Enttäuschungen

Keinem Menschen bleiben Enttäuschungen durch andere erspart, und die meisten dieser Enttäuschungen sind nicht Folge von Bosheit oder Gleichgültigkeit unserer Mitmenschen, sondern haben ihren Grund in unseren eigenen Fehleinschätzungen.

Ist es so, daß sich dieselben Enttäuschungen ständig wiederholen, dann liegt das meist daran, daß wir uns für wichtiger halten, als wir tatsächlich sind, oder die Lernfähigkeit der anderen überschätzen. 

Oder beides.

Körpergefühl

Ausgezeichnete Therapie zur Korrektur eines fehlerhaften, nur gedachten Körpergefühls: eine Runde Tennis oder Badminton. Hinterher weißt du: Die Arme sind kürzer, als du dachtest, und die Beine schwerer.

Und schmerzlich wird dir bewußt: So mancher Muskel kann äußerst ungehalten werden, wenn du ihn plötzlich und unerwartet in seinem Dauerschlaf störst.

Gewohnheiten

Bild: Cronos (bei Blogigo)

»Wenn der Guru sich abends zur Andacht niederließ, kam oft die Ashramkatze und störte die Meditierenden. So ordnete er an, die Katze während der abendlichen Meditation anzubinden.

Nachdem der Guru gestorben war, band man die Katze bei der abendlichen Andacht weiterhin an. Und als die Katze gestorben war, wurde eine neue Katze in den Ashram geholt, damit sie während der Andacht entsprechend angebunden werden konnte.

Jahrhunderte später verfassten gelehrige Schüler des Gurus gelehrte Abhandlungen über die liturgische Bedeutung des Festbindens einer Katze während der Zeit der Mediation.«

(Quelle unbekannt)

 

Wir tun vieles, ohne darüber nachzudenken, warum wir es tun. Wenn aber jemand kommt und fragt, warum tust du das?, finden wir häufig keine Erklärung für das, was wir tun. Doch wollen wir nicht wahrhaben, daß der Grund unseres Tuns allein in der Gewohnheit liegt. Wir schämen uns ein wenig. Also setzen wir uns hin und basteln uns eine Erklärung für unser Tun. Es muß sich doch irgendein Grund finden lassen … Notfalls müssen wir einen erfinden. Denn nichts lieben wir so sehr wie unsere Gewohnheiten – und kaum etwas ist uns wichtiger als unsere Überzeugung, daß unsere Gewohnheiten mehr sind als nur Gewohnheiten.

Der hilfreiche Helfer

Wenn wir uns in einen anderen hineinzufühlen versuchen, besteht immer die Gefahr, daß wir unsere Gefühle in ihn hineinprojizieren und sie als seine ausgeben. Damit haben wir ihm aber in keiner Weise geholfen, sondern ganz im Gegenteil: Wir haben ihn seiner Selbstbestimmung beraubt.

Wir wissen nun besser, was er braucht, als er selbst, und überschwemmen ihn mit unserer Hilfsbereitschaft, denn wir haben ja verstanden, wie es dem anderen geht, und wenn er nur unsere Angebote annehmen würde, dann ginge es ihm bald sehr viel besser.

Und so ganz nebenbei könnten wir uns dann auch noch den Lorbeerkranz des hilfreichen Helfers aufsetzen und strahlend vor das Publikum treten.

Wie schön.

Erdmann – Szenische Monodialoge 3

ERDMANN verknittert, verläßt das Schlafzimmer, geht zum PC und startet ihn, dann begibt er sich ins Bad.

Ich könnte mich mal wieder rasieren
ist schon wieder ein Dreitagebart
nach zwei Tagen. Wächst schneller
als die Zeit erlaubt. Auch eine Art
von Kriminalität.
Endogene. Bartwuchs als
endogene Kriminalität.
Früher hatten alle Räuber
einen Bart. Heute sind
alle Räuber, sollte
man meinen.
Da hat doch einer
nach einem Unfall
als da son armes Würstchen
auf der Straße lag
sogar angehalten.
Die meisten fahren ja vorbei
wenn’s keiner sieht.
Also, der hat angehalten
voller Mitgefühl und
Hilfsbereitschaft.
Stabile Seitenlage.
Und eins eins null
gewählt.
Dann war er aber weg
bescheiden wie er war
Wollte nicht belobigt werden
für seine Samaritertat.
Das Geld des Verunglückten
war natürlich auch weg
gewissermaßen Spesen
für Zeitaufwand und so.
Die stabile Seitenlage
hat ihren Sinn
man kommt besser
ans Portemonnaie.

Verläßt das Bad, hört ein Summen
Diese blöde Kiste.

Hat sich beim Runterfahren
gestern abend wieder aufgehängt
die ganze Nacht gelaufen
bei den Strompreisen
oder hab ich Trottel im Vorschlaf
nur wieder vergessen
das Ding auszuschalten?
Setzt sich kopfschüttelnd
an seinen Arbeitsplatz.

Über Empathie

Wenn wir verliebt sind oder wenn uns ein andrer leid tut, dann versuchen wir, wenn wir es können und wenn wir nette Menschen sind, uns in ihn einzufühlen.

Aber so traurig das auch klingt: Wir können niemals die Perspektive des andern einnehmen, sosehr wir uns auch mit Verständnis und Toleranz einzufühlen versuchen.

Was wie einnehmen können, ist immer nur die Perspektive, von der wir glauben, daß sie die des andern sei – und immer schleppen wir unsere Irrtümer mit hinein. Ja, es ist sogar eine Art Anmaßung dabei, wenn wir dem andern sagen: Ich verstehe dich. Ist es nicht so, daß wir dem andern unsere Version von seiner Perspektive überzustülpen versuchen und damit seine eigene in Frage stellen?

Einer, der nicht todkrank ist und es nie war, wie sollte der die Perspektive eines Todkranken einnehmen können? Einer, der nicht verliebt ist und es nie war, wie sollte der …

Zur Sprache bringen

Immer wieder erstaunlich, was die Leute so alles zur Sprache bringen. Die arme Sprache, wie wird sie zugemüllt. Wenn einer nicht mehr weiterweiß mit seinem Kram, im eigenen Morast zu ersticken droht, dann bringt er alles zur Sprache. Wohin auch sonst?

Bisweilen, wenn ich die Sprache ächzend und schnaubend daherkommen sehe, denke ich, manche Dinge sollte man besser zur Mülltonne bringen – statt zur Sprache.