Jenseits der Tröstungen

Im Dasein eines jeden Menschen gibt es eine klare Linie, ob sie stimmig ist, darüber kann man nur schwer unterschiedlicher Auffassung sein, denn die Richtung ist klar: Jeder Mensch bewegt sich unweigerlich auf den individuellen Tod vor, die Auslöschung seines Ich-Bewußtseins. Das ist eine enorme Zumutung, aber für alle gleich. Einem jeden werden damit Belastungen auferlegt, die er durchzustehen hat, Verletzungen, Verstümmelungen allerorten. Für viele kaum zu tragen. Daß er sein Leben ohne erkennbaren Sinn abzuspulen hat, eine unbegreifliche Veranstaltung in einer Umgebung, die der Mensch nicht versteht, ist für ihn ebenso eine ungeheuerliche Kränkung wie das Bewußtsein seiner Nichtigkeit angesichts der nicht begreifbaren Dimensionen des Seienden und der Unerklärlichkeit des Seins. Von alldem abzulenken und die Verzweiflung fernzuhalten ist Aufgabe dessen, was wir Kultur oder auch Zivilisation nennen. Jenseits dieser Tröstungen gibt es nur den freien Fall ins Ungewisse.

Zeitgemäß gendergerecht

Eine Sprecherin
spricht
und was?

die Sprache

dabei benutzt sie

die Buchstaben
die Laute
die Silben
die Wörter
die Zeichen

beachtet

die Regeln
die Orthographie
die Grammatik
die Syntax
die Semantik

Die Gesamtheit
die Struktur
schaut
sich an

die Sprachwissenschaft
oder auch
die Linguistik

Da kann man als Mann nur
Sternchen malen
oder besser gleich
schweigen

Selbstmitleid

Selbstmitleid ist der Gram des Zukurzgekommenen oder Beschnittenen über seinen Zustand. In seinen Tagträumen gottgleich allmächtig, erfährt er sich im wirklichen Leben als mißachtet, benachteiligt und ohnmächtig, gefangen im Spinnennetz einer von ihm als feindlich empfundenen Umwelt. Wie der Trauernde, beklagt er einen Verlust, jedoch nicht den realen Verlust eines geliebten Menschen, sondern den seiner träumerisch imaginierten Macht über die Welt der Objekte, zu denen er insgeheim auch die anderen Menschen zählt. Bleibt er mit seinem larmoyanten Lamento bei sich selbst, so wird es ihm bisweilen gelingen, sein Selbstmitleid als melancholische Gestimmtheit zu bejahen, es künstlerisch umzusetzen und daraus neues Selbstwertgefühl zu schöpfen.

Wenn demgegenüber die gedrückte Stimmung zur Schau gestellt wird, immer ostentativeren Charakter annimmt, das Selbstmitleid also appellativ zu funkeln beginnt, wird deutlich: Solcherart Selbstmitleid ist ein Versuch, diejenigen, von denen der Zukurzgekommene sich mißachtet fühlt, auf sich aufmerksam zu machen und sie zu sich heranzuziehen. Gelingt dies, was eher selten der Fall ist, schlägt das Benachteiligungsgefühl um in narzißtischen Triumph. Gelingt dies nicht, führt diese Form des Selbstmitleids häufig zu Zorn, Wut und Vergeltungsphantasien, mindestens jedoch zu einer ausgeprägten Verbitterung.

Selbstinszenierung

Wir empfinden die Selbstinszenierung anderer dann leicht als ein wenig übertrieben, wenn sie zu sehr von unserer eigenen Art der Selbststilisierung abweicht; wenn die inszenatorischen Bemühungen des anderen den unseren jedoch zu ähnlich sind, dann sind wir ernsthaft verstimmt, denn die Erkenntnis, daß der andere sich in exzentrischen Inszenierungen ergeht, läßt uns auch an unserer eigenen Authentizität zweifeln.