Maskensammlung

Meine Kommode im Flur hat viele Schubladen mit einer ständig wachsenden Sammlung von Masken in allen Farben.

Da ist die des verständnisvollen Liebhabers, die des liebevollen Sohnes, des Literaturkenners, des Akademikers, des Chronischkranken, des immer noch jugendlichen älteren Herrn. Daneben liegen die Masken des Philosophen (etwa zehn verschiedene), des Altachtundsechzigers, mehrere unterschiedliche Musikkenner-Masken, nach Stilen geordnet, von Heavy-Metal bis Schubert. Die Moralistenmaske, ein wenig angestaubt, findet sich neben der des Fußballfans und in einer anderen Schublade die des Lyrikers in der späten Postmoderne. Eine Esoterikermaske gibt es auch und natürlich die Vatermaske, die mir schon immer als eine der problematischsten erschienen ist. Und es gibt viele andere mehr, so viele, daß ich unlängst bei eBay nach einer passenden alten Kommode Ausschau gehalten habe.

Je nach Bedarf setze ich eine der Masken auf, wenn ich das Haus verlasse, um den Erwartungen derer gerecht zu werden, die ich zu treffen gedenke, und manchmal nehme ich ein paar weitere mit, damit ich, falls nötig, auf irgendeiner Toilette unauffällig wechseln kann: „Ich muß mich mal kurz frisch machen.“

Ehrlich gesagt: Das strengt mich ganz schön an, und von Zeit zu Zeit überlege ich mir ernsthaft, ob ich nicht besser aufhören sollte mit diesem Maskentanz und einfach nur noch ich selbst sein.

Und wenn die andern dann Probleme haben, mich in ihre Schubladen einzuordnen, dann ist das deren Problem. Ich aber bin so frei, wie jemand nur irgend sein kann. Ich denke, das werde ich tun: Ich werde mich von den Masken befreien. Der Teil meiner Persönlichkeit, der in jeder von ihnen enthalten ist, geht mir dadurch nicht verloren, im Gegenteil: Ich werde für alle als Ganzes sichtbar. Jedenfalls für die andern Maskenlosen und für die, die ihre Brillenmaske absetzen oder sich zumindest bewußt werden, daß sie eine tragen.

Nicht erschrecken, ich bin mal so frei.

6 Antworten auf „Maskensammlung

  1. Ja, dachte ich mir, daß es ein alter Eintrag war.

    Ich finde Euch süß zusammen.

    Alles andere einfach dazudenken: Dissen unter Frauen ist so richtig scheiße; Moderieren von Kommentaren eine Kunst, unterschätzt zu werden amüsant, Anmaßung immer adrenalinerg und nervenaufreibend, so macht mir Kommentieren keinen Spaß.
    Ich muß meine Kommis aktiv neu aufrufen, was ich im vorliegenden Fall seinlassen werde. Sorry, keine Zeit, keine Zeit!

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  2. Ist nicht auch und gerade die sogenannte Authentizität eine von den angesagtesten Masken? Machen wir uns nichts vor: Wir sind alle mehr oder weniger Maskenbildner. Und zur Beruhigung, liebe Sweet, ich stelle hier die Blogigo-Texte neu ein, und dieser Text ist von 2005.

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  3. Im Gegensatz zu Sweet Freedom, finde ich deine Aussage jetzt … nicht erschreckend ;-), Lyriost, und ich denke, dass es gerade die Masken sind, die sie erschrecken. ;-o, für mich war und ist das immer klar und kommt auch nicht unerwartet.

    😉

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  4. Ein schöner Eintrag und ein gutes Bild. Thematisch hätte ich sowas aber nie von Dir erwartet. Ich dachte immer, gerade Du seiest einer der authentischsten Zeitgenossen?!
    Was genau wird sich ändern?
    Liebe Grüße
    S.F.

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