Madentiraden

Ein Großteil der Menschen in den sogenannten zivilisierten Ländern wünscht sich materiellen Wohlstand, Zuwendung und Freizeit, aber je mehr Wohltaten diese Menschen genießen können (oder besser könnten), um so mehr fällt ihnen auf, was ihnen fehlt.

Und sei es auch noch so wenig, das Bewußtsein, daß etwas fehlt – und natürlich fehlt immer etwas, und sei es auch nur Bewußtsein –, macht sie unzufrieden. Von allem nur ein wenig zu haben, das scheint eine bessere Quelle des Glückes zu sein. Man kann aber auch das Bewußtsein dahingehend erweitern, daß man das Bewußtsein, daß etwas fehlt, ergänzt durch das Bewußtsein dessen, was man tatsächlich besitzt.

Am besten wäre es, wenn man sich klarmachte, daß es vor allem an klarem Bewußtsein fehlt, wenn ein Fetter glaubt, er hätte zuwenig zu essen.

Idylle

Sanft der Wiesen zarte Farben
junges Grün und Gelb der Blüten
Ort des Glückes, Trost der Narben.
Und ein Kind beim Kühehüten.

Bäche murmeln, Fische springen
und der Goldfasan stelzt träge
und der Vögel leises Singen
in der Ferne eine Säge.

Purpurrot entflammt die Sonne
ihre Röte kündet Nacht
flachen Landes Sommerwonne.
In den Gräsern tobt die Schlacht.

Mörder lauern dort auf Beute:
aufgespießt zerpflückt zerknackt
wild zerrissen Felle, Häute.
Lebensgier-Dreivierteltakt

Prognosen

Wenn man es pessimistisch betrachtet, haben sowohl philosophische Metaphysik wie Elementarteilchenphysik prognostischen Charakter und sind ähnlich vage und unsicher wie die Zukunftsprognosen. Und selbst die Geschichtsschreibung wie auch große Teile der Evolutionstheorien sind eine Art Vergangenheitsprognostik.

Kein Gedicht

Wenn du die
Sätze auf
dem Hackbrett
strickst, wird
luftig, leicht so
manches Wort.
Doch der
Gedanke, kühn
bis schlicht
bleibt, was
er ist.

Ob du nun
auf den
Reim verzichtest
oder auch nicht
gerupfte Prosa ist
noch kein
Gedicht

Sprechschwäche

Wenn ein Wissenschaftler, der sich mit Lese- und Rechtschreibschwäche beschäftigt, in einem kurzen Radiobeitrag von einzelnen Worten statt Wörtern spricht und von »der Gegenüber« statt das Gegenüber, dann ist das kein Ausdruck von Lese- und Rechtschreibschwäche.

La Strada

Auf dem Weg von Meer zu Meer
am Rande des Universums
Ketten sprengen
aus Metallpapier
kein Woher kein Wohin
ein Strandzigeuner
verwickelt in die Fäden
unendlicher Zeiten.
Ariadne ist fern.
Nur die Sterne
sehen deine Tränen

Stereotype

Wenn sich in deinem Leben Langeweile und Mißmut breitmachen und du glaubst, das läge an der stereotypen Wiederholung von Immergleichem, dann solltest du, bevor du dein Leben durch Abwechslung veränderst, die Qualität deiner Stereotype prüfen. Es nützt auf Dauer nichts, die Stereotype bunt anzustreichen oder blind vom einen zum anderen zu rennen.

Oft ist es nicht der stereotype Charakter des Lebens, der uns unzufrieden macht, sondern die mindere Qualität der Stereotype, mit denen wir umgehen.

Über das Glück

Je weiter wir uns von unserem Unglück entfernen, um so weniger wird uns unser Glück bewußt, und am Ende wird unser Glück, wenn wir nicht achtgeben, zur Quelle der Unzufriedenheit, die dafür sorgt, daß wir ins Unglück zurückfallen. Wahres Glück ist immer ganz in der Nähe des Unglücks.