Geschichtsschreibung und retrospektive Projektion

In dem Aufsatz »Natur und Geschichte« schreibt Hannah Arendt, für das Denken der ausgehenden Antike sei es nahezu selbstverständlich gewesen, geschichtliche Abläufe als kreisförmige Bewegung wahrzunehmen.

Schon im nächsten Satz aber heißt es bei ihr: »Im Sinne der klassischen Philosophie konnte das nur heißen, daß das geschichtliche Leben, seines linearen Charakters beraubt, in die Kreisbewegung der Natur zurückgenommen war …«

Wer wurde da »beraubt«? Ist es wirklich die klassische Philosophie?
Ist es nicht tatsächlich so, daß ein heutiger Denker, dessen Vorstellungen sich an einem linearen Modell der Zeitabläufe orientieren, dieses Modell in die klassische Philosophie identifizierend hineininterpretiert und deren Weltbild damit im nachhinein subtil und meistens ungewollt verfälscht?

Solcherart retrospektive Projektion ist sehr häufig, im alltäglichen Leben, wenn wir die Vergangenheit unserer Altvorderen bewertend betrachten, wie in der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte.

Wir können unsere Augen jedoch nicht verleihen, schon gar nicht in die Skelette der Früheren verfrachten in der irrigen Annahme, sie könnten uns dann mehr über Sehgewohnheiten vergangener Epochen erzählen, als uns überliefert ist.

4 Antworten auf „Geschichtsschreibung und retrospektive Projektion

  1. Jan schreibt am 12.06.2007 um 21:38 Uhr:
    „Ist es nicht tatsächlich so, daß ein heutiger Denker … in die klassische Philosophie … hineininterpretiert und deren Weltbild … subtil und meistens ungewollt verfälscht?“ – Ich bin überzeugt, dass es so ist. Vielleicht fehlt bei Arendt – ohne ihr etwas nehmen zu wollen – das streng methodische, um diese Fragen verlässlich zu beantworten.

    Lyriost schreibt am 12.06.2007 um 23:36 Uhr:
    Ich schätze Hannah Arendt aus mancherlei Gründen sehr, und ich wollte mit dem Beispiel deutlich machen, daß selbst Menschen, die es mit dem Denken und dem sprachlichen Ausdruck gemeinhin sehr genau nehmen, nicht vor derlei Ungenauigkeiten gefeit sind, weil wir alle unbewußt dazu neigen, unsre eigene – augenblickliche – Weltsicht in andere und in die Geschichte hineinzuprojizieren und das Fremde damit zu verfälschen. Sebst die strengsten Methodiker leisten sich gelegentlich einen solchen Lapsus. Es ist wie beim Autofahren: einen Augenblick abgelenkt, und schon eine Beule im Blech.

    Jan schreibt am 14.06.2007 um 20:46 Uhr:
    Danke für deinen Kommentar, dem wirklich nichts hinzuzufügen ist.

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