Über Spiegel und Narrenkappen

Nichts reizt meinen Widerspruch und meine spöttische Kreativität so sehr wie Leute, die glauben, sie wären klüger als andere, nur weil sie einen zu kurzen Spiegel haben, um die Narrenkappe auf ihrem eigenen Kopf zu sehen.

Wenn sie dann, wenn man ihnen einen etwas längeren Spiegel vorhält, auch noch meinen, das sei eigentlich ihr Spiegel, denn wie jeder sehe, sei schließlich ihr Bild doch darin, dann fühle ich mich an gewisse Blondinenwitze erinnert und lache nachträglich, aber um so heftiger, weil ich erst jetzt den wahren Kern dieser Witze erkenne. Manchmal ist auch bei Leuten, die sich nicht für klüger halten als andere Kluge, der Spiegel zu kurz, um alles zu sehen.

Deshalb gehört Selbstironie zur Selbstbetrachtung wie das tägliche Zähneputzen zur Körperpflege.

Nur wenn wir uns nicht selbst überschätzen, können wir einigermaßen sicher sein, daß wir nicht von anderen unter die kalte Spottdusche gestellt werden.

Bei realistischer Selbstbetrachtung dagegen kann uns noch so unberechtigter Spott nur wenig anhaben.

Haare auf den Zähnen

Diejenigen, die sich auf ihre Lebensweisheit berufen und uns weismachen wollen, sie hätten Haare auf den Zähnen, weil sie mehr Erfahrung hätten als andere, sollte man zum Zahnfriseur schicken oder, falls der nichts mehr für sie tun kann, ihnen empfehlend berichten, daß man angeblich Kukident nimmt, wenn man es kennt. Denn Haare auf den Zähnen sind kein Zeichen von Durchsetzungsfähigkeit oder gar Weisheit, sondern von mangelhafter Mundhygiene. Ich kenne Kukident, ziehe aber, weil ich meiner Urteilskraft mehr Glauben schenke als der Werbung, Kurikur vor.

Von Köpfen und Hüten

Wenn man sich einen neuen großen Kopf aufsetzt, sollte man daran denken, daß der alte Hut nicht dazu paßt. Sonst glauben die Umstehenden, man ginge zum Fasching.

Anmerkung: Bei manchen kann man damit zwar Eindruck machen, aber bei denjenigen, die sich an das Horazische »Nil admirari prope res est una, Numici, solaque, quae possit facere et servare beatum« halten, erntet man mitleidiges Kopfschütteln oder Gelächter.

Anecken

Wer als erwachsener Mensch anecken will, der hat seine Jugend ins Alter gerettet – oder vielmehr pubertäre Allmachtsphantasien. Vielleicht will er die Welt verändern, andere zum Nachdenken bringen. Als wäre es nicht sinnvoller, erst mal sich selbst zum Nachdenken zu bringen! Wer eigenständig denkt, muß sich keine Gedanken darüber machen, ob und wo er aneckt, er eckt garantiert an, denn eigenständiges Denken scheint mir mittlerweile so ungewöhnlich wie Turnschuhe in einem Ballsaal oder ein Flaneur an einer Straßenecke.

Mir reicht es, darauf zu lauschen, was ich denke, und das nach ethischer und logischer Selbstzensur zu sagen (am interessantesten ist es, wenn der Zensor noch schläft oder einfach müde vor sich hin grummelt), damit ich mich und meine Sicht der Dinge kennenlerne – und die, die sich in mir versteckt haben, um mir in mein Denken hineinzureden.

Das absichtsvolle Anecken überlasse ich denen, die sich beim intellektuellen Häßlichkeitschirurgen künstliche Ecken verpassen lassen. Und natürlich den Spät- oder Dauerpubertierenden.