Mutter

Ich schaue nicht
aus deinen Augen
doch du aus meinen
ohne es zu merken
um all die Lichter
einzusaugen
die Dunkelheit zum
Bild verstärken.

Ich bin aus dir
emporgestiegen
und lasse doch
fast nichts zurück.
Nur aus der Ferne
spürst du manchmal
den einen oder
andern Blick.

 

Friedhofsimpression

Die Toten sind still.
Beim Atmen
kracht der Boden.
Am Meisenring
ein Eichhörnchen
die lauernde Katze
ein Mann mit Hut
die Bank
auf der wir saßen
die verblichene
Inschrift: Alles
Getrennte findet
sich wieder.
Die Vögel schweigen.
Der Frühling ist
noch fern.
Aber du bist
bald da

Unterhaltung

Wer mit sich nichts anzufangen weiß, entwickelt ein immer größeres Bedürfnis nach medialer Unterhaltung, um sich von der Erkenntnis fernzuhalten, daß er mit sich selbst nichts anzufangen weiß. Es ist erstaunlich, wie kreativ ein jeder mit sich umzugehen lernen kann, wenn er sich selbst unterhält.

Gedehnte Zeit

Die vielen Uhren
die so bleiern ticken
sie wissen nichts
von dir und mir
wenn sie die langen
Stunden stricken
und haben auch
kein Zeitgespür.

Die vielen Tage
die in Stunden ruhen
und kalt im Sternenlicht
entschwinden
wie Riesen in zu
kleinen Schuhen
wird niemand jemals
wiederfinden

Schnitter

Schau in das
Stacheldrahtgestrüpp. Hinter
den Kuckucksblumen.
Siehst du die blutigen
Leiber? Erkennst du
ihre Gesichter? Nein.
Du mußt näher herangehen.
Sonst siehst du bloß
Farbe auf funkelndem Stahl.
Geh näher heran. Und vergiß
nicht die Werkzeugkiste.
Und die Sichel für
die Blumen.

Alles Große ist einfach

Klug und weise wird man, wenn überhaupt, am schnellsten nicht durch Lernen, Erfahrung und Denken, sondern dadurch, daß man die andern für dumm erklärt – und sich selbst für samadhisiert, erleuchtet, satorisiert oder pipalbaumgeläutert. Man muß natürlich ein wissendes Gesicht inszenieren, sonst glaubt nur man selbst daran, aber auch nur dann, wenn kein Spiegel in der Nähe ist.

Verschweigen

In politischen, ideologischen Auseinandersetzungen ist es eine gern angewendete Methode, dem Angegriffenen zu unterstellen, er würde etwas verschweigen.

So gerade erst wieder in der Überschrift eines Artikels im „Tagesspiegel“ zum neuen Spielberg-Film: „Was Spielberg verschweigt“. Damit ist klar, daß jemand der Unlauterkeit bezichtigt wird, denn er hat nicht das gesagt, was der Schreiber dieser Titelzeile hören wollte. Der sprachkritische Leser weiß: Verschweigen heißt bewusst nicht sagen, etwas verheimlichen, jemandem eine Neuigkeit, Fakten, die Wahrheit verschweigen. Damit ist der Stab gebrochen, noch bevor der Artikelschreiber darlegt, was er als die Wahrheit betrachtet, die von dem Filmemacher mißachtet worden sei.

Daß es sich bei dem Film nicht um einen Dokumentarfilm handelt, sondern einen Spielfilm mit dokumentarischem Hintergrund wird ebenso ausgeblendet wie die Tatsache, daß die „Wahrheit“ viele Facetten hat und wir alle nichts anderes tun, als die gleichen Fakten (durchaus unterschiedlich) zu interpretieren, wobei jeder gemäß seinem Weltbild und seiner Erfahrung selbst die Schwerpunkte setzt. Es gibt immer mehr zu sagen, als man sagt, schließlich sind wir keine Sprechmaschinen, und ein Journalist hat einen anderen Schwerpunkt als ein Filmemacher, ein Philosoph oder Psychologe einen anderen als ein Politiker.

Es gibt keine einzig richtige allumfassende Realität, es gibt nur unterschiedliche Realitäten, erfaßt und widergespiegelt in unterschiedlichen Gehirnen. Zu sagen, jemand verschweige etwas, unterstellt ihm einen Grund, das zu tun, verdächtigt ihn, aus eigennützigen Beweggründen nicht die ganze Wahrheit kundzutun. Dabei hat er doch nur etwas anderes oder weniger gesagt, als der, der ihn kritisiert, gerne hören wollte, nämlich das, was dieser selber denkt. Soll er es doch auch selber sagen. Wenn er es kann. Wenn er es dann tut, können wir ihm sagen, was er verschweigt.

Aber wir werden nicht sagen: „Was er verschweigt“, wir werden lieber sagen: „Was er nicht sagt“ …