Wörter und Worte

Wörter, nicht Worte, haben keinen Kern. Sie sind eine Erfindung von Sprechenden, die zur Konvention geworden ist, gleichförmig oder unterschiedlich benutzt wird, grafisch eingefangen, aufgeblasen mit gasförmigem, flüchtigem Scheinsinn, vergessen und wiederbelebt, mit neuem Scheinsinn aufgeladen und so weiter. Zudem sind sie Teil des Kommunikations- und Selbstvergewisserungssystems Sprache, in dem jedem Wort eine Funktion zugewiesen wird. Ein Wort als Begriff hat keine eigenständige Substanz.

Worte dagegen sind das Ergebnis eines wörternutzenden Worteschaffenden, und sie bestehen aus einem Haufen von Wörtern. Worte, nicht Wörter, sind das Ergebnis von Gedankenoperationen, und man kann versuchen, in diesem Haufen von Wörtern, die man Worte nennt, so etwas wie einen Kern zu finden. Manchmal gelingt das, aber oft gelingt es nicht, und Worte erscheinen uns ebenso arbiträr wie Wörter.

Wortbesinnung

Tradition

Du lernst zu laufen auf
verblichnen Knochen
und sprechen mit
zerbrochnen Schädeln
trinkst Blut wie
alle Diadochen
versuchst dich in
die Welt zu fädeln.

Verbrauchte Luft
füllt deine Lungen
noch ehe du das
Licht erblickst
und eigne Worte
sind verklungen
eh du vor ihrem
Klang erschrickst.

Du siehst den
Platz in den Ruinen
wo mancher seinen
Tag verbracht
da waren Kerker
Guillotinen und
manchmal spürst du
dort die Nacht.

Und strebst du still
nach Lichterleben
den Kopf gedreht
zur klaren Sicht
dein Drang nach
Freiheit zielt daneben
die Konvention
erlaubt das nicht