraum, während reine Logik darum bemüht ist, den Raum zum Punkt zusammenzupressen. Versucht jemand beides, Sprache und Logik, zusammenzuführen, kommt er immer wieder in holprige Bereiche, in denen er schillernd scheitert und zu der Erkenntnis gelangt, daß jeder erkenntnistheoretische Treppensturz nicht nur blaue Flecken zur Folge hat, sondern auch neue Erkenntnis. Daneben sorgt solch ein Sturz für schadenfreudiges Gaudium bei den Umstehenden und vor allem bei denen, die auf den Treppenstufen sitzen und gern die Gelegenheit wahrnehmen, die ästhetische Qualität der Darbietung zu würdigen, indem sie Haltungsnoten vergeben.  

Das Sein träumt

Die Sonne schien hell
gähnend erwachte das Nichts
Sein war nur ein Traum

So schloß das Nichts die Augen
starb röchelnd ins Sein hinein

Lichter erloschen
gähnend erwachte das Sein
Nichts war nur ein Traum

Verblödungstheorien

Die immer wieder gehörte These von der Verblödung der Gesellschaft halte ich, obgleich auch ich hin und wieder den Fernseher einschalte, für falsch. Ein flüchtiger Blick ins Geschichtsbuch genügt, um zu erkennen, daß diese Behauptung offenkundig eine Folge mangelnder Geschichtskenntnis in Verbindung mit übermäßigem Fortschrittsglauben ist. Zwar haben wir tatsächlich gewisse Fortschritte gemacht, doch alle Ideale sind geblieben, was sie schon immer waren: Ideale. So ist auch unbegründeter Optimismus, der diese Ideale für erreichbar hält, ebenso eine Form von Blödheit wie die Annahme, frühere Gesellschaften wären weniger blödsinnig gewesen als unsere.

Erdmanns diogenessches Lachen

Besonders dann, wenn ich im Zirkus sitze, lache ich gern, aber nicht nur über die geschickten Ungeschicklichkeiten der Clowns, sondern vor allem dann, wenn ich mich in den verschiedenen menschlichen und tierischen Gestalten in der Manege wiedererkenne. Ich glaube, dem Erdmann geht das ganz ähnlich. Aber wir gehen beide immer seltener in den Zirkus. Wozu auch? Zirkus ist überall, sogar zu Hause in der Tonne.

Erdmann – Szenische Monodialoge 7

ERDMANN verknittert, verläßt das Schlafzimmer, geht zum PC und startet ihn, dann begibt er sich ins Bad.

Komisch, seit der
Wettermann im Bau sitzt
scheint die Sonne.
Frühling voran.
Aber Vorsicht
mit den Frühlingsgefühlen
nur nicht zu heftig ausleben
jedenfalls nicht sexuell
blaue Flecken sind
unbedingt zu vermeiden
und beim Spielen im Bett
besser alle zwei Minuten
nachfragen: Ist es so genehm?
Am besten vorher
schriftlich geben lassen
erst recht beim
experimentellen Koitieren
mit Spielzeug für Erwachsene
sonst klicken später woanders
womöglich professionellere
Handschellen.

Auch sollte man vielleicht
vorsichtshalber sakrale
Gewänder anschaffen
ein guter Schutz vor
bösen Überraschungen.

Noch besser
man läßt das mit
der körperlichen Liebe
Sublimierung ist angesagt
läßt den Ersatz stecken
holt die richtige Machete
aus dem Schrank
und überfällt
Leute mit Geld
da ist man dann
wenn’s schiefgeht
schnell wieder auf
freiem Fuß.

Komische Zeiten
sind das.

Verläßt das Bad, hört ein Summen
Diese blöde Kiste.
Hat sich beim Runterfahren
gestern abend wieder aufgehängt
die ganze Nacht gelaufen
bei den Strompreisen

März 2010

Intertextualität im Literaturbetrieb

Nichts weiter als eine mit sinnverkürzter poststrukturalistischer Terminologie vorgetragene Verbrämung der verbreiteten Vorliebe, mit möglichst gering gehaltenem Eigenbeitrag möglichst schnell groß rauszukommen und zum Mediendarsteller zu werden. Voraussetzungen: ausgeprägtes Ego, übertriebenes Gewinnstreben von Verlagen, ein skandalverliebtes und eventorientiertes Publikum und ein korrumpiertes oder sehbehindertes Feuilleton. In letzter Zeit mal wieder sehr auffällig, aber keine Innovation.

Tabuto, der Elefant

Da sich neuerdings in beinahe jedem Raum eine Elefant befindet, brauchen wir uns im Gegensatz zu vielen anderen Tierarten um den Bestand dieser Art keine Sorgen zu machen. Es sei denn, es gibt irgendwann einen gravierenden Paradigmenwechsel in den narrativen Räumen in Metaphernland, also eine gravierende Neubewertung des Blabla-Storytellings.

Wahr oder nicht wahr?

Auch ein Wirrkopf hat seine Wahrheit und kann wahrhaftig sein. Und ob etwas wahr ist oder nicht, wer will darüber entscheiden? Ist es schon Wahrheit, wenn einer etwas ebenso wahrnimmt und damit vielleicht für wahr nimmt wie ich, oder entscheidet erst eine qualifizierte oder auch weniger qualifizierte Mehrheit darüber, was wahr sein soll? Oder ist Wahrheit, wie ich glaube, in den meisten Fällen nur eine ungesicherte Fiktion? Und: Ist dies, was ich schreibe, bereits dadurch wahr, daß ich es glaube?

Nihilismus und Alchimie

Selbst der finsterste, auf die Spitze getriebene Nihilismus ist im Grunde nichts anderes als moderne Alchimie. Wenn der metaphysische Rebell auch alles als wertlos verneint, was er vorfindet, so bleibt ihm doch die innere Vorstellung eines Goldklumpens, den er insgeheim aus den bleiernen Überbleibseln der metaphysischen Überlieferung zu destillieren trachtet. Keine Wertlosigkeit ohne eine Vorstellung vom Wert. Die Alchimisten fanden auf der Suche nach Gold immerhin Schwarzpulver und Porzellan. Das, was bei den metaphysischen Revolten bisher herausgekommen ist, ist allerdings hauptsächlich mit viel Schwarzpulver zerschlagenes Porzellan.

Schicker Fall

Wenn du dich allzu sehr von widrigen Zufällen durcheinandergeschüttelt oder gar umgeworfen fühlst, denke daran: Auch wenn du dein Schicksal Zufall nennst, bleibt es doch es selbst. Kein bissiger Hund wird dadurch zahmer, daß man ihm einen andern Namen gibt. Manchmal hilft kraftvolles Streicheln. Aber nicht immer.

Modern(d)e Zeiten (2010)

Ein Besuch in der Berliner Neuen Nationalgalerie lohnt immer. Unter dem Titel „Moderne Zeiten“ ist jetzt die Sammlung der Moderne neu konzipiert worden. Da einige der ausgestellten Bilder als Reproduktion bei uns daheim an den Wänden hängen, fühlte ich mich wieder einmal ganz zu Hause in den so gar nicht heiligen Hallen in der Nähe des Potsdamer Platzes. Im schier überquellenden Trillhaase-Raum, einer der verdichtetsten Porträtkunstlandschaften, in denen ich mich je befunden habe, gibt es neben der grotesken Dixschen Familienkarikatur unzählige Highlights, so daß allein dieser Raum das Eintrittsgeld wert wäre. Eigentlich waren wir nach der leicht kakophonischen Sinfonie dieser vielen Menschenbilder bereits übervoll mit Eindrücken, doch bevor wir zu dem milcharmen Kakao im Galeriecafé mit seinen mikrophonähnlichen Lampen gelangen konnten, sprang uns Hans Grundigs blutiges Gleichnis mit Bären und Wölfen an, und dann war da noch Horst Strempels Quadrichon „Nacht über Deutschland“, eine gewaltige Momentaufnahme des Scheiterns menschlicher Zivilisation, die es an künstlerischer Ausdruckskraft leicht mit Picassos „Guernica“ aufnehmen kann – ein beklemmendes Bild. Haben die Menschen seither wirklich etwas dazugelernt?

Ausschnitt aus „Nacht über Deutschland“ von Horst Strempel (Neue Nationalgalerie Berlin)