Vogel zeigen

Einen Vogel sollte man nur jemandem zeigen, der einen hat, ihn jedoch selbst nicht sieht, weil das Tierchen hinter den Augenhöhlen nistet.

Jeder mit halbwegs empfindlicher Nase ausgestattete externe Beobachter riecht jedoch die bei der Nestpflege ausgeworfenen Exkremente und weiß Bescheid, während der Betroffene den Geruch nicht wahrnimmt, weil er ihm so vertraut ist.

Bevor wir die Hand zum Kopf (sicherheitshalber dem eigenen) führen, um den Beobachteten von seinem blinden Passagier in Kenntnis zu setzen, sollten wir uns allerdings vergewissern, daß der Vogel kein Raubvogel ist – und auf keinen Fall kleiner als unser eigener.

Zoologisch-anthropologische Meditation

Aus der Sicht roher Gemüter ist die Kuh eine Molkerei mit kleinem Hirn und großem Schwanz. Der Ochse ist ein großer Schwanz mit kleinem Hirn, aber ohne Molkerei. Eine dumme Kuh wiederum ist eine Molkerei ohne Hirn und ohne Schwanz. Ein blöder Ochse ist hirngeschädigt, denkt, er wäre ein Bulle, und um das zu beweisen, steigt er auf jede dumme Kuh. 

Konstanten der Wahrnehmung

Wir erfahren die Welt nicht nur gemäß unseren Erfahrungen und Glaubenssätzen, sondern vor allem und in erster Linie gemäß unseren angeborenen Wahrnehmungskonstanten.

Raum und Zeit sind nicht real im materiellen Sinn, sondern Ausdruck unserer apriorischen Bewußtseinsstrukturen.

Niemand hat in dieser Hinsicht eine Wahl.

Wählen können wir lediglich bei der Bewertung des Ganzen: Unsere Erfahrungen, Religion und Philosophie sind Folge unserer Sinneseindrücke und gedanklichen Ableitungen, nicht etwa umgekehrt. Sosehr wir uns das auch wünschen mögen.

Was wir ändern können, sind lediglich Bewußtseinszustände, Fokussierungen und Perspektiven. Die Grundmuster unserer Wahrnehmung, das eigentliche Bewußtsein können wir nicht ändern, es ist gewissermaßen ins Sein eingewachsen.

All unser Denken und Handeln ist Ausdruck unserer Sinneswahrnehmung, und wir können uns mit Hilfe der Phantasie unendlich viel zurechtmachen, aber eine Welt jenseits von Zeit und Raum können wir uns nicht vorstellen. Und dabei sind Zeit und Raum nichts anderes als unsere angeborene Vorstellung von der Realität. Sie kommen nicht den Dingen selbst zu.

Was wirklich „ist“, können wir nicht wahrnehmen, wir bleiben immer im Netz unserer selbstgeschaffenen Vorstellungen, Erscheinungen hängen. Bestenfalls können wir spekulieren, welche böse Spinne dieses Netz gewebt hat und ob und, wenn ja, warum sie uns darin fangen will.

Schlichtmoderne

Ein privater Museumsgründer sprach sich im Radio gegen „prätentiöse wolkige Architektur“ aus und sagte, er finde eine Containerbox-Lösung viel „charmanter“. Ich weiß nicht, was ich von einem Ästheten halten soll, der glaubt, charmant sei das richtige Wort für Containerstil.

Ähnliches hatte ich letztes Jahr bei einer Architekturdebatte mal in der „taz“ gelesen. Da wurde eine solche Architektur als „elegant“ bezeichnet.

Wie es scheint, sind wir jetzt nach der Postmoderne wieder in der Schlichtmoderne angekommen. Oder ist solches nur Ausdruck einer neuen Lust am Provisorischen?

Film

Der Film ist ein Versuch, statische Ideen vergangener Augenblicke, real gewesen oder nur gedacht, zu dynamisieren, und damit notwendigerweise anachronistisch. Weil aber diese Dynamik in die Gegenwart einbricht, von ihr aufgesaugt wird, sind Filme so etwas wie Preßluft-Tauchsieder, die den zu Geröll gefrorenen Matsch der Vergangenheit für unsere Sinne wiederbeleben und damit neu erschließen, so daß es zu innerolfaktorischen Déjà-vu-Erlebnissen kommen kann.