Über Selbstbewußtsein

Manche machen sich nicht auf die Suche nach sich selbst, weil sie Angst haben, nichts zu finden. Aber sie irren sich. Es ist vor allem der Mangel an Selbstbewußtsein, der das Bewußtsein des Selbst verhindert.

Der zersplitternde Trost

Wo selbst die Tauben sich im Lärm verlaufen
da wird das sanfte Wort verschluckt, bleibt stumm.
Wo Blinde kalte, kranke Augen kaufen
da werden alle tiefen Blicke krumm.

Da hilft kein Rausch, kein sinnvolles Besaufen
die Bilder kreischen, das Delirium
im Ohr das Prasseln roter Scheiterhaufen
verbrannter Hoffnungen Martyrium.

Das ist die Zeit, da sie mit Feuer taufen
und niemand fragt sich noch, warum
kein Glanz mehr auf den Sternenhaufen –
vom Trost befreites Säkulum

Plagiat 

Man erinnert sich vielleicht an die Plagiatsvorwürfe Daniel Libeskinds in Richtung Peter Eisenman, als es um die architektonische Konzeption des Berliner Holocaust-Mahnmals ging. Eisenmans Stelen hatten eine gewisse Ähnlichkeit mit denen Libeskinds, die vor dem Jüdischen Museum in der Lindenstraße zu sehen sind.

Nun ist jemand auf einen italienischen Zeichentrickfilm aus den siebziger Jahren gestoßen, in denen es eine Szene mit ganz ähnlichen psychologisch-architektonischen Stelen gibt, und es wird die Vermutung geäußert, hier könne die Quelle des möglichen Plagiatplagiats sein. Und wer weiß, vielleicht findet ein Kustos im Depot des Pergamonmuseums demnächst Fotografien einer Ausgrabungskampagne mit eng angeordneten Steinen, die an Stelen erinnern. Und dann?

Ich empfinde solche Plagiatsdebatten als oberflächlich, weil darin ein fragwürdiger Originalitätsgedanke zum Ausdruck kommt, der die ganze Moderne durchzieht.

Ist es nicht zum einen so, daß wir tagtäglich einer unglaublichen Bilderflut ausgesetzt sind, von der nur ein geringer Teil den Weg durch die Huxleysche Reduzierröhre in unser Bewußtsein findet? Und der Rest sickert in unbewußte Tiefen, aus denen jederzeit luftblasenähnlich etwas aufsteigen kann, was sich mit anderem in unserem Bewußtsein vermischt. Ist das nun etwas Eigenes oder etwas Fremdes?

Als schöpften nicht alle wirklich kreativen Menschen in erster Linie aus ihrem Unbewußten, das ja, wie wir nicht zuletzt durch C. G. Jung wissen, zum Großteil ein kollektives Unbewußtes ist. Wenn wir uns beklauen, dann beklauen wir uns nicht gegenseitig, wir beklauen uns selbst. Und das ist ja wohl nicht verboten.

Wenn ich bei jedem Satz, den ich schreibe, überlegte, ob jemand das schon mal ähnlich formuliert hat, dann käme ich wohl nicht weit.

Und wir wissen doch alle, was ein gewisser Salomon vor ein paar Jahren gesagt haben soll: «Es gibt nichts Neues unter der Sonne.» 

Für klarere Fälle gibt es das Urheberrecht und die Patentämter.

Über Denken und Meinen

Wenn eine Meinung in einem urteilsfähigen Kopf entsteht, haftet ihr eine wie auch immer geartete Plausibilität an, und die Meinung ist ernst zu nehmen. Der Grad der Plausibilität ist jedoch stets abhängig vom Grad der Durchseuchung dieser Meinung mit Vorurteilen, von denen niemand ganz frei ist. Und wer glaubt, seine Urteilsfähigkeit sei so rein wie Quellwasser, der unterliegt einem Vorurteil.

Wenn eine Meinung in einem vorurteilsfähigen Kopf entsteht, haftet ihr wenig Plausibilität an, und die Meinung ist nicht sonderlich ernst zu nehmen. Der Grad der Plausibilität ist jedoch stets abhängig vom Grad der Durchseuchung dieser Meinung mit plausiblen Urteilen, von denen niemand ganz frei ist. Und wer glaubt, die Vorurteilsfähigkeit anderer sei so rein wie Quellwasser, der unterliegt einem Vorurteil.

Wir sollten also nicht nur denken, bevor wir etwas sagen, sondern auch genau hinschauen, auf welchen Prämissen dieses Denken beruht.

Nur wer sein eigenes Denken bedenkt, kann saubere Meinungen produzieren. Das ist mit Sicherheit kein Vorurteil.

Redundanz des Nichtverzeihens

Verzeih mir, daß du mir nicht verzeihst. Und vor allem, daß ich dir verzeihe. Denn wer nicht verzeihen kann, wird sich seines Mangels erst dann richtig bewußt, wenn er auf jemanden trifft, der das kann. Daß er diesem dann wiederum nicht verzeihen kann, daß er verzeihen kann, liegt auf der Hand und ist tragisch in seiner Zirkularität. Aber es gibt nur einen Weg heraus. Verzeih mir. Verzeih dir.

Verzeihen ist etwas Wunderbares. Verzeihen befreit und öffnet Türen, Türen zu anderen, aber auch zu dir selbst.

Am Zeitrand lauert das Schweigen

Die einen sind es
die die Schrammen färben
ein wenig bunter Hautschorf.
Kein tiefer Blick
kein wahres Wort
nur Blutgerausche
Alltagsgähnen
stummes Gedröhn
in einem fort.

Und andre sind es
die uns in die
Tiefe stoßen:
vereister Blick, gefrornes Blut.
Schwarzweiß und tonlos
mancher Schrei.

Hier, dort die Schleifer
die die Seelen schleifen
mit schwarzen Diamanten
tiefe Wunden reißen.
Kein Glück, kein Trost.
Nur Barbarei

Vision

Die Fröste kreisen
kriechen in dein Glutgehirn
noch zuckt der weiße Atem
aber bald gefriert das Blut
und deine Seele bricht wie Glas
in stumpfe Messer stürzt das Herz
die Mondscheinnächte blicken leer
auf die Ruinen der Gefühle
verwehte Hülsen glücklicher Tage
flattern im Wind wie schmutzige Fahnen
und kalte Strahlen fahnden im Nichts
nach Resten wärmender Winde.
Der Oststurm ruft dich zur Ordnung.
Geh endlich fort. Hier leben
maskierte Gestalten. Hier wartet
der heimliche Tod

So ohne Sinn

So ein glutloser Tag
ohne Sonnenaugen
sinnleeres Nichts
im solarischen Sprühn
kein Lichtgefühl
am Rande der Welt
wo wolkenumwühlt
rotes Gestein lautlos
ins Dunkel stürzt
kein Tropfen Blut
nicht mal Zischen
nur Möwenschnäbel
Totentanz.

Im Dunst der
Rettungsring und
dein Gesicht mein Gesicht.

Nächtens
werde ich
atemlos morsen
Anna Anna
oder so ähnlich
wieder vergebens.
Palindrom in der
Finsternis.

Dumpfstummes Herz
will nicht verstehn

Maskensammlung

Meine Kommode im Flur hat viele Schubladen mit einer ständig wachsenden Sammlung von Masken in allen Farben.

Da ist die des verständnisvollen Liebhabers, die des liebevollen Sohnes, des Literaturkenners, des Akademikers, des Chronischkranken, des immer noch jugendlichen älteren Herrn. Daneben liegen die Masken des Philosophen (etwa zehn verschiedene), des Altachtundsechzigers, mehrere unterschiedliche Musikkenner-Masken, nach Stilen geordnet, von Heavy-Metal bis Schubert. Die Moralistenmaske, ein wenig angestaubt, findet sich neben der des Fußballfans und in einer anderen Schublade die des Lyrikers in der späten Postmoderne. Eine Esoterikermaske gibt es auch und natürlich die Vatermaske, die mir schon immer als eine der problematischsten erschienen ist. Und es gibt viele andere mehr, so viele, daß ich unlängst bei eBay nach einer passenden alten Kommode Ausschau gehalten habe.

Je nach Bedarf setze ich eine der Masken auf, wenn ich das Haus verlasse, um den Erwartungen derer gerecht zu werden, die ich zu treffen gedenke, und manchmal nehme ich ein paar weitere mit, damit ich, falls nötig, auf irgendeiner Toilette unauffällig wechseln kann: „Ich muß mich mal kurz frisch machen.“

Ehrlich gesagt: Das strengt mich ganz schön an, und von Zeit zu Zeit überlege ich mir ernsthaft, ob ich nicht besser aufhören sollte mit diesem Maskentanz und einfach nur noch ich selbst sein.

Und wenn die andern dann Probleme haben, mich in ihre Schubladen einzuordnen, dann ist das deren Problem. Ich aber bin so frei, wie jemand nur irgend sein kann. Ich denke, das werde ich tun: Ich werde mich von den Masken befreien. Der Teil meiner Persönlichkeit, der in jeder von ihnen enthalten ist, geht mir dadurch nicht verloren, im Gegenteil: Ich werde für alle als Ganzes sichtbar. Jedenfalls für die andern Maskenlosen und für die, die ihre Brillenmaske absetzen oder sich zumindest bewußt werden, daß sie eine tragen.

Nicht erschrecken, ich bin mal so frei.

Morgen

Wenn die Morgensonne
die Fenster zerbricht
ist es Zeit
die Gitterstäbe
zu putzen.

Denn am Abend
ist Hochzeit.

In den Nachbarkäfigen
schmücken sich leise
die Bräute.

Auch die Messer
sind schon gewetzt.
Blank. Kalter Stahl.
In der Ferne
krähen die Hähne

Stärke und Macht

Wer in Machtkategorien denkt, wird nie verstehen, was Stärke ist. Es sind die Schwachen, die sich nach Macht sehnen und die sie für Stärke halten, wenn sie sie besitzen. Ein starker Mensch braucht keine Macht. Macht ist ihm eher etwas Lästiges, wenn sie ihm zufällt. Allenfalls wird er sie benutzen, um sich gegen die mächtigen Schwächlinge zur Wehr zu setzen, wenn sie ihn angreifen. Und das tun sie gern, denn sie haben wie alle Kleinen ein idiosynkratisches Gespür für wirkliche Stärke, eben weil sie selbst sie nicht besitzen: das Ressentiment der Zukurzgekommenen.

Über Inkompetenz

Um nachprüfbare Aussagen über das Ausmaß der Inkompetenz in Politik und Verwaltung machen zu können, fehlt mir die statistische Kompetenz, denn ich bin bisher nicht durch die verbreitete Falsifikation statistischer Daten mittels Ausdeutung zum Kern der Statistik durchgedrungen. Der Nebel ist zu dicht und mein Interesse an mathematischen Mogeleien zu gering.

Also muß ich meine Erfahrungen zugrunde legen. Demzufolge schätze ich, daß etwa fünfzig Prozent aller Ressourcen durch Inkompetenz verlorengehen, wobei der Ausdruck »Ressourcen« sich allein auf die Zahl der Beteiligten bezieht und nicht auf deren tatsächliche Möglichkeiten, denn ein Spitzfindiger könnte sagen, daß in Wirklichkeit nichts verlorengeht, weil die Inkompetenz den Ressourcen bereits immanent ist, was hieße, daß die tatsächlichen Ressourcen sich von den theoretisch angenommenen unterscheiden, sprich fünfzig Prozent Reibungsverlust normal sind.

Ich weiß nicht, ob ich mich einem solch pessimistischen Menschenbild anschließen soll, aber der Einwand scheint mir nicht ganz unberechtigt zu sein.

Da Politik und Verwaltung aber mit einem Wirkungsgrad von über fünfzig Prozent immer noch recht gut zu funktionieren scheinen, auch wenn sie ein wenig teuer sind, bleibt genug Zeit für Kompetenzgerangel, gewissermaßen die bunteste Blüte der Inkompetenz.

Da geht es munter zu, und zuweilen hat man das Gefühl, daß Kompetenzgerangel so etwas wie das Feuilleton der Verwaltung ist – mit fließendem Übergang zum Sport, denn wenn jemand ein stabiles Seil findet, sind bald alle Beteiligten – man kann es immer wieder in den Nachrichten hören – mit kräftezehrendem Tauziehen beschäftigt. Bisweilen müssen Teilnehmer länger überlegen, wenn man sie fragt, worum es gehe, denn der sportliche Aspekt, die Möglichkeit der muskulären Selbstdarstellung, tritt häufig stark in den Vordergrund.

Was ich mich dabei frage: Welchen fünfzig Prozent muß dieses Tauziehen zugeordnet werden? Das ist keine leichte Frage, aber ich hätte sie gern beantwortet.
Deshalb habe ich sie vor einiger Zeit in den Raum gestellt, und verschiedene Wissenschaftsdisziplinen waren sofort bereit, sie interdisziplinär zu beantworten.

Und wenn sie mit dem Kompetenzgerangel darüber, wer bei der Beantwortung dieser Frage welchen Beitrag leisten kann, darf und soll, fertig sind, werde ich bestimmt eine Antwort mit vielen Fußnoten erhalten.

Doch das wird wohl noch eine Weile dauern, denn im Augenblick sind alle mit Tauziehen beschäftigt, was immerhin einen enormen Unterhaltungswert hat.

Und je länger ich dabei zusehe, um so mehr drängt sich mir der Verdacht auf, daß all die Probleme und drängenden Fragen instrumentalisiert werden. Sie sind Anlaß für die Verlagerung der Bolzplatzkindheit auf die staatlich subventionierte Bühne. Was etwas Sympathisches hätte, wenn es uns weiterbrächte. Aber vielleicht ist es einfach so, daß die Menschen nicht erwachsen werden wollen, weil es viel schöner ist, Kind zu sein. Das verstehe ich. Und bei mir ist das nicht anders. Deshalb habe ich mir bei John Glet ein Paar robuste Lederhandschuhe gekauft.

Auch ich will Spaß haben. Aber keine dermatologisch relevanten Reibungsverluste.

Tag für Tag Nacht

Schaufelschwielen keuchen Gräben
Splitterrisse hoffnungslahm.
Böse bellen Uniformen
Fusel flucht auf Abraham.

Zyanaugen löschen Flehen
Wunde Blicke blickerstickt.
Eisgelächter schneidet Leben
Peitschen knurren haßgespickt.

Angstbefeuert schmelzen Seelen
Leiber stürzen aufs Gesicht
zucken in den klammen Furchen.
Brüllend löscht der Tod das Licht.


Deutsche Meister schwitzen DAMALS
Robenrentner rheumalahm.
Mythenrauch schwült kalte Helden
Lippen zucken prahlebram

Der Tod und der Schatten

Überall, wo Lichter lohen, brennen, glühen, schimmern, huschen große oder kleine Schatten umher. Schatten sind so allgegenwärtig wie das Licht. Der Tod aber wirft keine Schatten, denn er stellt alles in den Schatten, weil er die Lichter ausbläst.

Latet anguis in herba

Eine Häufung lateinischer Zitate und Redewendungen wirkt selbst in wissenschaftlichen Abhandlungen oft verkrampft wichtigtuerisch und erzeugt bei aufmerksamen Lesern eher Abscheu als Bewunderung. Wenn aber die Texte um die Zitate herum wohlgeordnet und prägnant sind, ist man geneigt, ein Auge zuzudrücken.

Aber lateinische Redewendungen in einem Schreiben der Hausverwaltung? Da vermutet man doch sofort, daß die Hausverwalterin auf dem Flohmarkt versehentlich den Büchmann mitgenommen hat, weil die Farbe so gut zum grünen Kostüm paßt.

Und wenn es dann nur mit Mühe gelingt, den um das Zitat herumgruppierten Text in deutscher Kanzleiversuchssprache zu entziffern, dann hilft nur noch homerisches Gelächter. Aber das klingt ja nicht lateinisch, sondern griechisch. Ich werde mein Antwortschreiben mit ein paar altgriechischen Floskeln garnieren. Bin gespannt auf die Reaktion.

Wer die Sprachschleiferei nicht so gut beherrscht wie weiland Spinoza das Linsenschleifen, der sollte besser auf derlei bildungsbürgerlichen Schnickschnack verzichten, denn durch die Qualität solcher Zitateinsprengsel wird die Armseligkeit der Umgebung nur noch deutlicher.

Latet anguis in herba.

2005

Sonett 66 – Nachdichtung

 

TIRED with all these, for restful death I cry:
As to behold desert a beggar born,
And needy nothing trimmed in jollity,
And purest faith unhappily forsworn,
And gilded honor shamefully misplaced,
And maiden virtue rudely strumpeted,
And right perfection wrongfully disgraced,
And strength by limping sway disabled,
And art made tongue-tied by authority,
And folly, doctor-like, controlling skill,
And simple truth miscalled simplicity,
And captive good attending captain ill.

Tired with all these, from these would I be gone,
Save that, to die, I leave my love alone.

William Shakespeare
Sonett 66 – Nachdichtung

Dies müdgesehen, möcht im Tod ich ruhn:
Wie sich Verdienst mit Bettelgroschen quält
Und taube Nuß da stelzt in goldnen Schuhn
Und treuem Glauben wird Verrat vermählt

Und Gaunerhemd mit Kreuz am Band geschmückt
Und junge Tugend schwärzt der alte Sumpf
Und wahre Größe gilt als weltentrückt
Und Kraft erlahmt im Impotenztriumph

Und Kunstgewalt von Machtverstand entmachtet
Und edler Geist ist Spielzeug schlauer Narren
Und Wahrheit wird als Bonhomie verachtet
Und Sklavin Güte zieht der Bosheit Karren.

Von all dem müde, möcht ich heut noch fort –
Ließ ich nicht dich allein an diesem Ort.

 

Über Zynismus

Zynismus kann etwas sehr Amüsantes und Anregendes für den Betrachter haben. Vorausgesetzt, der Zyniker hat außer dem Salz auch ein wenig Selbstironie in die Suppe gestreut. Ist das nicht so, empfehle ich ein Vorgehen nach der homöopathischen Methode, in diesem Fall fremdironisches Kommentieren. Dann wird neben dem Betrachter auch der Suppenkoch angeregt. In sehr schweren Fällen kann man zusätzlich etwas Pfeffer und Salz in die zynische Suppe streuen. Das hilft in jedem Fall sofort und wirkt abführend. Aber es nimmt allen das dauerhafte Amüsement.

Liebesvorstellungen

Die Krise der dauerhaften Liebesfähigkeit hat viel damit zu tun, daß eine wachsende Zahl von Menschen ihre Vorstellungen über die Liebe zunehmend aus Groschenromanen, Szene-Psychologen-Geschwätz, Soap-Operas und Hollywoodfilmen bezieht.

Verschwendung ist Trumpf

Zeit ist Geld. Dummer Spruch von Raffern, die nicht begriffen haben, daß Geld oberhalb des Durchschnittseinkommens immer mehr seinen Wert verliert und es deshalb unsinnig ist, seine Zeit für den Gelderwerb zu opfern, statt darüber nachzudenken, wie man sich mit Geld Zeit kaufen kann.

Eines aber haben Zeit und Geld gemeinsam: Allzu viele Leute können nicht damit umgehen und verschwenden beides auf absurde Art und Weise.

Unbewußte Selbstkritik

Manche Menschen verkörpern selbst genau das, was sie so vehement kritisieren. So gehen sie naßforsch und rücksichtslos gegen vermeintlich naßforsches Verhalten und Rücksichtslosigkeit vor und merken nichts dabei, denn ihrem eigenen Verhalten gegenüber scheinen sie blind zu sein.

Und sie sind durch nichts zu bremsen in ihrer Empörung und wilden Entschlossenheit, auf sich aufmerksam zu machen, und hören nicht mal dann auf, wenn ihre Worte so gar nicht mehr klar, sondern durch ihren schaumigen Mund bereits zur Unkenntlichkeit entstellt sind und alle andern nur noch den Kopf schütteln.

Man ist dann leicht geneigt zu sagen: Der muß es nötig haben. Ja, der hat es nötig, und sein Unbewußtes versucht auf diesem ungewöhnlichen Weg der Projektion, eine Situation zu schaffen, die nach einer Weile dafür sorgen wird, daß wenigstens ein Hauch von Selbstzweifel in das empörte Gemüt einsickert, was schlußendlich vielleicht doch einmal Einsicht erzwingen könnte. Und es ist leider (?) so: Erzwingen kann man Einsicht bei sich selbst nur selber. 

Zeitlose Zeit

Wenn die Uhren
denken könnten
würden sie sprechen

Wenn die Uhren
fühlen könnten
würden sie schreien

Wenn die Uhren
denken und fühlen könnten
würden sie schweigen

Wenn die Uhren
schweigen könnten
wäre es still auf der Welt

Wenigstens für eine Weile

Der Papst stirbt

Wie Schattenlichter
das Blitzen
entfremdeter Tod.

Die Welt beugt sich
laut über
das fremde Sterben
für dich

in den zeitlosen Säulen
das kalte
Steinegestrüpp.

Die Massen
auf den Plätzen
der endlosen
Wahngewalten.

Und zum
Schluß nur
ein Name mehr
auf der Tafel
der verruchten
Stellvertretergestalten.

Eine Blume aus Stein
im Fenster
der Glockentänze.

Ein Name nur
der Vergeblichkeit.

Kein Trost
im Gewühl.

Nur gefiederte
Worte

2005

Geschenk

Im eisigen Schneestein
der zeitlichen Weiten
torkeln vermummte Gestalten
wie hungrige Raben
mit flehenden Armen
und zittrigen Händen
in Aschengewändern.
Sie rufen nach Warmem
und betteln um Gnade
zertreten die Waagen
zerreißen die Roben
zerbrechen die Tafeln
und sprechen
das Wort vor sich hin:
Kein Recht für
das Recht.
Nur gerechte
Begnadung

Manchmal

Manchmal ist die Krankheit das Medikament.

Manchmal ist Krankheit das beste Medikament gegen Krankheit.

Manchmal ist Krankheit das beste Medikament gegen falsch verstandene Gesundheit.

Manchmal ist Krankheit der Weg zur Gesundheit.

Furcht und Erleichterung

Wenn du spürst, wie die Jalousien der Verdrängung herunterrauschen, und du noch einen Zipfel des Schrecklichen siehst. Große Erleichterung, aber immer auch die Furcht, die Jalousien könnten sich beim nächsten Mal irgendwo verhaken.

Immer dasselbe

»Wartet mal ab, ich hab noch gar nicht richtig angefangen.«

Das Gefährlichste am Menschen ist sein Wille zur Macht, sein Ehrgeiz, vollständig er selbst zu werden. Oder was er dafür hält. Und am Ende liegt die ganze Welt in Trümmern. Und er steht mittendrin. Oder sitzt. Dann schüttelt er sich dreimal. Und immer wieder den Kopf, als wenn das etwas nützte. Und bald geht alles wieder von vorne los: Aufbauen, Zerstören, Kopfschütteln.

Augen und Ohren und anderes

Wer hat sich nicht schon einmal verhört oder verguckt? Klar, jeder. Aber was für die Ohren und die Augen gilt, gilt auch für unser Gefühl: Es besteht immer die Gefahr der Täuschung. So real und niemals kritisierbar Liebesgefühle auch sein mögen, sie sind nicht immer verständlich und häufig »unangemessen«, weil wir etwas in den andern hineinzuinterpretieren versuchen, was nicht vorhanden ist. Liebe macht bekanntlich schlechte Augen. Und dann, wenn wir eine Brille zur Hand nehmen, wundern wir uns über das, was wir sehen, und über uns selbst, auch wenn das an unseren Gefühlen manchmal nichts ändert.