Kleine Klassifikation der Satire

Vielen Formen von Satire sind wir tagtäglich ausgesetzt oder werden von ihnen unterhalten. Da ist zunächst die Realsatire, bei der nur einige wenige zufällig Hineingeratene die satirische Qualität des Dargebotenen bemerken, zum Beispiel Hundeausstellungen oder Formel-1-Rennen.

Dann gibt es die Satire, bei der einer andere auf den Arm nimmt, aber die bemerken das nicht. Kann sehr amüsant sein. Wieder eine andere Form ist die, bei der alle Beteiligten bitterernst daherreden, wohl wissend, daß das Mumpitz ist, was sie von sich geben, und auf jemand warten, der das nicht merkt. Gemein. Recht unterhaltend ist auch die Art Satire, bei der jemand zum Schein scharf angegriffen wird, aber so tut, als ob er das nicht merke, und scheinbar, aber für Uneingeweihte oder Unbedarfte anscheinend, ebenso scharf reagiert. Eng verwandt mit der Mumpitz-Form. Das kann in ungeahnte satirische Höhen gehen, wenn man so tut, als ob man nicht merke, daß ein anderer nur so tut, als ob er nichts merke.

Zum Schluß weiß dann keiner mehr so genau, ob er so tut, daß er nichts merkt, oder wirklich nichts merkt. Nur für Fortgeschrittene. Natürlich gibt es viele Neben- und Zwischenformen mit fliegendem Wechsel von Protagonisten und Zuschauern, aber es würde hier zu weit führen und zu einer satirischen Betrachtung der Satire, wenn ich dem jetzt weiter nachginge. Karikaturisten sind eben auch immer gut zu karikieren.

Wirklich gelungen ist Satire aber erst dann, wenn niemand mehr merkt, daß es sich um Satire handelt, nicht mal der Satiriker selbst. So ist das Leben.

Meines Erachtens

Fünf Minuten Deutsch
Ein falscher Fall meines Erachtens

Von Ruprecht Skasa-Weiß

Nach und nach verkuddelmuddelt aber wirklich alles! Kommt nach davor, kommt nach danach, oder geht’s auch ohne Nach-Kommen? »Nach meinem Erachten durchaus«, sagt dieser. »Also meiner Meinung nach unbedingt«, meint jener. »Meines Erachtens, das reicht“, erklärt ein Dritter. Was er nicht sagt, das ist: »Meiner Meinung.« Dabei wäre auch noch diese Fügung theoretisch richtig. Aber da Wem- und Wesfall bei weiblich gebeugten Wörtern gleich klingen, ist man praktisch zum Verzicht genötigt. Es hört sich falsch an …

So weit und noch weiter Ruprecht Skasa-Weiß in der »Stuttgarter Zeitung«. Aber nicht weit genug. Ob nun meines Erachtens oder was auch immer, das ist wohl doch eher sekundär. Primär ist für mich (sic!) die Frage, was die Leute treibt, diese überflüssigen Meinungsäußerungen über die eigene Meinung in die Rede einzustreuen. Am schlimmsten ist das in wissenschaftlich sein wollenden Büchern, in denen so manches Mal auf einer Seite fünfmal m. E. auftaucht. Wozu soll das gut sein? Ist der Autor sich vielleicht gar nicht so sicher, wie er vorgibt? Hat er möglicherweise Angst vor irgendwelchen Autoritäten, die ihm übers Maul fahren könnten, oder hat er sein Erachten irgendwo in der Uni-Bibliothek geklaut?

Daß das meine Meinung ist, was ich schreibe, ist doch wohl klar, darauf muß nicht ständig hingewiesen werden. Wer dauernd betont, daß das, was er sagt, seine Meinung ist, ist sich seiner Meinung nicht sicher, das steht spätestens seit Freud fest. Oder er hält sich für so unbedeutend, daß er mit »meiner Meinung nach« oder »nach meiner Meinung« die Bitte zum Ausdruck bringt, ihm doch mal zuzuhören, obschon er im Grunde nichts zu sagen hat. Und das ist dann meist tatsächlich so.

In älteren Büchern findet sich in diesem Zusammenhang das schöne Wörtchen »unmaßgeblich«. Immer schön ducken, wenn man was sagt, damit mögliche Zornesblicke über einen hinweggehen.

Wenn man sagt, was man denkt, sollte man es ohne solches Demutsgestotter tun, und wenn meine Meinung für jemand anderen als meine Meinung deutlich wird, dann vor allem dadurch, daß sie sich in der Form oder inhaltlich von anderen Meinungen abhebt. Ob andere meine Meinung als meine Meinung erkennen oder nicht und ob sie sie maßgeblich finden oder nicht, das ist ihre Sache.

Und wenn sich einer seiner Sache nicht sicher ist, sollte er keine wissenschaftlichen Bücher mit meines Erachtens und meiner Meinung nach schreiben, sondern erst mal noch ein wenig nachdenken.

Noch mal Zyniker

Ein Zyniker ist ein Mensch, der gern Satiriker wäre, wenn er genügend Geist und Humor hätte, oder einer, dem niemand aus der Pubertät heraushilft. Manchmal wird ein Satiriker zum Zyniker, wenn er in die Wechseljahre kommt oder die Alzheimersche Krankheit sich seiner bemächtigt. Aber manchmal ist ein Zyniker auch nur ein armes Ferkel, das Liebe sucht. Ach nein, das hatten wir ja schon: die Pubertät.