Traditionen

Du lernst das Laufen
auf verblichnen Knochen
und sprechen mit
zerbrochnen Schädeln
trinkst Blut
wie alle Diadochen
versuchst dich
in die Welt zu fädeln.

Verbrauchte Luft
füllt deine Lungen
noch ehe du
das Licht erblickst
und eigne Worte
sind verklungen
eh du vor ihrem
Klang erschrickst.

Du siehst den Platz
in den Ruinen
wo mancher
seinen Tag verbracht
da waren Kerker
Guillotinen
und manchmal
spürst du dort
die Nacht

Gerade jetzt

Die Fenster knacken
Schnaubend springt der Wind sie an
Weltatem flattert
Zischend in die Nischen.
Im Bett der warme Regen.

Die Fenster flattern
Im Blut verzischen Sterne
Dein Atem schmeichelt
Sanft um meine Haut
Und Hände spüren Hände.

Sind nicht die eignen
Die sich in sich verzehren
Doch nah wie sie und
Wie ein Sommertag.
Mit lichtem, leisem Atem

Im Kopf der Zeit

Milliarden die im
Keim verdarben
sind um uns
wenn wir
uns verbergen
auf abgerißner
Glieder Narben
im Dunkel tappen
zwischen leeren
Särgen.

Hier stirbt man nicht
reiht Tode nur an Leben
formt Sedimente
Schicht für Schicht
dem Feuer
preisgegeben

Die Helfer des Sisyphos

Sie rollen früh durch
erste Kinderträume
und kommen spät
heraus ans Licht
des Tages
als Sinnbild des
kosmischen Flügelschlages
bewegte Beweger
im dunklen Raum.

Bald sprühen sie Funken
bald weißen Schaum
und lehren die Kunst
des schnellen Ertrages
sind Treiber des
künstlichen Hammerschlages
harmlos gekleidet
in eisernen Zaum.

Und sind bis heute
nicht von uns gewichen
beherrscht von Reibung
und Gravitation.
Sie kommen getanzt
sie kommen geschlichen
und spucken Feuer
verteilen den Lohn.

In ihnen sind keine
Jahre verstrichen:
Sie dienen dem Kreis
dem höllischen Sohn

Über Ich-Setzung

Ich-Setzung als Selbst-Definition, genau das ist es, was ich mit Selbst-Täuschung meine. Ich will es mal mit einer philosophischen Anekdote veranschaulichen, die mich immer wieder zum Lachen reizt: Nach seinem Tod fand sich in Schopenhauers Bibliothek das Exemplar einer Fichte-Ausgabe, in der Schopenhauer immer dann einen Stuhl an den Rand gezeichnet hatte, wenn es bei Fichte hieß: »Das Ich setzt sich.«

Klarer und humorvoller kann man den unsinnigen Wunsch des Ich, sich über den ganzen Menschen mit seinem Getriebensein zu erheben, nicht der Lächerlichkeit preisgeben. Eine Ich-Setzung, die von der Abgründigkeit und Getriebenheit des Menschen abstrahiert, ist nichts weiter als die Schaffung eines Windbeutels mit Über-Ich-Kruste.

Von Gesicht zu Gesicht

Ein schauriges leises Begegnen
umbrandet vom Brüllen der Welt
es ist dieses heimliche Segnen
das einen dem andern erhält.

Verstohlen schaust du hinüber
voll Scheu in das fremde Gesicht
und manchmal strömt milde herüber
der Klang, der die Masken zerbricht.

Dann fühlst du die Sprache der Engel
behutsam tastender Schimmer
ein weltenvernichtender Glanz.

Dies ist das Licht im Gedrängel
der reine Ton im Gewimmer
Musik für den heimlichen Tanz

Das Echo der Äonen

Im Dunkel ruhen
alle Wunden
und Schatten werden
scharf im Licht
wie Messer ritzen
helle Stunden
die Signatur
in das Gesicht.

Die Krallen der
verwesten Tage
spürt nur wer sich
ins Auge schaut
der Schrei der Zeit
ist Totenklage
das Echo ist
verwelkte Haut.

Verwittern ist das
Maß der Uhren
doch Wiederkehr
mißt Ewigkeit
die morschen Stimmen
der Lemuren
sind längst vom Glanz
der Zeit befreit

Abend in Berlin

Die Katzen spielen und die Kerzen weinen
und weiche Schleier sinken auf die Stadt.
Die Sonne gähnt, ihr will es scheinen
als hätten alle ihre Wärme satt.

Am Parkrand summen die Laternen
und wunde Hände ruhn auf weichem Plüsch.
Die Motten jagen wild nach ihren Sternen
der letzte Vogel kriecht ins Schlafgebüsch.

Und Wolken ziehen still von fern zur Ferne
sie kehren niemals mehr zu uns zurück
und keiner weiß, ob sie nicht gerne
ein wenig Heimat hätten, nur ein Stück

Mir ist so

Als hätte ich etwas zu sagen
als wüßte ich ein klares Wort
als hätte ich nichts mehr zu klagen
als ginge ich für immer fort.

Doch finde ich nur alte Fragen
und weiß mich fern an diesem Ort
und habe nur mich selbst zu tragen
ich geh nicht fort und bleibe dort

Kein Grund zur Aufregung

Worte sind Schatten
blinder Gedanken
tarnen der Seele
heimliche Qualen
hüllen in Nebel
gierige Ratten
saugend am zuckenden
Herzenermatten
glätten beflissen
das Leichentuch.
Lautlos erstarren
liebendes Sehnen leises
Begehren: Ohnmacht
glüht stummes
Verzehren

Wilde Erdbeeren

Umflutet vom Mißverstand
sich selber verstehn
wie verschwundene Väter
ohne Gesichter
begrabene Zeigefinger
die Zeichen zeitloser Uhren
kein Blick aus
vernagelten Fenstern
das Sarggeflüster
wenn die Pferde scheuen
nicht hängenbleiben
an leuchtenden Laternen
als wolltest du dir selbst etwas sagen
wenn die Hand dich ergreift
die knochigen Finger
die Heimwärtszeiger
heim zu den verschmorten Hölzern
wo die Erdbeeren blühen
die nie gereiften
wo die Träume schäumten
und erstarrten
im Eis der marmornen Mütter
begraben im Ungefähr
verschollener Väter
die zeigerlose Uhr
zeigt den Weg
durch die Gänge
durch die Türen
in den Ohren Schlüsselklirren
wo der Prozeß beginnt
mit dem Ende
nichts ist zu sehen
aber niemand ist tot
nur die Augen
sind lahm und müde
müde wie alte Gesichter
aber die Erdbeeren
sind reif

Vom Perlensticken

Allein auf dem Feld
ohne sich allein
mit sich und den
wortlosen Wolken
das Gefühl
in den Kohl gewühlt
als wäre alles
nicht wahr.

Wären da nicht
die Spuren
auf den Wangen.

Bis sich die
Tränen kreuzen
im Schweigen
tickt schwer
so manche
Nachtsekunde
Stunde um Stunde
gemeinsam allein.

Wären da nicht
die Spuren
auf den Wangen.

Wenn sich die
Tränen kreuzen
über den Perlen
ist der Fisch
vom Haken frei
und schwimmt davon
in die Nacht.
In den Tag.

Wären da nicht
die Spuren
auf den Wangen.

Und in den
Herzen

Schäume

Die schleimigen Spuren
der Purpurschnecken
rutschige Wege
die Fährten der Nacht
im Asphalt
vertrocknen
wie ranzige Häute.
Der Wind weht sie fort
und die Lüfte sind schwer
vom Nächtegeruch
der Atem einer
sprachlosen Welt.
Und mit ihm
verdunsten wie Tau
die Gedanken.

Nichts bleibt
nichts entsteht
kein Gewinn
kein Verlust
nur traumloses
Starren

Whisky

Guten Morgen
Tristesse
so Gott will
stehende
Bewegung
auf alten Socken
nur die Glut
der Zigarette
Hoffnungsschimmer.

Begegnungsloses Begegnen
wortloses Nichtverstehn
verschobener Fluch.

Wie ein Zahnrad
im Getriebe
der Vergangenheit
der ruhige Puls
Schatten des Vulkans.

Die letzte Glut zertreten.
Kein Weg hinaus
in die Zukunft.
Nur das rückwärts
gesprochene Wort.
Sag mal Leben:
Nebel

Nautische Notiz

An offnen Luken
Spargeltiere
Hälse verkrustet
trotz sauberem Schnitt
auf namenlosen
Schiffen Passagiere
blind wie die Brandung
komm mit, komm mit!

Der Hafen ist an Bord
ganz unverborgen
hier sucht ihn niemand
volle Fahrt voraus
die nächste Ankunft
abends morgen
nur wenig
übers Ziel hinaus.

Das Drumherum
ein Heer
behaarter Bojen
wie Perlenketten
ohne Schnur
und in den vielen
viel zu langen Kojen
von Fußabdrücken
keine Spur

Sicheres Geleit

Wenn Schiffe sich
im Kreise drehen
im Strudel ankern
vor gezackten
sprungbereiten Klippen
dann siehst du
dich und mich
in Boote gehen
um fortzuhuschen
in die leisen Weiten.

Schluckt blauer Wirbel
hungrig früh zerbrochne Ruder
und kleben Segel bald
vom Sturm zerfetzt am Mast
die Strömung wird
dir Fährten zeigen
und sicher dich
zurückgeleiten

Unterwegs

Der grüne Fluß
unter Wolken wie Pech
Geruch von Ruß
aus fliegendem Blech.

Ein gelbliches Schimmern
stetiges Summen
im Glühbirnenflimmern
ein holpriges Brummen.

Im Innern ein Schwarm
von grauen Gefühlen
und Blut, feucht und warm
lebendige Mühlen.

Die Lungen vibrieren
im Rhythmus der Nächte
Gedanken verzieren
das Dunkel der Mächte.

Und hell glühen Farben
im Traum meiner Sagen
verdecken die Narben
vertreiben die Fragen.

Wohin weht der Wind
woher kommt das Licht
warum bin ich blind
wozu dies Gedicht?

Terra incognita

Hinter Gittern aus Chrom
und Efeu mit Rosendornen
unter den Scherben
zerbrochener Bäume
unberührt
vom Gaukelbetrug
geschnitzter Schalen
liegt still
ein Schweigen, lauernd
ein Ahnen
im glitzernden
Bildergemurmel:
die ewige Qual des
ewigen Glücks,
der höllenhimmelspiegelnde
Saal
stummer Sehnsucht.
Keine Rettung,
kein Vergessen
kein Schrei

Zeitlos

Sie stehn nur da. Kein Blut, kein Atem.
Und fühlen nicht die warme Hand.
Stumm. Lautlos. Fern. Bedrohlich.
Die Plastikrosen blühen nicht.

Der Morgen dämmert leise.
Frost. Am Himmel kühles Blitzen.
Und Tage öffnen sich der Nacht.
Die Plastikrosen welken nicht.

Kein Licht. Kein Glühen. Keine Sonne.
Die Marmorklippen werfen Schatten.
Wie Hände greifen ihre Zacken.
Die kalten Finger wärmen nicht

Wozu?

Wozu sich selber stumm belügen
als wäre da nicht das Klirren
der hohle Ton der zerbrochenen Schlüssel.
Wozu die Gewalt? Und die Masken.
Wozu all der Schmutz?
Wozu sich die Haut von den
Rippen kratzen?
Man kommt ja doch nicht heran.
Nicht herein.
Nicht heraus

Innere Stimme

Dauernd dieses Gerede von der inneren Stimme. Wozu Vernunft und Verstand? Immer brav auf die innere Stimme hören und bloß nicht genau hinschauen, wer da spricht. Als hätte es weder die Aufklärung gegeben noch (mehr noch) die Erkenntnisse der Psychoanalyse.

Den klaren Blick mag die innere Stimme nicht, sie wird leicht unruhig und fängt an zu zicken, wenn wir sie mal unter die Lupe nehmen wollen, schauen, wer das ist, der da spricht. Aber wir sind folgsam und sehen nicht genau hin, sondern folgen brav unserer inneren Stimme. Nur wenn sie uns zu direkt sagte, es wäre gut für uns, aus dem Fenster im fünften Stock zu springen, dann würden wir doch etwas stutzig.

Aber so dumm ist die innere Stimme nicht, sie führt uns subtiler in unser Unglück. Wir hören auf dieses dumme Geschwätz, und alle Welt propagiert und idealisiert das Denken mit dem Bauch, während das Gehirn zu sehr mit Verdauung beschäftigt ist, um etwas dazu zu sagen. Und um seinen Teil dazu beizutragen, daß wir lernen, im Chor der inneren Einflüsterer unsere eigene innere Stimme zu hören. Die ist manchmal ganz leise und verschüchtert. Mit Hilfe des Gehirns im Gezeter der inneren fremden Stimmen die eigene zu finden und damit ganz wir selbst und handlungsfähig zu werden, das ist unsere Aufgabe. Eine wahrhaft schwieriger Versuch.

Bühne des Lebens

Auf der Bühne des Lebens werden wir erst dann frei und klar sprechen und handeln können, wenn wir diesem flüsternden Gesindel von inneren Souffleuren auf die Finger treten, damit sie schreiend davonlaufen und uns zukünftig unseren eigenen Text sprechen lassen.

Auf dem Weg

Wir sind geleitet von Walküren
und folgen ihren Richtungszeichen
und wenn die Hände sich berühren
sieht man uns ungeschickt erbleichen
auch wenn wir um Gedanken streiten
und untertauchen im Gedränge
wir lassen uns von ihnen leiten
und lachen über Schlachtgesänge

Stärke und Schwäche

Vieles wäre leichter, wenn die Menschen sich öfter klarmachen würden, daß es unterschiedliche Auffassungen über emotionale Stärke und Schwäche gibt und daß das, was der eine als Schwäche empfindet, von dem andern als Stärke angesehen oder empfunden werden könnte und umgekehrt. Sprudelnde Quelle für Mißverständnisse.

Déjà-vu

Mir scheint es, als schwebe mein Blick
wie Licht durch Unendlichkeiten
in Prismen gebrochen im sauberen Knick
hinein in die Schlünde der Zeiten.

Bin ich verurteilt und wieder hier
in diesem steinumhüllten Sumpf
umhuscht von schleimigem Getier
mit Gletscherzungen, augenstumpf?

Dann wär ich noch einmal zurück
aus abgeglühten Einsamkeiten
zu wandern auf lodernden Steppen ein Stück
zu dienen dem Spiel der Gezeiten

Sprachlos

Festgezurrt im
Drahtgeflecht
der Normen
eingeschweißt im Räderwerk
luftleerer Brutkästen
zerfledderte Fahnen weiß
schwenkend
mit krachenden Armen
müdegeschrien den blaßroten Mund
aus den Windeln fließt
gelbsaurer Honig
in die schwarzen Kanäle.
Mit dem Kot
frecher Ratten mischt sich
das Blut deiner
Liebe.
Vergessen die Qual
der Geburt und
verhallt die Geduld
deiner Worte.
Vorbei. Wie die Fische
so tot

Reflektieren

Wenn ich reflektiere, was ich tue, vergesse ich nicht, mir klarzumachen, wer da reflektiert und welche Motive er hat. Das mag ungesund erscheinen und dissoziierend und ad infinitum fortsetzbar, aber es fördert die Selbsterkenntnis. Wenn ich dann noch wieder und wieder die Perspektive wechsle und probehalber den Reflektierenden durch einen andern ersetze, entsteht ein zwar immer unvollständiges, aber brauchbares Bild.

Bei allem darf ich natürlich nie vergessen zu handeln, sonst gibt es nichts Neues mehr zu reflektieren, und ich verfalle in Starre. Sinn der Reflexion sollte es sein, eine brauchbare Basis für zukünftiges Handeln zu schaffen – und nicht einen selbstvergessenen Ruhepunkt. Wenn Reflexion sich selbst genug ist und zur Starre führt, ist das auch nicht besser als die Starre derer, die sich selbst nicht oder nur wenig reflektieren.

Der Unterschied liegt darin, daß deren Starre wie Leben aussieht, obwohl es nur eine Aneinanderreihung von Gewohnheiten ist. Es gibt unterschiedliche Arten, sich das Leben zu nehmen.

Über das Wollen

Jeder möchte tun, was er will. Und er tut, was er meint zu wollen. Dabei geschieht oft, daß er sich selbst und andere durch sein Handeln verletzt. Dann geht er manchmal in sich und versucht herauszufinden, ob er das wirklich will, was er tut, oder ob er nur Impulsen von Teilen seiner Persönlichkeit, seines Egos Ausdruck gibt. Das ist für mich der Beginn der Selbsterkenntnis.

Nichts ist schwieriger, als herauszufinden, was man im Innersten will, denn in uns streiten viele Teile um die Vorherrschaft und versuchen uns einzureden, wenn wir ihren Impulsen nachgäben, täten wir, was wir wollen. Und deshalb wollen wir mal dies und mal das und trudeln durch die Gegend. Wenn wir versuchen, herauszubekommen, was wir wollen, müssen wir tiefer schürfen, und vielleicht finden wir heraus, was wir sollen. Finden heraus, daß das, was wir für unser wollendes Ich halten, nicht wir selbst sind.

Und dann sind wir plötzlich da, wo wir uns erkennen als das, was wir sind, und dann sind wir unser eigener Souverän, der dem Ich sagt, wer der Chef ist, und all die streberischen Impulse als das entlarvt, was sie sind: Zwergenwünsche. Und wenn unser Ich bereit ist, ohne zu murren, sein Sollen zu akzeptieren und sein Wollen als Wünsche zu sehen, dann werden im Wollen auch Wünsche befriedigt, ohne sich selbst ständig zu verletzen.

Aber wenn das Ich nicht bereit ist, diese Beschneidung seiner angemaßten Souveränität zuzulassen, dann wird es zu einem bitteren inneren Kampf kommen. Das erleben wir alle mehr oder weniger.

Ruhiges, klares Handeln ist erst dann möglich, wenn die innere Hierarchie geklärt und akzeptiert ist. Im Innern des Menschen gibt es keine Demokratie.

Opfer

Das zerbrochene
Honigglas
in ihrem Gepäck
du siehst es nicht
doch du hörst es
knirschen.
Setz dich zu ihr
und schau zu
wie sie schleckt
als ginge es
ums Leben.
Schau zu und
halte ihr
den Löffel.
Was ist das
schon groß.
Nicht Abraham
nicht Alexander
und da brennt
kein Haus.
Nur ein kleines
Opfer

Sezieren

Ich habe das
Seziermesser
aus der Hand gelegt
keine Vivisektion
Erkenntnisverzicht
keine Schnitte
bei Hautvertrauten.

Die andern
dürfen weiter
hoffen oder
fürchten.

Was bleibt
ist nun
der Schnitt in die
blutlosen Texte
und bisweilen
ein Selbstversuch

Carpe diem

Zählt Geld
lauft in Reihen
wer Trommler mag
nur zu
laßt die
Steine erbeben
wie im
siebentorigen Theben.
Das Ende ist Schrift
auf dem Sarkophag.

Im Blitzlicht beim
letzten Sekundenschlag
da werdet ihr
schaudernd verschweben
so narrt euch
der Tod mit
dem Leben
Am Abend blinkt
in den Spiegeln
der Tag.

Und die ihre Sinne
mit Hämmern betäubt
die gaffen nun
stumpf in die
Leere der Nacht
mit zitternder Hand
und die Haare
gesträubt.

Und wehe
dem Wesen
das jetzt
erst erwacht
zu spät
sein Beginnen
die Hülle zerstäubt
sein Weg führt
zurück in die
ewige Schlacht

Der Rat des Olymp

Alraunen wispern
auf steinigen Wegen
zerstäuben in Schluchten
verblühen im Staub
verklingen in
gurgelnden Ätherbuchten
und modern im Sande
wie Laub.

Im Martertopf
pflegen sie Zweisamkeiten
Vereinzelt das Zaudern
ein schütterer Strauch
Verhärmte hüten
schweigend ihr Schaudern
und kauen versonnen
den fettigen Rauch.

Harrt aus
drängt die
mahnende Göttergeste
zerbrecht nicht
die Spiegel, zersägt
nicht die Haut.
Treibt weiter
den Schmerz
in die tauben Hügel.
Ihr seid unser
härtestes Kraut

Reminiszenz

Und du suchst
nach dem Wort
dem lösenden
vielleicht erlösenden
doch es spricht
sich nicht
aus:
So schwer der Mund
und die Zunge
so glatt.
Auf den Lippen der
Rauhreif vom vorletzten Jahr.
Kein Vergessen.
Kein Zorn.
Kein Geschrei.
Nur so kalt.
Nur wie
Stein

Als gäbe es das passende Wort dafür

Wenn du etwas suchst, von dem du nicht weißt, wie es aussieht, weil du es noch nie gesehen hast, ist die Wahrscheinlichkeit, daß du es übersiehst, wenn du es findest, größer als die Wahrscheinlichkeit, daß du es erkennst. Und wenn das, was du suchst, etwas Unsichtbares ist, dann wird das Erkennen noch schwieriger sein. Deshalb bemühe ich mich so sehr, es sichtbar zu machen. Kann sein, daß ich es dabei aus den Augen verliere.

Liebe und Verliebtheit

Die berühmten Schmetterlinge im Bauch sind die Voraussetzung für den Menschen, sich einem anderen Menschen über das normale Maß hinaus zuzuwenden und sich ihm zu öffnen. Sie sind Ausdruck der Verliebtheit, aber kein Dauerzustand liebender Menschen, denn diese Gefühle sind flüchtig wie alle Schmetterlinge. Sie lassen sich nirgendwo dauerhaft häuslich nieder.

Erst wenn die beiderseitige Bereitschaft, diese Verliebtheit zum Anlaß zu nehmen, den andern mit allen Konsequenzen als so etwas wie einen absoluten Freund zu betrachten, dazu führt, daß Menschen füreinander Verantwortung übernehmen und für den andern ohne Wenn und Aber da sind, kann ein Transformationsprozeß in Gang kommen, der dazu führt, daß Verliebtheit sanft in tiefempfundene Liebe übergeht.

Wer dies nicht versteht und gefühlsmäßig nicht nachvollziehen kann oder will, weil er das Schmetterlingsgefühl mit Liebe verwechselt, der wird nie in der großen, dauerhaften Liebe ankommen, sondern wieder und wieder auf wechselndem Terrain nach Schmetterlingen jagen und irgendwann resigniert feststellen, daß er die große Liebe nicht gefunden hat. Wie auch, er hat sie mit den falschen Mitteln am falschen Ort gesucht.

Schmetterlingsjagd

Man kennt aus der Chaostheorie den Lorenz-Effekt. Der Meteorologe Edward Lorenz fragte in den 1970er Jahren, ob der Flügelschlag eines Schmetterlings zu einer bestimmten Zeit in Brasilien einen Wirbelsturm in Texas verursachen könne. Mittlerweile ist bewiesen, daß dies möglich ist. Unglaublich, aber wahr. Da aber niemand weiß, welcher Schmetterling wann den verheerenden Flügelschlag tut, kann man durch Schmetterlingsjagd keinen Wirbelsturm verhindern. Außerdem besteht die Gefahr, daß die Luftbewegungen bei der Schmetterlingsjagd Wirbelstürme auslösen können.

Daran sollten alle denken, bevor sie sich auf Schmetterlingsjagd machen. Das gilt im besonderen für die Jagd nach Schmetterlingen im Bauch.

Wahrheit

Reine Wahrheit
Lavagestein
Legierung
aus Schatten
und Licht
im Nebelgewölbe
zeitlos im Stundengewand.
So rein wie die Nacht
nach Gewitter.
Wie hält man
das Feuer
in der Hand?
Dann besser
die einfache Wahrheit
die Lüge
nichts ist so kühl
wie die Lüge.
Und so klar

Und klaglos lächelt die Sonne

Heulend saugen
die Pumpen
das Blut aus
den Katakomben
vergessener Höllen
zerren Vorzeitkadaver
hervor zu beleuchten
die Foltergruben
kreisender Zeiten.
Schwarz färbt
die Lunge
des Meeres
der Rauch
der Geschichte
und schuldlahme
Flügel flattern hilflos
im klebrigen Schlamm
ihrer Ahnen
sinnlose Opfer im
haltlosen Strudel
der Aggregatzustände
Beulen der Pest
im Miasma
der Epochen

Geburtsfehler

Eingetreten
in die Höhle des Scheins
als wäre es die
Halle des Seins
durch die
falsche Tür.
Gelockt von den
gläsernen Glocken
dem Klang gefolgt.
Zu spät
das Erstaunen
der Blick zurück
zu der Tür
ohne Klinke.
Und die Fenster
mit Steinen verhängt.
Dahinter die
Nacht und die
Fratzengesichter.
Ruhe bewahren.
Vielleicht nur
ein Traum

Manchmal

Wenn die Narben
erglühen
möchte ich schreien
möchte hassen
wenn deine Achseln
lose Worte
zucken
die Chiffren
der sprachlosen
Verwirrung
im Gewirr
deiner ungefühlten
Gedanken.

Eine Wurzel
die die Erde sucht
als stecke sie
nicht darin.

Und die
vor ihr flieht.

Ich möchte schreien
möchte hassen
doch die
Stimme bricht.

In reiner Liebe
wächst kein Haß

Essenz

Dies ist die
Stille im Lärm
unerkannt
unter rhythmisch
klatschenden Zungen
ihr Gesang ist
von Worten
umwachsen
ihre Augen
sind stumm.

Dies ist das
Glühen im Eis
Diamant
hinter Bergen
blinder Gesteine
seine Pracht ist
von Spiegeln
umstellt
und die Blicke
sind krumm.

Dies ist das
Kreisen im Kreise
an der Wand
unterm Röcheln
ratloser Sterne
ihr Gestöhn ist
von Dunkel
umschlungen
täuschend mildes
Gebrumm

Fragen und Antworten

Wenn man sämtliche Interrogativpronomen in allen möglichen syntaktischen Variationen – die deutsche Sprache ist dabei außerordentlich flexibel – ausgeschöpft hat, ohne eine Antwort zu bekommen, dann sollte man für eine Weile schweigen. Vielleicht sucht der Gesprächspartner selbst verzweifelt nach einer Antwort und wird durch erneutes Fragen immer wieder beim Nachdenken gestört.

Es kann sein, daß niemals eine Antwort gegeben wird. Es kann sein, daß nach einer Weile geantwortet wird, verbal oder durch eindeutige Handlung. Kann sein noch rechtzeitig. Aber wenn wir zu lange auf eine Antwort warten müssen, dann kann es sein, daß die Antwort zu spät kommt, wenn sie schließlich doch noch gegeben wird, weil uns Frage und Antwort inzwischen nicht mehr wichtig erscheinen oder wir einen weniger säumigen Gesprächspartner gefunden haben. Oder beides.

Verletzungen

Es ist eine Illusion, zu glauben, man könne eigene Verletzungen besser ertragen, wenn man den andern verletzt, ob nun den, der uns verletzt hat, oder wieder andere – weil die verletzbarer oder einfach nur greifbar sind –, von heilen ganz zu schweigen. Wenn wir einen anderen verletzen, verletzen wir immer auch uns selbst, und dadurch werden unsere Wunden nur tiefer. Besser ist es, mit dem anderen über unsere Verletzungen zu sprechen. Und über seine.

Miteinander sprechen

Wenn du über andere redest, merke ich vielleicht nicht, daß du über dich selbst sprichst, weil ich das Gefühl habe, du sprächest über mich. Entsprechend fällt dann manchmal meine Antwort aus. Gar nicht so einfach. Man muß immer aufmerksam hinhören, wer über wen spricht.

Übel

Wer von ihm nicht betroffen ist, weil er nicht von ihm getroffen wurde, möglicherweise weil es schlecht gezielt hatte, sollte sich in jedem Augenblick darüber im klaren sein, daß es schon heute besser zielen und ihn treffen könnte. Es schießt dauernd und sehr häufig vorbei. Doch es trifft jeden mindestens einmal. Meist jedoch viel, viel öfter. Es ist nicht die schlechteste Art und Weise, sich auf diesen Augenblick, da man selbst getroffen werden wird, dadurch einzustellen, daß man sich in Menschen einfühlt, die bereits getroffen wurden.

Dazu ist es manchmal notwendig, sich erst einmal an die eigenen Wunden zu erinnern und ihren Schmerz nicht ständig zu verdrängen. Der zweite Schritt fällt dann leichter.

Diskussion

Der Sinn einer kreativen Diskussion ist es nicht, herauszufinden, wer recht hat, oder sich mit seiner Meinung oder Theorie durchsetzen zu wollen, sondern auszuloten, was richtig sein könnte. Dabei wird sich manches Mal herausstellen, daß keiner recht hat oder alle recht haben, und zwar deshalb, weil die Perspektive eine jeweils andere ist oder einem Diskussionsgegenstand mehrere Erscheinungsformen zukommen können. Dann kann man natürlich über die Qualität der Perspektive diskutieren und über eine eventuelle Ungleichwertigkeit der Erscheinungsformen und so weiter.

Diskussion sollte aber kein Kriegsersatz sein. Spielen und mit Gegenständen werfen kann man besser im Sandkasten. (Wenn ich meinen Text betrachte, fällt mir ein möglicher Ansatzpunkt für Kritik oder eine Diskussion auf: das Spielen im Sandkasten. Wie jeder weiß oder wissen sollte, kann Spielen im Sandkasten sehr kreativ sein, und deshalb habe ich hier zu allgemein formuliert, weil ich die kreativen Erscheinungsformen des Sandkastenspiels außer acht gelassen habe.

Ich dachte daran, daß die Kontrahenten sich in Diskussionen häufig gegenseitig Sand in die Augen streuen, und finde diese Unart wenig förderlich. Spielerische Elemente jedoch können Diskussionen in mancherlei Hinsicht beleben. Ein zweiter möglicher Einwand könnte sein, daß ich die sportliche Komponente von Diskussionen nicht erwähnt habe: Diskussion als geistige Eristik. Und schon wären wir in einer fruchtbaren Diskussion über Diskussionen.)

Über emotionale Farbenblindheit

Manchmal ist es so, daß Menschen, wenn sie einander nahekommen, sich selbst näherkommen, aber wenn sie Probleme mit ihrem Selbst haben und diese gewohnheitsmäßig mit scheinbarem Erfolg in den Ego-Bereich verdrängen, sich von dem andern, der als eine Art Katalysator wirkt, abwenden, weil sie Angst davor haben, sich dem Teil in sich selbst zuzuwenden, auf den es ankommt, dem Kern ihrer Persönlichkeit – dann wenden sie sich vom andern ab, um zu vermeiden, sich sich selbst zuzuwenden.

Und sie leben weiter ihr verhängnisvolles Muster, weil es ihnen bekannt und gewohnt ist. Und wenn es bei ihnen immer wieder mal mächtig knallt, verlagern sie die Ursache dafür in den jeweils andern. Vermeidung der Auseinandersetzung mit sich selbst durch Projektion von Konfliktursachen auf den andern.

Das ist so etwas wie eine gefühlsmäßige Achromatopsie. Solche Menschen sind blind für die problemauslösende Struktur in ihrem Innern. Darauf hingewiesen, neigen sie gewohnheitsmäßig dazu, dem andern Fehlsichtigkeit zu attestieren. Und wenn beim nächsten andern das gleiche passiert, wundern sie sich nur darüber, daß es so viele Fehlsichtige gibt. 

Zum Beispiel Afrika

Die Sterne kümmern sich nicht darum, ob hier unten gerade Krieg ist oder Scheinfrieden. Ganz schön eingebildet, die Sterne. Fast so wie wir, wenn wir zum Beispiel nach Afrika gucken, obwohl wir keine Sterne sind. Zu unserer Entlastung sei gesagt, daß Sterne meistens weiter blicken können als wir. Vielleicht trägt das zu ihrer Arroganz bei – oder ist es am Ende nur Gleichgültigkeit? Wir können nicht so weit gucken wie die Sterne. Und die in den Observatorien schauen nicht nach Afrika, sondern hoch zu den Sternen. Vielleicht sehen sie durch die Teleskope ja eines Tages ein Schild, auf dem steht, was zum Beispiel in Afrika geschieht. Aber dann wird es wahrscheinlich zu spät sein – nicht nur für Afrika.

Respekt

Respektiere Menschen, die dich respektieren. Und versuche auch Menschen mit Respekt zu begegnen, die dich nicht respektieren. Vielleicht lernen sie dadurch. Und alle gewinnen Respekt. Das gilt natürlich nur im persönlichen Umfeld und nicht für respektlose Verfechter eigennütziger Ideologien und Interessenvertreter.

Fehler

Wenn wir auf einen Fehler in unserem Denken oder in unserer Sprache aufmerksam gemacht werden und diesen erkennen, weil wir den Einwand ernst nehmen, suchen wir nach dem Grund dieses Fehlers und benennen ihn, wenn wir das können. Das sieht für andere manchmal wie eine Ausrede aus, ist aber keine Rechtfertigung vor andern, sondern in erster Linie vor uns selbst und wirkt bei uns beruhigend, weil wir so weiter den Traum der Perfektion träumen können. Vielleicht möchten wir uns aber einfach nur weiterentwickeln. Schlimm wird es, wenn wir unsere Fehler zwar erkennen, aber nicht verstehen.

Die ewige Frage

Wozu? Ob du eine Antwort auf die Sinnsuchfrage bekommen wirst, weiß ich nicht. Aber wenn du sie nicht stellst, wirst du bestimmt keine bekommen. Und wenn du sie stellst, frag den richtigen. Am besten dich selbst.

Belanglosigkeit

Daß die Belanglosigkeit Spitzenpositionen erreicht, ist nicht weiter verwunderlich und im Grunde belanglos, denn es spiegelt nur die innere Triebkraft wider, die ihr innewohnt und die gleichzeitig ihr Wesen ist. Deshalb ist es ratsam, nach Wesentlichem eher in den mittleren und in Kellerregionen zu suchen, wenn man sich für Wesentliches interessiert.

Medizinglaube

Nach längerem Nachdenken (bei mir dauert das häufig etwas länger, deshalb habe ich kürzlich ein EEG machen lassen) komme ich zu dem Schluß, daß ein unauffälliges Hirnstrombild nicht mit letzter Sicherheit einen Dachschaden ausschließt. Man sollte die Fähigkeiten der technologisch fundierten Medizin nicht überbewerten. Im Augenblick denke ich darüber nach, ob meine Nichtabweichung vom Normbereich nicht vielleicht bedenklicher ist, als es eine Abweichung wäre. Was ich als eine unbedenkliche Abweichung vom Normbereich betrachte.

Befreiung

Öffne den Mund
wenn der Stickschlamm
aus den Katakomben
hochsteigt
Miasma der
inneren Gestirne
Urknall der Seele
du mußt nicht schreien
öffne den Mund
und sprich
oder stammle
die Sonne spricht mit
und der Wind
sie formen das
feuchtglatte Wort
und trocknen
die wilden Gedanken
Gefühlgestalten
und bald spuckst
du Ton
wie weiches Fossil
lebenden Lehm
und wäschst von
den Lippen
die Asche
der Zeit

Akkommodation

Hinter der Tür des Psychologen findet ihr die Tiefe nicht. Wenn er gut ist, dann macht er euch höchstens Mut zu euch selbst. Gehen müßt ihr allein: durch die Kellertür. Dahinter aber ist es erst mal scheinbar dunkel. Und nicht in jedem Kellerraum ist ein Lichtschalter. Wenn ihr nun furchtsam davonlaufen wollt, denkt daran: Das Auge braucht etwas Zeit, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, aber bald werden die ersten Konturen sichtbar. Dann wird die Orientierung leichter, doch was ihr dann zu sehen bekommt, das kann euch niemand vorher sagen.

Du anderer

Willst du dich sehn
laß den Spiegel
sieh mich an
atme tief den Geruch
der schwefligen Lügen
im Ehrlichkeitskult der
verschlossenen Schlösser
hinter denen
du dich verkriechst
in mir.

Oder wende dich ab
von dir
wenn die Schlüssel
klirren in mir
dem Gefängnis
deiner unausgesprochenen
Gedanken.

Wenn die Blicke
sich streifen
siehst du vorbei
siehst deinen
Rücken
wie er im Dunkel
verschwindet
in den Schatten
deiner Unmöglichkeit
so fern wie
die Sonne
als wäre kein Tag.

Vorbei der Traum
der Unendlichkeit.
Vorbei der Traum
der Geburt

Baden

Das Baden in Dummheit hat neben den schlechten Gerüchen immer auch einen angenehmen Nebeneffekt: Es befriedigt unsere Eitelkeit, denn wir können uns dabei leichter schlau vorkommen, als wenn wir im Klaren badeten. Denn im Klaren hebt man sich nicht so leicht ab. Außer wenn man dumm ist.

Ozean

Wenn sie mir zu sehr um die Füße schwappt, die Dummheit, fühle ich mich manches Mal versucht, zum antidummistischen Rassisten zu werden, aber dann fällt mir wieder Tucholsky ein, der gesagt hat: »Gegen den Ozean pfeift man nicht an.« Tucholsky hat sich das Leben genommen. Das ist keine für mich akzeptable Lösung. Also wenigstens schwimmen lernen.

Einbildung

Nichts verhindert Bildung so sehr wie die Einbildung. Denn wenn wir uns einbilden, etwas zu sein, können wir es nicht werden. Nur wenn die Wörter »Bildung« und »Einbildung« im ersten Satz austauschbar sind, handelt es sich um wirkliche Bildung und nicht um eingebildete.

Gewohnheit

Man sollte sich angewöhnen, sich abzugewöhnen, andern etwas abgewöhnen zu wollen, und statt dessen angewöhnen, sich anzugewöhnen, sich selbst das abzugewöhnen, was nicht stimmig ist. Das wäre eine gute Gewohnheit.

Über das Bloggen

Genaugenommen müßte die Überschrift heißen »Über mein Bloggen«, denn es gibt so viele Formen und Motivationen des Bloggens, daß man ein Buch darüber schreiben könnte, aber diese Formen interessieren mich im Augenblick nicht und sollen in diesem Beitrag nicht angesprochen werden.

Worum es mir geht, ist meine eigene Motivation und meine idealtypische Vorstellung vom Bloggen. Für mich ist Bloggen eine, wenn nicht die Möglichkeit, mein eigenes Denken zur Disposition zu stellen – und auch meine Gefühle. Und das Ganze zu dem Zweck der Erprobung in der virtuellen Wirklichkeit.

Bei der Wahl der Freunde sind wir geneigt, uns eher den Menschen zuzuwenden, mit denen uns möglichst vieles verbindet, und wir wählen sie dementsprechend aus, sei es nun bewußt oder unbewußt. Wenn wir aber unsern Blog in den Raum stellen, müssen wir mit Widerspruch ebenso rechnen wie mit Häme, Belustigung, Gleichgültigkeit und Unverständnis. Und wir laufen Gefahr, daß uns das ungeschminkt gesagt wird.

Freunde sind normalerweise verständnisvoller als Fremde, so wie wir ihnen gegenüber eher geneigt sind, ein Auge zuzudrücken, wenn sie etwas erzählen, das uns nicht überzeugt. Freunde wollen Freunde bleiben. Auch beim Bloggen können wir solcherart Rücksicht nehmen, aber wir müssen nicht, und auch die andern müssen nicht.

Jeder weiß, daß tiefere Einsichten so manches Mal Folge der Konfrontation mit konträren oder einfach nur abweichenden Ansichten sind, vorausgesetzt, man nimmt sich die Zeit, über Auseinandersetzungen nachzudenken.

Genau das ist es, was mich treibt, hier zu sagen, was ich denke, und mich als lyrisch kreativer Mensch zu zeigen. Ich möchte mich anderen mitteilen, um Resonanz zu erzeugen, die mich in meinem eigenen Denken und Dichten weiterbringt.

Und dasselbe möchte ich auch den andern geben: Resonanz. Und deshalb beteilige ich mich an den Denkvorgängen anderer, deren Denken und verborgenes oder weniger verborgenes Fühlen mich interessiert, berührt, bewegt, ärgerlich macht oder abstößt.

Jeder für sich und gemeinsam kreativ sein: Das ist meine idealtypische Vorstellung vom Bloggen. Ich glaube nicht, daß uns das dümmer macht.

Über das Lesen

»Lesen macht dumm.« Inmitten all der Bücher im Arbeitszimmer prangt dieses Diktum und lächelt ironisch und süffisant. Und die Bücher lächeln ironisch und noch süffisanter zurück: die guten wie die schlechten. Und Leute, die mich besuchen, tun es ihnen nach, manche lachen gar laut und möchten sich am liebsten wälzen angesichts dieses scheinbaren Widerspruchs.

Auch ich selbst habe gelächelt, als ich diesen Spruch einrahmte und ihm seinen Platz zuwies, denn »Lesen macht dumm« inmitten von Bücherhaufen, das ist schon ein starkes Stück und natürlich Witz und Provokation zugleich. So wird es im allgemeinen aufgefaßt, und das ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

Doch die eigentliche Bedeutung ist eine andere.

Was tun wir, wenn wir etwas Gedrucktes in die Hand nehmen und zu lesen beginnen? Wir begeben uns in die Gedankenwelt eines anderen Menschen, vollziehen seine Gedankengänge nach, und wenn er gut schreibt, fällt uns das immer leichter und leichter. Und wenn wir viel lesen, gewöhnen wir uns daran, denn es ist einfacher für uns, wenn ein anderer für uns denkt, so wie es weniger anstrengend ist, im Auto zu fahren, als zu laufen. Und so wie dem Vielfahrer das Gehen nach und nach lästiger und mühsamer wird, so geht es auch dem Vielleser mit dem Denken.

Statt lange und ausdauernd selbst zu denken, was ein langsamer und mühsamer, widersprüchlicher Prozeß ist, sucht sich der Vielleser den Lesestoff und verschlingt Buch für Buch und freut sich an den Gedanken, die nicht seine eigenen sind. Und manche Leser verlernen das Denken beim Lesen ganz und gar. Das merkt man spätestens dann, wenn man länger mit ihnen redet und plötzlich feststellt, daß ein anderer aus ihnen spricht; und wenn man weiß, was sie zuletzt gelesen haben, und dieses kennt, dann erkennt man, wie gefährlich das Lesen für die Intelligenz sein kann. Lesen mag bilden, aber es kann mindestens ebensosehr das eigenständige Denken gefährden oder gar unterdrücken.

Das erste Mal ist mir das aufgefallen, als ich nacheinander Parmenides und Heraklit las und beide gleich überzeugend fand, obschon beide Vorsokratiker einen gegensätzlichen Standpunkt vertreten, und erst viel später habe ich mich gefragt, was ich denke. So gebannt und gefangen war ich von ihrem philosophischen Denken. Dieser Vorgang hat sich später noch öfter wiederholt, und so etwas passiert mir auch heute noch, wenn ich nicht größere Denkpausen zwischen den Lektüren einlege und das Gelesene schreibend und dialogisch verarbeite.

Wer die Universitätsmoden einigermaßen genau kennt, kann nach einer Viertelstunde Gespräch ziemlich sicher sagen, wann der Gesprächspartner studiert hat, weil dessen Denken durch die Schriften geprägt ist, die zu seiner Zeit an der Uni gerade rezipiert und nachgeplappert wurden.

Ob es sich dabei um Philosophie handelt, Linguistik oder Literaturwissenschaft, ist ziemlich egal. Ich vermute, daß es in anderen Fächern nicht viel anders ist.

Daraus ziehe ich für mich den Schluß, daß es wichtiger ist, viel zu denken, als viel zu lesen. Und daß man sich Zeit lassen sollte beim Lesen und den Büchern keinen größeren Vertrauensvorschuß geben sollte als Gebrauchtwagenhändlern und Versicherungsvertretern.

Das alte Lied

Das Hirn umschlungen
von bemaltem Tuch
geschwenktes Vaterland
gebrüllter Fluch.

Die Fahne flattert
bald zerreißt die Haut
vom Feuersturm verbrannt
kein Schrei, kein Laut.

Die Zungen klirren
kalt und steif auf Grund
Soldaten unbekannt
erloschner Mund.

Der Sarg umschlungen
von bedrucktem Tuch
geschenktes Vaterland
erfüllter Fluch

Über den Wert von Selbstaussagen

Wenn jemand etwas über sich selbst sagt, kann es sein, daß er sich selbst täuscht und damit auch andere. Möglich ist, daß er sich selbst täuscht, aber andere damit nicht täuschen will und kann, weil sie etwas sehen, was er selbst nicht wahrnimmt. Es kann auch sein, daß er selbst sich nicht täuscht, sondern nur andere täuschen will. Ob seine Aussagen positiv, negativ, gemischt oder neutral sind, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Oder er sagt die Wahrheit über sich selbst, soweit sie in Erfahrung zu bringen war. Das ist eher selten, weil schwierig, aber nicht ganz unmöglich.

Prophezeiung

Angesicht in Angesicht
mit dem Leid
wird erschrecken
die Zeit
und zersplittern
in Unendlichkeit

 
Spötter 1: Aber wir werden es
nicht mehr erleben.

Spötter 2: Wie Jesus.

Spötter 1: Aber der ist wiedergekommen.

Spötter 2: Selber schuld

Fortschritt

Titanenpathos ist verklungen
die großen Worte auf dem kleinen Blatt
Menschheit, deine Dämmerungen
fanden nur in Büchern statt.

Übrig bleiben stumpfe Zungen
im Speck verhungert, übersatt.
Menschheit, deine Dämmerungen
finden nun im Nebel statt

Unterhaltung

Es gibt kaum etwas Unterhaltsameres und Anregenderes als einen Dialog zwischen Leuten, deren Meinung inkommensurabel oder gar diametral entgegengesetzt ist und deren Humor und Intellekt kommensurabel. Wobei nebenbei deutlich wird, daß auch Intellekt und Humor nur zwei von vielen Faktoren bei der Meinungsbildung sind. Das wußten schon die vorsokratischen Sophisten und haben es auf die Spitze getrieben: Man kann auch geistreich dummes Zeug erzählen und damit Erfolg haben.

Meines Erachtens (Nachtrag)

Meines Erachtens müßten wir, wenn wir die Einsicht in den temporären Charakter von Meinungen und Erkenntnissen nicht als allgemeingültig und üblich voraussetzen, konsequenterweise statt m. E. m. E. t. (temporarius) sagen, weil wir doch alle wissen, daß wir beim Bau unserer Meinungen wie Bauunternehmer in erdbebengefährdeten Gebieten gern die billige Sorte Zement benutzen. Zum Glück können wir immer wieder nachbessern, ohne daß jemand außer uns selbst zu Schaden kommt.

Armes Deutschland

Erika Steinbach, ehemals nach illegaler Einwanderung ihrer Eltern in Polen aus Polen ausgewandert, um der unbestreitbar nicht unverständlichen Vertreibung zuvorzukommen, aus der CDU ausgewandert, um … man weiß es nicht, nun AfD-Sympathisantin, also besonders fit im Kopf, war neulich auf eine Satire des bösen und lustigen »Postillons« reingefallen.

Der Text trug die Überschrift »Wegen Kreuz im Logo: Strenggläubiger Muslim will keinen Jägermeister mehr trinken.« Dazu schrieb sie auf Twitter: »Hoppla, ich dachte Muslime dürfen keinen Alkohol trinken. Also kann Jägermeister diese Drohung gelassen hinnehmen. Aber es ist schon dreist, was hier in Deutschland abgeht.«

Gerade hörte ich wieder von ihr:
»Deutschland ist ein Fall für den Psychiater, und … wir die Therapeuten …«

Armes Deutschland.

Kleine Klassifikation der Satire

Vielen Formen von Satire sind wir tagtäglich ausgesetzt oder werden von ihnen unterhalten. Da ist zunächst die Realsatire, bei der nur einige wenige zufällig Hineingeratene die satirische Qualität des Dargebotenen bemerken, zum Beispiel Hundeausstellungen oder Formel-1-Rennen.

Dann gibt es die Satire, bei der einer andere auf den Arm nimmt, aber die bemerken das nicht. Kann sehr amüsant sein. Wieder eine andere Form ist die, bei der alle Beteiligten bitterernst daherreden, wohl wissend, daß das Mumpitz ist, was sie von sich geben, und auf jemand warten, der das nicht merkt. Gemein. Recht unterhaltend ist auch die Art Satire, bei der jemand zum Schein scharf angegriffen wird, aber so tut, als ob er das nicht merke, und scheinbar, aber für Uneingeweihte oder Unbedarfte anscheinend, ebenso scharf reagiert. Eng verwandt mit der Mumpitz-Form. Das kann in ungeahnte satirische Höhen gehen, wenn man so tut, als ob man nicht merke, daß ein anderer nur so tut, als ob er nichts merke.

Zum Schluß weiß dann keiner mehr so genau, ob er so tut, daß er nichts merkt, oder wirklich nichts merkt. Nur für Fortgeschrittene. Natürlich gibt es viele Neben- und Zwischenformen mit fliegendem Wechsel von Protagonisten und Zuschauern, aber es würde hier zu weit führen und zu einer satirischen Betrachtung der Satire, wenn ich dem jetzt weiter nachginge. Karikaturisten sind eben auch immer gut zu karikieren.

Wirklich gelungen ist Satire aber erst dann, wenn niemand mehr merkt, daß es sich um Satire handelt, nicht mal der Satiriker selbst. So ist das Leben.

Meines Erachtens

Fünf Minuten Deutsch
Ein falscher Fall meines Erachtens

Von Ruprecht Skasa-Weiß

Nach und nach verkuddelmuddelt aber wirklich alles! Kommt nach davor, kommt nach danach, oder geht’s auch ohne Nach-Kommen? »Nach meinem Erachten durchaus«, sagt dieser. »Also meiner Meinung nach unbedingt«, meint jener. »Meines Erachtens, das reicht“, erklärt ein Dritter. Was er nicht sagt, das ist: »Meiner Meinung.« Dabei wäre auch noch diese Fügung theoretisch richtig. Aber da Wem- und Wesfall bei weiblich gebeugten Wörtern gleich klingen, ist man praktisch zum Verzicht genötigt. Es hört sich falsch an …

So weit und noch weiter Ruprecht Skasa-Weiß in der »Stuttgarter Zeitung«. Aber nicht weit genug. Ob nun meines Erachtens oder was auch immer, das ist wohl doch eher sekundär. Primär ist für mich (sic!) die Frage, was die Leute treibt, diese überflüssigen Meinungsäußerungen über die eigene Meinung in die Rede einzustreuen. Am schlimmsten ist das in wissenschaftlich sein wollenden Büchern, in denen so manches Mal auf einer Seite fünfmal m. E. auftaucht. Wozu soll das gut sein? Ist der Autor sich vielleicht gar nicht so sicher, wie er vorgibt? Hat er möglicherweise Angst vor irgendwelchen Autoritäten, die ihm übers Maul fahren könnten, oder hat er sein Erachten irgendwo in der Uni-Bibliothek geklaut?

Daß das meine Meinung ist, was ich schreibe, ist doch wohl klar, darauf muß nicht ständig hingewiesen werden. Wer dauernd betont, daß das, was er sagt, seine Meinung ist, ist sich seiner Meinung nicht sicher, das steht spätestens seit Freud fest. Oder er hält sich für so unbedeutend, daß er mit »meiner Meinung nach« oder »nach meiner Meinung« die Bitte zum Ausdruck bringt, ihm doch mal zuzuhören, obschon er im Grunde nichts zu sagen hat. Und das ist dann meist tatsächlich so.

In älteren Büchern findet sich in diesem Zusammenhang das schöne Wörtchen »unmaßgeblich«. Immer schön ducken, wenn man was sagt, damit mögliche Zornesblicke über einen hinweggehen.

Wenn man sagt, was man denkt, sollte man es ohne solches Demutsgestotter tun, und wenn meine Meinung für jemand anderen als meine Meinung deutlich wird, dann vor allem dadurch, daß sie sich in der Form oder inhaltlich von anderen Meinungen abhebt. Ob andere meine Meinung als meine Meinung erkennen oder nicht und ob sie sie maßgeblich finden oder nicht, das ist ihre Sache.

Und wenn sich einer seiner Sache nicht sicher ist, sollte er keine wissenschaftlichen Bücher mit meines Erachtens und meiner Meinung nach schreiben, sondern erst mal noch ein wenig nachdenken.

Noch mal Zyniker

Ein Zyniker ist ein Mensch, der gern Satiriker wäre, wenn er genügend Geist und Humor hätte, oder einer, dem niemand aus der Pubertät heraushilft. Manchmal wird ein Satiriker zum Zyniker, wenn er in die Wechseljahre kommt oder die Alzheimersche Krankheit sich seiner bemächtigt. Aber manchmal ist ein Zyniker auch nur ein armes Ferkel, das Liebe sucht. Ach nein, das hatten wir ja schon: die Pubertät.

Von der Überlegenheit der religiösen Vorstellungen

Daß jemand meint, seine Religion sei den anderen Religionen überlegen, hat zwar vielen Millionen Menschen das vorzeitige Ableben beschert und ist auch heute noch Hauptursache von Kriegen und Gewalttaten, aber dennoch ist das so normal wie die Feststellung, die eigene Partei sei die beste. Darüber kann sich doch nicht allen Ernstes jemand aufregen.

Die Leute sind so überzeugt von ihren Dummheiten, daß sie sich dafür gegenseitig die Köpfe einschlagen, wenn es sein muß. So ist das nun mal. Bei den Buddhisten ist das in der Regel nicht so, obwohl es da auch den ein oder anderen Spinner gibt. Vielleicht ist der Buddhismus auch deshalb den anderen Religionen überlegen.

Über Irrtümer

Der Greifvogel ahnt nichts von der Schönheit und Tragik der Erde, wenn er das Himmelsblau durchstreift, und so mancher hat sich schon an einem fetten Happen verschluckt, den er für einen Maulwurf hielt, der sich bei näherer Betrachtung jedoch als etwas anderes entpuppt hätte, wenn es denn zu näherer Betrachtung gekommen wäre. Zuviel Himmelsblau und Sonne ist bekanntlich nicht gut für die Optik.

Konsistent authentisch

Wenn auch als Modeerscheinung etwas im Abklingen, wird gern die Forderung erhoben, jemand, der sich in der Öffentlichkeit darstellt, solle das so tun, daß er nicht nur authentisch erscheine, sondern Authentizität ausstrahle: Sei authentisch! Dagegen ist ja nun nichts einzuwenden. Nicht wegen der Forderung der andern, sondern aus Gründen der inneren Authentizität halte ich mich daran, mich so darzustellen, wie ich bin. Oder zumindest so, wie ich mich selbst sehe.

Doch die Forderung nach Authentizität ist nicht die einzige. Es gibt noch einige Erwartungen mehr, unter anderen die nach Konsistenz der Gedankenführung. Man möchte Klarheit, Stabilität, Eindeutigkeit. Was aber nun, wenn mein autochthones Gehirn Widersprüchliches produziert, wie das bei jedem der Fall ist, der sein Denken nicht immer nur im Trab hält, sondern auch mal, und sei es aus Lebensfreude, galoppieren läßt? Wenn sich das in meinen Texten widerspiegelt, kann man mich mit Recht inkonsistenten Denkens bezichtigen, und darunter leidet nicht nur mein Ruf des konsistenten Denkers, sondern auch meine Glaubwürdigkeit.

Schnell wird dann der Vorwurf des postmodernen Anything goes erhoben und das, was ich sage, als Facette der Beliebigkeit abgetan. Was es vielleicht tatsächlich ist. Aber mich dafür verantwortlich zu machen, das wäre nicht recht. In einer Welt, in der nach und nach alle beruhigenden Konstanten wie von einem übergroßen Scheibenwischer weggewischt werden und in den Orkus der Geistesgeschichte purzeln, ist die Forderung nach Konsistenz nur zu verständlich, aber die Ehrlichkeit gebietet, darauf hinzuweisen, daß es nicht möglich ist, konsistent zu sein, denn ein glaubwürdiger Mensch muß sich Inkonsistenz zugestehen, wenn er nicht im Denken erstarren will. Die einzige Konsistenz, die von mir zu erwarten ist, ist konsistente Authentizität. Jedenfalls für mich selbst.

Wer authentisch sein will, muß mit seinen Inkonsistenzen leben und hoffen, daß der ehrliche Umgang mit ihnen zu einer anderen Art von Konsistenz führt. Oder zumindest zu dauerhafter Authentizität, was ja immerhin so etwas Ähnliches wie eine Konstante sein könnte.

Hofnarr

Und einmal wirst du
gehen müssen
vielleicht zu spät
bestimmt zu früh
fortan wirst du ins
Leere küssen
vorbei die
Zweisamkeitsrevue.

Und Schatten werden
dir Vertraute
nur Träume noch
von Fleisch und Blut
nur leeres Huschen
keine Laute
kein Augenaufschlag
keine Glut.

Nur Ruhe, Brache
kaltes Dunkel
und stummer Ruf
verhallt im Nichts
kein warmes Wort
kein Sterngefunkel
kein Glitzern des
verirrten Lichts.

So wirst du in die
Weiten starren
auf ewig spielst
du Blindekuh
ein tauber unter
stummen Narren.
Die Parzen schauen
spöttisch zu

Logische Merkwürdigkeit

Der Unterschied zwischen den beiden sprachlich und logisch scheinbar kongruenten Aussagen »alles ist möglich« und »nichts ist unmöglich« ist der Ausschluß des Nichts in der zweiten Aussage, während in der ersten die Möglichkeit des Nichts – alles ist möglich, also auch das Nichts – enthalten ist.

Ist das nicht merkwürdig? Wenn alles möglich ist, dann auch das Nichts, wenn aber nichts unmöglich ist, kann alles sein, nur nicht nichts oder das Nichts. Wie das?

Woher kommt dieser Unterschied? Gibt es eine Möglichkeit, diese Möglichkeitsantinomie befriedigend aufzulösen?

Wahrscheinlich, möglicherweise (um mit dem Wort zu spielen) hat sich irgendein Aussagenlogiker oder ein Parmenides-Rezipient wie Heidegger bereits mit dieser Frage beschäftigt und sie möglicherweise (schon wieder das Wort) beantwortet, aber das weiß ich nicht, und deshalb stelle ich mich nicht dumm, wenn ich hier selbst versuche, sie zu beantworten: Ich bin dumm. Das ist eine hervorragende Basis für einen denkenden Menschen. Und obwohl ich nicht glaube, daß der Widerspruch dieser beiden Aussagen beseitigt werden kann, so hoffe ich doch, daß irgendein Licht in das Dunkel meiner Unwissenheit fällt, wenn ich denke.

Also: alles ist möglich versus nichts ist unmöglich.

Das unscheinbare »ist« brauchen wir im Augenblick nicht, obwohl ihm bei genauerer Betrachtung eine ungeheure Dynamik innewohnt, aber da es auf beiden Seiten der Gleichung vorhanden ist, können wir kürzen.

Also: alles möglich versus nichts unmöglich.

Parallele Struktur von Antonymen: alles – nichts, möglich – unmöglich. Ein bißchen Dreherei: alles möglich, nichts unmöglich – alles unmöglich, nichts möglich. Keine Kerbe zu finden, wo man Ockhams Rasiermesser ansetzen könnte.

Es bleibt dabei: Wenn alles möglich ist, ist das Nichts nicht ausgeschlossen, und wenn nichts unmöglich ist, ist alles möglich, außer das Nichts.

Gehen wir hier vielleicht unseren Sprachgewohnheiten auf den Leim? Immerhin gibt es einen kleinen Unterschied, aber der ist zumindest auf den ersten Blick lediglich begründet in der Konventionalität der Grammatik bzw. der Orthographie: nichts und das Nichts. Auf der einen Seite das Indefinitpronomen »nichts« und auf der anderen das Nomen »Nichts«, im Englischen »nothing« und »nothingness«.

Ganz offensichtlich hat die zweite Aussage eine doppelte Bedeutung, und es scheint so, als ob der Unterschied in der Orthographie: alles, nichts/Nichts in etwas anderem begründet ist als in Schreibgewohnheiten. Warum wird »alles« immer klein geschrieben? Warum nicht »das Alles« und »das Nichts« (von der reformierten Rechtschreibung, in der es »mein Ein und Alles« gibt, mal abgesehen). Wird »alles« vielleicht klein geschrieben, weil es bereits ein Nomen gibt, das seinen Platz einnimmt, das All? Aber was macht das schon? Ist das All nicht alles? Ist nicht beides, mal abgesehen vom Sprachgebrauch, gleich umfassend?

Alles möglich, Nichts/nichts unmöglich. Das bringt uns nicht weiter.

Rein intuitiv erscheint mir die zweite Aussage aber sinnvoller als die erste, doch warum? Alles ist möglich heißt: Alles kann sein, auch nichts oder das Nichts, aber wie sollte das Nichts oder nichts sein? Wenn es wäre, dann wäre es etwas und nicht nichts, und damit wäre es ein Teil des Seins, was ja nicht geht. Also Humbug.

Wenn aber nichts unmöglich ist, dann ist alles möglich außer nichts. Natürlich kann nichts nicht sein, denn das macht nichts ja gerade aus, daß es nicht ist. Aber wenn es nicht ist, dann ist es nicht. Daraus folgt, daß über das nichts/Nichts nichts gesagt werden kann. Es existiert nicht, das Nichts, oder nur sprachlich-logisch.

Wir sprechen also über etwas, dem keinerlei Seinsqualität zukommt, als komme ihm eine zu. Kann es sein, daß hier deutlich wird, daß Logik an unüberschreitbare Grenzen stößt? Was ist hier überfordert, unser Denken oder unsere Sprache?

Ich vermag den Widerspruch zwischen den beiden Aussagen logisch nicht aufzulösen. Wo genau liegt der Unterschied der formal gleichen Aussagen, und warum leuchtet die zweite ein, die erste aber nicht? Kann mir jemand helfen, diese Frage zu beantworten?

Bumerang

Vor einiger Zeit bekam ich eine lange Mail von einem, der mir und einem anderen mal auf den Schlips treten wollte, was ihm jedoch nicht gelang, weil er übersehen hatte, daß ich keinen Anpassungsstrick um den Hals trage, aber der selbst einen derart langen mit sich schleppte, daß ich nicht vorbeitreten konnte. Was ihm nun wieder gar nicht gefiel.

Trotz enervierend redundanter Diktion habe ich nicht verstanden, was er von mir wollte, nur eines: Mein Blog gefällt ihm nicht. Das ist sein gutes Recht, und er darf das gern auch öffentlich kundtun. Was ihm, wie er mir mitteilte, zu umständlich sei, wobei er mir gleich unterstellte, das liege in meiner Absicht. Tut mir leid, kann ich nur sagen, da irrst du dich gewaltig. Ich habe nicht beim Blogbetreiber (damals noch Blogigo, ist schon ein paar Jahre her) darauf hingewirkt, daß die Leser sich anmelden müssen, bevor sie kommentieren können, obwohl das so umständlich nun auch nicht ist, aber sei’s drum: Ich freue mich über jeden Kommentar, und ich gehöre nicht zu denen – ich will hier keine Namen nennen –, die jeden Kommentar umgehend löschen, wenn er sich inhaltlich nicht mit ihrer eigenen Meinung deckt, oder die Kommentarfunktion ängstlich der Zensur unterwerfen, was ich bei längerer Abwesenheit allerdings nachvollziehen kann. Im Gegenteil: Man kann aus Kommentaren lernen. Immer.

Der Kommentar dieses Menschen kam also per Mail und bestand darin, daß er mir in Gänsefüßchen mitteilte, in der Schwerelosigkeit lasse sich trefflich luftleer philosophieren. Das war’s. Nicht die Spur einer inhaltlichen Aussage.

Nun weiß ich aus dem Biologieunterricht, obwohl der schon lange zurückliegt, daß das Leben in der Schwerelosigkeit ziemlich schwierig ist und erst recht das Philosophieren, denke ich mal, was ich hier nicht näher zu erklären brauche, weil die meisten wissen werden, warum das so ist.

Vermutlich weiß der Schreiber der Mail das auch, aber er wollte wohl etwas anderes sagen, was ihm aber nicht gelungen ist. Also tue ich das jetzt für ihn. Ich denke, er wollte sagen, fernab der Realität lasse es sich gut philosophieren, weil der Bezug zur Realität das Philosophieren erschwert. Dazu kann ich nur sagen: Ich befinde mich mitten in der Realität – oder vielleicht am Rand, wer weiß das schon so genau. Der Schreiber der Schwerelosigkeit jedoch hat hier eine Aussage getroffen, die irreal ist. Mit Recht könnte ich jetzt sagen, es sei sinnlos, mit irrealen Aussagen anderen Realitätsferne zu unterstellen. Und das sage ich.

Da fällt mir ein Gedicht von Ringelnatz ein:

Bumerang

War einmal ein Bumerang
War ein Weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum – noch stundenlang –
Wartete auf Bumerang.

Aber manchmal kommt der Bumerang dann doch noch zurück.

PS: Der andere hat sich übrigens weniger zurückhaltend ausgedrückt. Er sagte zu dem weltfremden Mail-Schreiber schlicht: »Dir haben sie wohl ins Gehirn geschissen.« Möglich, aber wohl doch auch eher irreal.

Das Nichts

Umgeben vom Nichts wird das Nichts nicht sichtbar. Umgeben von etwas schon. Und dann ist es nicht mehr nichts, sondern etwas. Das Nichts nichtet sich. Heidegger würde eher sagen: »Das Nichts nichtet.« Aber einfach ist das nicht. Der Sprung des Schattens aus dem Schatten.

Zu bedenken

Wenn alles möglich ist, ist alles möglich, sogar daß Imponderabilien zu Ponderabilien werden, doch leider ist auch möglich, daß nichts möglich ist. Aber wenn nichts möglich ist, ist nichts möglich. Obwohl ich kein Berufsoptimist bin, ziehe die erste Variante vor.

Reflexion

Manchmal reicht es schon, um einen Menschen abzulehnen, daß er unseren Mangel an Selbstreflexion reflektiert. Und sei es durch seinen eigenen Mangel an Selbstreflexion. Sich so im andern zu erkennen kann bitter sein. Noch bitterer ist es, wenn die reflektorische Stärke des anderen unsere Selbstreflexionsschwäche offenbart und wir nicht fähig oder nicht bereit sind, uns selbst in Frage zu stellen, weil das nicht unserem Lebensmuster entspricht.

Teatro vaticanum in infinitum

Der weiße Popanz
und die violettbemützten Pfauen
wie junge Mumien
sind sie, aber schöner anzuschauen.

Es gibt das Stück
Herr Gott und seine Proselyten.
Die Erstbesetzung ist vakant
durch Dauerurlaub in den Mythen

Fahnen im Staub

Gesplittert das Eis
gebrochene Nächte
ein Zug auf dem Gleis
das Gurgeln der Schächte.

Die Wege sind kalt
so kalt wie die Fahnen
zerschlissen und alt
die Wegzeichen mahnen.

Sie sprechen von Sonnen
verglüht und verlassen
die Wasser geronnen
verharzt alle Gassen.

Die Tage sind leer
geöffnet die Schächte
und rings um dich her
Gelichter der Nächte.

Wenn Morgen aufgraut
wohin sollst du gehen
kein atmender Laut
es ist längst geschehen:

Die Träume sind fort
die Häuser verlassen
kein atmender Ort
nur klebrige Gassen.

Schon immer verlassen
vorbei sind die Träume
du träumtest die Massen
nur schwankende Bäume.

Die Erde ist leer
verlebt und verlassen
und rings um dich her
die Fahnen, die Gassen.

Und gehst du auch fort
du kommst immer wieder
und schwankst wie das Wort
und zuckst wie die Lider.

Ein Zug auf dem Gleis
es gibt kein Entrinnen
die Fahne nicht weiß
es gab kein Beginnen.

Die Tage nicht blau
die Nächte verlassen.
Das Meer nicht mal grau
nur Kot in den Gassen.

Und Wärme gespürt
die Liebe getrunken
von Sinnen verführt
in Sinnen ertrunken.

Die Wege sind kalt
so kalt wie die Fahnen
auf Harsch und Basalt
ziehst du deine Bahnen.

Dein Fleisch ist so leer
verbrannt die Gedanken
nur dumpfe Begehr
nur haltloses Wanken.

Du wanderst umher
und spielst mit Vernichtern
treibst Maskenverkehr
mit leeren Gesichtern.

Bist selbst doch nur Staub
aus Stäuben geboren
verwelkst wie das Laub
genauso verloren.

Umhäuteter Schutt
Jahrzehnte gehärtet
im Traum noch Perlmutt
hoch überbewertet.

So wert wie der Stein
dem einst du das Kissen
tagaus und tagein
der Abstand ist Wissen.

Gedenke der Tat
das ist deine Strafe
auf surrendem Rad
gedenke und schlafe.

Trag ab alle Schuld
und handle vermessen
mit Geist und Geduld
die Zukunft vergessen.

Wird sein kalter Rauch
und Asche der Väter
kein Baum mehr kein Strauch
kein Grab für die Täter

Versuch eines Gesprächs mit Feministin(nen)

Zitat aus »Emma«

»Frauen sind witzig – witziger als Männer. Daher hört man aus der Damentoilette immer Gelächter – wir machen uns drinnen vor Lachen in die Hose. Selten hört man Gelächter aus der Herrentoilette. Und das liegt nur zum Teil daran, dass sie dort keine separaten Kabäuschen haben. Steckt drei Frauen länger als drei Minuten zusammen, und schon haben sie – egal, ob sie sich vorher kannten oder nicht – hochwichtige Details ihres Innenlebens ausgetauscht und angefangen zu lachen.«

Darauf mein Kommentar:

Frauen sind nicht nur witziger als Männer, Frauen sind einfach die besseren Menschen.

Darauf V.:

Also dass Frauen die besseren Menschen sind, finde ich nicht.
Feminismus betrifft Männer u. Frauen. Sie sollten lernen voneinander.
LG V.

Mein Kommentar:

Leider, liebe V., tun sich die meisten mit dem Lernen sehr schwer. Manche verstehen sogar ironische Bemerkungen nicht und bezeichnen nachvollziehbare Kritik als Haßtiraden.

Behauptung: »Frauen sind witzig – witziger als Männer. Daher hört man aus der Damentoilette immer Gelächter …«

Gegenrede: Merkwürdigerweise habe ich, wenn ich an einer Damentoilette vorbeigegangen bin, was in meinem Leben schon häufig vorgekommen ist, nur hin und wieder Gelächter gehört. Aber da wird schon manchmal gelacht, sagt meine Freundin. Meist jedoch, das bestätigt meine Tochter, über andere Frauen. Von »immer« kann natürlich auch keine Rede sein. Ebensowenig wie davon, daß Männer auf der Toilette nie lachen. Kommt aber tatsächlich selten vor. Der Grund ist einfach der: Männer halten sich selten länger als drei Minuten in einer Herrentoilette auf. Wenn doch, dann ist es ein Notfall, und in Notfällen hat man in der Regel nichts zu lachen. Außerdem weiß ja nun jeder, der darauf achtet, daß Männer im Gegensatz zu Frauen nur ungern mit anderen Männern zusammen die Toilette aufsuchen, es sei denn es handelt sich um schwule Männer.

Und weshalb sollen Frauen nun witziger sein als Männer? Mir fehlt für das »daher« oben ein plausibles Argument. Abgesehen davon glaube ich nicht, daß es eine Notwendigkeit für die obengenannte Behauptung gibt. Ist nicht jedes Männer sind … und jedes Frauen sind … einfach nur doof? Und dient es nicht ausschließlich dazu, Männer und Frauen auseinanderzudividieren?

Darauf V.:

Hallo L.!
Sorry, aber mit Deiner Gegenrede bist du bei mir an der falschen Adresse. Der Artikel ist von den EMMAs.
Hier kannst Du Ihnen antworten: E-Mail: redaktion@emma.de
Die Redaktion freut sich immer sehr über Rückmeldungen. 🙂
LG V.

Mein Kommentar:

Liebe V., das ist doch wohl nicht dein Ernst. Ich kenne das so, daß man nur dann ohne kritischen Kommentar zitiert, wenn man selbst dahintersteht. Machst du das anders? Stehst du selbst hinter diesem Hohoho-Kinderkram oder nicht? Sag doch mal was dazu: Was hältst du davon? Und was ist mit den ersten zwei Zeilen? Die beziehen sich nicht auf »Emma«.

Darauf U. T.:

Ach, Ironie war der erste Kommentar von Dir. Sowas.. von unwitzig… (Buh! Schnarch! XD )
Na, damit bestätigst Du aber zumindest den 1. Teil Deiner Behauptung zu 100%! XDDD

Mein Kommentar:

Tolle Argumente, U. Alle Achtung. Ganz hohes Niveau.

Darauf U.:

Vollkommen RICHTIG erkannt, L.: Absolut dumm und niveaulos war das.
Das war nämlich GANZ EXAKT DEIN Niveau, DEINE Art, die ich hier gespiegelt habe! 😉

Schmeckt Dir nicht!? Na, dann weißt Du jetzt ja, wie sich V. fühlen muß bei dem Quark, den Du hier selbst verzapfst.
Vielleicht läßt Du Dir das mal gründlich durch den Kopf gehen, bevor Du wieder die Finger an die Tastatur legst.

Darauf V.:

Danke @U. T.! 🙂

Und weiter V.:

Hallo L.!
Was die ersten zwei Zeilen von Dir betrifft die sich nicht auf den EMMA Artikel beziehen, machst du genau dort weiter wo du per Email [als Antwort auf eine E-Mail von mir, V. – Anmerkung von Lyriost] aufgehört hast: Mich grundlos persönlich anzugreifen u. deine Hass-Reden als harmlose Kritik darzustellen. Ich hatte dich klar u. deutlich gebeten mir keine weiteren Texte (Hass-Tiraden) zu schreiben. Nun willst du das scheinbar hier im Blog fortsetzen. Nein danke!

Wenn Du den EMMAs etwas zu ihren Artikeln oder zum Feminismus schreiben möchtest kannst du das jederzeit öffentlich auf Facebook tun. https://de-de.facebook.com/emma.magazin/

Ansonsten bitte ich dich hier in meinem Blog keine Kommentare mehr zu schreiben!
Jeder weitere Kommentar von Dir wird gelöscht werden.

MfG
V.

Mein Kommentar:

Wunderbar. Man ist nicht in der Lage, sich mit Argumenten sachlich auseinanderzusetzen, reitet aber auf hohem Roß durch die Welt und hält sich für etwas Besonderes. Und wenn einer mal Zweifel anmeldet, möchte man ihn am liebsten über den Haufen reiten. Aber: Wer sich dem Diskurs nicht stellt, hat unrecht.

»Sie sollten lernen voneinander», schreibst du. Aber du meinst damit tatsächlich, andere sollten von dir lernen. Wie kann man auch voneinander lernen, wenn man die Kommentare des anderen nicht hören will, sich damit nicht auseinandersetzen will und sie ignoriert oder gar löscht?

Du solltest bitte ehrlich sein und erklären: Es sind nur unkritische und zustimmende Kommentare erwünscht. Ist das nicht etwas armselig?

Bitte definiere doch mal das Wort Haß, das du jetzt schon wieder ins Gespräch wirfst. Wo siehst du bei mir Haß? Ich sehe nur Widerspruch. Machst du es dir nicht etwas zu leicht, wenn du jede von deiner eigenen abweichende Meinung in die Haß-Ecke schiebst? Selbst was U. hier schreibt, ist noch kein Haß, sondern nur Ausdruck von Unreife und Ressentiment. Bei mir gibt es so was wie Haß dagegen überhaupt nicht, und in meinem Alter wäre Unreife etwas absonderlich. Ressentiments habe ich ohnehin nur gegen Dummheit – unabhängig vom Geschlecht. Diese Abneigungen sind allerdings tief. Wie man leicht merken kann.

Viele Fragen, keine Antworten.

Bin gespannt, was weiter passieren wird.

Was wohl? Mein letzter Kommentar wurde selbstverständlich gelöscht. Und genauso mein Link zu diesem Eintrag hier. Missionare und Missionarinnen tun sich von jeher schwer mit kritischen Nachfragen und Einwänden. Fällt auf sie selbst zurück.

 

Anmerkung: Die im Diskurs erwähnte E-Mail von mir, die angeblich »Haß-Reden« und persönliche Angriffe enthielt, war eine Antwort auf eine Anfrage der Feministin V., deren Antwort ihr nicht gefallen hat. Was ich verstehe. Bei Bedarf kann ich diese gern hier einstellen oder daraus zitieren. Natürlich gab es darin weder »Haß-Reden« noch »persönliche Angriffe«. Allerdings auch nicht das Gegenteil. Ich habe nur ruhig und sachlich erklärt, weshalb ich den Wünschen der Bittstellerin nicht nachkommen kann und inwiefern sie selbst dafür verantwortlich ist, daß ich das nicht kann.  

Unaufmerksamkeit

Was mich beim Lesen vor allem zeitgenössischer Literatur schon mal verstimmt, ja erschüttert: wenn ich durch die Fassade außerordentlich gelungener Wortakrobatik nach fünfzig Seiten plötzlich spüre, wie ein Hauch charakterlicher Armseligkeit zwischen den Zeilen aufschimmert. Nicht daß ich das dem Autor ankreiden möchte, es ist mehr die Einsicht in die eigene Unaufmerksamkeit, die mich verärgert: daß ich das nicht eher bemerkt habe.

Unsinn

«Reiner Unsinn. Hauptsache, es macht Spaß.» Wenn er Spaß macht, ist der Unsinn vielleicht Unsinn, aber kein reiner Unsinn. Selbst reiner Unsinn ist möglicherweise sinnvoller als reiner Sinn. Oder dasselbe? Ist reiner Unsinn – also Unsinn, der keinen Spaß macht – Sinn? Erinnert das nicht etwas an Kant, der das Gute tun wollte – nur um der Idee willen – und meinte, wenn es Spaß mache, sei es gar nicht mehr wirklich gut? Eine solche deutsch-ernsthafte Vorstellung von Sinn ist mir zu asketisch gedacht.

Ikonoklasmus

Was tut der rebellische Geist in einer Welt, in der die Geschichtsbücher immer mehr zur illustrierten Historie des vergeblichen Ikonoklasmus geworden sind? Er malt Bilderbücher. Oder schreibt bildhafte Gedichte.

Maieutik im Selbstdialog

Beim Denken sollten wir davon ausgehen, daß wir nichts wissen. Aber mal ehrlich: Wer denkt nicht, er hätte die Weisheit mit Löffeln gefressen? Die sokratische Dialektik ist ein bewährtes Mittel gegen diese Krankheit.

Bevor uns andere dieses Mittel gewaltsam einflößen, sollten wir es jeden Tag prophylaktisch zu uns nehmen, indem wir die sokratische Methode auf uns selbst anwenden; nur müssen wir dabei aufpassen, daß das Verhör nicht zur «peinlichen Befragung» der Inquisition wird und auf dem Scheiterhaufen endet statt im Wochenbett.

Und Finger weg von Schierlingsbechern. Das gilt natürlich nur für mich selbst. Meinen potentiellen Kritikern sei gesagt: Schierling schmeckt gar nicht so schlecht.

Luftleerer Raum

Fängt das Philosophieren nicht erst richtig an, wenn wir heraustreten aus den uns allen vertrauten Vorstellungen, die unser geistiges Rüstzeug bestimmen und nicht gerade selten eher Zaumzeug sind und manchmal viel mehr geistige Leere erzeugen als geistige Fülle? Gegen die vakuumerzeugende, ritualisierte und damit öberflächliche Tiefenschau den luftleeren Raum regelresistenten Denkens setzen? Vielleicht eine Möglichkeit. Aber wahrscheinlich wieder nur ein anderes Fundament neuer Rituale und Konventionalitäten.

Parodie

Parodie ist eine herzerfrischende, befreiende, entlarvende Veranstaltung, und alle haben ihre helle Freude daran, mit Ausnahme der Parodierten, versteht sich. Die müssen so tun, als hätten sie Humor, und wenn sie klug sind, knirschen sie nur nachts im Schlaf mit den Zähnen. Aber jede noch so gute Parodie hat einen entscheidenden Schwachpunkt: Sie läuft immer Gefahr, parodiert zu werden. Deshalb ist jeder Parodist gut beraten, wenn er nicht vergißt, rechtzeitig sich selbst zu parodieren. Bevor es andere tun. Wer geht schon gern zum Zahnarzt?

Illusionenboulevard

Ob es den Paradigmenwechsel im Wissenschaftsbetrieb angeht oder die Veränderung der privaten Glücksvorstellungen: Das scheinbar Neue, das sich, im Zeitraffer betrachtet, als ewiges Oszillieren von unterschiedlichen Illusionsgebilden herausstellt, ist manchmal ästhetisch fulminant, aber nur sehr selten ein Fortschritt.

Erkennen

So wie der Kitzel im Höschen ganz ohne Liebe auskommen kann, so kann auch die Liebe ganz ohne den Kitzel im Höschen auskommen. Kann.

Wenn es in der Bibel heißt: Sie erkannten sich oder besser: einander, dann ist das auf den ersten Blick nur ein schamhafter Euphemismus für sexuelle Aktivität, aber wenn wir es genauer betrachten, sehen wir oft eine zweite Ebene: das intuitive Erkennen der Gleichheit in der Andersheit, der existentiellen Einheit, die Schau des einen im anderen.

Schon in Platons Schöpfungsmythos findet sich der Kern dieses Vorgangs. Das Getrennte ist nur scheinbar verschieden, tatsächlich jedoch sind Mann und Frau jeweils Teil eines vorausgehenden Ganzen und streben danach, wieder eins zu werden.

Was möglicherweise für das principium individuationis insgesamt gilt.

Der Kern aller Liebe.

Zeitgeschmack

Der Geschmack einer Zeit äußert sich nicht zuletzt in seinen Götterstatuen, und wenn wir in die Geschichte zurückschauen, überkommt uns manchmal Wehmut, aber viel öfter Belustigungsgefühl. Heute tragen die Götterstatuen Markennamen.

Museum

Der Nippes
Trödel der Antike
in Marmorhallen aufgereiht.
Und auch bisweilen
edle Teile.
Wenn man vom
Wert absieht
den das Besitzstreben
ihnen verleiht
größtenteils Plunder
Gebrauchswert null
nur manchmal goldig
und nett anzuschaun.
Und immerhin sichtbar
vorhanden.
Doch welchen Wert
haben die Knochen
die sie schufen?

Glück

Es gibt kein größeres Hindernis beim Glücklichwerden als die tatsächlich mögliche Umsetzung dieser Vorstellung. Die meisten Menschen laufen lieber Unmöglichem hinterher und sind unglücklich, oder sie sind zufrieden mit irrealer Kitschbildvirtualität.

Erreichbarkeit

Wertvolle Dinge schützt man am besten vor Berührung und Diebstahl, indem man ihnen ein Schild beifügt, das sie als Kopie ausweist, und die Kopie gut geputzt in einer Panzerglasvitrine daneben stellt. Die Leute werden sich am Glas die Nasen plattdrücken. Der unerreichbare Schrott ist den Menschen um vieles wertvoller als das erreichbare Wertvolle. Kriterium des Wertes ist nicht die Qualität, sondern die Erreichbarkeit. Wenn sich ein Ding dem Begreifen entzieht, erhöht das ganz automatisch seinen Wert. Und sei der Appetit auch noch so groß: Eine auf einem Pappteller liegende Currywurst kann mit dem Hundekot auf Silbertablett in der verschlossenen Glasvitrine nicht mithalten. Vielleicht ißt man, vom Hunger übermannt, dann doch die Currywurst, aber die Träume vom Guten in der Vitrine werden dafür sorgen, daß die Wurst nicht besonders schmeckt. Trotzdem: Guten Appetit.

Weißer Mohn

Sind kalte Hände
die die Scherben streuen
statt Rosen, Klee und Hyazinthe.
Sind kahle Wände
die das Licht bereuen
das auf sie sprüht wie weiße Tinte.
Sind deine Worte
die die Farben bleichen.
Ist dein Geruch
der deinen Duft
verwischt

Mißverständnisse

Jede Kommunikation, und sei sie auch noch so aufmerksam und auf Genauigkeit bedacht, ist nicht nur geprägt von Verstehen und Verständnis, sondern in gleichem Maße auch von Mißverstehen, zumindest von partiellem.

Bevor wir miteinander ins Gespräch kommen und uns mitteilen, hat bereits ein internes Gespräch stattgefunden (und findet auch während des Austauschs unentwegt statt), und auch dieses ist mit Mißverständnissen behaftet, denn wer verstünde sich selbst zur Gänze? Der Mischmasch von Gefühlen und Gedanken, der in uns hochsteigt, muß in irgendeiner Weise in Sprache umgesetzt werden, verbal und nonverbal, und dieser Umsetzungsprozeß geschieht zum größten Teil unbewußt und ist mit idiographischen Vorgaben behaftet, die wir selbst nicht durchschauen.

Nichtsdestotrotz gehen wir davon aus, daß der Gesprächspartner uns versteht. Notwendigerweise äußern wir uns in einer Sprache, die auf der einen Seite viel zu ärmlich ist, um komplexe Gefühlswelten darzustellen, aber andererseits vieldeutiger, als es die Wörterbücher der Semantik glauben machen wollen, denn alles steht und fällt mit den konnotativen Bedeutungen des Gesagten, und diese sind nicht so universell, wie von vielen angenommen wird. Von den persönlichen Assoziationsgebirgen ganz zu schweigen.

Und dann gibt es noch die Mißverständnisse, die auf der syntaktischen Struktur der Sprache beruhen, aber das sind die im Gespräch am leichtesten aufzulösenden. Ein Beispiel:

Ich sage: »Gefühle können nicht lügen, aber sie können täuschen. Und wir können unsere Gefühle nicht verstehen oder mißverstehen.« Darauf bekomme ich die Antwort: »Wenn wir sie nicht verstehen und nicht mißverstehen können, wie du sagst, dann wären sie erst mal einfach so, und sie würden irgend etwas mit uns machen, was uns unverständlich bleibt.«

Gemeint hatte ich: Es besteht die Möglichkeit, daß wir unsere Gefühle nicht verstehen, und es kann sein, daß wir unsere Gefühle mißverstehen. Gut, zugegeben, so wie ich mich ausgedrückt hatte, ist der Satz auch anders interpretierbar, als ich ihn gemeint hatte. Aber immerhin ist er mehrdeutig, wenn man genau hinschaut. An der Antwort aber wird deutlich, daß weder meine Intention noch die Mehrdeutigkeit meines Satzes vom Empfänger wahrgenommen wurde, sondern der Satz wurde in der Antwort zu einer gewissermaßen dogmatischen Aussage über das Verstehen von Gefühlen uminterpretiert.

Ob eine solche gleichsam dogmatische Aussage ihre Berechtigung haben könnte, ist wieder eine andere Frage, und nach genauerem Überlegen komme ich zu dem vorübergehenden Schluß, daß es vielleicht tatsächlich so sein kann, daß wir unsere Gefühle nicht verstehen können.

Aber daß wir uns und einander hin und wieder trotzdem verstehen, oder zu verstehen scheinen, grenzt an ein Wunder.

Und hätte ich nicht nachträglich das Reziprokpronomen »einander« in diesem Text eingefügt, wäre das nächste Mißverständnis bereits vorprogrammiert.

So schwierig kann das Verstehen sein.