Wachstum

Solange die Bäume im eigenen Garten prächtiger wachsen als die des Nachbarn und reichlich Früchte tragen, ist der Gartenbesitzer geneigt, das Thema Schatten zu vernachlässigen. Wenn aber dann auch bei den mickrigen Bäumchen in Nachbars Garten ein ungeahnter und ungebremster Wachstumsschub zu beobachten ist, beginnt sehr bald das immer lautere Nachdenken über den Schattenwurf der Bäume und das Theoretisieren über die allgemeine Notwendigkeit von Wachstumsbegrenzungen.

Gedanken

Gedanken kommen einem nur dann, wenn man sich Zeit zum Nachdenken nimmt. Und Zeit zum Nachdenken sollte man sich nehmen, wenn man ein Bild dessen bekommen möchte, was gemeinhin die Wirklichkeit genannt wird. Mehr denn je aber ist es heute so, daß die meisten Menschen ihre freie Gedankenzeit damit zubringen, eine kognitive Repräsentanz ihrer persönlichen Interessen einzurichten und zu pflegen, statt ihre Gedanken wie eine Lampe in einer dunklen Höhle zu benutzen.

Plastizität in der Lyrik

Für Nietzsche, auf den der Beuyssche Kunstbegriff wesentlich zurückgeht, ist die »plastische Kraft« der Grundtrieb der Natur, und wenn wir das bejahen, dann können wir sicher sein, daß diese Kraft zwar zeitweise durch Banalitäten und den Wunsch nach Bequemlichkeit und Ruhe überlagert werden kann, sich jedoch stets wieder aufs neue zu Wort melden und zu machtvollen, verstörenden skulpturischen Strukturen ganz neuer Art gerinnen wird. Das Leben ist nicht so leicht totzukriegen.

Für die formbewußte Lyrik bedeutet das, Gebilde wachsen zu lassen, in denen sich diese Plastizität deutlich manifestiert, ohne daß das Blut durch ein Übermaß an Gerinnungsfaktoren in seinen Wallungen beeinträchtigt wird. In diesem Sinne ist das Skulpturische in der Lyrik gleichermaßen hart und weich. Es gilt, lebendige Steine zu schaffen.

Einfach betrachtet

Alles Komplizierte ist ebenso einfach wie alles Einfache kompliziert. Unsre Sicht ist abhängig von der Betrachtungsweise und den optischen Hilfsmitteln. Ohne Fernglas ist ein Flugzeug am Horizont nur ein Punkt am Himmel, und unterm Mikroskop ist ein Regentropfen ein kleines Universum.