Negative Kongruenz

Ein sinnloses Unterfangen: mit schwachen, unfairen Menschen offen, geduldig und rücksichtsvoll zu verkehren. Weit entfernt davon, sich ein Beispiel zu nehmen, legen sie es dir als Schwäche aus und warten auf eine günstige Gelegenheit, dir deine Fairneß durch Bosheit zu vergelten. Statt Annäherung und den Versuch, kommunikative Deckungsgleichheit zu erreichen, erzeugt faires Verhalten des einen eher das Gegenteil: negative Kongruenz.

Verstand und Vernunft

Mich amüsiert es immer wieder, wie die Vernunft, ich meine die reine, sich im Gebirge versteigt, aber noch mehr belustigt es mich, wieviel Vernunft der Verstand aufzubringen vermag, um der sich versteigenden Vernunft Unvernunft zu unterstellen. Das ist wahrhaft köstlich.

Apodiktisches

Ganz erstaunlich, was passiert, wenn ich mich in einem Beitrag über den Vorwurf des Apodiktischen äußere. Einer findet meine Infragestellung der Relevanz des Apodiktischen apodiktisch und bietet mir eine andere Herangehensweise und ein anderes Denken an, will mir einen anderen Denkort, nämlich seinen, zuweisen, natürlich ohne sich der Mühe einer Begründung zu unterziehen, und ist beleidigt, wenn ich nicht darauf eingehe. Ein anderer wiederum hält meine Sprache für elaboriert und gibt mir in stilistisch und lexikalisch ungehobelter Sprache, gewürzt mit mannigfaltigen Beleidigungen und Unterstellungen, gute Ratschläge, wie ich meinen Stil – und damit mein Denken – ändern könne. Und sie merken nicht, wie unverschämt, intolerant und rücksichtslos sie sich verhalten, wenn sie ihr eigenes Denken oder Sprechen zur kognitiven oder sprachlichen Norm erklären, an der ich mich zu orientieren hätte.

Das Alphabet der Gefühle

Zertretene Schuhe sprechen
von der Schuld des Wandernden
warum ging er auf Stein
nicht auf Gras
war nicht auf Rosen gebettet
der Fuß

warum trat der
der trat
nicht heraus
aus der Reihe

weshalb kann nicht spüren
wer nicht lesen kann
die Gefühle

wieso kann nicht hören
wer nicht spüren kann
die Gedanken

und

wer ist schuld an
der Schuld
und der Scham
ohne Reue

Kritik und Kreativität

Wenn es etwas zu kritisieren gibt, wird auch der Unkreativste kreativ. Vor allem dann, wenn er etwas nicht verstehen will, weil es gegen seine eingeschliffenen Überzeugungen gerichtet ist. Dann ist kein Mittel zu billig, keine Unterstellung zu abwegig, um nicht mit viel Brimborium geäußert zu werden.

Der Stillose entdeckt plötzlich seinen Sinn für den Stil (des zu Kritisierenden), und der grobschlächtig Argumentierende reagiert hypersensibel auf rhetorische Wackeligkeit (beim anderen), wenn er schon keine offensichtlichen Rechtschreib- oder Grammatikfehler findet. Und am Ende glaubt der Kritiker des Kreativen tatsächlich, er selbst wäre der eigentlich Kreative. Dagegen hilft nur eines: die Kritik des Kreativen, die kreative Kritik der Kritik.