Von der Klugheit der Dinge

»Manche Dinge werden durch Wiederholung nicht klüger«, sagte jemand. Mal abgesehen davon, daß es kluge Dinge ohnehin nicht geben kann, sie also auch nicht klüger werden können, weder durch Wiederholung noch durch sonst etwas: denn das gerade unterscheidet den Menschen von den Dingen, daß er die Fähigkeit zur Klugheit zumindest potentiell in sich trägt, Dinge dagegen sind, wie sie sind. Dinge sind darauf angewiesen, von klugen oder weniger klugen Lebewesen benutzt zu werden.

Das ist das eine. Das andere ist: Wenn manche Dinge durch Wiederholung nicht klüger werden, dann impliziert das, daß es sehr wohl andere Dinge gibt, die durch Wiederholung klüger werden. Warum das nicht geht, siehe oben.

Nehmen wir mal an, derjenige, der das sagte, meinte nicht Dinge, sondern Aussagen über die Dinge würden durch Wiederholung nicht klüger. Da hat er wieder unrecht. Denn klüger werden können auch Aussagen nicht. Leider ist es so, daß es die Menschen sind, die klug sind oder weniger klug. Dementsprechend künden die Worte, die sie von sich geben, von dem Grad der Klugheit der Sprechenden oder Schreibenden, und der ist in der Tat unterschiedlich, aber nicht abhängig davon, wie oft die Klugen oder weniger Klugen das sagen, was sie sagen.

Das ist jetzt vielleicht ein wenig spitzfindig, denn die Sprache ist historisch gewachsen, was bedeutet, daß die Ungenauigkeit im Denken sich in unpräzisen Sprachkonventionen oder, genauer, in der Konvention der Nichtpräzision widerspiegelt, womit nur diejenigen Probleme haben, die in ihrem Denken um Genauigkeit bemüht sind. Aber ohne ein wenig Spitzfindigkeit geht es manchmal nicht, wenn wir unsere Denkwerkzeuge ein wenig schärfen wollen.

Und diese Denkwerkzeuge werden tatsächlich schärfer, wenn wir die Aussagen, die wir für richtig halten, wiederholen, denn bei der Wiederholung fällt uns manchmal die eine oder andere Unschärfe auf, und es kommt auch vor, daß bisher übersehene Nuancen der Aussagen ins Bewußtsein treten, so daß unsere Aussagen durch neue Facetten bereichert werden. Immer vorausgesetzt, unser Bewußtsein ist in Betrieb.

Es könnte natürlich auch sein, daß jemand daherkommt und unsere Aussage argumentativ unterfüttert falsifiziert. Und je öfter wir dasselbe sagen, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit einer solchen Falsifizierung. Schlimm wäre das nicht, im Gegenteil, wir könnten so von der Denkfähigkeit eines anderen zu unserem eigenen Nutzen profitieren. Wir lernten ohne eigene Kraftanstrengung etwas dazu.

Aber allein der von wenig Klugheit kündende Spruch »Manche Dinge werden durch Wiederholung nicht klüger« reicht natürlich nicht aus, um den Sinn unserer Wiederholungen bzw. den Sinn dessen, was wir wiederholen, in Frage zu stellen. Der Spruch ist nichts als eine Leerformel zur Abwehr dessen, was wir sagen. Es paßt jemand anderm nicht in sein Konzept, und um sich nicht die Mühe machen zu müssen, inhaltlich etwas dazu zu sagen – oder weil er das nicht kann, da ihm die Argumente fehlen –, macht er es sich leicht und wirft seinen Spruch unter die Leute, einen Spruch, der suggeriert, er hätte sich bereits früher inhaltlich und mit plausiblen Argumenten bewehrt dazu geäußert. Hat er aber nicht. Doch das ist den andern nicht bekannt.

Wie auch immer: Vielleicht werden nur die Klugen klüger durch Wiederholungen, aber ganz bestimmt wird niemand dümmer durch sie.

Ob Aussagen zutreffend sind oder nicht, das ist eine inhaltliche Frage, die mit der Häufigkeit der Wiederholungen nichts zu tun hat.

Plausibles bleibt plausibel, egal wie oft es gesagt wird. Solange niemand es inhaltlich widerlegt.

»Manche Dinge werden durch Wiederholung nicht klüger.« Aber auch nicht dümmer. Und sie werden nicht weniger plausibel, wenn sie plausibel sind und nicht argumentativ plausibel widerlegt wurden. Plausibles kann nur durch Plausibleres entplausibilisiert werden. Und durch sonst nichts: am wenigsten durch Wiederholung oder durch den Vorwurf der Wiederholung.

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