Idiographische Luftsemantik

Ganz selbstverständlich gehen wir davon aus, daß wir verstehen, was ein Satz bedeutet, den wir hören oder lesen. Dabei blasen wir stillschweigend jedes Wort – wie einen Luftballon mit Gas aus der Flasche – mit konventionellen Bedeutungen auf und fügen zudem unsere individuellen Vorstellungen hinzu, und diese sind häufig nicht im entferntesten vergleichbar mit Edelgasen.

Wir schaffen es, einem Satz, ja einem einzigen Wort eine ganze Weltanschaung, nämlich die, die sich in unseren Köpfen geformt hat – oder die ihnen eingeblasen wurde –, unterzubringen. Als wäre nicht jedes Wort ebenso ein Mysterium wie der Mensch, der es zu verstehen glaubt – und mit ihm das, was mit diesem Wort bezeichnet wird.

Manchmal, wenn einer unseren Weg kreuzt, der eine kleine Nadel in der Tasche hat und mit ihr, vielleicht nur zum Scherz, ein wenig spielt, macht es plopp, plopp, und wir stehen inmitten von Luftballonfetzen. Wenig später, wenn wir es aufgegeben haben, die kläglichen Reste zusammenzuflicken, beginnt das Aufblasen  neuer Ballons.

Eine Antwort auf „Idiographische Luftsemantik

  1. Dr. B. Denken schreibt am 21.01.2010 um 17:26 Uhr:
    Der zweite Satz des mittleren Absatzes hat es wahrlich in sich!

    Nur noch ein winziger Schritt — und Geist und Seele müßten den Hymnus anstimmen: Im Anfang war das Wort…

    Man faßt sich an den Kopf.

    Lyriost schreibt am 21.01.2010 um 21:42 Uhr:
    Lieber B. Denken,

    daß Ihnen da der Johannes einfällt, wundert mich nicht, daran hab ich natürlich auch gedacht. Die Frage ist jetzt allerdings, ob man das Wort als gewissermaßen leere Hülle, in die wir unsere Bedeutung einfließen lassen, indem wir ihm eine Referenz zuordnen und diese beim Gebrauch des Wortes in unserem Bewußtsein aktualisieren, ob man dieses Wort vom Anfang bereits als Wort in unserem Sinne bezeichnen kann, also als Einheit von durch Gebrauch entstehender, nichtontologischer Bedeutung und Zeichen, Signifikat und Signifikant.

    Wenn das Wort bei Gott war, dann wäre, so gesehen und überspitzt gesagt, dieser Gott ein Gott der leeren Worte.

    Ich habe mir zu dem Ganzen noch keine vorläufig abschließende Meinung gebildet.

    Gruß

    Dr. B. Denken schreibt am 21.01.2010 um 22:06 Uhr:
    Lieber Lyriost,

    vielleicht interessiert Sie der Umstand, daß im Schöpfungsbericht der Genesis (abweichend von anderen altorientalischen Schöpfungsmythen) der Schöpfer das Geschaffene erst nach (!) dem Schöpfungsakt mit einem Namen versieht. Also: „Es werde Licht…“ und: „Und er nannte das Licht ‚Tag’…“

    Fazit: Eben kein „leeres“ Wort, sondern eines, das die Fülle des Geschaffenen post festum be-zeichnet.

    Herzlich

    B. Denken

    Lyriost schreibt am 21.01.2010 um 22:55 Uhr:
    „Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht.“

    Nach unserer Logik kann nur dort Licht werden, wo Finsternis herrscht. Wir haben also als Grundlage so etwas wie reine Finsternis. Noch nicht das Wort, sondern nur die Referenz. Eine schwer vorstellbare Ausgangsposition, weil doch das, was später als Finsternis bezeichnet wird, durch göttlichen Akt einen Gegensatz erhält. Dieser Gegensatz muß jedoch bereits vorher vorhanden gewesen sein, denn sonst wäre Finsternis nicht als Finsternis erkennbar, sondern etwas Unbestimmtes, und damit wäre die Lichtwerdung kein Akt der Schöpfung, sondern bestenfalls ein Wegziehen des Vorhangs, der das Licht daran gehindert hat, sich zu verbreiten.

    Aber egal, wie es sein mag: Wenn „Es werde Licht …“ am Anfang war, was ist dann mit der Finsternis, die VORHER bereits existiert haben muß? Am Anfang war also wohl nicht das Wort, sondern die Finsternis. Dann kam das Wort Licht und mit ihm das Licht und erst dann die nichtkongruenten Synonyme bzw. Antonyme.

    Das erste Wort war „Licht“ – und nicht „Tag“.

    Das „gut“ ist eine andere schwierige Sache, denn war die Finsternis „schlecht“?

    Spannende Fragen.

    Ich grüße Sie und begebe mich für heute in die relative Finsternis. Wird mir guttun.

    Lyriost

    Dr. B. Denken schreibt am 22.01.2010 um 00:22 Uhr:
    Lieber Lyriost,

    auch wenn Sie mittlerweile in jene Tiefen abgetaucht sind, für die keiner seine Hand ins Feuer legen mag, so bin ich doch zuversichtlich, Sie bald in alter Frische mit meinem Einwand konfrontieren zu dürfen.

    Er ist so einfach wie notwendig, wenn anders die Genesis nicht wie das Werk eines Stümpers dastehen soll (was sie nach Ausweis aller Indizien nicht ist).

    Die Frage, was die Finsternis materialiter sei und woher sie komme, kann nicht nur nicht beantwortet werden, sie kann auch schlicht nicht gestellt werden!

    So wenig wie der moderne Naturwissenschaftler die Frage nach dem Sein eines „Raumes“ stellen darf, „innerhalb“ dessen unser raum-zeitliches Universum als expandierend gedacht wird (derzeit zehn-hoch-fünfundzwanzig Meter).

    In beiden Fällen lautet die unstatthafte Frage: Was war vor dem absoluten Anfang? In beiden Fällen gerät die Frage zur Farce, es ergibt sich der sog. „Matronjuschka-Effekt“: die Puppe enthält eine weitere Puppe und diese die nächste und so weiter — in infinitum.

    Ich schlage vor, wir „entkonkretisieren“ die Finsternirs und betrachen sie — auch um der absoluten Souveränität des Schöpfers willen — als Chiffre für das Nichts. Konsequenterweise wird aus dem anthropomorphen Schöpfungsbericht der Genesis die spätere, explizit so genannte Creatio ex nihilo (2 Makk 7, 28).

    Mit herzlichem Gruß

    B. Denken

    Lyriost schreibt am 22.01.2010 um 09:48 Uhr:
    Lieber B. Denken,

    wir sind jetzt natürlich gehörig vom Thema abgekommen und ausgehend von Überlegungen zur Wortsemantik in die Höhen oder Niederungen, ganz wie Sie wollen, der Metaphysik gerutscht und zeigen uns unsre bunten Luftballons.

    Daß wir in den unendlichen Regreß geraten, wenn wir versuchen, den Dingen auf den Grund zu gehen, ist es gerade, was mich gegen den Erfinder empört: Wir sind in ein Labyrinth gesetzt, in dem wir herumirren wie Don Quijote nach der Einnahme von LSD, und wenn wir endlich etwas finden, was aussieht wie ein Ausgang, dann ist hinter der aufgebrochenen Tür nichts weiter als das nächste Labyrinth. Ad infinitum. Endlich im Unendlichen angekommen, öffnet sich das Unendliche ins Unendiche.

    „… die Finsternis … als Chiffre für das Nichts“

    Sollten wir nicht besser mit dem theogonischen Mythos vom Chaos sprechen? Ist doch das Nichts nichts, was etwas wäre, wie Parmenides ganz richtig bemerkt hat: Ist ist, und Nicht-Ist (oder Nichts) ist nicht. (Siehe auch hier: https://hajo-stork.com/2018/06/30/logische-merkwuerdigkeit/)
    Die frühchristliche Creatio ex nihilo, als Antwort auf das griechische Chaos-Denken, ist nichts weiter als eine nicht hinterfragbare Setzung, an die man glauben kann oder auch nicht. Wenn es später bei Schelling vom unbewegten Beweger heißt, das Subjekt ziehe sich selbst an, dann mag das sehr tiefsinnig klingen, aber ebensowenig überzeugend wie Fichtes „Das Ich setzt sich“, wobei ich immer Schopenhauer vor mir sehe, der an jeder Stelle, an der Fichte vom sich setzenden Ich spricht, an den Rand seiner Fichte-Ausgabe einen Stuhl zeichnet. Köstlicher Humor.

    Ihnen ein schönes Wochenende
    Lyriost

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