Lebenslust durch Weltverzicht – Appendix

Eitle prahlen gern mit ihren Wunden, und wenn sie ihnen nicht in ausreichendem Maße von andern zugefügt werden, dann greifen sie notgedrungen zum Beschneidungsgerät, um der Aufmerksamkeit ihrer Mitmenschen auch weiterhin sicher sein zu können. Oft wird nicht klar, ob es übersteigerte Eitelkeit ist oder masochistisches Selbstkasteiungsbedürfnis oder beides, das den Griff zum Amputationsinstrument, wenn auch meistens nur metaphorisch, intendiert, oder vielleicht auch nur wahnhaft wahrgenommene innere Stimmen erklingen, die zur Verwirklichung asketischer Ideale aufrufen.

Natürlich soll hier keine Klassifikation asketischer Selbstverwirklichungsstrategien vorgeführt werden, keine Typisierung bizarrer und weniger bizarrer Geißlergestalten, ich möchte nur meinem Generalverdacht Ausdruck geben, den ich hege, wenn ich mich mit Asketentum konfrontiert sehe.

Und was den Zug zum Heroismus betrifft, ein weiterer Auswuchs der menschlichen Eitelkeit, so wird man ihm ebenso schwer entkommen können wie allen anderen Formen, die die Eitelkeit generiert, denn gerade im heftigsten Antiheroismus steigt der Heroismus wie der Phönix aus der Asche und wirft sich neue bunte Kleider über.

Typische Typen

Daran, daß auch im Kulturbetrieb mit Stereotypen geworfen wird, habe ich mich inzwischen gewöhnt. Und wenn die Wortklingler bei ihrer stereotypen Klischeekritik auch das Substantiv »Stereotyp« inflationär einsetzen, dann ficht mich das längst nicht mehr an. Doch an die ständige Verwechslung von Flexion und einfacher Pluralbildung kann ich mich nur zähneknirschend gewöhnen. Liebe Kulturmenschen, der nichtflektierte Plural von Stereotyp lautet Stereotype – und nicht Stereotypen.

Lebenslust durch Weltverzicht

Der Asket, der sich den Genüssen der Welt entzieht und sich selbst freudig für das Prokrustesbett, in dem geschlafen, aber nicht beigeschlafen wird, durch freiwillige Beschneidung in Form bringt, ist ein Roßtäuscher, wie man früher sagte. Diese Art von Askese ist ein billiger Trick, um den sinnenfrohen Zeitgenossen Sand in die Augen zu streuen. In Wirklichkeit ist der Asket beim Graben im eigenen Ich auf seine masochistische Ader gestoßen und hat bemerkt, welch unvergleichlich große Lust ihm Fasten und Enthaltsamkeit bescheren. Der Verzicht auf Lustbefriedigung ist scheinheilig vorgetäuscht. Es findet lediglich eine vom aufmerksamen Beobachter leicht zu durchschauende Genußverschiebung statt. Der größte Lustgewinn für den Asketen besteht jedoch nicht in der Befriedigung seiner selbstquälerischen Neigungen, der eigentliche Kick wird ausgelöst durch die Bewunderung, die ihm durch das leichtgläubige Publikum zuteil wird, das so verzückt auf die präsentierten Wundmale oder Verzichtsspuren starrt, daß es die beifallheischenden, linkischen Seitenblicke des Asketen nicht bemerkt.

Wahre Askese, wenn man es so nennen und sich nicht mit dem weniger spektakulären Wort Selbstbeschränkung zufriedengeben will, ist nicht der relativ schmerzlose Verzicht auf den Genuß, sondern vielmehr die Reduktion des Genusses auf das individuell Zuträgliche, so wie es viel einfacher ist, mit dem Rauchen gänzlich aufzuhören, als es auf ein Minimum zu beschränken.

Der Philosoph Antisthenes, dessen Name gern mit dem Begriff der Askese in Verbindung gebracht wird, war sicherlich ein Asket der zweiten Art, und man wird ihm nicht gerecht, wenn man ihn für einen simplen »ledrigen« (B. Denken) Dionysosverächter hält.

Doppelte Fälschung

Logik des Kopierens: Ein Mensch, der andere zu kopieren versucht, weil ihm selbst Originäres fehlt oder er solches bei sich noch nicht wahrgenommen hat, tut gut daran, menschliche Originale, besonders die mit Kopierschutz, als Fälschungen oder Reproduktionen zu betrachten, damit er nicht Gefahr läuft, sich seinen tatsächlichen Mangelzustand eingestehen zu müssen.

Diese Gefahr ist jedoch viel geringer, als man denkt. Wie ich sehe, ist ein solches Defizit recht weit verbreitet und stabil, zudem wird es durch verstärkte mediale Berieselung mit seinem Überangebot an idololatrischem Geschnatter gefördert. So kann sich ein eigenständiges Bewußtsein, selbst wenn potentiell vorhanden, kaum noch entfalten.