Psychischer Knochenbau

Nun sag, wie hältst du es mit dem Charakter?

Die Meinung darüber, ob der Charakter angeboren oder erworben sei, ob man ihn ändern kann oder nicht, wird vom Zeitgeist jeder Epoche unterschiedlich beantwortet, je nachdem, ob der genius saeculi eher optimistisch oder pessimistisch eingefärbt ist und wieviel Zöpfe zum Abschneiden bereithängen. Die Antwort auf diese Gretchenfrage aber hängt in erster Linie davon ab, was man als Charakter bezeichnet.

So wie ich das Wort Charakter verstehe, ist der Charakter eine Konstante, und alle »Änderung« ist entweder Verstellung oder mangelnde Fähigkeit, hinter die eigenen Verrenkungen und Selbsttäuschungen zu schauen. Der Charakter ist für mich so etwas wie psychischer Knochenbau, und meiner hat sich bei genauerer Betrachtung, das heißt nackt vor dem Spiegel und auf Röntgenbildern, seit über fünfzig Jahren nicht geändert. Der eine nicht und nicht der andere. Und wer glaubt, bei andern charakterliche Veränderungen zum Guten oder zum Schlechteren wahrzunehmen, der hat lediglich vorher nicht aufmerksam genug hingeschaut.

Und wie man sich über die Schmächtigkeit manches Menschen wundert, wenn man ihn eines Tages mal ohne seinen mit Schulterpostern aufgemotzten Mantel sieht, so erstaunt uns bisweilen der Charakter anderer, wenn veränderte Lebensumstände alle schmückende Kostümierung abgeschmolzen haben.

Deshalb zeigen sich die meisten am liebsten nur sich selbst nackt vor dem Spiegel. Aber auch das bevorzugt im Dunkeln.

Eine Antwort auf „Psychischer Knochenbau

  1. DieRoteZora schreibt am 13.10.2009 um 20:19 Uhr:
    der streit zwischen den wissenschaftlern ist da wohl so alt wie die erfindung der pädagogik. die erbtheorie sagt, daß alles – eben auch der charakter – von vornherein bestimmt ist. die millieutheorie hingegen behaupte, der mensch würde nur duch die umwelt – also erziehung geprägt. die antwort liegt vermutlich irgendwo dazwischen. aber was charkater genau ist und ob beeinflussbar oder nicht, da streiten sie sich vermutlich – und wenn sie nicht gestorben sind 😉

    grenzgaenger schreibt am 13.10.2009 um 22:00 Uhr:
    hihi, tschuldige bitte meinen jetzt etwas unqualifizierten kommentar, aber es gibt gretchenfragen, die definitiv spannender zu beantworten wären. vor allem: wer ist dieses gretchen überhaupt, und warum fragt die ständig irgendetwas?

    DieRoteZora schreibt am 13.10.2009 um 22:00 Uhr:
    *prust*

    sunnysightup schreibt am 13.10.2009 um 23:16 Uhr:
    *auchprust*

    Gretchen schreibt am 13.10.2009 um 23:22 Uhr:
    Comte de Lautréamont, lieber Lyriost, brütete auch über schwierige Fragen und wagte es gar mit der „Phänomenologie des Bösen“ dichtend zu spekulieren ..

    Grüße
    Gretchen

    Gretchen schreibt am 14.10.2009 um 00:18 Uhr:
    .. und nicht selten waren bedeutende Menschen (überwiegend Männer) zugleich auch große Lumpen .. aber durchaus charaktervolle.

    Max Beckmann schrieb in seinem Exil in Holland viel in sein Tagebuch hinein. Er lebte in einer Dachstube in einem alten Zigarrengeschaft. Seine Arbeit ging nur schleppend voran. Erfahrungen aus den beiden Kriegen – er war im Ersten Weltkrieg Sanitäter – konfrontierten ihn mit einer Wirklichkeit, die ihm kaum Gelegenheit bot, gegen innere Widersprüche ein großes Training anzusetzen, doch dachte er über den Tod nach und notierte damals, daß er sich an den Gedanken gewöhnt habe, wieder zu einem Nichts zu werden …
    Ich vermute, daß Beckmann sehr wohl davon eine Ahnung hatte, wie schwierig es ist, ein Charakter zu sein. Seine Motive beweisen es. Hierin erblicke ich auch trotz vieler Masken (s)eine Absicht, sich der Wahrhaftigkeit (was immer es auch sei) zu nähern und den Blick in den kühlen, nackten Spiegel zu wagen.

    Liebe Grüße zur Nacht
    Gretchen

    Gretchen schreibt am 14.10.2009 um 02:18 Uhr:
    Zigarrengeschäft“ …, sorry

    Lyriost schreibt am 14.10.2009 um 09:06 Uhr:
    Liebe Grenzgängerin, Gretchen ist die, die von Faust, unter dem Einfluß von Mephistopheles, im Stich gelassen wird.

    Gretchen schreibt am 14.10.2009 um 09:13 Uhr:
    Guten Morgen, Lyriost. Heute gab’s schon den ersten Frost. .. Ach, Herbst und Winter trüben mir so das Gemüt, und wie geht es Dir? … Welche „Medizin“ kann Dein Gemüt erheitern, Deinen Geist beleben?
    Sei mir nicht sauer.

    Liebe Grüße
    Gretchen

    Lyriost schreibt am 14.10.2009 um 09:20 Uhr:
    Danke dir, Gretchen, für den Hinweis auf Lautréamont. Ich muß gestehen, daß ich die „Gesänge des Maldoror“ noch nicht gelesen habe. Unverzeihlich. Ich werde das schleunigst nachholen.

    „Meine Poesie wird in nichts anderem bestehen, als den Menschen, dieses reißende Tier, mit allen Mitteln anzugreifen, und den Schöpfer, der nicht ein solches Ungeziefer hätte schaffen dürfen. – Meine Jahre sind nicht zahlreich, und doch fühle ich schon, daß die Güte nichts ist als eine Ansammlung tönender Silben; ich habe sie nirgends gefunden.“ (http://www.uni-greifswald.de/~dt_phil/studenten/falmer/chants_f.html)

    Das erinnert ein wenig an Emile Cioran, dessen Werk ich gut kenne, und ist vielversprechend.

    Nachzudenken über das, was wir Charakter nennen, ist ein probates Mittel, sich vor dem Nachdenken über Gut und Böse noch ein wenig zu drücken, aber jenes führt uns doch unweigerlich zu diesem.

    Liebe Grüße an alle

    Gretchen schreibt am 14.10.2009 um 10:47 Uhr:
    Danke Dir, Lyriost.
    Heute morgen flogen die Wildgänse wieder gen Süden. Es ist immer wieder ein wunderbares, kleines Ereignis, sie zu hören und zu sehen. Doch stimmen sie uns wie die fallenden Blätter auf jene Zeit ein, welche uns nötigt, häuslicher zu werden. Gespenstig flimmern, vom Frost ganz eingehüllt, Spinnweben in langen Fäden an zittrigen Zweigen und kahlen Ästen, lauter silberne Strähnen …

    Gretchen

    Gretchen

    Lyriost schreibt am 14.10.2009 um 11:08 Uhr:
    Deine Spinnwebpoesie, liebe Gretchen, gefällt mir. Frost haben wir hier noch nicht, aber dieses melancholisch stimmende Quietschen der Wildgänse, das ein wenig klingt wie das Klagen der Scharniere einer verlassenen Schaukel im Herbstwind, das hören wir manchmal des Abends über dem Haus, ohne zu sehen, woher es kommt.
    zitieren
    Gretchen schreibt am 14.10.2009 um 12:24 Uhr:
    Danke.

    Gretchen schreibt am 14.10.2009 um 12:35 Uhr:
    Paul Cézanne verstand es (wie vor ihm Raffael und Sandro) die kalten Farben in den liebenden Schoß der warmen zu werfen. Das ist eine seltsame Kunst, Gegensätze in die Waage zu bringen, wie eine Mutter, die ihr trotzendes Kind kann lieben und sehr beruhigen.

    Doch muß er (Paul) einmal geäußert haben: „Das Leben ist schrecklich“.

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