Spiegelbild

Jeder betrachtet täglich unzählige Male seinen Körper vor dem Spiegel. Und seinen Kopf. Frauen öfter als Männer zwar. Aber jeder in unserer Spiegelgesellschaft tut das. Wie ist das mit den Haaren? Aha, neue Fältchen! Ein Pickel. Mehrmals täglich findet eine Inspektion statt, mal kritischer, mal weniger kritisch. Und ob wir nun zufrieden sind mit dem, was wir da sehen, oder ob es uns niederdrückt: Wir neigen dazu, dem Spiegel zu glauben, wenn er uns auf den Kopf zusagt: Du bist nicht die Schönste im ganzen Land. Manchmal werden wir zwar kurz grün und gelb vor Neid, aber das gibt sich rasch. Wir machen etwas auf Diät, kaufen ein neues Kleid und gehen zum Friseur. Und schon ist die Gesichtsfarbe für eine Weile wieder normal.

Was aber ist mit unserem geistigen Spiegelbild? Verhalten wir uns da nicht eher wie Schneewittchens Stiefmutter und versuchen mit aller Macht und Tücke, nicht nur unser verschwommenes Denken als klar auszugeben und aufrechtzuerhalten, sondern beginnen rasch, wenn kein Jäger zur Hand ist, mit der Herstellung von Schnürriemen und dem Präparieren von Kämmen und Äpfeln? Curare für Bibliothekare. Und daß wir erst mal versuchen, alle erreichbaren Spiegel zu zerschlagen, die uns unser Selbstbild nicht bestätigen, das versteht sich von selbst.

Fetische

Fetische aller Art können dem, der mit ihnen umgeht, viel Freude bereiten. Freude kommt bei der Benutzung von religiösen, aber noch mehr bei weltlichen Fetischen auf wie auch bei der Formulierung und Zurschaustellung von deren Ablehnung.

Dauerhaft ungetrübte Freude kann aber nur der spielerische Mensch empfinden, derjenige, der Fetische als Spielzeug betrachtet, das man augenzwinkernd aus der Kiste holt und wieder weglegt, so wie man das als Kind getan hat. Wer jedoch Fetische ernst nimmt und der Spiegelung des in sie hineininterpretierten zauberhaften Soges länger als einen Augenblick erliegt, vergessend, das man selbst der Urheber der Verzauberung ist, der gerät in eine selbstverschuldete Abhängigkeit, die ihm die Freiheit nimmt und damit den wirklichen Genuß. Aus dem Fetisch-Jongleur wird ein Fetischist, einer, dem beim Jonglieren die Freude fehlt, weil er ständig Furcht davor hat, daß ihm ein Fehler unterlaufen oder daß jemand ihm eines seiner Diabolos wegschnappen könnte.

Dasselbe gilt für diejenigen, die glauben, so erwachsen zu sein, daß sie über die Benutzung von Fetischen erhaben sind, und dieser Erhabenheit augenzwinkernd Ausdruck geben, indem sie sich über die Jongleure lustig machen und deren Infantilität spöttisch belächeln. Wenn sie ihre Ablehnung zu ernst nehmen (vielleicht auch weil sie in sich selbst Reste des potentiellen Spieltriebs spüren), wird diese leicht zum idiosynkratischen Reflex und nimmt ihnen die Freude am Spott. So werden aus ihnen Antifetischisten, deren Augenzwinkern einem feindseligen Starren Platz macht, das in der Folge Ursache von zunehmender Intoleranz und Verbitterung wird.

Über die Illusionen der Desillusionierer und das Sein des Seienden

Wenn Seiendes in der Illusion des Andersseins lebt, ändert das nichts an seinem Sein. Sein Sein kann nicht als Nichts-Sein bezeichnet werden. Es gibt auch keine Auflösung von Sein, sondern lediglich eine Metamorphose der Wahrnehmung. Das Sein bleibt unberührt. Der Mensch kommt zu der Erkenntnis, daß er als Essenz zu jeder Zeit existierte, daß er jetzt existiert und daß er immer existieren wird. Das Ganze existiert in seinen Teilen. Wie man das Ganze bezeichnet, ist Geschmackssache und völlig unerheblich. Die Bezeichnung ist niemals identisch mit dem Bezeichneten.

Die Vielfalt von Schlafmützigkeit und Wachheit spiegelt die Vielfalt wider, die in der Einheit steckt, und sowenig die Schlafmützigkeit das Universum in irgendeiner Weise berührt und verändert, sowenig tut dies die Wachheit. Kein Mensch bereichert das Universum, und keiner macht es wacher. Das Universum ist einfach, wie es ist. Alles andere ist bewertende Interpretation ohne Grundlage.

Wenn gesagt wird, das Ganze existiere, nicht die Teile, wie sollte dann ein „Teil des Universums träge, abgestumpft und tot“ sein? Es gibt doch gar keinen „Teil“. Und deshalb kann auch nichts erblühen, was nicht durch sich selber blüht.

Und was ist denn abgestumpft und was blühend? Es ist doch nichts weiter als beschränkte menschliche Moralduselei, wenn das Sein mit solchen wertenden Adjektiven belegt wird. Dem Universum ist eine Moralität eigen, so es denn überhaupt eine hat, die nichts mit der menschlichen gemein hat.

Warum sollte sich das Universum um die Wunschvorstellungen von irgendwelchen moralisierenden Menschen kümmern? Wenn wir Moralvorstellungen entwickeln und nach ihnen leben, dann sollte das geschehen, um uns und anderen dieses Leben leichter zu machen, aber nicht um einem wie auch immer gearteten Gott zu gefallen oder das Universum zu verbessern.

Kritik als Geschenk

Kritik als Geschenk

Bei keiner Art Geschenke wird das Geschenkpapier so wichtig genommen wie beim Geschenk der Kritik. Meist wichtiger als das Geschenk, das in diesem Fall gern zusammen mit dem Papier weggeworfen wird. Doch wehe, es gibt keine Schleife. Ist eine dabei, ist sie oft das einzige, was vom Geschenk der Kritik überdauert.