Wie wär’s mit Ehrlichkeit?

Wieder und wieder wird Günter Grass die gleiche Frage gestellt, und inzwischen kann er sie nicht mehr hören. Jetzt ist er auf Lesereise in den USA, und natürlich will man auch dort wissen, warum er so lange gewartet hat mit seinem Coming-out. Und wieder fällt ihm nichts Besseres ein als die einstudierten, wenig überzeugenden Ausflüchte statt entwaffnender Ehrlichkeit.Grass charakterisiert die insistierende Fragerei inzwischen larmoyant als »Lust am Niedermachen«, ohne sich darüber klarzuwerden, daß es an ihm selbst liegt, alle Fragerei dadurch zu beenden, daß er endlich eine ehrliche Antwort gibt.

2007

 

 

Über Weltbilder

Die Bücher, die wir lesen, die Predigten, die wir hören, sind voller Weltbilder anderer Leute. Wir können uns eines dieser stabilen Bilder mit Wahrheitsanspruch aussuchen, das zu uns und unseren Vorannahmen, unseren Vorurteilen und Interessen paßt, und wenn es nicht mehr paßt, weil wir aus ihm wie aus einem Anzug herausgewachsen sind oder unsere Interessen sich verändert haben, können wir nach einem neuen Ausschau halten. Das ist ziemlich einfach.

Wir können aber auch versuchen, nach innen und nach außen zu schauen und über alles, was wir wahrnehmen, immer wieder neu nachzudenken und ein eigenes Bild von der Welt zu entwickeln, das lebendig ist und voller Irrtümer und sich mit unserem Sehen und Denken ständig weiterentwickelt. Das ist viel mühsamer. 

In Größenordnungen

Irgendwann in den achtziger Jahren hat sich ein vermutlich einflußreicher bürokratischer Einfallspinsel in der ehemaligen DDR als Stellvertreterin für das unprätentiöse und für den anspruchsvollen Bürokratenwortschatz zu simple Wörtchen groß die Wendung in Größenordnungen ausgedacht, und in der Folge gab es kaum noch eine Rede, kaum ein politisches Statement ohne diese sinnleere Floskel. Man weiß ja aus bitterer Erfahrung, daß der größte Stuß sich schneller verbreitet als die Vogelgrippe.

Zwanzig Jahre später. Die Oberbürgermeisterin der Stadt Halle (nicht in Westfalen, sondern an der Saale) läßt (ungeschnitten) Folgendes verlauten:

Die Zeiten, in denen die öffentliche Hand immer neue Dinge in Größenordnungen dauerhaft finanziert hat, sind vorbei. Wir müssen Prioritäten setzen, um auf der anderen Seite (was immer das sein mag) die Grundversorgung zu sichern.

Sie können mir glauben: Wir können uns angenehmere Dinge vorstellen, als gegenüber den Mitarbeitern zu vertreten, dass sie die nächsten 3 Jahre verkürzt arbeiten gehen müssen, und dies ohne Lohnausgleich, obwohl in einigen Bereichen berechtigte Überstunden in Größenordnungen anfallen.

(Berechtigte Überstunden in Größenordnungen sind auch nicht schlecht. Oder sind vielleicht Überstunden in berechtigten Größenordnungen gemeint?)

Vielleicht auf Völkerwanderung zurückzuführen, finden sich zunehmend ähnliche Aussagen in den alten Bundesländern, denen es an eigenem ungenießbarem Bürokratensenf auch ohne diese Neuerwerbung nicht mangelt:

Sicher gibt es noch andere Industrien, neben der Abfall- und Kreislaufwirtschaft, die Transporte in Größenordnungen durchführt, die eine Optimierung sinnvoll erscheinen lässt (Uni Stuttgart).

(Abgesehen davon, daß es natürlich durchführen und lassen heißen muß, auch hier die ungeschminkten Größenordnungen.)

Bei der VWA studieren heißt, zwei Herausforderungen gleichzeitig anzunehmen: Man muss über mindestens drei Jahre in Größenordnungen Freizeit opfern … (Verwaltungsakademie Göttingen).

Vielleicht sollten derartige Denk-Wort-Künstler mal ein wenig Freizeit opfern, um ihrer Muttersprache etwas näherzukommen oder auch nur klarem Denken. Denn was heißt »in Größenordnungen«? Sind das kleine oder große Größenordnungen, mißt man in Prozent oder in Millimeter? 

Wie groß ist der Verlust eines Betriebes, der Verluste in Größenordnungen macht? Das können wir doch nur erfahren, wenn wir wissen, daß es sich um Größenordnungen von 20 Prozent oder Millionen Euro handelt. 

Von Größenordnungen zu sprechen, ohne diese genauer zu benennen, ist unsinnig, es ist so, als wenn ich sagte: Wer das ungleiche Wortpärchen in Größenordnungen in der beschriebenen Weise benutzt, dessen Sprachgefühl ist in Größenordnungen verkümmert und dessen Denkfähigkeit ist in Größenordnungen gestört. Deshalb präzisiere ich: in erschreckenden Größenordnungen.

Aber vielleicht bin ich auch nur in (…) Größenordnungen anspruchsvoll.

Versicherung leistet

Wo man auch hinschaut, hinhört, überall hört man: „Die Versicherung leistet.“ Oder richtiger: Sie leistet nicht. Was die Versicherung leistet, darum scheint es dem Sprachökonomen merkwürdigerweise nicht zu gehen. „WANN leistet die Versicherung?“ Mich interessiert vor allem, WAS die Versicherung leistet. Wenn sie nur Seelsorge oder anderweitige ideelle Unterstützung leistet, dann sollte man sich die Versicherung sparen. 

Ich leiste, du leistest, er/sie/es leistet, wir leisten, ihr leistet, sie leisten. Ja, was leisten sie denn, die Versicherungen? Na, Göld, würde der Wiener sagen, des versteht sich doch von sölbst. 

Aber nur, wenn ’s zahlen.

Kling, klang

Die Konventionen einer Gesellschaft, Gitterstäbe unseres Gefängnisses, zu beobachten, ohne aus diesen Konventionen herauszutreten, ist eine Sache der Unmöglichkeit, und diese Konventionen kritisch zu beschreiben, ohne sie in irgendeiner Weise stilistisch zu durchbrechen, ist ein Ausdruck mangelnder Distanz oder Ängstlichkeit.

Die Konventionen jedoch stilistisch zu durchbrechen, ohne sie kritisch zu reflektieren, ist ein Zeichen von Oberflächlichkeit oder Unreife.

Bewußte Unkonventionalität schlägt nicht an die Gitterstäbe, weil sie glaubt, sie allein könne sie mit ihren Schlägen herausbrechen, ihr geht es um den weithin vernehmbaren Klang. Hört ihr, wie hohl die Stäbe sind?