Kleine Klassifikation der Satire

Vielen Formen von Satire sind wir tagtäglich ausgesetzt oder werden von ihnen unterhalten. Da ist zunächst die Realsatire, bei der nur einige wenige zufällig Hineingeratene die satirische Qualität des Dargebotenen bemerken, zum Beispiel Hundeausstellungen oder Formel-1-Rennen.

Dann gibt es die Satire, bei der einer andere auf den Arm nimmt, aber die bemerken das nicht. Kann sehr amüsant sein. Wieder eine andere Form ist die, bei der alle Beteiligten bitterernst daherreden, wohl wissend, daß das Mumpitz ist, was sie von sich geben, und auf jemand warten, der das nicht merkt. Gemein. Recht unterhaltend ist auch die Art Satire, bei der jemand zum Schein scharf angegriffen wird, aber so tut, als ob er das nicht merke, und scheinbar, aber für Uneingeweihte oder Unbedarfte anscheinend, ebenso scharf reagiert. Eng verwandt mit der Mumpitz-Form. Das kann in ungeahnte satirische Höhen gehen, wenn man so tut, als ob man nicht merke, daß ein anderer nur so tut, als ob er nichts merke.

Zum Schluß weiß dann keiner mehr so genau, ob er so tut, daß er nichts merkt, oder wirklich nichts merkt. Nur für Fortgeschrittene. Natürlich gibt es viele Neben- und Zwischenformen mit fliegendem Wechsel von Protagonisten und Zuschauern, aber es würde hier zu weit führen und zu einer satirischen Betrachtung der Satire, wenn ich dem jetzt weiter nachginge. Karikaturisten sind eben auch immer gut zu karikieren.

Wirklich gelungen ist Satire aber erst dann, wenn niemand mehr merkt, daß es sich um Satire handelt, nicht mal der Satiriker selbst. So ist das Leben.

Meines Erachtens

Fünf Minuten Deutsch
Ein falscher Fall meines Erachtens

Von Ruprecht Skasa-Weiß

Nach und nach verkuddelmuddelt aber wirklich alles! Kommt nach davor, kommt nach danach, oder geht’s auch ohne Nach-Kommen? »Nach meinem Erachten durchaus«, sagt dieser. »Also meiner Meinung nach unbedingt«, meint jener. »Meines Erachtens, das reicht“, erklärt ein Dritter. Was er nicht sagt, das ist: »Meiner Meinung.« Dabei wäre auch noch diese Fügung theoretisch richtig. Aber da Wem- und Wesfall bei weiblich gebeugten Wörtern gleich klingen, ist man praktisch zum Verzicht genötigt. Es hört sich falsch an …

So weit und noch weiter Ruprecht Skasa-Weiß in der »Stuttgarter Zeitung«. Aber nicht weit genug. Ob nun meines Erachtens oder was auch immer, das ist wohl doch eher sekundär. Primär ist für mich (sic!) die Frage, was die Leute treibt, diese überflüssigen Meinungsäußerungen über die eigene Meinung in die Rede einzustreuen. Am schlimmsten ist das in wissenschaftlich sein wollenden Büchern, in denen so manches Mal auf einer Seite fünfmal m. E. auftaucht. Wozu soll das gut sein? Ist der Autor sich vielleicht gar nicht so sicher, wie er vorgibt? Hat er möglicherweise Angst vor irgendwelchen Autoritäten, die ihm übers Maul fahren könnten, oder hat er sein Erachten irgendwo in der Uni-Bibliothek geklaut?

Daß das meine Meinung ist, was ich schreibe, ist doch wohl klar, darauf muß nicht ständig hingewiesen werden. Wer dauernd betont, daß das, was er sagt, seine Meinung ist, ist sich seiner Meinung nicht sicher, das steht spätestens seit Freud fest. Oder er hält sich für so unbedeutend, daß er mit »meiner Meinung nach« oder »nach meiner Meinung« die Bitte zum Ausdruck bringt, ihm doch mal zuzuhören, obschon er im Grunde nichts zu sagen hat. Und das ist dann meist tatsächlich so.

In älteren Büchern findet sich in diesem Zusammenhang das schöne Wörtchen »unmaßgeblich«. Immer schön ducken, wenn man was sagt, damit mögliche Zornesblicke über einen hinweggehen.

Wenn man sagt, was man denkt, sollte man es ohne solches Demutsgestotter tun, und wenn meine Meinung für jemand anderen als meine Meinung deutlich wird, dann vor allem dadurch, daß sie sich in der Form oder inhaltlich von anderen Meinungen abhebt. Ob andere meine Meinung als meine Meinung erkennen oder nicht und ob sie sie maßgeblich finden oder nicht, das ist ihre Sache.

Und wenn sich einer seiner Sache nicht sicher ist, sollte er keine wissenschaftlichen Bücher mit meines Erachtens und meiner Meinung nach schreiben, sondern erst mal noch ein wenig nachdenken.

Noch mal Zyniker

Ein Zyniker ist ein Mensch, der gern Satiriker wäre, wenn er genügend Geist und Humor hätte, oder einer, dem niemand aus der Pubertät heraushilft. Manchmal wird ein Satiriker zum Zyniker, wenn er in die Wechseljahre kommt oder die Alzheimersche Krankheit sich seiner bemächtigt. Aber manchmal ist ein Zyniker auch nur ein armes Ferkel, das Liebe sucht. Ach nein, das hatten wir ja schon: die Pubertät.

Von der Überlegenheit der religiösen Vorstellungen

Daß jemand meint, seine Religion sei den anderen Religionen überlegen, hat zwar vielen Millionen Menschen das vorzeitige Ableben beschert und ist auch heute noch Hauptursache von Kriegen und Gewalttaten, aber dennoch ist das so normal wie die Feststellung, die eigene Partei sei die beste. Darüber kann sich doch nicht allen Ernstes jemand aufregen.

Die Leute sind so überzeugt von ihren Dummheiten, daß sie sich dafür gegenseitig die Köpfe einschlagen, wenn es sein muß. So ist das nun mal. Bei den Buddhisten ist das in der Regel nicht so, obwohl es da auch den ein oder anderen Spinner gibt. Vielleicht ist der Buddhismus auch deshalb den anderen Religionen überlegen.

Über Irrtümer

Der Greifvogel ahnt nichts von der Schönheit und Tragik der Erde, wenn er das Himmelsblau durchstreift, und so mancher hat sich schon an einem fetten Happen verschluckt, den er für einen Maulwurf hielt, der sich bei näherer Betrachtung jedoch als etwas anderes entpuppt hätte, wenn es denn zu näherer Betrachtung gekommen wäre. Zuviel Himmelsblau und Sonne ist bekanntlich nicht gut für die Optik.

Konsistent authentisch

Wenn auch als Modeerscheinung etwas im Abklingen, wird gern die Forderung erhoben, jemand, der sich in der Öffentlichkeit darstellt, solle das so tun, daß er nicht nur authentisch erscheine, sondern Authentizität ausstrahle: Sei authentisch! Dagegen ist ja nun nichts einzuwenden. Nicht wegen der Forderung der andern, sondern aus Gründen der inneren Authentizität halte ich mich daran, mich so darzustellen, wie ich bin. Oder zumindest so, wie ich mich selbst sehe.

Doch die Forderung nach Authentizität ist nicht die einzige. Es gibt noch einige Erwartungen mehr, unter anderen die nach Konsistenz der Gedankenführung. Man möchte Klarheit, Stabilität, Eindeutigkeit. Was aber nun, wenn mein autochthones Gehirn Widersprüchliches produziert, wie das bei jedem der Fall ist, der sein Denken nicht immer nur im Trab hält, sondern auch mal, und sei es aus Lebensfreude, galoppieren läßt? Wenn sich das in meinen Texten widerspiegelt, kann man mich mit Recht inkonsistenten Denkens bezichtigen, und darunter leidet nicht nur mein Ruf des konsistenten Denkers, sondern auch meine Glaubwürdigkeit.

Schnell wird dann der Vorwurf des postmodernen Anything goes erhoben und das, was ich sage, als Facette der Beliebigkeit abgetan. Was es vielleicht tatsächlich ist. Aber mich dafür verantwortlich zu machen, das wäre nicht recht. In einer Welt, in der nach und nach alle beruhigenden Konstanten wie von einem übergroßen Scheibenwischer weggewischt werden und in den Orkus der Geistesgeschichte purzeln, ist die Forderung nach Konsistenz nur zu verständlich, aber die Ehrlichkeit gebietet, darauf hinzuweisen, daß es nicht möglich ist, konsistent zu sein, denn ein glaubwürdiger Mensch muß sich Inkonsistenz zugestehen, wenn er nicht im Denken erstarren will. Die einzige Konsistenz, die von mir zu erwarten ist, ist konsistente Authentizität. Jedenfalls für mich selbst.

Wer authentisch sein will, muß mit seinen Inkonsistenzen leben und hoffen, daß der ehrliche Umgang mit ihnen zu einer anderen Art von Konsistenz führt. Oder zumindest zu dauerhafter Authentizität, was ja immerhin so etwas Ähnliches wie eine Konstante sein könnte.

Hofnarr

Und einmal wirst du
gehen müssen
vielleicht zu spät
bestimmt zu früh
fortan wirst du ins
Leere küssen
vorbei die
Zweisamkeitsrevue.

Und Schatten werden
dir Vertraute
nur Träume noch
von Fleisch und Blut
nur leeres Huschen
keine Laute
kein Augenaufschlag
keine Glut.

Nur Ruhe, Brache
kaltes Dunkel
und stummer Ruf
verhallt im Nichts
kein warmes Wort
kein Sterngefunkel
kein Glitzern des
verirrten Lichts.

So wirst du in die
Weiten starren
auf ewig spielst
du Blindekuh
ein tauber unter
stummen Narren.
Die Parzen schauen
spöttisch zu

Logische Merkwürdigkeit

Der Unterschied zwischen den beiden sprachlich und logisch scheinbar kongruenten Aussagen »alles ist möglich« und »nichts ist unmöglich« ist der Ausschluß des Nichts in der zweiten Aussage, während in der ersten die Möglichkeit des Nichts – alles ist möglich, also auch das Nichts – enthalten ist.

Ist das nicht merkwürdig? Wenn alles möglich ist, dann auch das Nichts, wenn aber nichts unmöglich ist, kann alles sein, nur nicht nichts oder das Nichts. Wie das?

Woher kommt dieser Unterschied? Gibt es eine Möglichkeit, diese Möglichkeitsantinomie befriedigend aufzulösen?

Wahrscheinlich, möglicherweise (um mit dem Wort zu spielen) hat sich irgendein Aussagenlogiker oder ein Parmenides-Rezipient wie Heidegger bereits mit dieser Frage beschäftigt und sie möglicherweise (schon wieder das Wort) beantwortet, aber das weiß ich nicht, und deshalb stelle ich mich nicht dumm, wenn ich hier selbst versuche, sie zu beantworten: Ich bin dumm. Das ist eine hervorragende Basis für einen denkenden Menschen. Und obwohl ich nicht glaube, daß der Widerspruch dieser beiden Aussagen beseitigt werden kann, so hoffe ich doch, daß irgendein Licht in das Dunkel meiner Unwissenheit fällt, wenn ich denke.

Also: alles ist möglich versus nichts ist unmöglich.

Das unscheinbare »ist« brauchen wir im Augenblick nicht, obwohl ihm bei genauerer Betrachtung eine ungeheure Dynamik innewohnt, aber da es auf beiden Seiten der Gleichung vorhanden ist, können wir kürzen.

Also: alles möglich versus nichts unmöglich.

Parallele Struktur von Antonymen: alles – nichts, möglich – unmöglich. Ein bißchen Dreherei: alles möglich, nichts unmöglich – alles unmöglich, nichts möglich. Keine Kerbe zu finden, wo man Ockhams Rasiermesser ansetzen könnte.

Es bleibt dabei: Wenn alles möglich ist, ist das Nichts nicht ausgeschlossen, und wenn nichts unmöglich ist, ist alles möglich, außer das Nichts.

Gehen wir hier vielleicht unseren Sprachgewohnheiten auf den Leim? Immerhin gibt es einen kleinen Unterschied, aber der ist zumindest auf den ersten Blick lediglich begründet in der Konventionalität der Grammatik bzw. der Orthographie: nichts und das Nichts. Auf der einen Seite das Indefinitpronomen »nichts« und auf der anderen das Nomen »Nichts«, im Englischen »nothing« und »nothingness«.

Ganz offensichtlich hat die zweite Aussage eine doppelte Bedeutung, und es scheint so, als ob der Unterschied in der Orthographie: alles, nichts/Nichts in etwas anderem begründet ist als in Schreibgewohnheiten. Warum wird »alles« immer klein geschrieben? Warum nicht »das Alles« und »das Nichts« (von der reformierten Rechtschreibung, in der es »mein Ein und Alles« gibt, mal abgesehen). Wird »alles« vielleicht klein geschrieben, weil es bereits ein Nomen gibt, das seinen Platz einnimmt, das All? Aber was macht das schon? Ist das All nicht alles? Ist nicht beides, mal abgesehen vom Sprachgebrauch, gleich umfassend?

Alles möglich, Nichts/nichts unmöglich. Das bringt uns nicht weiter.

Rein intuitiv erscheint mir die zweite Aussage aber sinnvoller als die erste, doch warum? Alles ist möglich heißt: Alles kann sein, auch nichts oder das Nichts, aber wie sollte das Nichts oder nichts sein? Wenn es wäre, dann wäre es etwas und nicht nichts, und damit wäre es ein Teil des Seins, was ja nicht geht. Also Humbug.

Wenn aber nichts unmöglich ist, dann ist alles möglich außer nichts. Natürlich kann nichts nicht sein, denn das macht nichts ja gerade aus, daß es nicht ist. Aber wenn es nicht ist, dann ist es nicht. Daraus folgt, daß über das nichts/Nichts nichts gesagt werden kann. Es existiert nicht, das Nichts, oder nur sprachlich-logisch.

Wir sprechen also über etwas, dem keinerlei Seinsqualität zukommt, als komme ihm eine zu. Kann es sein, daß hier deutlich wird, daß Logik an unüberschreitbare Grenzen stößt? Was ist hier überfordert, unser Denken oder unsere Sprache?

Ich vermag den Widerspruch zwischen den beiden Aussagen logisch nicht aufzulösen. Wo genau liegt der Unterschied der formal gleichen Aussagen, und warum leuchtet die zweite ein, die erste aber nicht? Kann mir jemand helfen, diese Frage zu beantworten?

Bumerang

Vor einiger Zeit bekam ich eine lange Mail von einem, der mir und einem anderen mal auf den Schlips treten wollte, was ihm jedoch nicht gelang, weil er übersehen hatte, daß ich keinen Anpassungsstrick um den Hals trage, aber der selbst einen derart langen mit sich schleppte, daß ich nicht vorbeitreten konnte. Was ihm nun wieder gar nicht gefiel.

Trotz enervierend redundanter Diktion habe ich nicht verstanden, was er von mir wollte, nur eines: Mein Blog gefällt ihm nicht. Das ist sein gutes Recht, und er darf das gern auch öffentlich kundtun. Was ihm, wie er mir mitteilte, zu umständlich sei, wobei er mir gleich unterstellte, das liege in meiner Absicht. Tut mir leid, kann ich nur sagen, da irrst du dich gewaltig. Ich habe nicht beim Blogbetreiber (damals noch Blogigo, ist schon ein paar Jahre her) darauf hingewirkt, daß die Leser sich anmelden müssen, bevor sie kommentieren können, obwohl das so umständlich nun auch nicht ist, aber sei’s drum: Ich freue mich über jeden Kommentar, und ich gehöre nicht zu denen – ich will hier keine Namen nennen –, die jeden Kommentar umgehend löschen, wenn er sich inhaltlich nicht mit ihrer eigenen Meinung deckt, oder die Kommentarfunktion ängstlich der Zensur unterwerfen, was ich bei längerer Abwesenheit allerdings nachvollziehen kann. Im Gegenteil: Man kann aus Kommentaren lernen. Immer.

Der Kommentar dieses Menschen kam also per Mail und bestand darin, daß er mir in Gänsefüßchen mitteilte, in der Schwerelosigkeit lasse sich trefflich luftleer philosophieren. Das war’s. Nicht die Spur einer inhaltlichen Aussage.

Nun weiß ich aus dem Biologieunterricht, obwohl der schon lange zurückliegt, daß das Leben in der Schwerelosigkeit ziemlich schwierig ist und erst recht das Philosophieren, denke ich mal, was ich hier nicht näher zu erklären brauche, weil die meisten wissen werden, warum das so ist.

Vermutlich weiß der Schreiber der Mail das auch, aber er wollte wohl etwas anderes sagen, was ihm aber nicht gelungen ist. Also tue ich das jetzt für ihn. Ich denke, er wollte sagen, fernab der Realität lasse es sich gut philosophieren, weil der Bezug zur Realität das Philosophieren erschwert. Dazu kann ich nur sagen: Ich befinde mich mitten in der Realität – oder vielleicht am Rand, wer weiß das schon so genau. Der Schreiber der Schwerelosigkeit jedoch hat hier eine Aussage getroffen, die irreal ist. Mit Recht könnte ich jetzt sagen, es sei sinnlos, mit irrealen Aussagen anderen Realitätsferne zu unterstellen. Und das sage ich.

Da fällt mir ein Gedicht von Ringelnatz ein:

Bumerang

War einmal ein Bumerang
War ein Weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum – noch stundenlang –
Wartete auf Bumerang.

Aber manchmal kommt der Bumerang dann doch noch zurück.

PS: Der andere hat sich übrigens weniger zurückhaltend ausgedrückt. Er sagte zu dem weltfremden Mail-Schreiber schlicht: »Dir haben sie wohl ins Gehirn geschissen.« Möglich, aber wohl doch auch eher irreal.

Das Nichts

Umgeben vom Nichts wird das Nichts nicht sichtbar. Umgeben von etwas schon. Und dann ist es nicht mehr nichts, sondern etwas. Das Nichts nichtet sich. Heidegger würde eher sagen: »Das Nichts nichtet.« Aber einfach ist das nicht. Der Sprung des Schattens aus dem Schatten.

Zu bedenken

Wenn alles möglich ist, ist alles möglich, sogar daß Imponderabilien zu Ponderabilien werden, doch leider ist auch möglich, daß nichts möglich ist. Aber wenn nichts möglich ist, ist nichts möglich. Obwohl ich kein Berufsoptimist bin, ziehe die erste Variante vor.

Reflexion

Manchmal reicht es schon, um einen Menschen abzulehnen, daß er unseren Mangel an Selbstreflexion reflektiert. Und sei es durch seinen eigenen Mangel an Selbstreflexion. Sich so im andern zu erkennen kann bitter sein. Noch bitterer ist es, wenn die reflektorische Stärke des anderen unsere Selbstreflexionsschwäche offenbart und wir nicht fähig oder nicht bereit sind, uns selbst in Frage zu stellen, weil das nicht unserem Lebensmuster entspricht.

Teatro vaticanum in infinitum

Der weiße Popanz
und die violettbemützten Pfauen
wie junge Mumien
sind sie, aber schöner anzuschauen.

Es gibt das Stück
Herr Gott und seine Proselyten.
Die Erstbesetzung ist vakant
durch Dauerurlaub in den Mythen

Fahnen im Staub

Gesplittert das Eis
gebrochene Nächte
ein Zug auf dem Gleis
das Gurgeln der Schächte.

Die Wege sind kalt
so kalt wie die Fahnen
zerschlissen und alt
die Wegzeichen mahnen.

Sie sprechen von Sonnen
verglüht und verlassen
die Wasser geronnen
verharzt alle Gassen.

Die Tage sind leer
geöffnet die Schächte
und rings um dich her
Gelichter der Nächte.

Wenn Morgen aufgraut
wohin sollst du gehen
kein atmender Laut
es ist längst geschehen:

Die Träume sind fort
die Häuser verlassen
kein atmender Ort
nur klebrige Gassen.

Schon immer verlassen
vorbei sind die Träume
du träumtest die Massen
nur schwankende Bäume.

Die Erde ist leer
verlebt und verlassen
und rings um dich her
die Fahnen, die Gassen.

Und gehst du auch fort
du kommst immer wieder
und schwankst wie das Wort
und zuckst wie die Lider.

Ein Zug auf dem Gleis
es gibt kein Entrinnen
die Fahne nicht weiß
es gab kein Beginnen.

Die Tage nicht blau
die Nächte verlassen.
Das Meer nicht mal grau
nur Kot in den Gassen.

Und Wärme gespürt
die Liebe getrunken
von Sinnen verführt
in Sinnen ertrunken.

Die Wege sind kalt
so kalt wie die Fahnen
auf Harsch und Basalt
ziehst du deine Bahnen.

Dein Fleisch ist so leer
verbrannt die Gedanken
nur dumpfe Begehr
nur haltloses Wanken.

Du wanderst umher
und spielst mit Vernichtern
treibst Maskenverkehr
mit leeren Gesichtern.

Bist selbst doch nur Staub
aus Stäuben geboren
verwelkst wie das Laub
genauso verloren.

Umhäuteter Schutt
Jahrzehnte gehärtet
im Traum noch Perlmutt
hoch überbewertet.

So wert wie der Stein
dem einst du das Kissen
tagaus und tagein
der Abstand ist Wissen.

Gedenke der Tat
das ist deine Strafe
auf surrendem Rad
gedenke und schlafe.

Trag ab alle Schuld
und handle vermessen
mit Geist und Geduld
die Zukunft vergessen.

Wird sein kalter Rauch
und Asche der Väter
kein Baum mehr kein Strauch
kein Grab für die Täter

Versuch eines Gesprächs mit Feministin(nen)

Zitat aus »Emma«

»Frauen sind witzig – witziger als Männer. Daher hört man aus der Damentoilette immer Gelächter – wir machen uns drinnen vor Lachen in die Hose. Selten hört man Gelächter aus der Herrentoilette. Und das liegt nur zum Teil daran, dass sie dort keine separaten Kabäuschen haben. Steckt drei Frauen länger als drei Minuten zusammen, und schon haben sie – egal, ob sie sich vorher kannten oder nicht – hochwichtige Details ihres Innenlebens ausgetauscht und angefangen zu lachen.«

Darauf mein Kommentar:

Frauen sind nicht nur witziger als Männer, Frauen sind einfach die besseren Menschen.

Darauf V.:

Also dass Frauen die besseren Menschen sind, finde ich nicht.
Feminismus betrifft Männer u. Frauen. Sie sollten lernen voneinander.
LG V.

Mein Kommentar:

Leider, liebe V., tun sich die meisten mit dem Lernen sehr schwer. Manche verstehen sogar ironische Bemerkungen nicht und bezeichnen nachvollziehbare Kritik als Haßtiraden.

Behauptung: »Frauen sind witzig – witziger als Männer. Daher hört man aus der Damentoilette immer Gelächter …«

Gegenrede: Merkwürdigerweise habe ich, wenn ich an einer Damentoilette vorbeigegangen bin, was in meinem Leben schon häufig vorgekommen ist, nur hin und wieder Gelächter gehört. Aber da wird schon manchmal gelacht, sagt meine Freundin. Meist jedoch, das bestätigt meine Tochter, über andere Frauen. Von »immer« kann natürlich auch keine Rede sein. Ebensowenig wie davon, daß Männer auf der Toilette nie lachen. Kommt aber tatsächlich selten vor. Der Grund ist einfach der: Männer halten sich selten länger als drei Minuten in einer Herrentoilette auf. Wenn doch, dann ist es ein Notfall, und in Notfällen hat man in der Regel nichts zu lachen. Außerdem weiß ja nun jeder, der darauf achtet, daß Männer im Gegensatz zu Frauen nur ungern mit anderen Männern zusammen die Toilette aufsuchen, es sei denn es handelt sich um schwule Männer.

Und weshalb sollen Frauen nun witziger sein als Männer? Mir fehlt für das »daher« oben ein plausibles Argument. Abgesehen davon glaube ich nicht, daß es eine Notwendigkeit für die obengenannte Behauptung gibt. Ist nicht jedes Männer sind … und jedes Frauen sind … einfach nur doof? Und dient es nicht ausschließlich dazu, Männer und Frauen auseinanderzudividieren?

Darauf V.:

Hallo L.!
Sorry, aber mit Deiner Gegenrede bist du bei mir an der falschen Adresse. Der Artikel ist von den EMMAs.
Hier kannst Du Ihnen antworten: E-Mail: redaktion@emma.de
Die Redaktion freut sich immer sehr über Rückmeldungen. 🙂
LG V.

Mein Kommentar:

Liebe V., das ist doch wohl nicht dein Ernst. Ich kenne das so, daß man nur dann ohne kritischen Kommentar zitiert, wenn man selbst dahintersteht. Machst du das anders? Stehst du selbst hinter diesem Hohoho-Kinderkram oder nicht? Sag doch mal was dazu: Was hältst du davon? Und was ist mit den ersten zwei Zeilen? Die beziehen sich nicht auf »Emma«.

Darauf U. T.:

Ach, Ironie war der erste Kommentar von Dir. Sowas.. von unwitzig… (Buh! Schnarch! XD )
Na, damit bestätigst Du aber zumindest den 1. Teil Deiner Behauptung zu 100%! XDDD

Mein Kommentar:

Tolle Argumente, U. Alle Achtung. Ganz hohes Niveau.

Darauf U.:

Vollkommen RICHTIG erkannt, L.: Absolut dumm und niveaulos war das.
Das war nämlich GANZ EXAKT DEIN Niveau, DEINE Art, die ich hier gespiegelt habe! 😉

Schmeckt Dir nicht!? Na, dann weißt Du jetzt ja, wie sich V. fühlen muß bei dem Quark, den Du hier selbst verzapfst.
Vielleicht läßt Du Dir das mal gründlich durch den Kopf gehen, bevor Du wieder die Finger an die Tastatur legst.

Darauf V.:

Danke @U. T.! 🙂

Und weiter V.:

Hallo L.!
Was die ersten zwei Zeilen von Dir betrifft die sich nicht auf den EMMA Artikel beziehen, machst du genau dort weiter wo du per Email [als Antwort auf eine E-Mail von mir, V. – Anmerkung von Lyriost] aufgehört hast: Mich grundlos persönlich anzugreifen u. deine Hass-Reden als harmlose Kritik darzustellen. Ich hatte dich klar u. deutlich gebeten mir keine weiteren Texte (Hass-Tiraden) zu schreiben. Nun willst du das scheinbar hier im Blog fortsetzen. Nein danke!

Wenn Du den EMMAs etwas zu ihren Artikeln oder zum Feminismus schreiben möchtest kannst du das jederzeit öffentlich auf Facebook tun. https://de-de.facebook.com/emma.magazin/

Ansonsten bitte ich dich hier in meinem Blog keine Kommentare mehr zu schreiben!
Jeder weitere Kommentar von Dir wird gelöscht werden.

MfG
V.

Mein Kommentar:

Wunderbar. Man ist nicht in der Lage, sich mit Argumenten sachlich auseinanderzusetzen, reitet aber auf hohem Roß durch die Welt und hält sich für etwas Besonderes. Und wenn einer mal Zweifel anmeldet, möchte man ihn am liebsten über den Haufen reiten. Aber: Wer sich dem Diskurs nicht stellt, hat unrecht.

»Sie sollten lernen voneinander», schreibst du. Aber du meinst damit tatsächlich, andere sollten von dir lernen. Wie kann man auch voneinander lernen, wenn man die Kommentare des anderen nicht hören will, sich damit nicht auseinandersetzen will und sie ignoriert oder gar löscht?

Du solltest bitte ehrlich sein und erklären: Es sind nur unkritische und zustimmende Kommentare erwünscht. Ist das nicht etwas armselig?

Bitte definiere doch mal das Wort Haß, das du jetzt schon wieder ins Gespräch wirfst. Wo siehst du bei mir Haß? Ich sehe nur Widerspruch. Machst du es dir nicht etwas zu leicht, wenn du jede von deiner eigenen abweichende Meinung in die Haß-Ecke schiebst? Selbst was U. hier schreibt, ist noch kein Haß, sondern nur Ausdruck von Unreife und Ressentiment. Bei mir gibt es so was wie Haß dagegen überhaupt nicht, und in meinem Alter wäre Unreife etwas absonderlich. Ressentiments habe ich ohnehin nur gegen Dummheit – unabhängig vom Geschlecht. Diese Abneigungen sind allerdings tief. Wie man leicht merken kann.

Viele Fragen, keine Antworten.

Bin gespannt, was weiter passieren wird.

Was wohl? Mein letzter Kommentar wurde selbstverständlich gelöscht. Und genauso mein Link zu diesem Eintrag hier. Missionare und Missionarinnen tun sich von jeher schwer mit kritischen Nachfragen und Einwänden. Fällt auf sie selbst zurück.

 

Anmerkung: Die im Diskurs erwähnte E-Mail von mir, die angeblich »Haß-Reden« und persönliche Angriffe enthielt, war eine Antwort auf eine Anfrage der Feministin V., deren Antwort ihr nicht gefallen hat. Was ich verstehe. Bei Bedarf kann ich diese gern hier einstellen oder daraus zitieren. Natürlich gab es darin weder »Haß-Reden« noch »persönliche Angriffe«. Allerdings auch nicht das Gegenteil. Ich habe nur ruhig und sachlich erklärt, weshalb ich den Wünschen der Bittstellerin nicht nachkommen kann und inwiefern sie selbst dafür verantwortlich ist, daß ich das nicht kann.  

Unaufmerksamkeit

Was mich beim Lesen vor allem zeitgenössischer Literatur schon mal verstimmt, ja erschüttert: wenn ich durch die Fassade außerordentlich gelungener Wortakrobatik nach fünfzig Seiten plötzlich spüre, wie ein Hauch charakterlicher Armseligkeit zwischen den Zeilen aufschimmert. Nicht daß ich das dem Autor ankreiden möchte, es ist mehr die Einsicht in die eigene Unaufmerksamkeit, die mich verärgert: daß ich das nicht eher bemerkt habe.

Unsinn

«Reiner Unsinn. Hauptsache, es macht Spaß.» Wenn er Spaß macht, ist der Unsinn vielleicht Unsinn, aber kein reiner Unsinn. Selbst reiner Unsinn ist möglicherweise sinnvoller als reiner Sinn. Oder dasselbe? Ist reiner Unsinn – also Unsinn, der keinen Spaß macht – Sinn? Erinnert das nicht etwas an Kant, der das Gute tun wollte – nur um der Idee willen – und meinte, wenn es Spaß mache, sei es gar nicht mehr wirklich gut? Eine solche deutsch-ernsthafte Vorstellung von Sinn ist mir zu asketisch gedacht.

Ikonoklasmus

Was tut der rebellische Geist in einer Welt, in der die Geschichtsbücher immer mehr zur illustrierten Historie des vergeblichen Ikonoklasmus geworden sind? Er malt Bilderbücher. Oder schreibt bildhafte Gedichte.

Maieutik im Selbstdialog

Beim Denken sollten wir davon ausgehen, daß wir nichts wissen. Aber mal ehrlich: Wer denkt nicht, er hätte die Weisheit mit Löffeln gefressen? Die sokratische Dialektik ist ein bewährtes Mittel gegen diese Krankheit.

Bevor uns andere dieses Mittel gewaltsam einflößen, sollten wir es jeden Tag prophylaktisch zu uns nehmen, indem wir die sokratische Methode auf uns selbst anwenden; nur müssen wir dabei aufpassen, daß das Verhör nicht zur «peinlichen Befragung» der Inquisition wird und auf dem Scheiterhaufen endet statt im Wochenbett.

Und Finger weg von Schierlingsbechern. Das gilt natürlich nur für mich selbst. Meinen potentiellen Kritikern sei gesagt: Schierling schmeckt gar nicht so schlecht.

Luftleerer Raum

Fängt das Philosophieren nicht erst richtig an, wenn wir heraustreten aus den uns allen vertrauten Vorstellungen, die unser geistiges Rüstzeug bestimmen und nicht gerade selten eher Zaumzeug sind und manchmal viel mehr geistige Leere erzeugen als geistige Fülle? Gegen die vakuumerzeugende, ritualisierte und damit öberflächliche Tiefenschau den luftleeren Raum regelresistenten Denkens setzen? Vielleicht eine Möglichkeit. Aber wahrscheinlich wieder nur ein anderes Fundament neuer Rituale und Konventionalitäten.

Parodie

Parodie ist eine herzerfrischende, befreiende, entlarvende Veranstaltung, und alle haben ihre helle Freude daran, mit Ausnahme der Parodierten, versteht sich. Die müssen so tun, als hätten sie Humor, und wenn sie klug sind, knirschen sie nur nachts im Schlaf mit den Zähnen. Aber jede noch so gute Parodie hat einen entscheidenden Schwachpunkt: Sie läuft immer Gefahr, parodiert zu werden. Deshalb ist jeder Parodist gut beraten, wenn er nicht vergißt, rechtzeitig sich selbst zu parodieren. Bevor es andere tun. Wer geht schon gern zum Zahnarzt?

Illusionenboulevard

Ob es den Paradigmenwechsel im Wissenschaftsbetrieb angeht oder die Veränderung der privaten Glücksvorstellungen: Das scheinbar Neue, das sich, im Zeitraffer betrachtet, als ewiges Oszillieren von unterschiedlichen Illusionsgebilden herausstellt, ist manchmal ästhetisch fulminant, aber nur sehr selten ein Fortschritt.

Erkennen

So wie der Kitzel im Höschen ganz ohne Liebe auskommen kann, so kann auch die Liebe ganz ohne den Kitzel im Höschen auskommen. Kann.

Wenn es in der Bibel heißt: Sie erkannten sich oder besser: einander, dann ist das auf den ersten Blick nur ein schamhafter Euphemismus für sexuelle Aktivität, aber wenn wir es genauer betrachten, sehen wir oft eine zweite Ebene: das intuitive Erkennen der Gleichheit in der Andersheit, der existentiellen Einheit, die Schau des einen im anderen.

Schon in Platons Schöpfungsmythos findet sich der Kern dieses Vorgangs. Das Getrennte ist nur scheinbar verschieden, tatsächlich jedoch sind Mann und Frau jeweils Teil eines vorausgehenden Ganzen und streben danach, wieder eins zu werden.

Was möglicherweise für das principium individuationis insgesamt gilt.

Der Kern aller Liebe.

Zeitgeschmack

Der Geschmack einer Zeit äußert sich nicht zuletzt in seinen Götterstatuen, und wenn wir in die Geschichte zurückschauen, überkommt uns manchmal Wehmut, aber viel öfter Belustigungsgefühl. Heute tragen die Götterstatuen Markennamen.

Museum

Der Nippes
Trödel der Antike
in Marmorhallen aufgereiht.
Und auch bisweilen
edle Teile.
Wenn man vom
Wert absieht
den das Besitzstreben
ihnen verleiht
größtenteils Plunder
Gebrauchswert null
nur manchmal goldig
und nett anzuschaun.
Und immerhin sichtbar
vorhanden.
Doch welchen Wert
haben die Knochen
die sie schufen?

Glück

Es gibt kein größeres Hindernis beim Glücklichwerden als die tatsächlich mögliche Umsetzung dieser Vorstellung. Die meisten Menschen laufen lieber Unmöglichem hinterher und sind unglücklich, oder sie sind zufrieden mit irrealer Kitschbildvirtualität.

Erreichbarkeit

Wertvolle Dinge schützt man am besten vor Berührung und Diebstahl, indem man ihnen ein Schild beifügt, das sie als Kopie ausweist, und die Kopie gut geputzt in einer Panzerglasvitrine daneben stellt. Die Leute werden sich am Glas die Nasen plattdrücken. Der unerreichbare Schrott ist den Menschen um vieles wertvoller als das erreichbare Wertvolle. Kriterium des Wertes ist nicht die Qualität, sondern die Erreichbarkeit. Wenn sich ein Ding dem Begreifen entzieht, erhöht das ganz automatisch seinen Wert. Und sei der Appetit auch noch so groß: Eine auf einem Pappteller liegende Currywurst kann mit dem Hundekot auf Silbertablett in der verschlossenen Glasvitrine nicht mithalten. Vielleicht ißt man, vom Hunger übermannt, dann doch die Currywurst, aber die Träume vom Guten in der Vitrine werden dafür sorgen, daß die Wurst nicht besonders schmeckt. Trotzdem: Guten Appetit.

Weißer Mohn

Sind kalte Hände
die die Scherben streuen
statt Rosen, Klee und Hyazinthe.
Sind kahle Wände
die das Licht bereuen
das auf sie sprüht wie weiße Tinte.
Sind deine Worte
die die Farben bleichen.
Ist dein Geruch
der deinen Duft
verwischt

Mißverständnisse

Jede Kommunikation, und sei sie auch noch so aufmerksam und auf Genauigkeit bedacht, ist nicht nur geprägt von Verstehen und Verständnis, sondern in gleichem Maße auch von Mißverstehen, zumindest von partiellem.

Bevor wir miteinander ins Gespräch kommen und uns mitteilen, hat bereits ein internes Gespräch stattgefunden (und findet auch während des Austauschs unentwegt statt), und auch dieses ist mit Mißverständnissen behaftet, denn wer verstünde sich selbst zur Gänze? Der Mischmasch von Gefühlen und Gedanken, der in uns hochsteigt, muß in irgendeiner Weise in Sprache umgesetzt werden, verbal und nonverbal, und dieser Umsetzungsprozeß geschieht zum größten Teil unbewußt und ist mit idiographischen Vorgaben behaftet, die wir selbst nicht durchschauen.

Nichtsdestotrotz gehen wir davon aus, daß der Gesprächspartner uns versteht. Notwendigerweise äußern wir uns in einer Sprache, die auf der einen Seite viel zu ärmlich ist, um komplexe Gefühlswelten darzustellen, aber andererseits vieldeutiger, als es die Wörterbücher der Semantik glauben machen wollen, denn alles steht und fällt mit den konnotativen Bedeutungen des Gesagten, und diese sind nicht so universell, wie von vielen angenommen wird. Von den persönlichen Assoziationsgebirgen ganz zu schweigen.

Und dann gibt es noch die Mißverständnisse, die auf der syntaktischen Struktur der Sprache beruhen, aber das sind die im Gespräch am leichtesten aufzulösenden. Ein Beispiel:

Ich sage: »Gefühle können nicht lügen, aber sie können täuschen. Und wir können unsere Gefühle nicht verstehen oder mißverstehen.« Darauf bekomme ich die Antwort: »Wenn wir sie nicht verstehen und nicht mißverstehen können, wie du sagst, dann wären sie erst mal einfach so, und sie würden irgend etwas mit uns machen, was uns unverständlich bleibt.«

Gemeint hatte ich: Es besteht die Möglichkeit, daß wir unsere Gefühle nicht verstehen, und es kann sein, daß wir unsere Gefühle mißverstehen. Gut, zugegeben, so wie ich mich ausgedrückt hatte, ist der Satz auch anders interpretierbar, als ich ihn gemeint hatte. Aber immerhin ist er mehrdeutig, wenn man genau hinschaut. An der Antwort aber wird deutlich, daß weder meine Intention noch die Mehrdeutigkeit meines Satzes vom Empfänger wahrgenommen wurde, sondern der Satz wurde in der Antwort zu einer gewissermaßen dogmatischen Aussage über das Verstehen von Gefühlen uminterpretiert.

Ob eine solche gleichsam dogmatische Aussage ihre Berechtigung haben könnte, ist wieder eine andere Frage, und nach genauerem Überlegen komme ich zu dem vorübergehenden Schluß, daß es vielleicht tatsächlich so sein kann, daß wir unsere Gefühle nicht verstehen können.

Aber daß wir uns und einander hin und wieder trotzdem verstehen, oder zu verstehen scheinen, grenzt an ein Wunder.

Und hätte ich nicht nachträglich das Reziprokpronomen »einander« in diesem Text eingefügt, wäre das nächste Mißverständnis bereits vorprogrammiert.

So schwierig kann das Verstehen sein.

Possessivpronomina

Menschen, deren Rede geradezu zwanghaft angereichert ist mit egozentrierten Possessivpronomina, sind nicht gerade ideale Beziehungspartner, und man sollte ihnen Gelegenheit geben, den Gebrauch dieser Pronomina auf Nomen wie zum Beispiel Einsamkeit auszudehnen. Doch das wird wahrscheinlich nichts nützen, denn sie werden dies nicht in so ausreichendem Maße als negativ empfinden, daß sie etwas an ihrem Sprachgebrauch und dem damit verbundenen Denken und Handeln ändern. Einsam sind meistens die, die wenig Sinn für solche Possessivpronomina haben.

Der letzte Mensch

Der Tag entlaubt
vom Hämmern der Maschinen
und Nächte finstern taub
im hellen Lärmen.
Der letzte Mensch jagt
gaffend nach Rosinen
und fette Füllungen
verpackt in Därmen.

Das Denken läuft
vom Band in Wortfabriken
und über alles fällt
ein dichtes Netz
aus Bildermüll
und Normmusiken
und geistchromiertem
In-Geschwätz.

Der letzte Mensch
wird blind geboren,
zum Wachsen fehlt
ihm jeder Sinn.
Das Leben brüllt
ihm in die Ohren
und seine Tage
fliehen so dahin

Sonne und Schatten

Wenn es uns in der Sonne zu warm wird, findet sich fast immer schnell ein schattiger Platz. Es gibt immer irgendwo kühlenden Schatten – und sei es in der Nacht. Der Weg vom Schatten in die Sonne aber ist weitaus schwieriger. Es gibt nicht immer wärmende Sonne.

Über Rassismus

Ein Rassist ist im tiefsten Herzen ein wissenschaftsgläubiger Mensch: Er ist überzeugt, seine Vorurteile seien nicht bedingt durch Mangel an Denkvermögen, sondern Folge der basischen Verteilung in der Desoxyribonukleinsäure. Folglich blickt er auf andere Menschen wie ein Biochemiker, der eine Sequenzanalyse vornimmt. Im Unterschied zum Rassisten kann der Biochemiker jedoch zwischen Genotyp und Phänotyp unterscheiden.

Erfahrung

In der Leichtigkeit des Seins liegt immer verborgene Schwere. Wir müssen uns dessen nur bewußt sein und sie rechtzeitig wahrnehmen, damit wir nicht von ihrem plötzlichen Durchbrechen überrascht und in eine Krise gestürzt werden. Wenn wir aber in der Krise stecken und die Schwere uns zu schaffen macht, sollten wir daran denken, daß in ihr immer auch verborgene Leichtigkeit steckt. Und manchmal genügt ein Wimpernschlag, um die Schwere zu durchbrechen und wieder zur Leichtigkeit zu gelangen. Und wenn wir dann aufpassen und die Schwere nicht vergessen, dann kann alles gelingen.

Gestörte Melancholie

Durch den wohligen
Dunst mattroter Klage
fern allem Streiten
weit weg vom Hassen
reißen sie Schneisen
ins mürbe Bewußtsein
traumschwerer Tage
unruhbewölkt und
vom Streben verlassen
reißen mit giftigen Zacken
die Stunden
künstlicher Hast und
blutarmer Worte
lebenslang unauslöschliche
Schrunden:
rissig-zerschundene
steinharte Orte

Über Selbstbewußtsein

Manche machen sich nicht auf die Suche nach sich selbst, weil sie Angst haben, nichts zu finden. Aber sie irren sich. Es ist vor allem der Mangel an Selbstbewußtsein, der das Bewußtsein des Selbst verhindert.

Der zersplitternde Trost

Wo selbst die Tauben sich im Lärm verlaufen
da wird das sanfte Wort verschluckt, bleibt stumm.
Wo Blinde kalte, kranke Augen kaufen
da werden alle tiefen Blicke krumm.

Da hilft kein Rausch, kein sinnvolles Besaufen
die Bilder kreischen, das Delirium
im Ohr das Prasseln roter Scheiterhaufen
verbrannter Hoffnungen Martyrium.

Das ist die Zeit, da sie mit Feuer taufen
und niemand fragt sich noch, warum
kein Glanz mehr auf den Sternenhaufen –
vom Trost befreites Säkulum

Plagiat 

Man erinnert sich vielleicht an die Plagiatsvorwürfe Daniel Libeskinds in Richtung Peter Eisenman, als es um die architektonische Konzeption des Berliner Holocaust-Mahnmals ging. Eisenmans Stelen hatten eine gewisse Ähnlichkeit mit denen Libeskinds, die vor dem Jüdischen Museum in der Lindenstraße zu sehen sind.

Nun ist jemand auf einen italienischen Zeichentrickfilm aus den siebziger Jahren gestoßen, in denen es eine Szene mit ganz ähnlichen psychologisch-architektonischen Stelen gibt, und es wird die Vermutung geäußert, hier könne die Quelle des möglichen Plagiatplagiats sein. Und wer weiß, vielleicht findet ein Kustos im Depot des Pergamonmuseums demnächst Fotografien einer Ausgrabungskampagne mit eng angeordneten Steinen, die an Stelen erinnern. Und dann?

Ich empfinde solche Plagiatsdebatten als oberflächlich, weil darin ein fragwürdiger Originalitätsgedanke zum Ausdruck kommt, der die ganze Moderne durchzieht.

Ist es nicht zum einen so, daß wir tagtäglich einer unglaublichen Bilderflut ausgesetzt sind, von der nur ein geringer Teil den Weg durch die Huxleysche Reduzierröhre in unser Bewußtsein findet? Und der Rest sickert in unbewußte Tiefen, aus denen jederzeit luftblasenähnlich etwas aufsteigen kann, was sich mit anderem in unserem Bewußtsein vermischt. Ist das nun etwas Eigenes oder etwas Fremdes?

Als schöpften nicht alle wirklich kreativen Menschen in erster Linie aus ihrem Unbewußten, das ja, wie wir nicht zuletzt durch C. G. Jung wissen, zum Großteil ein kollektives Unbewußtes ist. Wenn wir uns beklauen, dann beklauen wir uns nicht gegenseitig, wir beklauen uns selbst. Und das ist ja wohl nicht verboten.

Wenn ich bei jedem Satz, den ich schreibe, überlegte, ob jemand das schon mal ähnlich formuliert hat, dann käme ich wohl nicht weit.

Und wir wissen doch alle, was ein gewisser Salomon vor ein paar Jahren gesagt haben soll: «Es gibt nichts Neues unter der Sonne.» 

Für klarere Fälle gibt es das Urheberrecht und die Patentämter.

Über Denken und Meinen

Wenn eine Meinung in einem urteilsfähigen Kopf entsteht, haftet ihr eine wie auch immer geartete Plausibilität an, und die Meinung ist ernst zu nehmen. Der Grad der Plausibilität ist jedoch stets abhängig vom Grad der Durchseuchung dieser Meinung mit Vorurteilen, von denen niemand ganz frei ist. Und wer glaubt, seine Urteilsfähigkeit sei so rein wie Quellwasser, der unterliegt einem Vorurteil.

Wenn eine Meinung in einem vorurteilsfähigen Kopf entsteht, haftet ihr wenig Plausibilität an, und die Meinung ist nicht sonderlich ernst zu nehmen. Der Grad der Plausibilität ist jedoch stets abhängig vom Grad der Durchseuchung dieser Meinung mit plausiblen Urteilen, von denen niemand ganz frei ist. Und wer glaubt, die Vorurteilsfähigkeit anderer sei so rein wie Quellwasser, der unterliegt einem Vorurteil.

Wir sollten also nicht nur denken, bevor wir etwas sagen, sondern auch genau hinschauen, auf welchen Prämissen dieses Denken beruht.

Nur wer sein eigenes Denken bedenkt, kann saubere Meinungen produzieren. Das ist mit Sicherheit kein Vorurteil.

Redundanz des Nichtverzeihens

Verzeih mir, daß du mir nicht verzeihst. Und vor allem, daß ich dir verzeihe. Denn wer nicht verzeihen kann, wird sich seines Mangels erst dann richtig bewußt, wenn er auf jemanden trifft, der das kann. Daß er diesem dann wiederum nicht verzeihen kann, daß er verzeihen kann, liegt auf der Hand und ist tragisch in seiner Zirkularität. Aber es gibt nur einen Weg heraus. Verzeih mir. Verzeih dir.

Verzeihen ist etwas Wunderbares. Verzeihen befreit und öffnet Türen, Türen zu anderen, aber auch zu dir selbst.

Am Zeitrand lauert das Schweigen

Die einen sind es
die die Schrammen färben
ein wenig bunter Hautschorf.
Kein tiefer Blick
kein wahres Wort
nur Blutgerausche
Alltagsgähnen
stummes Gedröhn
in einem fort.

Und andre sind es
die uns in die
Tiefe stoßen:
vereister Blick, gefrornes Blut.
Schwarzweiß und tonlos
mancher Schrei.

Hier, dort die Schleifer
die die Seelen schleifen
mit schwarzen Diamanten
tiefe Wunden reißen.
Kein Glück, kein Trost.
Nur Barbarei

Vision

Die Fröste kreisen
kriechen in dein Glutgehirn
noch zuckt der weiße Atem
aber bald gefriert das Blut
und deine Seele bricht wie Glas
in stumpfe Messer stürzt das Herz
die Mondscheinnächte blicken leer
auf die Ruinen der Gefühle
verwehte Hülsen glücklicher Tage
flattern im Wind wie schmutzige Fahnen
und kalte Strahlen fahnden im Nichts
nach Resten wärmender Winde.
Der Oststurm ruft dich zur Ordnung.
Geh endlich fort. Hier leben
maskierte Gestalten. Hier wartet
der heimliche Tod

So ohne Sinn

So ein glutloser Tag
ohne Sonnenaugen
sinnleeres Nichts
im solarischen Sprühn
kein Lichtgefühl
am Rande der Welt
wo wolkenumwühlt
rotes Gestein lautlos
ins Dunkel stürzt
kein Tropfen Blut
nicht mal Zischen
nur Möwenschnäbel
Totentanz.

Im Dunst der
Rettungsring und
dein Gesicht mein Gesicht.

Nächtens
werde ich
atemlos morsen
Anna Anna
oder so ähnlich
wieder vergebens.
Palindrom in der
Finsternis.

Dumpfstummes Herz
will nicht verstehn

Maskensammlung

Meine Kommode im Flur hat viele Schubladen mit einer ständig wachsenden Sammlung von Masken in allen Farben.

Da ist die des verständnisvollen Liebhabers, die des liebevollen Sohnes, des Literaturkenners, des Akademikers, des Chronischkranken, des immer noch jugendlichen älteren Herrn. Daneben liegen die Masken des Philosophen (etwa zehn verschiedene), des Altachtundsechzigers, mehrere unterschiedliche Musikkenner-Masken, nach Stilen geordnet, von Heavy-Metal bis Schubert. Die Moralistenmaske, ein wenig angestaubt, findet sich neben der des Fußballfans und in einer anderen Schublade die des Lyrikers in der späten Postmoderne. Eine Esoterikermaske gibt es auch und natürlich die Vatermaske, die mir schon immer als eine der problematischsten erschienen ist. Und es gibt viele andere mehr, so viele, daß ich unlängst bei eBay nach einer passenden alten Kommode Ausschau gehalten habe.

Je nach Bedarf setze ich eine der Masken auf, wenn ich das Haus verlasse, um den Erwartungen derer gerecht zu werden, die ich zu treffen gedenke, und manchmal nehme ich ein paar weitere mit, damit ich, falls nötig, auf irgendeiner Toilette unauffällig wechseln kann: „Ich muß mich mal kurz frisch machen.“

Ehrlich gesagt: Das strengt mich ganz schön an, und von Zeit zu Zeit überlege ich mir ernsthaft, ob ich nicht besser aufhören sollte mit diesem Maskentanz und einfach nur noch ich selbst sein.

Und wenn die andern dann Probleme haben, mich in ihre Schubladen einzuordnen, dann ist das deren Problem. Ich aber bin so frei, wie jemand nur irgend sein kann. Ich denke, das werde ich tun: Ich werde mich von den Masken befreien. Der Teil meiner Persönlichkeit, der in jeder von ihnen enthalten ist, geht mir dadurch nicht verloren, im Gegenteil: Ich werde für alle als Ganzes sichtbar. Jedenfalls für die andern Maskenlosen und für die, die ihre Brillenmaske absetzen oder sich zumindest bewußt werden, daß sie eine tragen.

Nicht erschrecken, ich bin mal so frei.

Morgen

Wenn die Morgensonne
die Fenster zerbricht
ist es Zeit
die Gitterstäbe
zu putzen.

Denn am Abend
ist Hochzeit.

In den Nachbarkäfigen
schmücken sich leise
die Bräute.

Auch die Messer
sind schon gewetzt.
Blank. Kalter Stahl.
In der Ferne
krähen die Hähne

Stärke und Macht

Wer in Machtkategorien denkt, wird nie verstehen, was Stärke ist. Es sind die Schwachen, die sich nach Macht sehnen und die sie für Stärke halten, wenn sie sie besitzen. Ein starker Mensch braucht keine Macht. Macht ist ihm eher etwas Lästiges, wenn sie ihm zufällt. Allenfalls wird er sie benutzen, um sich gegen die mächtigen Schwächlinge zur Wehr zu setzen, wenn sie ihn angreifen. Und das tun sie gern, denn sie haben wie alle Kleinen ein idiosynkratisches Gespür für wirkliche Stärke, eben weil sie selbst sie nicht besitzen: das Ressentiment der Zukurzgekommenen.

Über Inkompetenz

Um nachprüfbare Aussagen über das Ausmaß der Inkompetenz in Politik und Verwaltung machen zu können, fehlt mir die statistische Kompetenz, denn ich bin bisher nicht durch die verbreitete Falsifikation statistischer Daten mittels Ausdeutung zum Kern der Statistik durchgedrungen. Der Nebel ist zu dicht und mein Interesse an mathematischen Mogeleien zu gering.

Also muß ich meine Erfahrungen zugrunde legen. Demzufolge schätze ich, daß etwa fünfzig Prozent aller Ressourcen durch Inkompetenz verlorengehen, wobei der Ausdruck »Ressourcen« sich allein auf die Zahl der Beteiligten bezieht und nicht auf deren tatsächliche Möglichkeiten, denn ein Spitzfindiger könnte sagen, daß in Wirklichkeit nichts verlorengeht, weil die Inkompetenz den Ressourcen bereits immanent ist, was hieße, daß die tatsächlichen Ressourcen sich von den theoretisch angenommenen unterscheiden, sprich fünfzig Prozent Reibungsverlust normal sind.

Ich weiß nicht, ob ich mich einem solch pessimistischen Menschenbild anschließen soll, aber der Einwand scheint mir nicht ganz unberechtigt zu sein.

Da Politik und Verwaltung aber mit einem Wirkungsgrad von über fünfzig Prozent immer noch recht gut zu funktionieren scheinen, auch wenn sie ein wenig teuer sind, bleibt genug Zeit für Kompetenzgerangel, gewissermaßen die bunteste Blüte der Inkompetenz.

Da geht es munter zu, und zuweilen hat man das Gefühl, daß Kompetenzgerangel so etwas wie das Feuilleton der Verwaltung ist – mit fließendem Übergang zum Sport, denn wenn jemand ein stabiles Seil findet, sind bald alle Beteiligten – man kann es immer wieder in den Nachrichten hören – mit kräftezehrendem Tauziehen beschäftigt. Bisweilen müssen Teilnehmer länger überlegen, wenn man sie fragt, worum es gehe, denn der sportliche Aspekt, die Möglichkeit der muskulären Selbstdarstellung, tritt häufig stark in den Vordergrund.

Was ich mich dabei frage: Welchen fünfzig Prozent muß dieses Tauziehen zugeordnet werden? Das ist keine leichte Frage, aber ich hätte sie gern beantwortet.
Deshalb habe ich sie vor einiger Zeit in den Raum gestellt, und verschiedene Wissenschaftsdisziplinen waren sofort bereit, sie interdisziplinär zu beantworten.

Und wenn sie mit dem Kompetenzgerangel darüber, wer bei der Beantwortung dieser Frage welchen Beitrag leisten kann, darf und soll, fertig sind, werde ich bestimmt eine Antwort mit vielen Fußnoten erhalten.

Doch das wird wohl noch eine Weile dauern, denn im Augenblick sind alle mit Tauziehen beschäftigt, was immerhin einen enormen Unterhaltungswert hat.

Und je länger ich dabei zusehe, um so mehr drängt sich mir der Verdacht auf, daß all die Probleme und drängenden Fragen instrumentalisiert werden. Sie sind Anlaß für die Verlagerung der Bolzplatzkindheit auf die staatlich subventionierte Bühne. Was etwas Sympathisches hätte, wenn es uns weiterbrächte. Aber vielleicht ist es einfach so, daß die Menschen nicht erwachsen werden wollen, weil es viel schöner ist, Kind zu sein. Das verstehe ich. Und bei mir ist das nicht anders. Deshalb habe ich mir bei John Glet ein Paar robuste Lederhandschuhe gekauft.

Auch ich will Spaß haben. Aber keine dermatologisch relevanten Reibungsverluste.

Tag für Tag Nacht

Schaufelschwielen keuchen Gräben
Splitterrisse hoffnungslahm.
Böse bellen Uniformen
Fusel flucht auf Abraham.

Zyanaugen löschen Flehen
Wunde Blicke blickerstickt.
Eisgelächter schneidet Leben
Peitschen knurren haßgespickt.

Angstbefeuert schmelzen Seelen
Leiber stürzen aufs Gesicht
zucken in den klammen Furchen.
Brüllend löscht der Tod das Licht.


Deutsche Meister schwitzen DAMALS
Robenrentner rheumalahm.
Mythenrauch schwült kalte Helden
Lippen zucken prahlebram

Der Tod und der Schatten

Überall, wo Lichter lohen, brennen, glühen, schimmern, huschen große oder kleine Schatten umher. Schatten sind so allgegenwärtig wie das Licht. Der Tod aber wirft keine Schatten, denn er stellt alles in den Schatten, weil er die Lichter ausbläst.

Latet anguis in herba

Eine Häufung lateinischer Zitate und Redewendungen wirkt selbst in wissenschaftlichen Abhandlungen oft verkrampft wichtigtuerisch und erzeugt bei aufmerksamen Lesern eher Abscheu als Bewunderung. Wenn aber die Texte um die Zitate herum wohlgeordnet und prägnant sind, ist man geneigt, ein Auge zuzudrücken.

Aber lateinische Redewendungen in einem Schreiben der Hausverwaltung? Da vermutet man doch sofort, daß die Hausverwalterin auf dem Flohmarkt versehentlich den Büchmann mitgenommen hat, weil die Farbe so gut zum grünen Kostüm paßt.

Und wenn es dann nur mit Mühe gelingt, den um das Zitat herumgruppierten Text in deutscher Kanzleiversuchssprache zu entziffern, dann hilft nur noch homerisches Gelächter. Aber das klingt ja nicht lateinisch, sondern griechisch. Ich werde mein Antwortschreiben mit ein paar altgriechischen Floskeln garnieren. Bin gespannt auf die Reaktion.

Wer die Sprachschleiferei nicht so gut beherrscht wie weiland Spinoza das Linsenschleifen, der sollte besser auf derlei bildungsbürgerlichen Schnickschnack verzichten, denn durch die Qualität solcher Zitateinsprengsel wird die Armseligkeit der Umgebung nur noch deutlicher.

Latet anguis in herba.

2005

Sonett 66 – Nachdichtung

 

TIRED with all these, for restful death I cry:
As to behold desert a beggar born,
And needy nothing trimmed in jollity,
And purest faith unhappily forsworn,
And gilded honor shamefully misplaced,
And maiden virtue rudely strumpeted,
And right perfection wrongfully disgraced,
And strength by limping sway disabled,
And art made tongue-tied by authority,
And folly, doctor-like, controlling skill,
And simple truth miscalled simplicity,
And captive good attending captain ill.

Tired with all these, from these would I be gone,
Save that, to die, I leave my love alone.

William Shakespeare
Sonett 66 – Nachdichtung

Dies müdgesehen, möcht im Tod ich ruhn:
Wie sich Verdienst mit Bettelgroschen quält
Und taube Nuß da stelzt in goldnen Schuhn
Und treuem Glauben wird Verrat vermählt

Und Gaunerhemd mit Kreuz am Band geschmückt
Und junge Tugend schwärzt der alte Sumpf
Und wahre Größe gilt als weltentrückt
Und Kraft erlahmt im Impotenztriumph

Und Kunstgewalt von Machtverstand entmachtet
Und edler Geist ist Spielzeug schlauer Narren
Und Wahrheit wird als Bonhomie verachtet
Und Sklavin Güte zieht der Bosheit Karren.

Von all dem müde, möcht ich heut noch fort –
Ließ ich nicht dich allein an diesem Ort.

 

Über Zynismus

Zynismus kann etwas sehr Amüsantes und Anregendes für den Betrachter haben. Vorausgesetzt, der Zyniker hat außer dem Salz auch ein wenig Selbstironie in die Suppe gestreut. Ist das nicht so, empfehle ich ein Vorgehen nach der homöopathischen Methode, in diesem Fall fremdironisches Kommentieren. Dann wird neben dem Betrachter auch der Suppenkoch angeregt. In sehr schweren Fällen kann man zusätzlich etwas Pfeffer und Salz in die zynische Suppe streuen. Das hilft in jedem Fall sofort und wirkt abführend. Aber es nimmt allen das dauerhafte Amüsement.

Liebesvorstellungen

Die Krise der dauerhaften Liebesfähigkeit hat viel damit zu tun, daß eine wachsende Zahl von Menschen ihre Vorstellungen über die Liebe zunehmend aus Groschenromanen, Szene-Psychologen-Geschwätz, Soap-Operas und Hollywoodfilmen bezieht.

Verschwendung ist Trumpf

Zeit ist Geld. Dummer Spruch von Raffern, die nicht begriffen haben, daß Geld oberhalb des Durchschnittseinkommens immer mehr seinen Wert verliert und es deshalb unsinnig ist, seine Zeit für den Gelderwerb zu opfern, statt darüber nachzudenken, wie man sich mit Geld Zeit kaufen kann.

Eines aber haben Zeit und Geld gemeinsam: Allzu viele Leute können nicht damit umgehen und verschwenden beides auf absurde Art und Weise.

Unbewußte Selbstkritik

Manche Menschen verkörpern selbst genau das, was sie so vehement kritisieren. So gehen sie naßforsch und rücksichtslos gegen vermeintlich naßforsches Verhalten und Rücksichtslosigkeit vor und merken nichts dabei, denn ihrem eigenen Verhalten gegenüber scheinen sie blind zu sein.

Und sie sind durch nichts zu bremsen in ihrer Empörung und wilden Entschlossenheit, auf sich aufmerksam zu machen, und hören nicht mal dann auf, wenn ihre Worte so gar nicht mehr klar, sondern durch ihren schaumigen Mund bereits zur Unkenntlichkeit entstellt sind und alle andern nur noch den Kopf schütteln.

Man ist dann leicht geneigt zu sagen: Der muß es nötig haben. Ja, der hat es nötig, und sein Unbewußtes versucht auf diesem ungewöhnlichen Weg der Projektion, eine Situation zu schaffen, die nach einer Weile dafür sorgen wird, daß wenigstens ein Hauch von Selbstzweifel in das empörte Gemüt einsickert, was schlußendlich vielleicht doch einmal Einsicht erzwingen könnte. Und es ist leider (?) so: Erzwingen kann man Einsicht bei sich selbst nur selber. 

Zeitlose Zeit

Wenn die Uhren
denken könnten
würden sie sprechen

Wenn die Uhren
fühlen könnten
würden sie schreien

Wenn die Uhren
denken und fühlen könnten
würden sie schweigen

Wenn die Uhren
schweigen könnten
wäre es still auf der Welt

Wenigstens für eine Weile

Der Papst stirbt

Wie Schattenlichter
das Blitzen
entfremdeter Tod.

Die Welt beugt sich
laut über
das fremde Sterben
für dich

in den zeitlosen Säulen
das kalte
Steinegestrüpp.

Die Massen
auf den Plätzen
der endlosen
Wahngewalten.

Und zum
Schluß nur
ein Name mehr
auf der Tafel
der verruchten
Stellvertretergestalten.

Eine Blume aus Stein
im Fenster
der Glockentänze.

Ein Name nur
der Vergeblichkeit.

Kein Trost
im Gewühl.

Nur gefiederte
Worte

2005

Geschenk

Im eisigen Schneestein
der zeitlichen Weiten
torkeln vermummte Gestalten
wie hungrige Raben
mit flehenden Armen
und zittrigen Händen
in Aschengewändern.
Sie rufen nach Warmem
und betteln um Gnade
zertreten die Waagen
zerreißen die Roben
zerbrechen die Tafeln
und sprechen
das Wort vor sich hin:
Kein Recht für
das Recht.
Nur gerechte
Begnadung

Manchmal

Manchmal ist die Krankheit das Medikament.

Manchmal ist Krankheit das beste Medikament gegen Krankheit.

Manchmal ist Krankheit das beste Medikament gegen falsch verstandene Gesundheit.

Manchmal ist Krankheit der Weg zur Gesundheit.

Furcht und Erleichterung

Wenn du spürst, wie die Jalousien der Verdrängung herunterrauschen, und du noch einen Zipfel des Schrecklichen siehst. Große Erleichterung, aber immer auch die Furcht, die Jalousien könnten sich beim nächsten Mal irgendwo verhaken.

Immer dasselbe

»Wartet mal ab, ich hab noch gar nicht richtig angefangen.«

Das Gefährlichste am Menschen ist sein Wille zur Macht, sein Ehrgeiz, vollständig er selbst zu werden. Oder was er dafür hält. Und am Ende liegt die ganze Welt in Trümmern. Und er steht mittendrin. Oder sitzt. Dann schüttelt er sich dreimal. Und immer wieder den Kopf, als wenn das etwas nützte. Und bald geht alles wieder von vorne los: Aufbauen, Zerstören, Kopfschütteln.

Augen und Ohren und anderes

Wer hat sich nicht schon einmal verhört oder verguckt? Klar, jeder. Aber was für die Ohren und die Augen gilt, gilt auch für unser Gefühl: Es besteht immer die Gefahr der Täuschung. So real und niemals kritisierbar Liebesgefühle auch sein mögen, sie sind nicht immer verständlich und häufig »unangemessen«, weil wir etwas in den andern hineinzuinterpretieren versuchen, was nicht vorhanden ist. Liebe macht bekanntlich schlechte Augen. Und dann, wenn wir eine Brille zur Hand nehmen, wundern wir uns über das, was wir sehen, und über uns selbst, auch wenn das an unseren Gefühlen manchmal nichts ändert.

Zukunft

Die meisten von uns neigen dazu, ihr Leben in die Zukunft zu verschieben. Bei diesem ständigen öffentlichen Nachdenken und dem Gerede über gesellschaftliche Zukunftsperspektiven und auch bei unserem inneren Palaver über unsere eigene Zukunft wird häufig das vergessen, was viel wichtiger ist: unsere Gegenwart.

Wenn wir ganz in unserer Gegenwart aufgehen und unsere Möglichkeiten heute nutzen, brauchen wir uns um die Zukunft keine Sorgen zu machen. Und uns morgen nicht damit zu quälen, was wir gestern versäumt haben.

Ausrufezeichen

Lehrer sagen und schreiben gern etwas mit Ausrufezeichen. Aber oft ist das Gesagte das Ausrufezeichen nicht wert. Wo du keine Ausrufezeichen findest, da lasse dich ruhig nieder, und suche nach den versteckten Zeichen im Text, und – noch besser – setze die Ausrufezeichen selbst, und zwar an den richtigen Stellen, wenn es solche für dich gibt: Aber darüber mußt du selbst entscheiden.

Gewissen

Es ist so, als wären wir in unserer Kindheit mit einer Art retardierendem Breitband-Antibiotikum gegen uns selbst geimpft worden, das uns einerseits unsere Wege asphaltiert und diese deshalb leichter begehbar gemacht hat, aber uns heute immer wieder behindert, weil es erdrutschartig von Zeit zu Zeit Geröll auf unserem Weg zu uns selber auftürmt. Jedes Medikament hat eben unerwünschte Nebenwirkungen.

Oder sind es erwünschte? Wir sollten darüber nachdenken, wem die Wirkungen und Nebenwirkungen nützen. Und dann die von uns nicht erwünschten Nebenwirkungen mit einer anderen Medikation bekämpfen: zum Beispiel Eigensinn.

Das Dumme ist nur, daß gewissenfernes Nachdenken schon wieder Eigensinn voraussetzt und Eigensinn meistens gewissenfernes Nachdenken: ethischer circulus vitiosus.

Wahrnehmung und Bewußtsein

Wir alle leben im Dunkeln. Das Sonnenlicht als Quelle der Offenbarung ist nichts als eine Widerspiegelung unseres Bewußtseins, gewissermaßen eine optische Täuschung. Was uns den Weg erhellt, ist einzig und allein das von den Sinnen gefütterte Bewußtsein, das sich durch die sinnliche Wahrnehmung seiner selbst bewußt wird. So was wie ein kosmischer Zerrspiegel des Überkosmischen.

Verkündigungsmenschen

Manche Menschen verkünden bei Festlichkeiten laut und gern und unter Tränen, daß sie alle lieben, und sie herzen und küssen jeden, der ihnen in den Weg kommt und sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen kann. Diese Verkündigungsmenschen sind voll der Liebe für alle. Wahrscheinlich haben solche Menschen deshalb so wenig Zeit, wenn du ihnen signalisierst, daß du sie brauchst.

Verständigungsparadoxie

Zu den tragischen Absonderlichkeiten der zwischenmenschlichen Kommunikation gehört die Tatsache, daß uns die am besten zuhören, zu denen wir nicht sprechen, und daß uns die, denen wir etwas sagen wollen, nicht zuhören.

Uhren

Bei der letzten Umstellung haben meine Uhren mir ihre Krallen gezeigt. Aber es hat ihnen nichts genützt. Sie mußten sich fügen, so wie auch ich mich fügen mußte. Aber die Hähne sind uns allen überlegen. Sie fügen sich nicht. Sie krähen weiter die richtige Zeit. Aber die Biologen arbeiten dran.

Ewiges Leben

Das Feuer lange erloschen, ausgetretene Glut
und an den Ufern warten die Gefährten noch.
Ihr Rufen klingt falsch wie Gesang.
Sieh doch, sie winken dir zu.

Doch das Rad dreht und dreht
es gibt kein Entkommen.
Halt ihn, diabolischer Strick, göttlicher Knoten fest!
Auf immer Tag, auf ewig die Sonne glüht.

Und Asche regnet aufs Haupt
die Lichter zucken im Nebel.
Der König reist durch sein kleines Reich
immer im Kreis durch sein Reich

Über Gedichtinterpretation

Wer ein Gedicht analytisch seziert und regelgeleitet interpretiert, läuft Gefahr, das Gedicht gründlich mißzuverstehen. Es ist so, als wenn man einem Lebewesen das Blut abzapfte, um es besser zu begreifen. Gedichtinterpretationen erscheinen manchmal sehr plausibel, und man kann einiges aus ihnen lernen, aber meistens mehr über das Weltbild, die Bildung und den interpretatorischen Ansatz des Rezipienten als über das Gedicht. Von den Intentionen des Dichters ganz zu schweigen.

Es gibt sogar Interpretationsverfahren, die Gedichte zerstören, weil sie die komplexen Wort-und-Sinn-Gebilde auf architektonische Phänomene reduzieren. Mit einer architektonischen Denkweise aber läßt sich ein musikalisches Phänomen nicht erfassen, nicht mal dann, wenn es so streng architektonisch daherkommt wie Bachsche Fugen.

Die Frau

Was die Frau dem Mann über ihre strukturelle Beschaffenheit mitteilt, ist gleich Null. Männer bilden sich ein, die Strukturen, die sie finden (wenn sie denn welche finden), sagten ihnen etwas über den »Bauplan« der Frau; dabei betrachten die Männer nichts weiter als die Strukturen ihres eigenen Denkens, die ihnen von ihren »Forschungsgegenständen« entgegenblinken.

Frauen sind mit Spiegeln umstellt, undurchdringlich für den Blick des Mannes. Er sieht immer nur die Reflexion seines eigenen Denkens, kann gar nichts anderes sehen. Wenn er doch nur begriffe, daß er die Oberfläche der Frau betrachtet, wenn er glaubt, in ihre Geheimnisse eingedrungen zu sein.

Umgekehrt gilt natürlich (fast) das gleiche.

Über Gefühle und Entscheidungen

Allem, was wir tun, liegt eine Entscheidung zugrunde, das zu tun, was wir tun, sei uns das nun bewußt oder nicht, sei die Entscheidung eine bewußte oder eine, die wir erst in unserem veränderten Handeln bemerken. Es ist ein Mythos, daß wir uns von unseren Gefühlen leiten lassen, denn die Gefühle entstehen erst in der Folge. Wir können uns erst in einen Menschen verlieben, wenn wir uns entschieden haben, ihn anzuschauen. Wir müssen uns immer erst entscheiden, diesem oder jenem Gefühl Raum zu geben – oder auch nicht. Das alles gilt auch für die Entscheidung, uns nicht zu entscheiden.

Von Raupen und Schmetterlingen

Die Raupe stand immer wieder vor dem Spiegel, betrachtete sich und sagte ein ums andere Mal: »Wie ein richtiger Schmetterling.«

Der Schmetterling, der noch Reste seines Kokons mit sich herumschleppte, die an ihm klebten, erkannte die versteckte Schönheit in der Raupe, die sich unterschied von allen anderen Raupen, ja Schmetterlingen, flog immer wieder um die Raupe herum und versuchte, sich bemerkbar zu machen. Aber die Raupe spielte ihre Spiele vor dem Spiegel und beachtete ihn nicht.

Schließlich faßte er sich ein Herz und sprach sie an. »Du wunderschöner Schmetterling, du bist doch auch allein wie ich, wollen wir uns zusammentun?«

Doch die Raupe sah nur kurz hoch vom Spiegel, taxierte den Schmetterling sekundenschnell und schaute dann an ihm vorbei.

»Laß mich in Ruhe, ich interessiere mich nicht für Raupen«, sagte sie unwirsch.

Bildstörung

Nichts nützt das Rütteln am Tisch,
wenn der Kopf nicht aufspringt.
Die Strahlen des Mondes rufen vergebens.
Noch zucken unruhig die Augen
hinter lähmenden Jalousien.
Geduldig harren meine Hände.

Nichts nützt das Rütteln am Kopf,
wenn das Herz nicht anspringt.
Die Strahlen der Sonne rufen vergebens

Selbstverwirklichung?

Eine besondere Art von Hilferufen ist die, die der Rufer selbst nicht bemerkt: Wer auffällig akzentuiert seine Unabhängigkeit und Selbstbestimmung betont und sich und andern mit besonderer Eindringlichkeit zu zeigen versucht, daß er ohne fremde Hilfe alles im Griff hat, zeigt damit, daß es nicht so ist und er der Hilfe bedarf. Das Fatale daran ist die Vehemenz, mit der die angebotene Hilfe zurückgewiesen wird, weil man ja ganz eigenständig selbst alles im Griff zu haben sich einredet. Wird der Hilferuf von andern gehört, werden diese als Phantasten betrachtet, und das Hilfsangebot wird ausgeschlagen, das Unabhängigkeitsgehabe verstärkt. Oft endet dies nach anfänglicher Euphorie nicht in der Selbstverwirklichung, sondern in einer heftigen Lebenskrise. In krassen Fällen manchmal dann in der Selbstzerstörung.

Gesunder Menschenverstand

Häufig ist zu lesen, wenn man sich dieses oder jenes anschauen würde, dann sei sicher, daß man den Glauben an den gesunden Menschenverstand verlöre. So schlimm? Ja, wenn ich es mir dann anschaue, kann ich die Erwartung manchmal verstehen. Manchmal aber auch nicht, und zwar deshalb, weil das Vorgeführte mir unmittelbar einleuchtet und ich keinerlei Widerspruch in meinem Verstand bemerke. Und in aller Regel kann ich mich auf meinen Verstand verlassen, das weiß ich aus Erfahrung. Auf den gesunden Menschenverstand kann ich mich jedoch nicht verlassen, und auch das weiß ich, weil ich es erfahren habe – und nicht nur ich.

An den gesunden Menschenverstand glaube ich nicht, und deshalb kann ich den Glauben an ihn, man verzeihe es mir, daß ich den Erwartungen nicht gerecht werden kann, nicht verlieren. Um den Glauben an den gesunden Menschenverstand verlieren zu können, muß man einen kranken Verstand haben, denn nur ein kranker Verstand glaubt an den gesunden Menschenverstand. Und nur wer an etwas glaubt, kann diesen Glauben verlieren. Nein?

Doch. Daraus folgt, daß es der kranke Verstand ist, der an den gesunden Menschenverstand glaubt, und der ist ihm das Maß aller Dinge, denn wenn der kranke Verstand ganz ehrlich ist, dann gibt er zu, daß er sich selbst für den gesunden Menschenverstand hält und daß er davon ausgeht, daß es andere gibt, die nicht über diese Art Verstand verfügen, wie zum Beispiel ich. Wenn er seinen Glauben an den gesunden Menschenverstand aber nun verliert, was hat er dann noch? Richtig, dann hat er was gewonnen: Verstand.

Wir

Manchmal fühle ich mich einen Wimpernschlag lang recht wohl in meiner Welt, aber nur so lange, bis mir wieder einfällt, daß meine Welt ein Teil deiner Welt ist und deine Welt ein Teil meiner, auch wenn dir das vielleicht nicht klar ist, und dann wird mir bewußt, daß ich allein bin in meiner Welt, wenn ich nicht gleichzeitig in deiner Welt bin. Und auch wenn mir deine Welt weniger gut gefällt als meine, möchte ich doch auf Dauer nicht allein sein, denn Solipsismus ist etwas für Abgestorbene, und ich fühle mich sehr lebendig. Bleibt nur die Hoffnung, daß unsere scheinbar getrennten Welten sich im Bewußtsein einander annähern und irgendwann miteinander verschmelzen, das heißt, daß wir beide erfahren, wo wir wirklich sind.

Sprachrohr

Man sollte sich beim Sprechen, besser noch vor dem Sprechen, immer wieder überlegen, ob man nicht ein Sprachrohr von jemand anderem ist, und wenn ja, von wem, denn es fördert Interessenkonflikte mit uns selbst, wenn wir uns bewußtmachen, wessen Sprachrohr wir sind. Und Interessenkonflikte mit uns selbst fördern die Klarheit des Denkens.

Das ist nicht nur ideologiekritisch gemeint, sondern ganz existentiell.

Repetitive Wahrnehmungsdiagnostik

Alles Repetitive verändert die innere Wahrnehmung, vorausgesetzt, es beinhaltet minimale Veränderungen und wird über einen längeren Zeitraum ausgedehnt. Dann entsteht in der Wahrnehmung so etwas wie die Reflexion des Raum-Zeit-Kontinuums. Man muß sich nur die Zeit nehmen und den Raum geben, die Zeit als Raumzeit wahrzunehmen, und so lange warten, bis man die Wahrnehmung nicht mehr als Wahrnehmung wahrnimmt. Und das über einen längeren Zeitraum. Man kann das auch Meditation nennen, wenn man will.

Sprachwandel

Im  aktuellen Jugendsoziolekt hat das Wort »Opfer« eine semasiologische Umdeutung erfahren, hin zum Pejorativen. Potentielle Opfer neigen dazu, das Wort Opfer zum Schimpfwort zu machen, mit denen andere potentielle Opfer bedacht werden können, um damit potentielle Täter von sich selbst abzulenken. Man muß sich dann nur noch geignete Sündenbocke suchen. Das ist ja nicht schwer. Am besten Juden, Zigeuner, Behinderte, Intellektuelle oder Migranten, wie es seit einiger Zeit so schön politisch korrekt heißt. Wobei das mit den Migranten so eine Sache ist, weil gerade bei Jugendlichen aus Migrantenfamilien dieser Gebrauch des Wortes »Opfer« sehr verbreitet zu sein scheint.

Auf Opfersuche, falls das nötig ist und für die Opferrolle nicht längst jemand ausersehen wurde, macht man sinnvollerweise ein gemeinsames Casting. Solche Allianzen von Tätern und Opfern finden sich allenthalben und haben sich in der Weltgeschichte recht gut bewährt.

Arbeitslose Aktionäre

Wenn die Arbeitslosen Aktien der Deutschen Bank kaufen würden, brauchten sie bald nicht weiter nach Arbeit zu suchen, und es gäbe demnächst noch mehr arbeitslose Aktionäre. Das würde zwar an der Arbeitslosigkeit nichts ändern, aber an der Arbeitslosenstatistik. Und das wär doch schon mal was. Andererseits: Dann würden ja viel weniger mein Blog lesen, weil sie so sehr mit den Aktienkursen beschäftigt wären. Also doch kein so guter Vorschlag. Man muß eben immer überlegen, wenn man Vorschläge macht, ob man sich damit nicht selbst schadet. Ist alles eine Interessenfrage.

Das paßt doch gar nicht hierher. Stimmt, aber die Arbeitslosen haben ja auch gar kein Geld, um Aktien zu kaufen.

Über Kritik

Harsche Kritik von einem Dummkopf ist mir lieber als das heftige Lob von einem Denkmenschen, denn bei dem man weiß nie, was dahintersteckt. Am angenehmsten ist mir eine gerechte Beurteilung, von wem auch immer. Also kritisches Lob. Das hilft mir weiter.

Verstand und Verständnis

Verständnis kommt nur sprachlich von Verstand. Wirklich tiefes Verständnis aber kann der Verstand nicht generieren. Verständnis kommt aus dem Herzen. Ein Gefühl.

Wie destilliert man Blut?

Wie bekommt man das fremde Leben aus dem eigenen, wenn man dieses fremde Leben als das eigene fühlt und begreift? Ich glaube nicht, daß eine Bluttransfusion dauerhaft helfen kann, da sie ja leider bei vielen Krankheiten nur vorübergehend für Besserung sorgt. Besser wäre wohl Destillation. Aber wie destilliert man Blut?

Klarheit

Klarheit ist eine gute Voraussetzung für alle Lebensbereiche. Aber nichts ist so hinderlich bei der Gestaltung wie ein zu klar ausgeprägter Gestaltungswille. Wer sich selber zu sehr zwingt, verschmachtet irgendwann im eigenen Kerker. Wenn niemand nach ihm schaut.

Mitmenschen und Nachbarn

Wenn wir keine nachbarlichen Mitmenschen hätten, könnten wir freier atmen, aber wir dürften uns keinen Schnupfen einfangen, weil wir ohne Nachbarn nach einer Weile nicht mehr wüßten, wie wir den Mund aufbekommen sollen.

Apodiktisch

In der geistigen Auseinandersetzung gibt es nichts essentiell Apodiktisches. Niemand ist so mächtig, daß er ungerügt apodiktisch auftreten könnte, denn die Grundlage jeder Meinungsäußerung ist das Argument. Und das Argument ist nur dann ein Argument, wenn es falsifizierbar ist. Kugelsichere Argumente gibt es nicht.

Deshalb ist jede Aussage, die wir machen und implizit oder explizit argumentativ unterfüttern, letztlich nichts weiter als eine mehr oder weniger plausible Hypothese, darauf wartend, daß ein Kritiker mit einem Argumentationsgewehr daherkommt und unsere Argumentation in Stücke schießt oder einer mit einem Lappen die Schminke abwischt, wenn unsere Argumente zu dünn sind.

Aber nun dem Argumentierenden apodiktisches Verhalten vorzuwerfen, weil man gerade kein Gewehr oder keinen Lappen zur Hand hat, das ist doch ein wenig zu dürftig und reicht nicht zur Falsifizierung einer Argumentation aus.

Wer selber kraftvoll und stringent argumentiert, braucht keine Angst zu haben vor apodiktisch auftretenden Geistesgrößen, denn diese Großen erscheinen uns oftmals nur deshalb groß, weil sie so viele Zwerge um sich herum versammeln, die selber nicht die Kraft zum Denken haben und sich demzufolge an den vermeintlichen Denkriesen anhängen, um selbst größer zu erscheinen.

Entscheidend ist die Qualität der Argumentation. Und wenn unsere Argumente den anderen nicht standhalten, dann sollten wir uns nicht ärgern, sondern freuen, denn wir haben wieder was dazugelernt.

Wir können aber auch anfangen, zu spucken und zu treten, wie das so häufig geschieht. Aber dann dürfen wir uns nicht wundern, daß uns das nicht weiterbringt im Denken, denn wenn der Kopf mit Spucken beschäftigt ist und die Füße mit Treten, haben wir keine Gelegenheit, uns hinzusetzen und nachzudenken.

Aber manchmal ist uns eben mehr nach Spucken und Treten, das kennt ja jeder. Nur, was bringt uns das? Am Ende doch nur Beschämung. Und sei es vor uns selbst.

Phänomenologie der inneren Dummheitsentstehung

Dumme Menschen sind nicht deshalb dumm, weil sie keine Gedanken haben oder falsche oder verdorbene, verfaulte. Dumme Menschen sind dumm, weil sie sich selbst nicht richtig oder gar nicht zuhören, sondern lieber anderen, die auch nicht wirklich dumm sind, aber Dummheiten erzählen, weil sie sich selbst nicht richtig zuhören. Vice versa. Deshalb fühlen sich Dummköpfe zu Dummköpfen hingezogen.

Ohrenärzte sind hier in jedem Fall machtlos.

Wer gegen dieses Phänomen der Verblödung ein Heilmittel fände, der würde reich und berühmt und mehr.

Verhandlung

Das Falsche ist richtig, wenn das Richtige falsch ist. Aber nur dann. Die einzige Instanz, die beides auseinanderhalten kann, ist dein Urteilsvermögen. Aber wenn dein Urteilsvermögen auf falschen Prämissen beruht, dann ist das Falsche nicht richtig und das Richtige nicht falsch. Das solltest du bedenken, bevor du ein endgültiges Urteil fällst. Vor allem dann, wenn es so ist, daß eine Revision nicht zugelassen wird. Von der höheren Instanz. Und es gibt immer eine höhere Instanz – und sei es in deinem eigenen Bewußtsein, vor dir selbst verborgen. Sei es Gott oder das Schicksal. Aber das ist ja so ziemlich dasselbe. Also sei ein wenig vorsichtiger bei den internen Gerichtsverhandlungen. Aber wem sage ich das. Selbst Gott ist unvorsichtig. Oder sich seines eigenen Bewußtseins nicht bewußt. Und wenn er sich seines Bewußtseins bewußt wäre? Dann brauchte er uns nicht.

Ein Tag wie jeder andere

Es sind die Nägel
die den Leib der Liebe zieren
es ist das Blut
das sie vom Rost befreit
und nicht nur sie.

Es sind die Wunden
die den Nordwind spüren
es ist der Tag
der kranke Seelen heilt
und nicht nur sie.

Es sind die Lahmen
die zum Hügel starren
mit toten Augen
grauer Wut.

Kein warmes Herz
das nicht zu Salz
gefriert

Falsche Brennweite

Was kann man schon sehn
wenn Blicke nur Haut berührn
wie eine Leinwand

auf der Vergangenes webt
die Flut gekrümmter Bilder

mit trockenem Blick
in dem Vergangenes lebt
wie Würmer im Sarg

kann man irgendwas sehen
wenn man die Blicke nur denkt

kann man irgendwas sehen
wenn man nur Häute erblickt?