Solipsistische Miniatur II

Wir sind verborgen, in uns selbst gefangen
und einig nur im Anderssein.
Die Hilferufe, die hinausgelangen
verfehlen sich im Dämmerschein.

Und bleiben ungehört und ungesehen
die Dunkelheit bricht sie entzwei.
Wenn wir des Nachts am Fenster stehen
brennt nur das Licht der Tyrannei

der unerforschten, ewig unbekannten
gespiegelt nur im Rauch der Zeit
in der wir an die Mauern rannten
im blutbefleckten Hochzeitskleid

Perspektivenwechsel

Den Strom verstehen
losgerissen
in Zwischenwelten
rundum Staub.

Der Blick hinab
ins stumme Fluten
dem Meer entgegen
nasses Laub.

Der Blick hinauf
die Möwen fliehen
der Sonne zu
im Dunst das Licht.

Schnell gehst du fort
kein fester Boden
und in der Tiefe
dein Gesicht

Kirchgang

Da gehn sie bieder
brav und guter Dinge
voller feuchter Lieder
Köpfe in der Schlinge.

Schreiten vornehm, nobel
in den fremden Fellen
Fuchs und Nerz und Zobel
hin zu den Kapellen.

Und die andern wieder
in gegerbten Häuten
gutgeölte Glieder
aufgeschreckt vom Läuten.

Glockenruf zum Essen
Zug der Kannibalen
in die schwarzen Messen
zu den goldnen Schalen.

Rausch der Weihrauchschwaden
sattes Orgelbrausen
Menschen fluchbeladen
kollektives Schmausen.

Kult der Opfertäter
Omophagenspiele
Ritus der Verräter
Tanz der Krokodile.

Voll von dem Erlöser
Fleisch-und-Blut-Genosse
guter Mensch und böser
alte Priesterposse

Gebrochene Illusion

In unserm Zoo stehn
lauter Tiermaschinen
sind wie lebendig
wildbewegt wie echt.
Sie schlucken Fisch
und Kohl und Apfelsinen
und manches Mal wird
sogar einer schlecht.

Nur ihre Augen sind
nicht gut gelungen
das gilt für alle:
Löwe, Wolf und Lurch.
Sie schaun kein
bißchen ungezwungen –
ihr Blick geht kalt und glatt
durch dich hindurch

Vom deutschen Wesen

Immer noch einsam
gemeinsam erst recht
fossile Mimosen
ein Mammongeschlecht.

Gedankenmaschinen
der Weltgeist in Hosen
Gemüt in Pantinen
historisch umweht.

Der Tiefsinn in Dosen
gefeierte Unschuld
politisch vernunftlos
und pünktlich zu spät

Regeln

Wenn ich mich in der Öffentlichkeit äußere, muß ich damit rechnen, daß ein anderer öffentlich etwas dazu sagt. Dabei kann es vorkommen, daß mir das, was gesagt wird, mehr oder weniger gut gefällt. Das ist Risiko und Chance zugleich.

Zum einen kann durch den Kommentar des andern etwas deutlich werden, von dem ich (zum Beispiel aus Gründen der Eitelkeit) nicht möchte, daß es deutlich wird. Zum anderen aber kann mir klar werden, daß ich nicht genügend nachgedacht habe über dieses oder jenes. Ich habe also Gelegenheit, etwas dazuzulernen.

In jedem Falle entspricht es meinem Demokratieverständnis, alle zu Wort kommen zu lassen, die anderer Meinung sind als ich selbst, solange sie ihre Meinung sachlich oder polemisch, ironisch, süffisant oder sonstwie originell äußern. Persönliche Angriffe, Beschimpfungen und Beleidigungen kann ich, muß ich jedoch nicht dulden, wenngleich auch solche manchmal sinnvollerweise geduldet werden sollten, weil sie sichtbar und für die Mehrheit nachvollziehbar auf ihre Urheber zurückfallen und deren Gedankenarmut deutlich werden lassen. Denn persönlich beleidigende Angriffe sind normalerweise ein Zeichen fehlender Argumente oder eines Mangels an Argumentierfähigkeit. Oder auch nur eines Überschusses von Gallensekret.

So halte ich das auch hier auf meinem Blog. Hier darf jeder kommentieren, der etwas zu sagen hat, und auch jeder, der nichts zu sagen hat, aber auf originelle Art und Weise davon ablenkt, daß er nichts zu sagen hat. Ob das Gesagte sich mit meiner Meinung deckt, spielt dabei naturgemäß keine Rolle. Aber selbstverständlich muß jeder, der einen Kommentar abgibt, wissen, daß dieser Kommentar kommentierbar ist und von mir selbst oder von anderen kommentiert wird.

Persönliche Verunglimpfungen und Beleidigungen, die erkennbar über metaphorisch mehr oder weniger kunstvolle Charakterisierungen von Verhaltensweisen oder Haltungen hinausgehen, sind davon ausdrücklich ausgenommen. Sie werden entweder gelöscht, oder der Urheber wird gebeten, sich zu entfernen, und erst dann wieder zu erscheinen, wenn er meine Regeln hier respektiert. Auf seinem eigenen Blog kann er es halten, wie er will. Hier nicht.

Auf anderen Blogs erfahre ich manchmal, daß es Zeitgenossen gibt, die ganz andere Regeln haben. Und diese Regeln haben häufig eher totalitäre Tendenz. Sachliche Kritik ist nicht erwünscht, und bei Nichtbeachtung gibt es postwendend persönliche Beschimpfungen, Unterstellungen und dergleichen. Da merkt man schnell, daß diese Blogs nur der Selbstdarstellung und narzißtischen Bestätigungssucht dienen, und wenn man es nicht schnell genug merkt, dann läuft man Gefahr, verbal aufgeschlitzt oder in einen Betonmischer gesteckt zu werden. Nun ist ja mein Fell härter, als es die Spielzeugmesser sind, mit denen an solchen Orten herumgefuchtelt wird, aber unästhetisch ist das Ganze dennoch.

Wenn man sich dann, schon aus hygienischen Gründen, aus dem „Gespräch“ von solchen Orten zurückzieht und das ausdrücklich in einem letzten Kommentar, explizit, vermerkt, muß man aber damit rechnen, daß einem noch jede Menge verbale Steine hinterherfliegen. Manchmal wird es sogar spaßig, wenn man, nachdem man sich schon weit entfernt hat, noch zu hören bekommt, man solle endlich Ruhe geben.

Doch ich verstehe das Bedürfnis. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, für die andern.

Was ich nicht verstehe, ist, daß man einen Ruhigen auffordert, Ruhe zu geben.

Ein Wahrnehmungsproblem.