Puzzeln

Im Leben wie auch in der Kunst sollte man beim Puzzeln vielleicht innovativ sein und mehrere Puzzles zu etwas ganz Neuem zusammenfassen, ganz im Sinne des radikalen Expressionismus: (Lebens-)Kunst als Montage. Und manchmal wird aus zwei oder mehreren Puzzles eine Collage neuer Qualität, fernab der Reproduzierbarkeit üblicher zerschnittener und wieder zusammengesetzter Bilder. Es gibt viele Formen von Avantgardismus, die sich im postmodernen Sinne weiterentwickeln ließen. Warum nicht mal im persönlichen Leben?

Von Fröschen und Prinzen und der Phantasie

Manchmal verwandeln sich Frösche in Prinzen, aber viel öfter Prinzen in Frösche. Aber nicht in der Wirklichkeit, sondern nur in der Phantasie. In der Wirklichkeit gibt es nur Frösche und Menschen. Und die verwandeln sich nicht. Weder wird ein Mensch ein Frosch noch ein Frosch ein Mensch. Jeder ist, was er ist. Bei eingebildeten Prinzessinnen besteht jedoch Hoffnung auf Wandlung, wie die Märchen bekunden. Aber war das mit dem Froschprinzen nicht auch ein Märchen?

Befremden

Immer wieder sehe ich mit Befremden, daß es Menschen gibt, die Spaß daran haben, im Winter Fensterscheiben einzuwerfen, und sich in der Folge darüber beschweren, daß es so zugig ist. Und wenn man sie auf die Ursache des kühlen Luftstroms hinweist, die Chuzpe besitzen, andere dafür verantwortlich zu machen, während sie selbst sich gerade nach dem nächsten Stein bücken.

Man kann sicher lernen, darüber zu lachen. Das werde ich mir zur Aufgabe machen. Gegen die Arroganz von Egozentrikern hilft Lachen. Wissen allein ist machtlos. Aber Wissen reicht dennoch. Denn wirkliche geistige Lebendigkeit und Offenheit sind wichtiger als beißkräftige Zähne.

Projektion

Schematisch Denkende, klassifizierend Denkende denken differenzierungsarm und statisch. Wer so denkt, wähnt sich selbst schnell als abqualifiziert, weil in seinem Denkmuster nicht vorgesehen ist, daß ernstzunehmende andere eine andere Denkstruktur haben könnten als er selbst.

Der Abqualifizierer fühlt sich auch dann abqualifiziert, wenn das gar nicht geschieht, weil ihm selbst etwas anderes als Abqualifizierung nicht in den Sinn kommt. Wie sollte es also einem anderen in den Sinn kommen?

Das führt manchmal zu grotesken Situationen, in denen jemand, der andere fortwährend beleidigt und abqualifiziert, sich auf das schärfste gegen persönliche Beleidigungen und Abqualifizierungen verwahrt, obwohl er auf nichts weiter stößt als Gegenwind und sachliche Argumentation.

Über Toleranz

Wenn man Bodyguardphantasien und Selbstjustizwünsche bei sich entdeckt, ohne daß man sich selbst in einer aktuellen Bedrohungssituation befindet, dann sollte man darüber nachdenken, ob das Toleranzmodell, nach dem man zu leben vermeint, wirklich etwas Echtes und Gewachsenes ist oder nur Camouflage des internen Aggressionspotentials, das beständig nach außen drängt, wenn es mit Andersartigem konfrontiert wird. Oder gar nur von Andersartigem hört oder liest. Vielleicht aber ist es schon der Gipfel der gängigen Toleranz, wenn man Billy Mo gestattet, sich einen Tirolerhut zu kaufen. Dann hat man was zum Lachen, und Lachen befreit. Manchmal auch von tiefsitzenden Aversionen.

Was ist anständig?

Ist es anständig, wenn ich dafür sorge, daß mein jazzliebender Nachbar mal anständige Musik zu hören bekommt, indem ich Black Sabbath auflege und meine 300-Watt-Anlage anständig aufdrehe? Ist es anständig, wenn ich dem Vegetarier eine anständige Haxe serviere, damit er mal was Anständiges zu essen bekommt? Ist es anständig, wenn ich dem Kiffer Wodka aufdränge, damit er mal anständig besoffen ist? Ist es anständig, wenn ich Kurzhaariger dem Langhaarigen einen anständigen Haarschnitt verpasse? Ist es anständig, wenn ich dem Nichtkatholiken klarmache, er sei ein Heide und brauche eine anständige Religion?

Derartige Anständigkeiten sind oder waren anständig verbreitet. Es scheint Sitte unter Anständigen zu sein, anderen ihre Art Anständigkeit aufdrängen zu wollen. Vor allem die ganz Anständigen scheinen so von sich überzeugt zu sein, daß sie es nicht ertragen können, wenn andere nicht in den Genuß dieser Anständigkeit kommen. Möglicherweise ist die Ursache ihres Sendungsbewußtseins aber eher ein klitzekleiner Selbstzweifel, der immer dann hochkommt, wenn sie mit einer anständigen Unanständigkeit konfrontiert werden. Oder mit einer anderen Farbe der Anständigkeit.

Der Spott der Unendlichkeit

Geruch durchsäuert
Blutgeräusche
und leises Schaben
an der Wand.

Dein Schatten schweigt
tonloser Atem
streift dich wie
eine kalte Hand.

Im Dunkel nur
Sekundenblitzen
neugierig-fragend
böser Blick

kopflos und klar
ein starres Auge
im leeren Raum.
Keine Replik

Traditionen

Du lernst das Laufen
auf verblichnen Knochen
und sprechen mit
zerbrochnen Schädeln
trinkst Blut
wie alle Diadochen
versuchst dich
in die Welt zu fädeln.

Verbrauchte Luft
füllt deine Lungen
noch ehe du
das Licht erblickst
und eigne Worte
sind verklungen
eh du vor ihrem
Klang erschrickst.

Du siehst den Platz
in den Ruinen
wo mancher
seinen Tag verbracht
da waren Kerker
Guillotinen
und manchmal
spürst du dort
die Nacht

Gerade jetzt

Die Fenster knacken
Schnaubend springt der Wind sie an
Weltatem flattert
Zischend in die Nischen.
Im Bett der warme Regen.

Die Fenster flattern
Im Blut verzischen Sterne
Dein Atem schmeichelt
Sanft um meine Haut
Und Hände spüren Hände.

Sind nicht die eignen
Die sich in sich verzehren
Doch nah wie sie und
Wie ein Sommertag.
Mit lichtem, leisem Atem

Im Kopf der Zeit

Milliarden die im
Keim verdarben
sind um uns
wenn wir
uns verbergen
auf abgerißner
Glieder Narben
im Dunkel tappen
zwischen leeren
Särgen.

Hier stirbt man nicht
reiht Tode nur an Leben
formt Sedimente
Schicht für Schicht
dem Feuer
preisgegeben

Die Helfer des Sisyphos

Sie rollen früh durch
erste Kinderträume
und kommen spät
heraus ans Licht
des Tages
als Sinnbild des
kosmischen Flügelschlages
bewegte Beweger
im dunklen Raum.

Bald sprühen sie Funken
bald weißen Schaum
und lehren die Kunst
des schnellen Ertrages
sind Treiber des
künstlichen Hammerschlages
harmlos gekleidet
in eisernen Zaum.

Und sind bis heute
nicht von uns gewichen
beherrscht von Reibung
und Gravitation.
Sie kommen getanzt
sie kommen geschlichen
und spucken Feuer
verteilen den Lohn.

In ihnen sind keine
Jahre verstrichen:
Sie dienen dem Kreis
dem höllischen Sohn

Über Ich-Setzung

Ich-Setzung als Selbst-Definition, genau das ist es, was ich mit Selbst-Täuschung meine. Ich will es mal mit einer philosophischen Anekdote veranschaulichen, die mich immer wieder zum Lachen reizt: Nach seinem Tod fand sich in Schopenhauers Bibliothek das Exemplar einer Fichte-Ausgabe, in der Schopenhauer immer dann einen Stuhl an den Rand gezeichnet hatte, wenn es bei Fichte hieß: »Das Ich setzt sich.«

Klarer und humorvoller kann man den unsinnigen Wunsch des Ich, sich über den ganzen Menschen mit seinem Getriebensein zu erheben, nicht der Lächerlichkeit preisgeben. Eine Ich-Setzung, die von der Abgründigkeit und Getriebenheit des Menschen abstrahiert, ist nichts weiter als die Schaffung eines Windbeutels mit Über-Ich-Kruste.

Von Gesicht zu Gesicht

Ein schauriges leises Begegnen
umbrandet vom Brüllen der Welt
es ist dieses heimliche Segnen
das einen dem andern erhält.

Verstohlen schaust du hinüber
voll Scheu in das fremde Gesicht
und manchmal strömt milde herüber
der Klang, der die Masken zerbricht.

Dann fühlst du die Sprache der Engel
behutsam tastender Schimmer
ein weltenvernichtender Glanz.

Dies ist das Licht im Gedrängel
der reine Ton im Gewimmer
Musik für den heimlichen Tanz

Das Echo der Äonen

Im Dunkel ruhen
alle Wunden
und Schatten werden
scharf im Licht
wie Messer ritzen
helle Stunden
die Signatur
in das Gesicht.

Die Krallen der
verwesten Tage
spürt nur wer sich
ins Auge schaut
der Schrei der Zeit
ist Totenklage
das Echo ist
verwelkte Haut.

Verwittern ist das
Maß der Uhren
doch Wiederkehr
mißt Ewigkeit
die morschen Stimmen
der Lemuren
sind längst vom Glanz
der Zeit befreit

Abend in Berlin

Die Katzen spielen und die Kerzen weinen
und weiche Schleier sinken auf die Stadt.
Die Sonne gähnt, ihr will es scheinen
als hätten alle ihre Wärme satt.

Am Parkrand summen die Laternen
und wunde Hände ruhn auf weichem Plüsch.
Die Motten jagen wild nach ihren Sternen
der letzte Vogel kriecht ins Schlafgebüsch.

Und Wolken ziehen still von fern zur Ferne
sie kehren niemals mehr zu uns zurück
und keiner weiß, ob sie nicht gerne
ein wenig Heimat hätten, nur ein Stück

Mir ist so

Als hätte ich etwas zu sagen
als wüßte ich ein klares Wort
als hätte ich nichts mehr zu klagen
als ginge ich für immer fort.

Doch finde ich nur alte Fragen
und weiß mich fern an diesem Ort
und habe nur mich selbst zu tragen
ich geh nicht fort und bleibe dort

Kein Grund zur Aufregung

Worte sind Schatten
blinder Gedanken
tarnen der Seele
heimliche Qualen
hüllen in Nebel
gierige Ratten
saugend am zuckenden
Herzenermatten
glätten beflissen
das Leichentuch.
Lautlos erstarren
liebendes Sehnen leises
Begehren: Ohnmacht
glüht stummes
Verzehren

Wilde Erdbeeren

Umflutet vom Mißverstand
sich selber verstehn
wie verschwundene Väter
ohne Gesichter
begrabene Zeigefinger
die Zeichen zeitloser Uhren
kein Blick aus
vernagelten Fenstern
das Sarggeflüster
wenn die Pferde scheuen
nicht hängenbleiben
an leuchtenden Laternen
als wolltest du dir selbst etwas sagen
wenn die Hand dich ergreift
die knochigen Finger
die Heimwärtszeiger
heim zu den verschmorten Hölzern
wo die Erdbeeren blühen
die nie gereiften
wo die Träume schäumten
und erstarrten
im Eis der marmornen Mütter
begraben im Ungefähr
verschollener Väter
die zeigerlose Uhr
zeigt den Weg
durch die Gänge
durch die Türen
in den Ohren Schlüsselklirren
wo der Prozeß beginnt
mit dem Ende
nichts ist zu sehen
aber niemand ist tot
nur die Augen
sind lahm und müde
müde wie alte Gesichter
aber die Erdbeeren
sind reif

Vom Perlensticken

Allein auf dem Feld
ohne sich allein
mit sich und den
wortlosen Wolken
das Gefühl
in den Kohl gewühlt
als wäre alles
nicht wahr.

Wären da nicht
die Spuren
auf den Wangen.

Bis sich die
Tränen kreuzen
im Schweigen
tickt schwer
so manche
Nachtsekunde
Stunde um Stunde
gemeinsam allein.

Wären da nicht
die Spuren
auf den Wangen.

Wenn sich die
Tränen kreuzen
über den Perlen
ist der Fisch
vom Haken frei
und schwimmt davon
in die Nacht.
In den Tag.

Wären da nicht
die Spuren
auf den Wangen.

Und in den
Herzen

Schäume

Die schleimigen Spuren
der Purpurschnecken
rutschige Wege
die Fährten der Nacht
im Asphalt
vertrocknen
wie ranzige Häute.
Der Wind weht sie fort
und die Lüfte sind schwer
vom Nächtegeruch
der Atem einer
sprachlosen Welt.
Und mit ihm
verdunsten wie Tau
die Gedanken.

Nichts bleibt
nichts entsteht
kein Gewinn
kein Verlust
nur traumloses
Starren

Whisky

Guten Morgen
Tristesse
so Gott will
stehende
Bewegung
auf alten Socken
nur die Glut
der Zigarette
Hoffnungsschimmer.

Begegnungsloses Begegnen
wortloses Nichtverstehn
verschobener Fluch.

Wie ein Zahnrad
im Getriebe
der Vergangenheit
der ruhige Puls
Schatten des Vulkans.

Die letzte Glut zertreten.
Kein Weg hinaus
in die Zukunft.
Nur das rückwärts
gesprochene Wort.
Sag mal Leben:
Nebel

Nautische Notiz

An offnen Luken
Spargeltiere
Hälse verkrustet
trotz sauberem Schnitt
auf namenlosen
Schiffen Passagiere
blind wie die Brandung
komm mit, komm mit!

Der Hafen ist an Bord
ganz unverborgen
hier sucht ihn niemand
volle Fahrt voraus
die nächste Ankunft
abends morgen
nur wenig
übers Ziel hinaus.

Das Drumherum
ein Heer
behaarter Bojen
wie Perlenketten
ohne Schnur
und in den vielen
viel zu langen Kojen
von Fußabdrücken
keine Spur

Sicheres Geleit

Wenn Schiffe sich
im Kreise drehen
im Strudel ankern
vor gezackten
sprungbereiten Klippen
dann siehst du
dich und mich
in Boote gehen
um fortzuhuschen
in die leisen Weiten.

Schluckt blauer Wirbel
hungrig früh zerbrochne Ruder
und kleben Segel bald
vom Sturm zerfetzt am Mast
die Strömung wird
dir Fährten zeigen
und sicher dich
zurückgeleiten

Unterwegs

Der grüne Fluß
unter Wolken wie Pech
Geruch von Ruß
aus fliegendem Blech.

Ein gelbliches Schimmern
stetiges Summen
im Glühbirnenflimmern
ein holpriges Brummen.

Im Innern ein Schwarm
von grauen Gefühlen
und Blut, feucht und warm
lebendige Mühlen.

Die Lungen vibrieren
im Rhythmus der Nächte
Gedanken verzieren
das Dunkel der Mächte.

Und hell glühen Farben
im Traum meiner Sagen
verdecken die Narben
vertreiben die Fragen.

Wohin weht der Wind
woher kommt das Licht
warum bin ich blind
wozu dies Gedicht?

Terra incognita

Hinter Gittern aus Chrom
und Efeu mit Rosendornen
unter den Scherben
zerbrochener Bäume
unberührt
vom Gaukelbetrug
geschnitzter Schalen
liegt still
ein Schweigen, lauernd
ein Ahnen
im glitzernden
Bildergemurmel:
die ewige Qual des
ewigen Glücks,
der höllenhimmelspiegelnde
Saal
stummer Sehnsucht.
Keine Rettung,
kein Vergessen
kein Schrei

Zeitlos

Sie stehn nur da. Kein Blut, kein Atem.
Und fühlen nicht die warme Hand.
Stumm. Lautlos. Fern. Bedrohlich.
Die Plastikrosen blühen nicht.

Der Morgen dämmert leise.
Frost. Am Himmel kühles Blitzen.
Und Tage öffnen sich der Nacht.
Die Plastikrosen welken nicht.

Kein Licht. Kein Glühen. Keine Sonne.
Die Marmorklippen werfen Schatten.
Wie Hände greifen ihre Zacken.
Die kalten Finger wärmen nicht

Wozu?

Wozu sich selber stumm belügen
als wäre da nicht das Klirren
der hohle Ton der zerbrochenen Schlüssel.
Wozu die Gewalt? Und die Masken.
Wozu all der Schmutz?
Wozu sich die Haut von den
Rippen kratzen?
Man kommt ja doch nicht heran.
Nicht herein.
Nicht heraus

Innere Stimme

Dauernd dieses Gerede von der inneren Stimme. Wozu Vernunft und Verstand? Immer brav auf die innere Stimme hören und bloß nicht genau hinschauen, wer da spricht. Als hätte es weder die Aufklärung gegeben noch (mehr noch) die Erkenntnisse der Psychoanalyse.

Den klaren Blick mag die innere Stimme nicht, sie wird leicht unruhig und fängt an zu zicken, wenn wir sie mal unter die Lupe nehmen wollen, schauen, wer das ist, der da spricht. Aber wir sind folgsam und sehen nicht genau hin, sondern folgen brav unserer inneren Stimme. Nur wenn sie uns zu direkt sagte, es wäre gut für uns, aus dem Fenster im fünften Stock zu springen, dann würden wir doch etwas stutzig.

Aber so dumm ist die innere Stimme nicht, sie führt uns subtiler in unser Unglück. Wir hören auf dieses dumme Geschwätz, und alle Welt propagiert und idealisiert das Denken mit dem Bauch, während das Gehirn zu sehr mit Verdauung beschäftigt ist, um etwas dazu zu sagen. Und um seinen Teil dazu beizutragen, daß wir lernen, im Chor der inneren Einflüsterer unsere eigene innere Stimme zu hören. Die ist manchmal ganz leise und verschüchtert. Mit Hilfe des Gehirns im Gezeter der inneren fremden Stimmen die eigene zu finden und damit ganz wir selbst und handlungsfähig zu werden, das ist unsere Aufgabe. Eine wahrhaft schwieriger Versuch.

Bühne des Lebens

Auf der Bühne des Lebens werden wir erst dann frei und klar sprechen und handeln können, wenn wir diesem flüsternden Gesindel von inneren Souffleuren auf die Finger treten, damit sie schreiend davonlaufen und uns zukünftig unseren eigenen Text sprechen lassen.

Auf dem Weg

Wir sind geleitet von Walküren
und folgen ihren Richtungszeichen
und wenn die Hände sich berühren
sieht man uns ungeschickt erbleichen
auch wenn wir um Gedanken streiten
und untertauchen im Gedränge
wir lassen uns von ihnen leiten
und lachen über Schlachtgesänge

Stärke und Schwäche

Vieles wäre leichter, wenn die Menschen sich öfter klarmachen würden, daß es unterschiedliche Auffassungen über emotionale Stärke und Schwäche gibt und daß das, was der eine als Schwäche empfindet, von dem andern als Stärke angesehen oder empfunden werden könnte und umgekehrt. Sprudelnde Quelle für Mißverständnisse.

Déjà-vu

Mir scheint es, als schwebe mein Blick
wie Licht durch Unendlichkeiten
in Prismen gebrochen im sauberen Knick
hinein in die Schlünde der Zeiten.

Bin ich verurteilt und wieder hier
in diesem steinumhüllten Sumpf
umhuscht von schleimigem Getier
mit Gletscherzungen, augenstumpf?

Dann wär ich noch einmal zurück
aus abgeglühten Einsamkeiten
zu wandern auf lodernden Steppen ein Stück
zu dienen dem Spiel der Gezeiten

Sprachlos

Festgezurrt im
Drahtgeflecht
der Normen
eingeschweißt im Räderwerk
luftleerer Brutkästen
zerfledderte Fahnen weiß
schwenkend
mit krachenden Armen
müdegeschrien den blaßroten Mund
aus den Windeln fließt
gelbsaurer Honig
in die schwarzen Kanäle.
Mit dem Kot
frecher Ratten mischt sich
das Blut deiner
Liebe.
Vergessen die Qual
der Geburt und
verhallt die Geduld
deiner Worte.
Vorbei. Wie die Fische
so tot

Reflektieren

Wenn ich reflektiere, was ich tue, vergesse ich nicht, mir klarzumachen, wer da reflektiert und welche Motive er hat. Das mag ungesund erscheinen und dissoziierend und ad infinitum fortsetzbar, aber es fördert die Selbsterkenntnis. Wenn ich dann noch wieder und wieder die Perspektive wechsle und probehalber den Reflektierenden durch einen andern ersetze, entsteht ein zwar immer unvollständiges, aber brauchbares Bild.

Bei allem darf ich natürlich nie vergessen zu handeln, sonst gibt es nichts Neues mehr zu reflektieren, und ich verfalle in Starre. Sinn der Reflexion sollte es sein, eine brauchbare Basis für zukünftiges Handeln zu schaffen – und nicht einen selbstvergessenen Ruhepunkt. Wenn Reflexion sich selbst genug ist und zur Starre führt, ist das auch nicht besser als die Starre derer, die sich selbst nicht oder nur wenig reflektieren.

Der Unterschied liegt darin, daß deren Starre wie Leben aussieht, obwohl es nur eine Aneinanderreihung von Gewohnheiten ist. Es gibt unterschiedliche Arten, sich das Leben zu nehmen.

Über das Wollen

Jeder möchte tun, was er will. Und er tut, was er meint zu wollen. Dabei geschieht oft, daß er sich selbst und andere durch sein Handeln verletzt. Dann geht er manchmal in sich und versucht herauszufinden, ob er das wirklich will, was er tut, oder ob er nur Impulsen von Teilen seiner Persönlichkeit, seines Egos Ausdruck gibt. Das ist für mich der Beginn der Selbsterkenntnis.

Nichts ist schwieriger, als herauszufinden, was man im Innersten will, denn in uns streiten viele Teile um die Vorherrschaft und versuchen uns einzureden, wenn wir ihren Impulsen nachgäben, täten wir, was wir wollen. Und deshalb wollen wir mal dies und mal das und trudeln durch die Gegend. Wenn wir versuchen, herauszubekommen, was wir wollen, müssen wir tiefer schürfen, und vielleicht finden wir heraus, was wir sollen. Finden heraus, daß das, was wir für unser wollendes Ich halten, nicht wir selbst sind.

Und dann sind wir plötzlich da, wo wir uns erkennen als das, was wir sind, und dann sind wir unser eigener Souverän, der dem Ich sagt, wer der Chef ist, und all die streberischen Impulse als das entlarvt, was sie sind: Zwergenwünsche. Und wenn unser Ich bereit ist, ohne zu murren, sein Sollen zu akzeptieren und sein Wollen als Wünsche zu sehen, dann werden im Wollen auch Wünsche befriedigt, ohne sich selbst ständig zu verletzen.

Aber wenn das Ich nicht bereit ist, diese Beschneidung seiner angemaßten Souveränität zuzulassen, dann wird es zu einem bitteren inneren Kampf kommen. Das erleben wir alle mehr oder weniger.

Ruhiges, klares Handeln ist erst dann möglich, wenn die innere Hierarchie geklärt und akzeptiert ist. Im Innern des Menschen gibt es keine Demokratie.

Opfer

Das zerbrochene
Honigglas
in ihrem Gepäck
du siehst es nicht
doch du hörst es
knirschen.
Setz dich zu ihr
und schau zu
wie sie schleckt
als ginge es
ums Leben.
Schau zu und
halte ihr
den Löffel.
Was ist das
schon groß.
Nicht Abraham
nicht Alexander
und da brennt
kein Haus.
Nur ein kleines
Opfer

Sezieren

Ich habe das
Seziermesser
aus der Hand gelegt
keine Vivisektion
Erkenntnisverzicht
keine Schnitte
bei Hautvertrauten.

Die andern
dürfen weiter
hoffen oder
fürchten.

Was bleibt
ist nun
der Schnitt in die
blutlosen Texte
und bisweilen
ein Selbstversuch

Carpe diem

Zählt Geld
lauft in Reihen
wer Trommler mag
nur zu
laßt die
Steine erbeben
wie im
siebentorigen Theben.
Das Ende ist Schrift
auf dem Sarkophag.

Im Blitzlicht beim
letzten Sekundenschlag
da werdet ihr
schaudernd verschweben
so narrt euch
der Tod mit
dem Leben
Am Abend blinkt
in den Spiegeln
der Tag.

Und die ihre Sinne
mit Hämmern betäubt
die gaffen nun
stumpf in die
Leere der Nacht
mit zitternder Hand
und die Haare
gesträubt.

Und wehe
dem Wesen
das jetzt
erst erwacht
zu spät
sein Beginnen
die Hülle zerstäubt
sein Weg führt
zurück in die
ewige Schlacht

Der Rat des Olymp

Alraunen wispern
auf steinigen Wegen
zerstäuben in Schluchten
verblühen im Staub
verklingen in
gurgelnden Ätherbuchten
und modern im Sande
wie Laub.

Im Martertopf
pflegen sie Zweisamkeiten
Vereinzelt das Zaudern
ein schütterer Strauch
Verhärmte hüten
schweigend ihr Schaudern
und kauen versonnen
den fettigen Rauch.

Harrt aus
drängt die
mahnende Göttergeste
zerbrecht nicht
die Spiegel, zersägt
nicht die Haut.
Treibt weiter
den Schmerz
in die tauben Hügel.
Ihr seid unser
härtestes Kraut

Reminiszenz

Und du suchst
nach dem Wort
dem lösenden
vielleicht erlösenden
doch es spricht
sich nicht
aus:
So schwer der Mund
und die Zunge
so glatt.
Auf den Lippen der
Rauhreif vom vorletzten Jahr.
Kein Vergessen.
Kein Zorn.
Kein Geschrei.
Nur so kalt.
Nur wie
Stein

Als gäbe es das passende Wort dafür

Wenn du etwas suchst, von dem du nicht weißt, wie es aussieht, weil du es noch nie gesehen hast, ist die Wahrscheinlichkeit, daß du es übersiehst, wenn du es findest, größer als die Wahrscheinlichkeit, daß du es erkennst. Und wenn das, was du suchst, etwas Unsichtbares ist, dann wird das Erkennen noch schwieriger sein. Deshalb bemühe ich mich so sehr, es sichtbar zu machen. Kann sein, daß ich es dabei aus den Augen verliere.

Liebe und Verliebtheit

Die berühmten Schmetterlinge im Bauch sind die Voraussetzung für den Menschen, sich einem anderen Menschen über das normale Maß hinaus zuzuwenden und sich ihm zu öffnen. Sie sind Ausdruck der Verliebtheit, aber kein Dauerzustand liebender Menschen, denn diese Gefühle sind flüchtig wie alle Schmetterlinge. Sie lassen sich nirgendwo dauerhaft häuslich nieder.

Erst wenn die beiderseitige Bereitschaft, diese Verliebtheit zum Anlaß zu nehmen, den andern mit allen Konsequenzen als so etwas wie einen absoluten Freund zu betrachten, dazu führt, daß Menschen füreinander Verantwortung übernehmen und für den andern ohne Wenn und Aber da sind, kann ein Transformationsprozeß in Gang kommen, der dazu führt, daß Verliebtheit sanft in tiefempfundene Liebe übergeht.

Wer dies nicht versteht und gefühlsmäßig nicht nachvollziehen kann oder will, weil er das Schmetterlingsgefühl mit Liebe verwechselt, der wird nie in der großen, dauerhaften Liebe ankommen, sondern wieder und wieder auf wechselndem Terrain nach Schmetterlingen jagen und irgendwann resigniert feststellen, daß er die große Liebe nicht gefunden hat. Wie auch, er hat sie mit den falschen Mitteln am falschen Ort gesucht.

Schmetterlingsjagd

Man kennt aus der Chaostheorie den Lorenz-Effekt. Der Meteorologe Edward Lorenz fragte in den 1970er Jahren, ob der Flügelschlag eines Schmetterlings zu einer bestimmten Zeit in Brasilien einen Wirbelsturm in Texas verursachen könne. Mittlerweile ist bewiesen, daß dies möglich ist. Unglaublich, aber wahr. Da aber niemand weiß, welcher Schmetterling wann den verheerenden Flügelschlag tut, kann man durch Schmetterlingsjagd keinen Wirbelsturm verhindern. Außerdem besteht die Gefahr, daß die Luftbewegungen bei der Schmetterlingsjagd Wirbelstürme auslösen können.

Daran sollten alle denken, bevor sie sich auf Schmetterlingsjagd machen. Das gilt im besonderen für die Jagd nach Schmetterlingen im Bauch.

Wahrheit

Reine Wahrheit
Lavagestein
Legierung
aus Schatten
und Licht
im Nebelgewölbe
zeitlos im Stundengewand.
So rein wie die Nacht
nach Gewitter.
Wie hält man
das Feuer
in der Hand?
Dann besser
die einfache Wahrheit
die Lüge
nichts ist so kühl
wie die Lüge.
Und so klar

Und klaglos lächelt die Sonne

Heulend saugen
die Pumpen
das Blut aus
den Katakomben
vergessener Höllen
zerren Vorzeitkadaver
hervor zu beleuchten
die Foltergruben
kreisender Zeiten.
Schwarz färbt
die Lunge
des Meeres
der Rauch
der Geschichte
und schuldlahme
Flügel flattern hilflos
im klebrigen Schlamm
ihrer Ahnen
sinnlose Opfer im
haltlosen Strudel
der Aggregatzustände
Beulen der Pest
im Miasma
der Epochen

Geburtsfehler

Eingetreten
in die Höhle des Scheins
als wäre es die
Halle des Seins
durch die
falsche Tür.
Gelockt von den
gläsernen Glocken
dem Klang gefolgt.
Zu spät
das Erstaunen
der Blick zurück
zu der Tür
ohne Klinke.
Und die Fenster
mit Steinen verhängt.
Dahinter die
Nacht und die
Fratzengesichter.
Ruhe bewahren.
Vielleicht nur
ein Traum

Manchmal

Wenn die Narben
erglühen
möchte ich schreien
möchte hassen
wenn deine Achseln
lose Worte
zucken
die Chiffren
der sprachlosen
Verwirrung
im Gewirr
deiner ungefühlten
Gedanken.

Eine Wurzel
die die Erde sucht
als stecke sie
nicht darin.

Und die
vor ihr flieht.

Ich möchte schreien
möchte hassen
doch die
Stimme bricht.

In reiner Liebe
wächst kein Haß

Essenz

Dies ist die
Stille im Lärm
unerkannt
unter rhythmisch
klatschenden Zungen
ihr Gesang ist
von Worten
umwachsen
ihre Augen
sind stumm.

Dies ist das
Glühen im Eis
Diamant
hinter Bergen
blinder Gesteine
seine Pracht ist
von Spiegeln
umstellt
und die Blicke
sind krumm.

Dies ist das
Kreisen im Kreise
an der Wand
unterm Röcheln
ratloser Sterne
ihr Gestöhn ist
von Dunkel
umschlungen
täuschend mildes
Gebrumm

Fragen und Antworten

Wenn man sämtliche Interrogativpronomen in allen möglichen syntaktischen Variationen – die deutsche Sprache ist dabei außerordentlich flexibel – ausgeschöpft hat, ohne eine Antwort zu bekommen, dann sollte man für eine Weile schweigen. Vielleicht sucht der Gesprächspartner selbst verzweifelt nach einer Antwort und wird durch erneutes Fragen immer wieder beim Nachdenken gestört.

Es kann sein, daß niemals eine Antwort gegeben wird. Es kann sein, daß nach einer Weile geantwortet wird, verbal oder durch eindeutige Handlung. Kann sein noch rechtzeitig. Aber wenn wir zu lange auf eine Antwort warten müssen, dann kann es sein, daß die Antwort zu spät kommt, wenn sie schließlich doch noch gegeben wird, weil uns Frage und Antwort inzwischen nicht mehr wichtig erscheinen oder wir einen weniger säumigen Gesprächspartner gefunden haben. Oder beides.

Verletzungen

Es ist eine Illusion, zu glauben, man könne eigene Verletzungen besser ertragen, wenn man den andern verletzt, ob nun den, der uns verletzt hat, oder wieder andere – weil die verletzbarer oder einfach nur greifbar sind –, von heilen ganz zu schweigen. Wenn wir einen anderen verletzen, verletzen wir immer auch uns selbst, und dadurch werden unsere Wunden nur tiefer. Besser ist es, mit dem anderen über unsere Verletzungen zu sprechen. Und über seine.

Miteinander sprechen

Wenn du über andere redest, merke ich vielleicht nicht, daß du über dich selbst sprichst, weil ich das Gefühl habe, du sprächest über mich. Entsprechend fällt dann manchmal meine Antwort aus. Gar nicht so einfach. Man muß immer aufmerksam hinhören, wer über wen spricht.

Übel

Wer von ihm nicht betroffen ist, weil er nicht von ihm getroffen wurde, möglicherweise weil es schlecht gezielt hatte, sollte sich in jedem Augenblick darüber im klaren sein, daß es schon heute besser zielen und ihn treffen könnte. Es schießt dauernd und sehr häufig vorbei. Doch es trifft jeden mindestens einmal. Meist jedoch viel, viel öfter. Es ist nicht die schlechteste Art und Weise, sich auf diesen Augenblick, da man selbst getroffen werden wird, dadurch einzustellen, daß man sich in Menschen einfühlt, die bereits getroffen wurden.

Dazu ist es manchmal notwendig, sich erst einmal an die eigenen Wunden zu erinnern und ihren Schmerz nicht ständig zu verdrängen. Der zweite Schritt fällt dann leichter.

Diskussion

Der Sinn einer kreativen Diskussion ist es nicht, herauszufinden, wer recht hat, oder sich mit seiner Meinung oder Theorie durchsetzen zu wollen, sondern auszuloten, was richtig sein könnte. Dabei wird sich manches Mal herausstellen, daß keiner recht hat oder alle recht haben, und zwar deshalb, weil die Perspektive eine jeweils andere ist oder einem Diskussionsgegenstand mehrere Erscheinungsformen zukommen können. Dann kann man natürlich über die Qualität der Perspektive diskutieren und über eine eventuelle Ungleichwertigkeit der Erscheinungsformen und so weiter.

Diskussion sollte aber kein Kriegsersatz sein. Spielen und mit Gegenständen werfen kann man besser im Sandkasten. (Wenn ich meinen Text betrachte, fällt mir ein möglicher Ansatzpunkt für Kritik oder eine Diskussion auf: das Spielen im Sandkasten. Wie jeder weiß oder wissen sollte, kann Spielen im Sandkasten sehr kreativ sein, und deshalb habe ich hier zu allgemein formuliert, weil ich die kreativen Erscheinungsformen des Sandkastenspiels außer acht gelassen habe.

Ich dachte daran, daß die Kontrahenten sich in Diskussionen häufig gegenseitig Sand in die Augen streuen, und finde diese Unart wenig förderlich. Spielerische Elemente jedoch können Diskussionen in mancherlei Hinsicht beleben. Ein zweiter möglicher Einwand könnte sein, daß ich die sportliche Komponente von Diskussionen nicht erwähnt habe: Diskussion als geistige Eristik. Und schon wären wir in einer fruchtbaren Diskussion über Diskussionen.)

Über emotionale Farbenblindheit

Manchmal ist es so, daß Menschen, wenn sie einander nahekommen, sich selbst näherkommen, aber wenn sie Probleme mit ihrem Selbst haben und diese gewohnheitsmäßig mit scheinbarem Erfolg in den Ego-Bereich verdrängen, sich von dem andern, der als eine Art Katalysator wirkt, abwenden, weil sie Angst davor haben, sich dem Teil in sich selbst zuzuwenden, auf den es ankommt, dem Kern ihrer Persönlichkeit – dann wenden sie sich vom andern ab, um zu vermeiden, sich sich selbst zuzuwenden.

Und sie leben weiter ihr verhängnisvolles Muster, weil es ihnen bekannt und gewohnt ist. Und wenn es bei ihnen immer wieder mal mächtig knallt, verlagern sie die Ursache dafür in den jeweils andern. Vermeidung der Auseinandersetzung mit sich selbst durch Projektion von Konfliktursachen auf den andern.

Das ist so etwas wie eine gefühlsmäßige Achromatopsie. Solche Menschen sind blind für die problemauslösende Struktur in ihrem Innern. Darauf hingewiesen, neigen sie gewohnheitsmäßig dazu, dem andern Fehlsichtigkeit zu attestieren. Und wenn beim nächsten andern das gleiche passiert, wundern sie sich nur darüber, daß es so viele Fehlsichtige gibt. 

Zum Beispiel Afrika

Die Sterne kümmern sich nicht darum, ob hier unten gerade Krieg ist oder Scheinfrieden. Ganz schön eingebildet, die Sterne. Fast so wie wir, wenn wir zum Beispiel nach Afrika gucken, obwohl wir keine Sterne sind. Zu unserer Entlastung sei gesagt, daß Sterne meistens weiter blicken können als wir. Vielleicht trägt das zu ihrer Arroganz bei – oder ist es am Ende nur Gleichgültigkeit? Wir können nicht so weit gucken wie die Sterne. Und die in den Observatorien schauen nicht nach Afrika, sondern hoch zu den Sternen. Vielleicht sehen sie durch die Teleskope ja eines Tages ein Schild, auf dem steht, was zum Beispiel in Afrika geschieht. Aber dann wird es wahrscheinlich zu spät sein – nicht nur für Afrika.

Respekt

Respektiere Menschen, die dich respektieren. Und versuche auch Menschen mit Respekt zu begegnen, die dich nicht respektieren. Vielleicht lernen sie dadurch. Und alle gewinnen Respekt. Das gilt natürlich nur im persönlichen Umfeld und nicht für respektlose Verfechter eigennütziger Ideologien und Interessenvertreter.

Fehler

Wenn wir auf einen Fehler in unserem Denken oder in unserer Sprache aufmerksam gemacht werden und diesen erkennen, weil wir den Einwand ernst nehmen, suchen wir nach dem Grund dieses Fehlers und benennen ihn, wenn wir das können. Das sieht für andere manchmal wie eine Ausrede aus, ist aber keine Rechtfertigung vor andern, sondern in erster Linie vor uns selbst und wirkt bei uns beruhigend, weil wir so weiter den Traum der Perfektion träumen können. Vielleicht möchten wir uns aber einfach nur weiterentwickeln. Schlimm wird es, wenn wir unsere Fehler zwar erkennen, aber nicht verstehen.

Die ewige Frage

Wozu? Ob du eine Antwort auf die Sinnsuchfrage bekommen wirst, weiß ich nicht. Aber wenn du sie nicht stellst, wirst du bestimmt keine bekommen. Und wenn du sie stellst, frag den richtigen. Am besten dich selbst.

Belanglosigkeit

Daß die Belanglosigkeit Spitzenpositionen erreicht, ist nicht weiter verwunderlich und im Grunde belanglos, denn es spiegelt nur die innere Triebkraft wider, die ihr innewohnt und die gleichzeitig ihr Wesen ist. Deshalb ist es ratsam, nach Wesentlichem eher in den mittleren und in Kellerregionen zu suchen, wenn man sich für Wesentliches interessiert.

Medizinglaube

Nach längerem Nachdenken (bei mir dauert das häufig etwas länger, deshalb habe ich kürzlich ein EEG machen lassen) komme ich zu dem Schluß, daß ein unauffälliges Hirnstrombild nicht mit letzter Sicherheit einen Dachschaden ausschließt. Man sollte die Fähigkeiten der technologisch fundierten Medizin nicht überbewerten. Im Augenblick denke ich darüber nach, ob meine Nichtabweichung vom Normbereich nicht vielleicht bedenklicher ist, als es eine Abweichung wäre. Was ich als eine unbedenkliche Abweichung vom Normbereich betrachte.

Befreiung

Öffne den Mund
wenn der Stickschlamm
aus den Katakomben
hochsteigt
Miasma der
inneren Gestirne
Urknall der Seele
du mußt nicht schreien
öffne den Mund
und sprich
oder stammle
die Sonne spricht mit
und der Wind
sie formen das
feuchtglatte Wort
und trocknen
die wilden Gedanken
Gefühlgestalten
und bald spuckst
du Ton
wie weiches Fossil
lebenden Lehm
und wäschst von
den Lippen
die Asche
der Zeit

Akkommodation

Hinter der Tür des Psychologen findet ihr die Tiefe nicht. Wenn er gut ist, dann macht er euch höchstens Mut zu euch selbst. Gehen müßt ihr allein: durch die Kellertür. Dahinter aber ist es erst mal scheinbar dunkel. Und nicht in jedem Kellerraum ist ein Lichtschalter. Wenn ihr nun furchtsam davonlaufen wollt, denkt daran: Das Auge braucht etwas Zeit, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, aber bald werden die ersten Konturen sichtbar. Dann wird die Orientierung leichter, doch was ihr dann zu sehen bekommt, das kann euch niemand vorher sagen.

Du anderer

Willst du dich sehn
laß den Spiegel
sieh mich an
atme tief den Geruch
der schwefligen Lügen
im Ehrlichkeitskult der
verschlossenen Schlösser
hinter denen
du dich verkriechst
in mir.

Oder wende dich ab
von dir
wenn die Schlüssel
klirren in mir
dem Gefängnis
deiner unausgesprochenen
Gedanken.

Wenn die Blicke
sich streifen
siehst du vorbei
siehst deinen
Rücken
wie er im Dunkel
verschwindet
in den Schatten
deiner Unmöglichkeit
so fern wie
die Sonne
als wäre kein Tag.

Vorbei der Traum
der Unendlichkeit.
Vorbei der Traum
der Geburt

Baden

Das Baden in Dummheit hat neben den schlechten Gerüchen immer auch einen angenehmen Nebeneffekt: Es befriedigt unsere Eitelkeit, denn wir können uns dabei leichter schlau vorkommen, als wenn wir im Klaren badeten. Denn im Klaren hebt man sich nicht so leicht ab. Außer wenn man dumm ist.

Ozean

Wenn sie mir zu sehr um die Füße schwappt, die Dummheit, fühle ich mich manches Mal versucht, zum antidummistischen Rassisten zu werden, aber dann fällt mir wieder Tucholsky ein, der gesagt hat: »Gegen den Ozean pfeift man nicht an.« Tucholsky hat sich das Leben genommen. Das ist keine für mich akzeptable Lösung. Also wenigstens schwimmen lernen.

Einbildung

Nichts verhindert Bildung so sehr wie die Einbildung. Denn wenn wir uns einbilden, etwas zu sein, können wir es nicht werden. Nur wenn die Wörter »Bildung« und »Einbildung« im ersten Satz austauschbar sind, handelt es sich um wirkliche Bildung und nicht um eingebildete.

Gewohnheit

Man sollte sich angewöhnen, sich abzugewöhnen, andern etwas abgewöhnen zu wollen, und statt dessen angewöhnen, sich anzugewöhnen, sich selbst das abzugewöhnen, was nicht stimmig ist. Das wäre eine gute Gewohnheit.

Über das Bloggen

Genaugenommen müßte die Überschrift heißen »Über mein Bloggen«, denn es gibt so viele Formen und Motivationen des Bloggens, daß man ein Buch darüber schreiben könnte, aber diese Formen interessieren mich im Augenblick nicht und sollen in diesem Beitrag nicht angesprochen werden.

Worum es mir geht, ist meine eigene Motivation und meine idealtypische Vorstellung vom Bloggen. Für mich ist Bloggen eine, wenn nicht die Möglichkeit, mein eigenes Denken zur Disposition zu stellen – und auch meine Gefühle. Und das Ganze zu dem Zweck der Erprobung in der virtuellen Wirklichkeit.

Bei der Wahl der Freunde sind wir geneigt, uns eher den Menschen zuzuwenden, mit denen uns möglichst vieles verbindet, und wir wählen sie dementsprechend aus, sei es nun bewußt oder unbewußt. Wenn wir aber unsern Blog in den Raum stellen, müssen wir mit Widerspruch ebenso rechnen wie mit Häme, Belustigung, Gleichgültigkeit und Unverständnis. Und wir laufen Gefahr, daß uns das ungeschminkt gesagt wird.

Freunde sind normalerweise verständnisvoller als Fremde, so wie wir ihnen gegenüber eher geneigt sind, ein Auge zuzudrücken, wenn sie etwas erzählen, das uns nicht überzeugt. Freunde wollen Freunde bleiben. Auch beim Bloggen können wir solcherart Rücksicht nehmen, aber wir müssen nicht, und auch die andern müssen nicht.

Jeder weiß, daß tiefere Einsichten so manches Mal Folge der Konfrontation mit konträren oder einfach nur abweichenden Ansichten sind, vorausgesetzt, man nimmt sich die Zeit, über Auseinandersetzungen nachzudenken.

Genau das ist es, was mich treibt, hier zu sagen, was ich denke, und mich als lyrisch kreativer Mensch zu zeigen. Ich möchte mich anderen mitteilen, um Resonanz zu erzeugen, die mich in meinem eigenen Denken und Dichten weiterbringt.

Und dasselbe möchte ich auch den andern geben: Resonanz. Und deshalb beteilige ich mich an den Denkvorgängen anderer, deren Denken und verborgenes oder weniger verborgenes Fühlen mich interessiert, berührt, bewegt, ärgerlich macht oder abstößt.

Jeder für sich und gemeinsam kreativ sein: Das ist meine idealtypische Vorstellung vom Bloggen. Ich glaube nicht, daß uns das dümmer macht.

Über das Lesen

»Lesen macht dumm.« Inmitten all der Bücher im Arbeitszimmer prangt dieses Diktum und lächelt ironisch und süffisant. Und die Bücher lächeln ironisch und noch süffisanter zurück: die guten wie die schlechten. Und Leute, die mich besuchen, tun es ihnen nach, manche lachen gar laut und möchten sich am liebsten wälzen angesichts dieses scheinbaren Widerspruchs.

Auch ich selbst habe gelächelt, als ich diesen Spruch einrahmte und ihm seinen Platz zuwies, denn »Lesen macht dumm« inmitten von Bücherhaufen, das ist schon ein starkes Stück und natürlich Witz und Provokation zugleich. So wird es im allgemeinen aufgefaßt, und das ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

Doch die eigentliche Bedeutung ist eine andere.

Was tun wir, wenn wir etwas Gedrucktes in die Hand nehmen und zu lesen beginnen? Wir begeben uns in die Gedankenwelt eines anderen Menschen, vollziehen seine Gedankengänge nach, und wenn er gut schreibt, fällt uns das immer leichter und leichter. Und wenn wir viel lesen, gewöhnen wir uns daran, denn es ist einfacher für uns, wenn ein anderer für uns denkt, so wie es weniger anstrengend ist, im Auto zu fahren, als zu laufen. Und so wie dem Vielfahrer das Gehen nach und nach lästiger und mühsamer wird, so geht es auch dem Vielleser mit dem Denken.

Statt lange und ausdauernd selbst zu denken, was ein langsamer und mühsamer, widersprüchlicher Prozeß ist, sucht sich der Vielleser den Lesestoff und verschlingt Buch für Buch und freut sich an den Gedanken, die nicht seine eigenen sind. Und manche Leser verlernen das Denken beim Lesen ganz und gar. Das merkt man spätestens dann, wenn man länger mit ihnen redet und plötzlich feststellt, daß ein anderer aus ihnen spricht; und wenn man weiß, was sie zuletzt gelesen haben, und dieses kennt, dann erkennt man, wie gefährlich das Lesen für die Intelligenz sein kann. Lesen mag bilden, aber es kann mindestens ebensosehr das eigenständige Denken gefährden oder gar unterdrücken.

Das erste Mal ist mir das aufgefallen, als ich nacheinander Parmenides und Heraklit las und beide gleich überzeugend fand, obschon beide Vorsokratiker einen gegensätzlichen Standpunkt vertreten, und erst viel später habe ich mich gefragt, was ich denke. So gebannt und gefangen war ich von ihrem philosophischen Denken. Dieser Vorgang hat sich später noch öfter wiederholt, und so etwas passiert mir auch heute noch, wenn ich nicht größere Denkpausen zwischen den Lektüren einlege und das Gelesene schreibend und dialogisch verarbeite.

Wer die Universitätsmoden einigermaßen genau kennt, kann nach einer Viertelstunde Gespräch ziemlich sicher sagen, wann der Gesprächspartner studiert hat, weil dessen Denken durch die Schriften geprägt ist, die zu seiner Zeit an der Uni gerade rezipiert und nachgeplappert wurden.

Ob es sich dabei um Philosophie handelt, Linguistik oder Literaturwissenschaft, ist ziemlich egal. Ich vermute, daß es in anderen Fächern nicht viel anders ist.

Daraus ziehe ich für mich den Schluß, daß es wichtiger ist, viel zu denken, als viel zu lesen. Und daß man sich Zeit lassen sollte beim Lesen und den Büchern keinen größeren Vertrauensvorschuß geben sollte als Gebrauchtwagenhändlern und Versicherungsvertretern.

Das alte Lied

Das Hirn umschlungen
von bemaltem Tuch
geschwenktes Vaterland
gebrüllter Fluch.

Die Fahne flattert
bald zerreißt die Haut
vom Feuersturm verbrannt
kein Schrei, kein Laut.

Die Zungen klirren
kalt und steif auf Grund
Soldaten unbekannt
erloschner Mund.

Der Sarg umschlungen
von bedrucktem Tuch
geschenktes Vaterland
erfüllter Fluch

Über den Wert von Selbstaussagen

Wenn jemand etwas über sich selbst sagt, kann es sein, daß er sich selbst täuscht und damit auch andere. Möglich ist, daß er sich selbst täuscht, aber andere damit nicht täuschen will und kann, weil sie etwas sehen, was er selbst nicht wahrnimmt. Es kann auch sein, daß er selbst sich nicht täuscht, sondern nur andere täuschen will. Ob seine Aussagen positiv, negativ, gemischt oder neutral sind, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Oder er sagt die Wahrheit über sich selbst, soweit sie in Erfahrung zu bringen war. Das ist eher selten, weil schwierig, aber nicht ganz unmöglich.

Prophezeiung

Angesicht in Angesicht
mit dem Leid
wird erschrecken
die Zeit
und zersplittern
in Unendlichkeit

 
Spötter 1: Aber wir werden es
nicht mehr erleben.

Spötter 2: Wie Jesus.

Spötter 1: Aber der ist wiedergekommen.

Spötter 2: Selber schuld

Fortschritt

Titanenpathos ist verklungen
die großen Worte auf dem kleinen Blatt
Menschheit, deine Dämmerungen
fanden nur in Büchern statt.

Übrig bleiben stumpfe Zungen
im Speck verhungert, übersatt.
Menschheit, deine Dämmerungen
finden nun im Nebel statt

Unterhaltung

Es gibt kaum etwas Unterhaltsameres und Anregenderes als einen Dialog zwischen Leuten, deren Meinung inkommensurabel oder gar diametral entgegengesetzt ist und deren Humor und Intellekt kommensurabel. Wobei nebenbei deutlich wird, daß auch Intellekt und Humor nur zwei von vielen Faktoren bei der Meinungsbildung sind. Das wußten schon die vorsokratischen Sophisten und haben es auf die Spitze getrieben: Man kann auch geistreich dummes Zeug erzählen und damit Erfolg haben.

Meines Erachtens (Nachtrag)

Meines Erachtens müßten wir, wenn wir die Einsicht in den temporären Charakter von Meinungen und Erkenntnissen nicht als allgemeingültig und üblich voraussetzen, konsequenterweise statt m. E. m. E. t. (temporarius) sagen, weil wir doch alle wissen, daß wir beim Bau unserer Meinungen wie Bauunternehmer in erdbebengefährdeten Gebieten gern die billige Sorte Zement benutzen. Zum Glück können wir immer wieder nachbessern, ohne daß jemand außer uns selbst zu Schaden kommt.

Armes Deutschland

Erika Steinbach, ehemals nach illegaler Einwanderung ihrer Eltern in Polen aus Polen ausgewandert, um der unbestreitbar nicht unverständlichen Vertreibung zuvorzukommen, aus der CDU ausgewandert, um … man weiß es nicht, nun AfD-Sympathisantin, also besonders fit im Kopf, war neulich auf eine Satire des bösen und lustigen »Postillons« reingefallen.

Der Text trug die Überschrift »Wegen Kreuz im Logo: Strenggläubiger Muslim will keinen Jägermeister mehr trinken.« Dazu schrieb sie auf Twitter: »Hoppla, ich dachte Muslime dürfen keinen Alkohol trinken. Also kann Jägermeister diese Drohung gelassen hinnehmen. Aber es ist schon dreist, was hier in Deutschland abgeht.«

Gerade hörte ich wieder von ihr:
»Deutschland ist ein Fall für den Psychiater, und … wir die Therapeuten …«

Armes Deutschland.