Sprachrohr

Man sollte sich beim Sprechen, besser noch vor dem Sprechen, immer wieder überlegen, ob man nicht ein Sprachrohr von jemand anderem ist, und wenn ja, von wem, denn es fördert Interessenkonflikte mit uns selbst, wenn wir uns bewußtmachen, wessen Sprachrohr wir sind. Und Interessenkonflikte mit uns selbst fördern die Klarheit des Denkens.

Das ist nicht nur ideologiekritisch gemeint, sondern ganz existentiell.

Repetitive Wahrnehmungsdiagnostik

Alles Repetitive verändert die innere Wahrnehmung, vorausgesetzt, es beinhaltet minimale Veränderungen und wird über einen längeren Zeitraum ausgedehnt. Dann entsteht in der Wahrnehmung so etwas wie die Reflexion des Raum-Zeit-Kontinuums. Man muß sich nur die Zeit nehmen und den Raum geben, die Zeit als Raumzeit wahrzunehmen, und so lange warten, bis man die Wahrnehmung nicht mehr als Wahrnehmung wahrnimmt. Und das über einen längeren Zeitraum. Man kann das auch Meditation nennen, wenn man will.

Sprachwandel

Im  aktuellen Jugendsoziolekt hat das Wort »Opfer« eine semasiologische Umdeutung erfahren, hin zum Pejorativen. Potentielle Opfer neigen dazu, das Wort Opfer zum Schimpfwort zu machen, mit denen andere potentielle Opfer bedacht werden können, um damit potentielle Täter von sich selbst abzulenken. Man muß sich dann nur noch geignete Sündenbocke suchen. Das ist ja nicht schwer. Am besten Juden, Zigeuner, Behinderte, Intellektuelle oder Migranten, wie es seit einiger Zeit so schön politisch korrekt heißt. Wobei das mit den Migranten so eine Sache ist, weil gerade bei Jugendlichen aus Migrantenfamilien dieser Gebrauch des Wortes »Opfer« sehr verbreitet zu sein scheint.

Auf Opfersuche, falls das nötig ist und für die Opferrolle nicht längst jemand ausersehen wurde, macht man sinnvollerweise ein gemeinsames Casting. Solche Allianzen von Tätern und Opfern finden sich allenthalben und haben sich in der Weltgeschichte recht gut bewährt.

Arbeitslose Aktionäre

Wenn die Arbeitslosen Aktien der Deutschen Bank kaufen würden, brauchten sie bald nicht weiter nach Arbeit zu suchen, und es gäbe demnächst noch mehr arbeitslose Aktionäre. Das würde zwar an der Arbeitslosigkeit nichts ändern, aber an der Arbeitslosenstatistik. Und das wär doch schon mal was. Andererseits: Dann würden ja viel weniger mein Blog lesen, weil sie so sehr mit den Aktienkursen beschäftigt wären. Also doch kein so guter Vorschlag. Man muß eben immer überlegen, wenn man Vorschläge macht, ob man sich damit nicht selbst schadet. Ist alles eine Interessenfrage.

Das paßt doch gar nicht hierher. Stimmt, aber die Arbeitslosen haben ja auch gar kein Geld, um Aktien zu kaufen.

Über Kritik

Harsche Kritik von einem Dummkopf ist mir lieber als das heftige Lob von einem Denkmenschen, denn bei dem man weiß nie, was dahintersteckt. Am angenehmsten ist mir eine gerechte Beurteilung, von wem auch immer. Also kritisches Lob. Das hilft mir weiter.

Verstand und Verständnis

Verständnis kommt nur sprachlich von Verstand. Wirklich tiefes Verständnis aber kann der Verstand nicht generieren. Verständnis kommt aus dem Herzen. Ein Gefühl.

Wie destilliert man Blut?

Wie bekommt man das fremde Leben aus dem eigenen, wenn man dieses fremde Leben als das eigene fühlt und begreift? Ich glaube nicht, daß eine Bluttransfusion dauerhaft helfen kann, da sie ja leider bei vielen Krankheiten nur vorübergehend für Besserung sorgt. Besser wäre wohl Destillation. Aber wie destilliert man Blut?

Klarheit

Klarheit ist eine gute Voraussetzung für alle Lebensbereiche. Aber nichts ist so hinderlich bei der Gestaltung wie ein zu klar ausgeprägter Gestaltungswille. Wer sich selber zu sehr zwingt, verschmachtet irgendwann im eigenen Kerker. Wenn niemand nach ihm schaut.

Mitmenschen und Nachbarn

Wenn wir keine nachbarlichen Mitmenschen hätten, könnten wir freier atmen, aber wir dürften uns keinen Schnupfen einfangen, weil wir ohne Nachbarn nach einer Weile nicht mehr wüßten, wie wir den Mund aufbekommen sollen.

Apodiktisch

In der geistigen Auseinandersetzung gibt es nichts essentiell Apodiktisches. Niemand ist so mächtig, daß er ungerügt apodiktisch auftreten könnte, denn die Grundlage jeder Meinungsäußerung ist das Argument. Und das Argument ist nur dann ein Argument, wenn es falsifizierbar ist. Kugelsichere Argumente gibt es nicht.

Deshalb ist jede Aussage, die wir machen und implizit oder explizit argumentativ unterfüttern, letztlich nichts weiter als eine mehr oder weniger plausible Hypothese, darauf wartend, daß ein Kritiker mit einem Argumentationsgewehr daherkommt und unsere Argumentation in Stücke schießt oder einer mit einem Lappen die Schminke abwischt, wenn unsere Argumente zu dünn sind.

Aber nun dem Argumentierenden apodiktisches Verhalten vorzuwerfen, weil man gerade kein Gewehr oder keinen Lappen zur Hand hat, das ist doch ein wenig zu dürftig und reicht nicht zur Falsifizierung einer Argumentation aus.

Wer selber kraftvoll und stringent argumentiert, braucht keine Angst zu haben vor apodiktisch auftretenden Geistesgrößen, denn diese Großen erscheinen uns oftmals nur deshalb groß, weil sie so viele Zwerge um sich herum versammeln, die selber nicht die Kraft zum Denken haben und sich demzufolge an den vermeintlichen Denkriesen anhängen, um selbst größer zu erscheinen.

Entscheidend ist die Qualität der Argumentation. Und wenn unsere Argumente den anderen nicht standhalten, dann sollten wir uns nicht ärgern, sondern freuen, denn wir haben wieder was dazugelernt.

Wir können aber auch anfangen, zu spucken und zu treten, wie das so häufig geschieht. Aber dann dürfen wir uns nicht wundern, daß uns das nicht weiterbringt im Denken, denn wenn der Kopf mit Spucken beschäftigt ist und die Füße mit Treten, haben wir keine Gelegenheit, uns hinzusetzen und nachzudenken.

Aber manchmal ist uns eben mehr nach Spucken und Treten, das kennt ja jeder. Nur, was bringt uns das? Am Ende doch nur Beschämung. Und sei es vor uns selbst.

Phänomenologie der inneren Dummheitsentstehung

Dumme Menschen sind nicht deshalb dumm, weil sie keine Gedanken haben oder falsche oder verdorbene, verfaulte. Dumme Menschen sind dumm, weil sie sich selbst nicht richtig oder gar nicht zuhören, sondern lieber anderen, die auch nicht wirklich dumm sind, aber Dummheiten erzählen, weil sie sich selbst nicht richtig zuhören. Vice versa. Deshalb fühlen sich Dummköpfe zu Dummköpfen hingezogen.

Ohrenärzte sind hier in jedem Fall machtlos.

Wer gegen dieses Phänomen der Verblödung ein Heilmittel fände, der würde reich und berühmt und mehr.

Verhandlung

Das Falsche ist richtig, wenn das Richtige falsch ist. Aber nur dann. Die einzige Instanz, die beides auseinanderhalten kann, ist dein Urteilsvermögen. Aber wenn dein Urteilsvermögen auf falschen Prämissen beruht, dann ist das Falsche nicht richtig und das Richtige nicht falsch. Das solltest du bedenken, bevor du ein endgültiges Urteil fällst. Vor allem dann, wenn es so ist, daß eine Revision nicht zugelassen wird. Von der höheren Instanz. Und es gibt immer eine höhere Instanz – und sei es in deinem eigenen Bewußtsein, vor dir selbst verborgen. Sei es Gott oder das Schicksal. Aber das ist ja so ziemlich dasselbe. Also sei ein wenig vorsichtiger bei den internen Gerichtsverhandlungen. Aber wem sage ich das. Selbst Gott ist unvorsichtig. Oder sich seines eigenen Bewußtseins nicht bewußt. Und wenn er sich seines Bewußtseins bewußt wäre? Dann brauchte er uns nicht.

Ein Tag wie jeder andere

Es sind die Nägel
die den Leib der Liebe zieren
es ist das Blut
das sie vom Rost befreit
und nicht nur sie.

Es sind die Wunden
die den Nordwind spüren
es ist der Tag
der kranke Seelen heilt
und nicht nur sie.

Es sind die Lahmen
die zum Hügel starren
mit toten Augen
grauer Wut.

Kein warmes Herz
das nicht zu Salz
gefriert

Falsche Brennweite

Was kann man schon sehn
wenn Blicke nur Haut berührn
wie eine Leinwand

auf der Vergangenes webt
die Flut gekrümmter Bilder

mit trockenem Blick
in dem Vergangenes lebt
wie Würmer im Sarg

kann man irgendwas sehen
wenn man die Blicke nur denkt

kann man irgendwas sehen
wenn man nur Häute erblickt?

Verstummen

Ich wasche magre Wörter
im Speichel müder Tage
sie bröckeln manchmal
brechen durch
im Mund wie alte Honigwaben
und ich verschluck
mich dran und spuck sie
aus wie Rotz.

Und dann ist
Ruh.
Die Vögelein schweigen im Walde.
Und nur ein Baum
knarrt leis im Wind
ein Wort.

Die Steine schweigen
und alle Sterne knien nieder.
Ohnmacht beginnt.
Die Nacht geht
nicht mehr
fort

Der rote Vogel

Er hatte nie sonderlich auf sein Gefieder geachtet, mehr auf das Gefieder der anderen Vögel um ihn herum. Jetzt war er verletzt, denn ein Pfeil hatte ihn getroffen. Er zog den Pfeil heraus, und nach einer Weile heftigen Blutens schloß sich die Wunde und verkrustete. Der Vogel wartete noch ein wenig, und dann ging er zum Wasser, um das Blut abzuwaschen. Er wusch und wusch, aber die Flügel wollten nicht weiß werden wie die der anderen. Da begriff der rote Vogel langsam, daß er ein roter Vogel war, und er begriff auch, warum die anderen Vögel ihn oft so merkwürdig distanziert beäugt hatten. Als er wieder fliegen konnte, verabschiedete er sich von den weißen Vögeln und flog davon, um nach anderen roten Vögeln zu suchen, flog davon mit seiner heilenden, heilsamen Wunde.

Anregung

»Die Krise der Lyrik hängt auch damit zusammen, daß man sie nicht verfilmen kann«, sagt Peter Rühmkorf. Das klingt erst mal plausibel, aber bei genauerer Betrachtung umschwirren immer mehr Fragezeichen den kriselnden Lyrikkopf.

Abgesehen davon, daß Lyrik schon immer in der Krise ist, weil sie, wenn sie gut ist, existentielle Krisen dokumentiert (wer will das schon so genau ungenau wissen) und mit ihren Mitteln zwar nicht löst, aber doch mildert, ist es nicht in Wahrheit so, daß die Leser in einer Krise sind, weil sie sich durch medial vermittelte, leicht zugängliche, leicht zu konsumierende Literaturfilmkost nicht nur aus Hollywood zu Fastfood-Bildessern entwickelt haben?

Wer sagt denn, daß man Lyrik nicht verfilmen kann? Kann man das wirklich nicht? Ich kann mir gut vorstellen, zwischen all den karibischen Trinkgenüssen
und anderen lifestyleprägenden Bildzaubereien vor dem Hauptfilm im Kino ein visualisiertes Gedicht zu sehen, vielleicht gar als verstörendes oder einfühlsames Entree zum Spielfilm. Wie wäre es? Warum nicht mal was Neues im Kino?

Alle Kreter lügen

Eine wunderbare Basis – und vielleicht die fruchtbarste – für ein Gespräch ist die gemeinsame Hypothese, daß es so etwas wie objektive Wahrheit nicht gibt, nicht zuletzt untermauert von Nietzsches mehr oder weniger überzeugendem Relativismus und allerlei physikalischen Forschungsergebnissen, daß aber auch das eben nur Hypothese, nur Meinung ist und nicht objektive Wahrheit. Wenn jemand behauptet, es sei objektive Wahrheit, daß es objektive Wahrheit nicht gebe, ist das zumindest theoretisch genauso abenteuerlich wie die Feststellung, es könne eine objektive Wahrheit jenseits der subjektiven geben. Warum fällt mir da jetzt wohl der Kreter ein, der sagt: Alle Kreter lügen?

Die eigene Meinung

Daß so viele Menschen aber auch so wenig Zutrauen zu der eigenen Meinung haben – kaum widerspricht man ihnen höflich und vorsichtig und erklärt, warum, da schreien sie gleich Zeter und Mordio und behaupten, man wolle ihnen etwas einreden und die eigene Weltanschauung als objektive Wahrheit deklarieren. Lustig ist das vor allem dann, wenn man versucht, andere, die ihre subjektive Wahrheit als objektive setzen und das nicht bemerken, auf diesen Umstand hinzuweisen. Dabei ist Kritik doch nur Anregung zum Denken. Na ja, eben. Kein Schmiermittel zur Vorurteilspflege. Aber das bekommen sie doch zuhauf, wenn sie mit Gleichgesinnten reden. Wieso nur erwarten sie das von mir? Harmoniebedürfnis in Ehren, aber wenn ich nur mit Gleichgesinnten spräche, würde ich noch kleinere Gedankenkrümel produzieren.

Warum, weshalb, wieso?

Schon wieder Schatten, Tod und trübe Tage
Vergänglichkeit und all die dunklen Farben
das Sein, das Nichts, die alte Sinnsuchfrage
und grelles Licht auf die verhüllten Narben.

Weshalb bist du so negativ, so bitter
wieso nicht Frühlingsglück nach schweren Stürmen
warum nicht Sonnenschein nach dem Gewitter
erfüllte Hoffnung unter Kirchentürmen?

Die Welt ist voll von Illusionsmaschinen
die gute Laune spritzt aus blinden Drüsen
der warme Saft rinnt aus den Witzlatrinen
und Zuversicht aus falschen Analysen.

Was tut da schon ein Dorn, ein kleiner Splitter
erzeugt im Schädel mattes Wetterleuchten
im trüben Auge neben all dem Flitter
ein Hauch im Sentiment der Tränenfeuchten.

Warum nicht negativ, weshalb nicht bitter
wieso nicht schwarze Nacht mit roten Stürmen
Verzweiflungsschreie nach dem Blutgewitter
verrauchte Hoffnung unter alten Türmen?

Fragt etwa jemand den Komödienschreiber
Warum sind deine Stücke leicht und heiter
weshalb nicht öfter aufgespießte Leiber
wieso nicht eimerweise Kot und Eiter?

Noch mal über Geschwafel

Naturgemäß bin ich nicht gegen amüsantes und geistreiches oder zumindest sophistisches Geschwafel … aber das Lächerlichste ist doch der Bierernst, der im Geschwafelgewand daherkommt, sozusagen Karneval der Paragraphenjongleure. Und oft haben sie so viel Poesielikör getrunken, daß sie selbst nicht mehr mitbekommen, wie weit sie sich von zu Hause entfernt haben, ohne die Tür zu öffnen.

Erfrischend undemokratisch

Das Erfrischende an so einem Weblog ist, daß so leicht kein nach Quisquilien und Zwiebeln riechender Professor dahergerudert kommt und in rügendem Tonfall meint, diese Schreibe sei zu feuilletonistisch – und überhaupt … übertriebene Analogien, zu metaphorisch … blabla. Aber was nicht ist, kann ja noch kommen. Demnächst werden vielleicht auch bloggende Profs auf der Bildfläche erscheinen und, wenn es nicht unter ihrer Würde ist, die Kommentarfunktion nutzen. Nützt denen aber nichts. Hier haben sie nicht das letzte Wort, und es gibt keine Zensuren, die über irgendwas entscheiden. Im Notfall, wenn sie mal recht haben sollten (kann ja vorkommen), gibt’s dann immer noch die Löschfunktion.

Hegel und ich

Will man sich an seinem Geschwafel berauschen und andere beeindrucken, dann suche man sich möglichst polyvalente Äquivokationen als Gegenstand aus, nehme passende und unpassende Wörter, gut gemischt, eine möglichst komplizierte grammatikalische Struktur bildend, und werfe sie, die Regeln der formalen Logik beachtend, in den Raum. Allüberall offener Mund. Und am Ende kriegt man ihn vor Staunen selbst nicht mehr zu. Im günstigsten Fall aber ist das Überraschung über die eigene Verführbarkeit.