Kinderpornographie

Wie bigott die Mediengesellschaft ist, kann man jetzt wieder an den Diskussionen um ein Plattencover von den Scorpions aus den siebziger Jahren erahnen, auf dem ein nacktes minderjähriges Mädchen hinter einer gesprungenen Glasscheibe zu sehen ist. Nicht besonders gelungen, das Cover, sicher, und bestimmt fragwürdig.

Nun, nach über 30 Jahren, haben eifrige Wächter es entdeckt und versuchen, daraus einen »Pornographieskandal« zu machen, wie es allenthalben nachgeplappert wird. Das ist nicht nur absurd, sondern führt in der Konsequenz dazu, daß einerseits demnächst Verrückte mit Leinentüchern in die Museen laufen, um alles abzudecken, was sie für pornographische Darstellungen halten, während andererseits die Verfolgung tatsächlicher Straftäter erschwert wird, weil mancher geneigt ist, die Problematik als hochgebauscht zu betrachten. Ist es nicht so, daß die Feuerwehr nicht mehr so gern kommt und länger nachfragt, wenn sie allzu oft zum Einsatz gerufen wurde, nur weil jemand an einer Straßenecke ein Blatt Papier angezündet hat?

Wer alles, was er in die Finger bekommen kann, in einen Begriff hineinstopft (in diesem Fall Pornographie), nimmt ihm seine Schärfe und relativiert ihn damit. Das ist das eigentlich Problematische an diesem Vorgang, denn nichts lenkt so sicher von tatsächlichen Pornographieskandalen ab wie künstlich generierte Scheinskandale.

Daß inzwischen so ziemlich jeder, der die Scorpions-Platte bisher ebensowenig kannte wie das Cover, die Abbildung gesehen hat, ist ein weiterer merk- und denkwürdiger Nebeneffekt: Etwas soll möglicherweise indiziert werden, aber vorher wird es allen breit unter die Nase gerieben. 

Ich muß doch mal schauen, ob ich noch ein Strandfoto von mir aus Kinderzeiten finde – als Umschlagabbildung oder Frontispiz für meinen nächsten Gedichtband.

WELTonline

2 Antworten auf „Kinderpornographie

  1. Ombrage schreibt am 09.12.2008 um 17:17 Uhr:
    Die Medien sind völlig aus dem Ruder gelaufen. Sie haben Auftrag und Verantwortung über Bord geschmissen, erschrecken, desinformieren und entwerfen falsche Weltbilder die letztlich zu sich selbst erfüllenden Prophezeiungen führen. Es ist beschämend und erschreckend.

    Dein Eintrag ist von einer wundervollen und dennoch frustrienden Schärfe. Chapeau.

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  2. Ich persönlich lese keine Zeitungsartikel mehr, in deren Überschrift das Wort „könnte“ vorkommt. Ich gebe meine wervolle Lebenszeit und Lesezeit nicht für Spekulationen eines Journalisten her, und außerdem mag ich nicht, wenn mir in irgendwelchen Beiträgen durch das Wort „könnte“ etwas suggeriert wird (meistens ist es die Angst oder Befürchtungen).

    Und das mit den selbsterfüllenden Prophezeiungen sehe ich genauso. Es ist wirklich erschreckend, was da alles suggeriert wird; da wird man ja fast schon depressiv vom Zeitunglesen. Aber zum Glück kann man selbst bestimmen, was man lesen will oder nicht. Ich habe es mittlerweile reduziert; mir reichen schon die Abendnachrichten!

    LG Sella

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