Puzzeln

Im Leben wie auch in der Kunst sollte man beim Puzzeln vielleicht innovativ sein und mehrere Puzzles zu etwas ganz Neuem zusammenfassen, ganz im Sinne des radikalen Expressionismus: (Lebens-)Kunst als Montage. Und manchmal wird aus zwei oder mehreren Puzzles eine Collage neuer Qualität, fernab der Reproduzierbarkeit üblicher zerschnittener und wieder zusammengesetzter Bilder. Es gibt viele Formen von Avantgardismus, die sich im postmodernen Sinne weiterentwickeln ließen. Warum nicht mal im persönlichen Leben?

Von Fröschen und Prinzen und der Phantasie

Manchmal verwandeln sich Frösche in Prinzen, aber viel öfter Prinzen in Frösche. Aber nicht in der Wirklichkeit, sondern nur in der Phantasie. In der Wirklichkeit gibt es nur Frösche und Menschen. Und die verwandeln sich nicht. Weder wird ein Mensch ein Frosch noch ein Frosch ein Mensch. Jeder ist, was er ist. Bei eingebildeten Prinzessinnen besteht jedoch Hoffnung auf Wandlung, wie die Märchen bekunden. Aber war das mit dem Froschprinzen nicht auch ein Märchen?

Befremden

Immer wieder sehe ich mit Befremden, daß es Menschen gibt, die Spaß daran haben, im Winter Fensterscheiben einzuwerfen, und sich in der Folge darüber beschweren, daß es so zugig ist. Und wenn man sie auf die Ursache des kühlen Luftstroms hinweist, die Chuzpe besitzen, andere dafür verantwortlich zu machen, während sie selbst sich gerade nach dem nächsten Stein bücken.

Man kann sicher lernen, darüber zu lachen. Das werde ich mir zur Aufgabe machen. Gegen die Arroganz von Egozentrikern hilft Lachen. Wissen allein ist machtlos. Aber Wissen reicht dennoch. Denn wirkliche geistige Lebendigkeit und Offenheit sind wichtiger als beißkräftige Zähne.

Projektion

Schematisch Denkende, klassifizierend Denkende denken differenzierungsarm und statisch. Wer so denkt, wähnt sich selbst schnell als abqualifiziert, weil in seinem Denkmuster nicht vorgesehen ist, daß ernstzunehmende andere eine andere Denkstruktur haben könnten als er selbst.

Der Abqualifizierer fühlt sich auch dann abqualifiziert, wenn das gar nicht geschieht, weil ihm selbst etwas anderes als Abqualifizierung nicht in den Sinn kommt. Wie sollte es also einem anderen in den Sinn kommen?

Das führt manchmal zu grotesken Situationen, in denen jemand, der andere fortwährend beleidigt und abqualifiziert, sich auf das schärfste gegen persönliche Beleidigungen und Abqualifizierungen verwahrt, obwohl er auf nichts weiter stößt als Gegenwind und sachliche Argumentation.

Über Toleranz

Wenn man Bodyguardphantasien und Selbstjustizwünsche bei sich entdeckt, ohne daß man sich selbst in einer aktuellen Bedrohungssituation befindet, dann sollte man darüber nachdenken, ob das Toleranzmodell, nach dem man zu leben vermeint, wirklich etwas Echtes und Gewachsenes ist oder nur Camouflage des internen Aggressionspotentials, das beständig nach außen drängt, wenn es mit Andersartigem konfrontiert wird. Oder gar nur von Andersartigem hört oder liest. Vielleicht aber ist es schon der Gipfel der gängigen Toleranz, wenn man Billy Mo gestattet, sich einen Tirolerhut zu kaufen. Dann hat man was zum Lachen, und Lachen befreit. Manchmal auch von tiefsitzenden Aversionen.

Was ist anständig?

Ist es anständig, wenn ich dafür sorge, daß mein jazzliebender Nachbar mal anständige Musik zu hören bekommt, indem ich Black Sabbath auflege und meine 300-Watt-Anlage anständig aufdrehe? Ist es anständig, wenn ich dem Vegetarier eine anständige Haxe serviere, damit er mal was Anständiges zu essen bekommt? Ist es anständig, wenn ich dem Kiffer Wodka aufdränge, damit er mal anständig besoffen ist? Ist es anständig, wenn ich Kurzhaariger dem Langhaarigen einen anständigen Haarschnitt verpasse? Ist es anständig, wenn ich dem Nichtkatholiken klarmache, er sei ein Heide und brauche eine anständige Religion?

Derartige Anständigkeiten sind oder waren anständig verbreitet. Es scheint Sitte unter Anständigen zu sein, anderen ihre Art Anständigkeit aufdrängen zu wollen. Vor allem die ganz Anständigen scheinen so von sich überzeugt zu sein, daß sie es nicht ertragen können, wenn andere nicht in den Genuß dieser Anständigkeit kommen. Möglicherweise ist die Ursache ihres Sendungsbewußtseins aber eher ein klitzekleiner Selbstzweifel, der immer dann hochkommt, wenn sie mit einer anständigen Unanständigkeit konfrontiert werden. Oder mit einer anderen Farbe der Anständigkeit.