Über den Körper

Sie sind im Irrtum, all diese Erweckten und Erwachten, Erleuchtungsgierigen, die sich mühen, das als Verschmutzung ihres spirituellen Kerns empfundene körperliche Sein mit seinen Gelüsten und Ausdünstungen, mit seinen Verschleimungen und Abwässern, seinem Darmgeruch abzustreifen wie eine Larve, und versuchen, das, was sie unter Reinheit verstehen, durch Meditation herzustellen, herbeizutranszendieren.

Transzendieren ist keine ganzheitliche Metamorphose, sondern nur eine spezifische Art suggestiver Selbstinszenierung des Gehirns. Ganz so wie auch andere Versuche, den Körper unter Kontrolle zu bringen, ob nun durch religiöse Riten mit Selbstkasteiung oder Extrembergsteigerei, die moderne Medizin oder militärischen Drill.

Wir sind phylogenetisch weit entwickelt und seit langem über das Amphibienstadium hinaus und auch keine parasitären Würmer (jedenfalls nicht alle), und wir haben keine larvalen Organe, die abgestoßen oder resorbiert werden und durch funktionsfähige adulte Organe ersetzt werden können, die irgendwo im verborgenen angelegt sind.

Unser Körper läßt sich zu Höchstleistungen anregen oder zwingen, wir können auf meditativem Wege oder mit Hilfe der Pharmakologie oder der Chirurgie in seine Funktionen eingreifen oder uns so weit versenken, daß wir unsere Leiblichkeit zeitweise nicht mehr spüren. Aber wir können sie nicht abstreifen wie Falter ihr Verpuppungsmaterial.

Wir haben nur diesen einen Körper, und es bleibt dem Tod überlassen, was er damit metamorphisierend anstellt, wenn er uns holt. Was dann geschieht und ob dann mit uns etwas anderes geschieht als mit den Blättern im Herbst, wissen wir nicht, und es liegt weder in unserer Hand, darauf einzuwirken, noch es zu verhindern.

Wer andere vor Löchern warnt …

Eine Gruppe von Menschen stolperte einen Weg entlang, in dessen Mitte ein tiefes Loch klaffte. Sie sahen es, wichen achtsam aus und gingen schweigend daran vorbei. Nur von hinten rief einer ohne Unterlaß: „Paßt auf, da vorne ist ein Loch im Weg. Ich fühle es.“

Einige Zeit später fragte einer: „Sagt mal, wo ist denn unser Rufer?“ Sie schauten sich um, aber der Rufer war nicht da. So gingen sie zurück, denn sie hatten es nicht eilig, und kamen zu dem Loch im Weg. Als sie an den Rand traten und vorsichtig hinunterschauten, sahen sie den Rufer zerschmettert in der Tiefe liegen.

„Wie konnte denn das passieren“, fragte einer und schüttelte den Kopf. „Er hat doch so laut gerufen und uns vor dem Loch gewarnt.“

„Wahrscheinlich war er blind. Wir hätten besser auf ihn aufpassen sollen. Aber wie konnten wir das ahnen, wo er doch so laut gerufen hat ‚Da vorne ist ein Loch‘.“

Und taub wird er wohl auch gewesen sein“, sagte ein anderer mokant, „sonst hätte er seine eigenen Rufe gehört.“ Aber der Spötter erntete nur mißbilligende Blicke.

Von diesem Tage an waren alle noch schweigsamer als vorher.

Papillarer Orgasmus

Ab einer gewissen Körperfülle wird der papillare Orgasmus, also der Orgasmus lingua bzw. glossa, zum Beispiel der Schokoladenorgasmus, dem genitalen vorgezogen, und meistens ist es so, daß ein übermäßiges Körpergewicht Ausdruck dieser Präferenz ist. Manche Männer, die Papillen nicht nur auf der Zunge, sondern in Perlenform auch auf dem Eichelrand haben, können dennoch kein Schokoladenbad nehmen, um zum Höhepunkt zu kommen und gleichzeitig das Wachstum ihrer Schwarte zu begrenzen, weil die Penispapillen geschmacklich indifferent sind.

Ohnehin ist die oral-papillare Form der orgasmischen Substitution eher femininer Natur. Um mögliche Verwechslungen auszuschließen: Cunnilingus und Fellatio haben zwar auch mit der Zunge zu tun, aber der papillare Aspekt dieser Praktiken ist im allgemeinen – leider – zu vernachlässigen.

Wahr

Wahr ist, daß auch die absolute Wahrheit relativ ist und weniger wert als Wahrhaftigkeit. Absolute Wahrheit kann es nur aus der Sicht eines Absoluten geben, aber ein Absolutes kann keine Sicht haben, weil Sicht Perspektive zur Voraussetzung hat. Perspektive jedoch ist nur denkbar in Relation zu etwas, und Relation ist Ausdruck von Relativität und nicht als absolut denkbar. Eine absolute Perspektive ist ein Widerspruch in sich.

Deus sive natura ist blind und kann nur mit unsern Augen sehen. Wir aber sind unzuverlässige apperzipierende Sinnesorgane, die mehr in die Dinge hineininterpretieren, als sie aus ihnen herauslesen. Und das führt zur Relativierung des Absoluten, denn wir wollen unser eigenes Süppchen kochen und reichern deshalb unsere weltanschauliche Kartoffelsuppe ganz nach unserem persönlichen Geschmack mit religiösen Gewürzen der Region an. Oder mit denen, die wir gerade zur Hand haben.