Thomas Manns Betrachtungen betrachtet

Beinahe unerträglich für heutige Leser ist der revolutionär sein wollende betuliche Konservativismus Thomas Manns in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“, der so bieder daherkommt mit der Mannschen Überbetonung der eigenen Rolle als pantheonisch-überkünstlerischer Zivilisationsliteraturkritiker und seiner pathetischen Herumreiterei auf dem Pferd des wahren, faltenerzeugenden Künstlertums. Und der dabei den Autor doch sichtbar immer wieder hinter der (damals wohl noch vorgestellten) Lesebrille aufschauen läßt, als wolle er fragen: Bin ich nicht ein Überkünstler, auch wenn ich wie ein Überbürger ausschaue? Seht ihr, wie spritzig ich bin?

3 Antworten auf „Thomas Manns Betrachtungen betrachtet

  1. Jan schreibt am 02.02.2007 um 22:12 Uhr:
    Ach, Manns Betrachtungen … Einige Male habe ich begonnen, bin aber nie über fünfzig Seiten hinausgelangt. Ich werde wohl dieses Werk in meinem Leben nicht mehr lesen, ich mute mir das nicht zu. Aus Weimar gibt es sicher anderes, wichtigeres. Also ich sehe, ich damit nicht alleine.

    buchzeiger schreibt am 03.02.2007 um 00:52 Uhr:
    Mein Gott, Himmel nochmal, Jan – warum?
    So viel Wichtiges versäumt?
    Gibt es heute noch so viel Klassisches, Wichtiges?
    Think twice! –

    !

    Jan schreibt am 04.02.2007 um 13:16 Uhr:
    @buchzeiger: „Mein Gott, Himmel nochmal, Jan – warum?“ – Ich müsste dazu etwas ausholen. Nur kurz: Manchmal ist mir Mann unerträglich. Ich lese ihn „ambivalent“. Rechts das Gute, links das … weiß ich. Rechts der Zauberberg, tausend Seiten Kunst, links die Betrachtungen.

    „Gibt es heute noch so viel Klassisches, Wichtiges?“ – Ich meine, es gibt Wichtiges aus der Zeit der Weimarer Republik, aus dem Nachkriegsdeutschland „Weimar“. Politische Literatur, die Weltbühne meinetwegen, Tucholsky, nur um einen Namen aufzurufen. Dinge mit Bodenhaftung, Instinkt, Erdung.

    buchzeiger schreibt am 04.02.2007 um 14:29 Uhr:
    Gerade habe ich bei Gottfried Benn über Thomas Mann nachgelesen. Benn schreibt: „Sicher ein großer Deutscher, aber es lässt sich wohl nicht leugnen, dass er uninteressant geworden ist, durch eigene Schuld.[…] Wie sieht er aus, dieser hagere, elegante Mann mit der vorspringenden Nase? Kolossal ohne Rang, sympathisch und etwas stehengelassen. Steht er in irgendeiner wahrhaft gesteinmäßigen Landschaft des inneren Reichs? Nein, durchaus im Ausgang des Quartär, wo bei gewissen Gelegenheiten der Cut und die Vorleselampe sich in den gesellschaftlich abgedämpften Raum schieben. Selbst die Knickerbocker und die Skier, mit denen man ihn abgebildet sieht, täuschen nicht darüber hinweg, dass Schnee und Hochgebirge läppisch zu ihm stehen. Nicht als ob ein Dämon ins Hochgebirge passen müsste, aber er, Th. M., glaubt, dass er überall hinpasst und Figur macht, er sieht sich wuchtig und er ist nur bildend. Dies letzteres sehr. […]“.

    Auch keine gute Kritik. – Aber: Na ja, ich lese ihn halt gerne! Nicht alles – aber doch fast!

    Es ist eben alles Geschmacksache – und darüber lässt sich ja bekanntlich nicht streiten!

    Freundliche Grüße von Buchzeiger!

    Lyriost schreibt am 04.02.2007 um 19:56 Uhr:
    Falls das mißverstanden worden sein sollte: Es ging im meinem Beitrag nicht um Thomas Mann, sondern um den Autor der „Betrachtungen eines Unpolitischen“. Viele Erzählungen Thomas Manns und manche seiner Romane mag ich gern, manche weniger, weil auch sie bisweilen ein wenig manieriert und überironisiert sind. Aber das ist in der Tat Geschmackssache. Schönen Gruß

    buchzeiger schreibt am 05.02.2007 um 04:15 Uhr:
    Na dann … Dann kann ich ja wieder beruhigt schlafen!

    Jan schreibt am 05.02.2007 um 09:21 Uhr:
    @buchzeiger: Benns Kritik an Mann, sehr gut, excellent, ganz Benn, aber nicht der ganze Mann. Wie die Betrachtungen nicht der ganze Kerl sind. Lyriost und buchzeiger, ich bitte, beruhigt zu schlafen. Weil Mann Sachen geschrieben hat … Tristan … die Schnee-Episode im Zauberberg … Der Tod in Venedig und weiß ich, sie sind einfach unerreicht. Sie sind beglückend.

    buchzeiger schreibt am 05.02.2007 um 10:39 Uhr:
    Beglückend … genau !!! Danke!

    Lyriost schreibt am 05.02.2007 um 11:06 Uhr:
    Das hilft mir allerdings bei meiner Muß-Lektüre der „Betrachtungen“ jetzt nicht wirklich weiter. 😉

    buchzeiger schreibt am 05.02.2007 um 12:47 Uhr:
    Wieso Muss-Lektüre?

    Lyriost schreibt am 06.02.2007 um 13:17 Uhr:
    Beatus ille, qui procul negotiis.

    buchzeiger schreibt am 06.02.2007 um 16:39 Uhr:
    Das glaub ich dir gerne; ich bin leider mitten drin in den alltäglichen Pfichten und Geschäften – ein Brotberuf tut halt not!

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  2. Nein, nein, Thomas Mann lebte immer im Zwiespalt zwischen Bürgertum und Künstlertum, und er betrachtete den Niedergang eines Großbürgertums, aus dem er stammte, mit ironischer Distanz und versuchte, sein Künstlertum und sich selbst vor diesem Verfall zu retten. Wenn er überhaupt einmal – und auf gar keinen Fall „stets“ – das Künstlertum als Verfallsprodukt oder gar als Krankheit betrachtet hat, dann als die Krankheit, den Verfall der anderen. Sich selbst als Künstler hat er auf jeden Fall davon ausgenommen. Nein, was er als obsolet betrachtet hat, war nicht das Künstlertum, sondern die Welt des Großbürgertums.

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