Scheinheiligenscheinpolitur

Seit Jahren schon will ich Politur kaufen für den fremdbeleuchteten pseudoreligiösen Kopfschmuck, der bei mir längst Grünspan angesetzt hat, weil ich ihn, obgleich ein Geschenk von höchster moralischer Instanz, weil ich ihn nicht trage, nicht einmal wie andere ihre Orden und Verdienstkreuze, also zu besonderen Anlässen.

Nun liegt er seit Jahren neben dem alten Katzenkorb, dem die Katzen ausgegangen sind, und gilbt und grünt vor sich hin. Und ich denke jedes Jahr: Du solltest ihn verschenken, ehe er brüchig wird. Aber nicht so angegangen, wie er ist. Und ich weiß dieses Jahr, ohne lange zu überlegen, wie selbstverständlich schon, wem er vor allen zukommt: dem noblen Trommel-Günter – als Ersatz fürs angedepperte In-Kupfer-auf-Stein.

Also Politur kaufen. Gibt keine passende. Jedesmal dasselbe: in rauhen Mengen Heiligenscheinpolitur, aber keine Scheinheiligenscheinpolitur. Der Verkäufer sagt, das mache keinen Unterschied, alles glänze prima, und es habe sich noch nie jemand beschwert. Allerdings habe außer mir auch noch keiner der Herren den Scheinheiligen gespielt. »Und die Kopfkringel der Damen glänzen ja sowieso, ob mit oder ohne Politur«, sagt er.

Als der Verkäufer merkt, daß mit mir kein Geschäft zu machen ist, gibt er mir noch einen Geheimtip aus der Ökoecke: »Eselsmilch. Besser als alle Chemie«, grinst er.

Und ich denke bei mir, da hat er wohl recht. Denn Eselsmilch als Putzmittel für Scheinheiligenscheine, das leuchtet mir geradezu schmerzhaft klar ein.

Esoterische Ganzheitlichkeit

»… So ist der Körper – ein Vehikel. Aber etwas Tieferes als der Körper ist da, etwas Höheres als der Körper ist vorhanden – etwas von der Totalität. Ein Fenster hat sich in die Ganzheit geöffnet.«

Als ich vor 40 Jahren in der Pubertät Plotin las mit seinen platonischen Vorstellungen vom Körper als Kerker der Seele, konnte ich das damals mühelos nachvollziehen und dem vehement beipflichten, stand ich doch mit meinem eigenen Körper wie die meisten Pubertierenden auf Kriegsfuß. Heute aber habe ich eine ganzheitliche Betrachtungsweise, und ich sehe den Körper eher als Verkörperung meiner und seiner selbst. Und wenn etwas klirrt und rattert, dann klirrt und rattert es bei mir selbst. Das auf jemand anderen zu schieben ist so einfach wie unoriginell. Und ein Beitrag zur Theorie der Schizophrenie. Wer das lebendige Seiende in Körper und Seele aufspaltet, ist von einer ganzheitlichen Betrachtungsweise weit entfernt. Merkwürdig nur, daß die meisten der lauthals Ganzheitlichen dies nicht bemerken. Sie reden von Ganzheitlichkeit und verachten doch ihren Körper.

Und wer ganz genau hinschaut, der vermißt bei dieser Art esoterischer Ganzheitlichkeit noch eines, was zur wirklichen Ganzheitlichkeit unbedingt dazugehört: den Geist.