Unaufmerksamkeit

Was mich beim Lesen vor allem zeitgenössischer Literatur schon mal verstimmt, ja erschüttert: wenn ich durch die Fassade außerordentlich gelungener Wortakrobatik nach fünfzig Seiten plötzlich spüre, wie ein Hauch charakterlicher Armseligkeit zwischen den Zeilen aufschimmert. Nicht daß ich das dem Autor ankreiden möchte, es ist mehr die Einsicht in die eigene Unaufmerksamkeit, die mich verärgert: daß ich das nicht eher bemerkt habe.

Unsinn

«Reiner Unsinn. Hauptsache, es macht Spaß.» Wenn er Spaß macht, ist der Unsinn vielleicht Unsinn, aber kein reiner Unsinn. Selbst reiner Unsinn ist möglicherweise sinnvoller als reiner Sinn. Oder dasselbe? Ist reiner Unsinn – also Unsinn, der keinen Spaß macht – Sinn? Erinnert das nicht etwas an Kant, der das Gute tun wollte – nur um der Idee willen – und meinte, wenn es Spaß mache, sei es gar nicht mehr wirklich gut? Eine solche deutsch-ernsthafte Vorstellung von Sinn ist mir zu asketisch gedacht.

Ikonoklasmus

Was tut der rebellische Geist in einer Welt, in der die Geschichtsbücher immer mehr zur illustrierten Historie des vergeblichen Ikonoklasmus geworden sind? Er malt Bilderbücher. Oder schreibt bildhafte Gedichte.

Maieutik im Selbstdialog

Beim Denken sollten wir davon ausgehen, daß wir nichts wissen. Aber mal ehrlich: Wer denkt nicht, er hätte die Weisheit mit Löffeln gefressen? Die sokratische Dialektik ist ein bewährtes Mittel gegen diese Krankheit.

Bevor uns andere dieses Mittel gewaltsam einflößen, sollten wir es jeden Tag prophylaktisch zu uns nehmen, indem wir die sokratische Methode auf uns selbst anwenden; nur müssen wir dabei aufpassen, daß das Verhör nicht zur «peinlichen Befragung» der Inquisition wird und auf dem Scheiterhaufen endet statt im Wochenbett.

Und Finger weg von Schierlingsbechern. Das gilt natürlich nur für mich selbst. Meinen potentiellen Kritikern sei gesagt: Schierling schmeckt gar nicht so schlecht.

Luftleerer Raum

Fängt das Philosophieren nicht erst richtig an, wenn wir heraustreten aus den uns allen vertrauten Vorstellungen, die unser geistiges Rüstzeug bestimmen und nicht gerade selten eher Zaumzeug sind und manchmal viel mehr geistige Leere erzeugen als geistige Fülle? Gegen die vakuumerzeugende, ritualisierte und damit öberflächliche Tiefenschau den luftleeren Raum regelresistenten Denkens setzen? Vielleicht eine Möglichkeit. Aber wahrscheinlich wieder nur ein anderes Fundament neuer Rituale und Konventionalitäten.

Parodie

Parodie ist eine herzerfrischende, befreiende, entlarvende Veranstaltung, und alle haben ihre helle Freude daran, mit Ausnahme der Parodierten, versteht sich. Die müssen so tun, als hätten sie Humor, und wenn sie klug sind, knirschen sie nur nachts im Schlaf mit den Zähnen. Aber jede noch so gute Parodie hat einen entscheidenden Schwachpunkt: Sie läuft immer Gefahr, parodiert zu werden. Deshalb ist jeder Parodist gut beraten, wenn er nicht vergißt, rechtzeitig sich selbst zu parodieren. Bevor es andere tun. Wer geht schon gern zum Zahnarzt?

Illusionenboulevard

Ob es den Paradigmenwechsel im Wissenschaftsbetrieb angeht oder die Veränderung der privaten Glücksvorstellungen: Das scheinbar Neue, das sich, im Zeitraffer betrachtet, als ewiges Oszillieren von unterschiedlichen Illusionsgebilden herausstellt, ist manchmal ästhetisch fulminant, aber nur sehr selten ein Fortschritt.