Perspektivwechsel

Wenn ich den Blick vom Mikroskop abwende und einer zeitweiligen misanthropischen Neigung nachgebe, stellt sich mir die Menschheitsgeschichte dar als eine Krise der Evolution, und wenn ich mein Fernglas zur Hand nehme, sehe ich Bilder, die vermuten lassen, daß die ganze Geschichte, und nicht nur die des Organischen, sondern alles Kommen und Gehen, nichts weiter ist als eine Krise des Seins. Krise ist der Normalfall der Existenz.

Krise

Aufgewachsen in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als die Winter noch Winter waren, was man daran sah, daß morgens, wenn man sich aus dem warmen Bett quälte, der Blick nach draußen nicht möglich war, weil an den Fenstern die Eisblumen grinsten, bin ich doch etwas amüsiert ob des weinerlichen Krisengeredes, das durch unser Land wabert wie die Alkoholschwaden an den Stammtischen.

Damals wusch man sich morgens kalt, denn es kam nicht einfach warmes Wasser aus der Wand, wie das heute hierzulande fast überall ganz normal ist. Man freute sich über eine duftende Apfelsine und streckte sich am Wochenende, wenn der Badeofen angeworfen wurde – so komfortabel hatte es doch schon mancher, aber durchaus nicht alle –, wohlig in der Wanne. Wie war das Leben schön.

Den Begriff Unterhaltungselektronik gab es noch nicht, denn es war eher Arbeit angesagt als Unterhaltung, und so wuchs ich erst mal ganz ohne Fernseher auf, und wir fuhren nicht mit dem Auto zur Schule oder zur Arbeit, sondern mit der Bahn. Oder wir gingen zu Fuß. Ja, man lief damals noch selbst.

Wie das heute ist, möchte ich hier nicht ausführen, das weiß jeder selbst. Viele haben sich so weit entfernt vom Leben, daß sie den Kontakt zu ihrer tatsächlichen Existenz weitgehend verloren haben und nur noch im Warmen auf den Sofas sitzen und über mögliche Einschnitte in ihren Lebensstandard lamentieren, was nicht bedeutet frieren und hungern, sondern vielleicht nicht so viele Städtereisen und nicht alle drei Jahre das neueste Modell von BMW. Und der Single fragt sich, ob er die 100-Quadratmeter-Wohnung auch in der Krise noch wird halten können.

Wenn die angekündigte Wirtschaftskrise einen Sinn haben soll, jenseits aller Ökonomie, dann den, die Spirale zum Übersatten zu kappen und viele Menschen dazu zu bringen, mal darüber nachzudenken, ob Wohlstand tatsächlich deckungsgleich ist mit materiellem Schnickschnack. Jede Krise, selbst eine zur Krise hochgeredete Pause des Wirtschaftswachstums, bietet eine Chance zum persönlichen Wachstum. Wie bei allen Krankheiten, so steckt auch in der Erkrankung des Wirtschaftssystems die Chance, wieder mehr Kontakt zu sich selbst und der Essenz der eigenen Existenz zu bekommen.

Emergent art

Seitdem sich in der Kunst der Begriff emergent art etabliert hat, hat der Sinn von Avantgarde seine Bedeutung weitgehend verloren, denn es geht nicht mehr um inhaltliche Novität, sondern nur noch um geldwertes Neuigkeitsstreben. Vielleicht war das bei so mancher »Avantgarde« früher nicht anders, nur wurde es nicht so deutlich hinter den ehrlich verschämten Blicken der jungen Künstler. Heutzutage ist die Scham ebenso wie Bescheidenheit antrainiert und augenzwinkernde Pose. Und Einfachheit nichts als sinnleerer Kult. Die Schatten Andy Warhols sind lang. Aber die bunten Blasen Takashi Murakamis, die in diesen Schatten aufblühen, werden in absehbarer Zeit in der Folge der Finanzspekulationsblasen platzen. 

Holocaustleugnung

Irgendein durchgeknallter Bischof relativiert den Holocaust dahingehend, alles sei gar nicht so schlimm gewesen, andere meinen gar, er hätte nicht stattgefunden. Der Papst hat diesen Bischof, der (aus anderen Gründen) aus der Kirche ausgeschlossen war, wieder aufgenommen, obwohl jener solchen Unsinn erzählt (wie auch allerlei andere kapriziöse Kuriositäten hervorbringt). Und schon läuft die Debatte über den Holocaust wieder auf Hochtouren. Holocaustleugnung hat Konjunktur.

Deshalb habe ich mich gefragt, wozu es gut sein soll, daß jemand den Holocaust leugnet oder – meinetwegen – auch nur relativiert. Was ist die Motivation derer, die das tun? Haben sie selber oder Angehörige Dreck am Stecken, verstehe ich das. Auch wenn sie in irgendeiner nationalistischen Traumheldenwelt leben, kann man das nachvollziehen, denn wer möchte schon aus seinen so schöngeträumten Gefilden weggehen? Bei dem Bischof – der übrigens auch bemerkenswerte Träume hat: von frauenfreien Universitäten zum Beispiel, und der Meinung ist, der Vatikan sei unter satanischer Kontrolle, kann ich nur vermuten, was ihn treibt, ich kenne ihn ja nicht persönlich, wiewohl ich das nicht bedaure. Wissenschaftliches Genauigkeitsbedürfnis aber ist, da bin ich sicher, eher weniger der Grund für die krausen bischöflichen Thesen. Im Vertrauen gefragt, und wenn er ein paar Gläser Wein zuviel getrunken hätte, würde der Bischof vielleicht sagen, er habe schon immer was gegen die Juden gehabt, wie auch die römisch-katholische Kirche zu früheren Zeiten, als sie noch Judenhüte mit gelben Spitzen verteilte. Und er sei eben ein Traditionalist.

Wenn man aber nun keines dieser Bedürfnisse hat, weshalb sollte man dann den Holocaust leugnen oder relativieren, habe ich mich gefragt. Und die Antwort: um Ideologie, die zur Menschenverbrennung geführt hat, in ihrem Kern zu retten, indem man sie von Vorwürfen befreit. Und warum versucht man das? Weil man diese Ideologie oder wesentliche Teile von ihr wieder salonfähig machen möchte.

Der Holocaustleugner ist kein rückwärtsgewandter, er ist ein vorwärtsgewandter Akteur. Er ist dabei, das Gelände vorzubereiten, auf dem das Fundament des nächsten Holocaust gebaut werden soll. Und sollte das gelingen, dann werden irgendwann wieder die Schornsteine rauchen. Ob diejenigen, die solches befördern, das wollen oder nicht. Es ist die Konsequenz, die dieser Ideologie innewohnt.

Großzügigkeit beim Teilen

Viele Menschen sind bereit, dein letztes Hemd mit dir zu teilen und sehen meist großzügig darüber hinweg, daß es nicht aus Seide und schon gar nicht von Lagerfeld ist. Und das tun sie sogar dann, wenn sie selbst noch eines haben.