Tirade 172 – Botschaft aus Kakanien

Wer weiß was da tönt
im eisgewirkten Schweigen
schläft der trübe Schall

ruht im Sinnlosen der Sinn
schmilzt entsinntes Sein


(zu Paula Doepfners Eisblock im Stadtmuseum Brilon, 2012)

E und U

Lächerlich, heute noch an dieser überkommenen bildungsbürgerlichen Unterscheidung zwischen dem Ernsten und der Unterhaltung festzuhalten, als gäbe es nicht ebenso belangloses, grausam langweiliges Schwerkulturelles wie auf der (angeblich) anderen Seite tiefsinnige unterhaltende Popkultur, also viele Sorten Käse. Die »vielbeschworenen Grenzen« zwischen E und U sind nichts weiter als Toleranzgrenzen in den Köpfen der Rezipienten; deshalb kann ein Künstler sie nicht ohne weiteres aufheben. Die sich objektiv gebende Kulturhierarchisierung geht in erster Linie auf Distinktionsbestrebungen der eingebildeten Kultureliten zurück und ist jenseits von Statusspielereien weitgehend bedeutungslos. Ob Hochkultur oder Pop, entweder es taugt etwas oder ist Schrott oder so lala, und jeder muß das ganz subjektiv in jedem Einzelfall entscheiden. Man sollte sich natürlich nicht ein E für ein U vormachen (lassen), aber auch kein U für ein E.

Hingucker

Erstaunlich, wie der eine dem andern nach Papageienart nachplappert, ohne genau hinzugucken – oder vielmehr hinzuhören –, was er von sich gibt. So hat sich seit einiger Zeit der Begriff „Hingucker“ wie Ambrosia verbreitet. Ob nun lange weibliche Beine, Schmuck, außergewöhnliche Schuhe oder ein futuristisches Autodesign: Allesamt wird das, was geradezu magnetisch Blicke auf sich zu ziehen, sie einzufangen scheint, neuerdings gern und oft als „Hingucker“ apostrophiert, als wäre das nicht eher eine passende Bezeichnung etwa für jemanden, dem solcherart unpassende Wortverwendung aufstößt, weil er sie durch Hingucken wahrnimmt. So gesehen sind die, die den Begriff „Hingucker“ im Sinne von Blickfang benutzen, Weggucker, Sprachspiegellose. Dort, wo die Rendezvous von Sprache und Logik beobachtet werden können, gibt es eine Menge Stolperdrähte – oder sollte ich sagen: Hinfaller –, die die allzu schlechten Seher und Blindläufer in die Horizontale zwingen. Nichtgucker und Weggucker werden hingefallert. 

Der atmende Sinn

Ohne Ausrüstung unter Wasser zu atmen hat vordergründig keinen Sinn. Wie aber erkennt der Mensch, der weitgehend blind ist und allen Grund hat, seiner Wahrnehmung zu mißtrauen, am zuverlässigsten, ob er sich unter Wasser befindet?

Indem er versucht zu atmen.

Kulturelle Aneignung

Nun hat meine Generation über viele Jahrzehnte, gemeinsam mit der anderer Völker und Kulturen, es endlich geschafft, aus der kulturellen Eintonmusik der deutschen Spießergesellschaft auszubrechen und Vieltönigkeit salonfähig zu machen, da kommen diese verirrten Deppen mit dem Aneignungsschwachsinn daher und propagieren wieder, Klara und Karl sollten im Kindergarten gefälligst mit ihrem eigenen Spielzeug spielen und die Finger von Akachetos und Anuks Spielsachen lassen. Demnächst wird dann Weißen das Spielen von Bottleneck-Gitarren verboten, und Schwarze sollen in Zukunft die Finger vom Clavichord lassen. Und ein jeder bleibe bei seiner Religion, die man ihm mit dem Rohrstock oder dem Erzeugen von schlechtem Gewissen eingebläut hat.

Manchmal wünsche ich mir, man solle sich mehr auf den Bau von Nervenheilanstalten konzentrieren als auf den von Universitäten.

Pseudo

»… Schlossbesitzer Bemering …, der mit dem Kommissar bei erlesenem Rotwein pseudophilosophische Gespräche über den Wert des Menschen an sich führt …« (Jochen Hieber in der FAZ über den Tatort-Krimi »Das Spukschloss im Hinterhaus«, 2011)

Ein »Gespräch über den Menschen an sich« ist nicht schon deshalb ein pseudophilosophisches Gespräch, weil derjenige, der den Begriff »pseudo« benutzt, nicht daran beteiligt ist. Ein Gespräch über den Menschen an sich ist immer ein philosophisches Gespräch, selbst dann, wenn die Gesprächsbeiträge so banal sind wie manche Kritiken. Das Wort »pseudophilosophisch« soll hier seinen Verwender adeln, der wahrhaft philosophisch zu sprechen sich selbst und einigen wenigen andern vorzubehalten versucht.

Selbst-Enttäuschung

In den meisten Fällen sind wir selbst verantwortlich für unsere Enttäuschungen: weil wir zugelassen haben, daß wir vorgeführt, getäuscht wurden – entweder von anderen, aber immer auch von uns selbst. Wenn wir das bemerken, sind wir sauer auf uns, und diese Selbst-Enttäuschung ist der schmerzhafteste Teil der Enttäuschung.

Gleichmut

Ich empfehle, sich von monströsen Terminius-technicus-Exzessen wie etwa dem Extremkompositum »Widerfahrnisbewältigungskompetenz«, inzwischen im Bildungsvortäuschungsblabla weitverbreitet als »Resilienz« betitelt, ebensowenig beeindrucken zu lassen wie von deren schlichtem anglizistischen Pendant (»coping«) und mit angemessener Gleichmut zu reagieren, wenn einem beim Lesen derartige Sprachschöpfungen widerfahren. Im ganzen gesehen, das gebe ich ehrlich zu, schwanke ich in solchen Fällen der Terminologiegestaltung allerdings zwischen Erheiterung und Frustrationsintoleranz.

Identitätsverschiebung

Noch vor einigen Jahrzehnten galt das antike »Erkenne dich selbst« als das heimliche Ziel alles bewußten Lebens. Diese Art der Selbstfindung wird mehr und mehr abgelöst durch permanente Selbsterfindung, Selbstinszenierung, so daß das lebenslang haltbare Konstrukt eines stabilen Selbst zunehmend in Frage gestellt wird, genauso wie die Notwendigkeit des Blicks nach innen. Wer sich selbst ständig neu erfindet, hat keine Zeit und keinen Raum für Selbsterkenntnis, und es gibt auch keinen Grund dazu, denn das Selbst wird zunehmend zu einer äußeren Funktion des Menschen. Im Innern hallt es nur noch leer, wenn man hineinruft.

Spezialoperation

»Nach größeren Gebietsverlusten seit dem russischen Einmarsch hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den Befehlshaber der Streitkräfte in der Ostukraine ausgewechselt. Per Dekret entließ das Staatsoberhaupt am Montag Hryhorij Halahan und setzte stattdessen Viktor Horenko ein. Der 44 Jahre alte Generalmajor Halahan hatte seit August 2020 die Spezialoperation in den Gebieten Donezk und Luhansk geführt.«

Selenskyj setzt also wieder mal per Dekret jemanden ab. Also nichts Ungewöhnliches. So ist das in Demokratien wie Russland und der Ukraine, da regiert man per Dekret. In manchem, wie dem Regierungsstil, ist man sich also durchaus einig. Im Kleidungsstil dagegen nicht immer.

Was mir jedoch auffiel, war der Begriff Spezialoperation. Bisher hat man uns doch erzählt, daß Russland den Krieg so bezeichne und jedes Reden von Krieg in russischen Medien verboten sei, obgleich beim russischen »RT DE« stets vom Ukraine-Krieg die Rede ist, also bei einem Medium, das natürlich nur vorurteilsgefestigte Leser von solcherart Feindpropaganda konsumieren sollten, die vorher die ungefilterten Verlautbarungen des ukrainischen Generalstabs, des britischen Geheimdienstes oder des Dekreteurs selbst aus den Nachrichten der deutschen Sender und der deutschen Presse als Tatsachenschilderungen serviert bekommen haben. Weil aber nicht jeder einseitige Propaganda toll findet, ist »RT« als Regulativ bei uns vorsichtshalber natürlich verboten.

Also Spezialoperation der Ukraine, nicht »in der Ukraine«. Das höre und lese ich zum ersten Mal. Und dann: »Der Krieg dort hatte 2014 begonnen.« Soso: »Der Krieg dort hatte 2014 begonnen.« Also die Spezialoperation der ukrainischen Armee. Sieh mal an. Doch nicht nur im Frühjahr 2022 die der russischen. Manche wird das überraschen. Die »Zeitenwende« war also von vielen Seiten gut vorbereitet. Auf Spezialoperation folgte Spezialoperation.

Unser Wirtschaftsminister Habeck sagte gestern in der Tagesschau: »Rußland führt einen Wirtschaftskrieg gegen uns.«

Die EU, Großbritannien, die USA und Assoziierte überziehen Rußland seit langem mit einer Sanktion nach der anderen, sogar solchen Maßnahmen, die die Gaslieferungen behindern, aber wenn Rußland sich dagegen verhalten wehrt, dann »führt es einen Wirtschaftskrieg gegen uns«. So kann man es sehen, wenn man nur ein Auge hat und immer in die gleiche Richtung schaut.

So wie hier: »Russland erpreßt uns«

Wie war das noch? »US-Sanktionen gegen Nord Stream 2: Blanke Erpressung«.

Wen interessiert denn die jüngere Geschichte, wenn man das eigene unentspannte Leben im Hier und Jetzt anderen in die Schuhe schieben möchte. Von der etwas ferneren Geschichte ganz zu schweigen. Der erpresste Erpresser war schon immer eine Witzfigur, und die Verteufelung des anderen lenkt wunderbar von den Dämonen im eigenen Keller ab.