Schleichende Konservierung

Manchmal 
schwimmst du
zu weit hinein
ins Blaue
ins Tageswörtermeer
da wo die Wellen 
sich brechen
und die Bretter
sich drehn
doch wenn der
Wind erlahmt
schmeckst du Asche
im Mund
und die Häute sehen
die salzigen Muster
die sich in die
Poren schleichen
und du fühlst dich 
wie Hakenfleisch
bald ist es Zeit 
für die Zunge
an Land
zu gehn

Der Prozeß der Erinnerung

»Die Erinnerung ist ein unzuverlässiges Instrument«, sagt Günter Grass. »Deswegen ist die Erinnerungsarbeit ein Prozess, die (sic!) immer aufs Neue geprüft werden muss.«

Nun wurde ja genügend darüber geschrieben, daß die Grass’sche Erinnerungsarbeit besonders schleppend, geradezu schneckenhaft vor sich geht, jedenfalls dann, wenn es sich um Verstrickungen der eigenen Person handelt. Bei Verfehlungen anderer dagegen hat Grass in aller Regel traditionell weniger Hemmungen gehabt, die Moralkeule unter dem Schreibtisch vorzuholen. Aber so sind wir Menschen nun einmal: Man denke an die Sache mit dem Splitter und dem Balken aus der Bergpredigt.

Was aber muß immer wieder geprüft werden? Geprüft werden muß die eigene Erinnerung, und das ist ein immerwährender Prozeß mit hoffentlich vielen Revisionen und Wiederaufnahmeverfahren, bei dem wir zugleich Ankläger und Verteidiger sein sollten. Wer der Richter ist, wissen wir nicht so genau, aber wahrscheinlich sind auch der wir selbst: unheilige Trinität.

Und wenn der Richter ein guter Richter ist, dann wird er zu keiner Zeit abschließend urteilen, sondern uns Gelegenheit zur Bewährung geben und nie das Wort sprechen: »Eine Revision ist nicht möglich.«

Eines aber sollten wir bei dem Verfahren auf keinen Fall: Wir sollten unsere Wahrheitsfindung nicht an den Zuschauern im Gerichtssaal und den Gerichtsreportern orientieren, die bei genauerer Betrachtung allesamt eine überraschende Ähnlichkeit mit uns selbst haben.

Globalisierung und Wettbewerb

Diejenigen, die jetzt aus Überschüssen der EG subventionierte Billig-Hühnerteile, die hier keiner mehr essen mag, tiefgekühlt nach Ghana, Kamerun und in andere afrikanische Länder schicken, müssen sich darüber im klaren sein, daß so mancher der ausgebooteten und arbeitslos gewordenen afrikanischen Hühnerzüchter demnächst in ein Boot steigt, versucht, nach Europa zu gelangen und, wenn er es schafft, wenig später in europäischen Parks Billig-Drogen an Schulkinder verkaufen wird.

Wenn dann irgendwann die Entwicklungshilfe wider Erwarten tatsächlich ausgeweitet wird, können die Reichen der afrikanischen Länder sich, wenn sie es nicht schon längst getan haben, in den Industrieländern die notwendigen Kühlanlagen, gebraucht oder gar fabrikneu besorgen, und vielleicht bleibt auch noch etwas für die ärmere Bevölkerung übrig, etwa in Form von Medikamenten gegen Salmonellen.

Strukturelle Gewalt und Gummigeschosse

Strukturelle Gewalt erzeugt Angst und Ohnmacht. Ohnmacht erzeugt übertriebene physische Gewalt. Wenn die strukturelle Gewalt ihrerseits von übertriebener physischer Gewalt flankiert ist, steht es zwei zu eins, und so wird aus Wut Haß. Die Folge ist ausufernde, grenzenlose Gewalt.

Das Bordell und die Wünsche

In einer Diskussion in FAZ.NET zu Johanna Adorjáns Kritik an Thomas Brussigs Buch über Bordellbesuche und an diesem selbst (»Das Buch als Porträt des Autors«), in der es unter anderem heißt:

Wie ein Restaurantkritiker, dem für seine Beurteilung der Anblick der Tischdecke genügt, ist Thomas Brussig durchs Rotlichtmilieu gezogen und hat sich mit Prostituierten: unterhalten,

schrieb ich unter der Headline „Jeder liefert sein eigenes Porträt“:

Frau Adorján scheint mir ideologisch angeblindet und vor allem frei von jeder persönlichen Erfahrung. Sie selbst hat, da bin ich sicher, diese Tischdecke, von der sie spricht, noch nie gesehen, aber sie glaubt, in feministischen Uni-Seminaren und dazu passender Sekundärliteratur genügend Kompetenz erworben zu haben, um über die verhandelte Realität auch ohne persönliche Anschauung urteilen zu können. Sie beurteilt das Restaurant aus der theoretischen Sicht einer abstinenzlerischen Magersüchtigen. Das muß niemand ernst nehmen. So halbgar Brussigs Sichtweise sein mag, Adorjáns Sicht ist theoretische Rohkost. Als würde man mit einem Kohlkopf nach der Wurst werfen.

Nun fragt sich eine Leserin (Zitat: Muß die Autorin Expertin sein, wenn sie einen Erlebnisbericht rezensiert), was einen wohl bewege, »sich da hineinzubegeben«, und gibt unfreiwillig mit ihrer Vermutung eine teilweise zutreffende Antwort:

Wie man sehen kann, verstehen manche nicht, daß es zu einer gelungenen Partnerschaft, auch einer Sexualpartnerschaft, gehört, sich nicht nur »an den eigenen Wünschen« zu orientieren, sondern auch an denen des andern.

Zur Avantgarde

Auf der Suche nach der Avantgarde muß man sich durch Müllberge kämpfen, die Schilder mit den Pfeilen und der Aufschrift „Zur Avantgarde“ mißachtend, und durch die schäbigsten Türen in verlotterte Häuser treten. Einmal im Treppenhaus, lenke man die Schritte jedoch nicht nach oben, sondern wende sich zur Kellertreppe, und dann: „Viel Glück!“

Als erster alles wissen

»Behalten Sie den Überblick!« So wirbt »Die Zeit« für ihre Online-Ausgabe mit neuem Layout: »Als erster alles wissen.« Wie aber kann man als erster alles wissen, wenn die Wissensquelle es nicht weiß? Doch wer weiß schon alles?

Hier haben die Texter übersehen, daß die reformierte Rechtschreibung, trotz aller Hin-und-her-Reformierungen beim »Ersteren« ausschließlich Großschreibung vorsieht. Oder sollte diese Information noch nicht bis in die Redaktion vorgedrungen sein? In diesem Falle sollten die Redakteure»Die Zeit« lesen. Damit sie als erste alles erfahren. Oder als Erste, wenn man, wie »Die Zeit«, reformiert schreibt.

Meinungsbildung

Freie Meinungsbildung, soweit sie möglich ist, findet vor allem durch private Exkursionen ins eigene Denken statt, nicht so sehr durch Teilnahme am öffentlichen Diskurs, denn der Diskurs enthält zu viele interessengeleitete korruptive Elemente, und man findet sich, noch ehe man es richtig begreift, als zahlend empfangendes Mitglied eines der vielen Meinungskartelle wieder.

Schengener Journalismus

Die News-Suche bei Google bringt es an den Tag: Der Durchschnittsjournalist hierzulande versteht sich in erster Linie als Angestellter einer Wiederaufbereitungsanlage für Agenturtexte, und die ganz Bequemen dieser Gattung winken solche Texte gar unverändert durch, als wären sie Zollbeamte, die einer Art Schengener Abkommen für Meldungen unterliegen.