Zeitnah

Was will uns jemand, der das Wort »zeitnah« inflationär benutzt, damit sagen? Er will uns darüber informieren, daß er vor kurzem beim Putzen des Zeitfensters ausgerutscht und von der Leiter gefallen ist, sich dabei nicht ohne Folgen den Kopf an  der Fensterbank gestoßen hat und von diesem Zusammenstoß so bald nicht wieder genesen wird.

Das Leben des Schriftstellers

Im Gespräch mit Simone de Beauvoir sagt Jean-Paul Sartre – man unterhält sich über den Ruhm –, ein Schriftsteller, der ein »gültiges« , ein anerkanntes Buch geschrieben habe, werde »ein anderes Leben haben nach seinem Tod«.

Natürlich meint Sartre so etwas wie literarisches Leben, aber das nimmt dem Ausspruch nichts von seiner Komik – oder auch Tragik. Ganz wie man will.

Wenn ich mal wieder in der Nähe bin, werde ich auf dem Cimetière du Montparnasse vorbeischauen.

Wertewandel

Früher war es auch, aber nicht nur in Deutschland üblich, positive Tugenden wie Fleiß und Genauigkeit zu Unrecht als typisch deutsch zu betrachten, heute bezeichnet man, besonders in Deutschland, das eine als Übereifer und das andere als Kleinlichkeit. Das einzige, was geblieben ist, ist das Etikett: typisch deutsch. Typischer Irrtum.

Als Angeber bezeichnet man „jemandem“ …

Der Lautsprecher der Dilettantenabteilung im deutschen Hobbylinguistenverband Bastian Genitivtod Sick hat wieder – im „Spiegel“ – zugeschlagen. In der Zwiebelfisch-Kolumne beschäftigt er sich mit dem Vorkommen der fliegenden Gestalten in der deutschen Sprache. Wie immer volkstümlich und anbiedernd launig, wie Quadrantarius-Professionelle es besonders lieben. Normalerweise lese ich diese Sachen nicht mehr, aber, nun ja, man hört bisweilen in einem schwachen Moment auch eine Schnulze im Radio.

Herr Sick weiß nicht immer, wo Kommas zu setzen sind und wo nicht, geschenkt. Allein, daß niemand „Pleite gehen“ kann, sondern nur pleitegehen, das sollte er, als der Sprachspezialist, für den er sich hält, schon wissen. Aber vor allem sollte er nicht die Fälle durcheinanderbringen, auch wenn’s mal nicht um den Genitiv geht. Als einen Angeber bezeichnet man nicht „jemandem“, als Angeber bezeichnet man jemand oder jemanden. Zum Beispiel jemanden, der sich anmaßt, andere belehren zu wollen, sich selbst jedoch ausnimmt.

Seine Lapsus sprechen nicht für ihm. Ich meine ihn.

Zwiebelfisch

Die Idiotie des Kapitalismus

Volkswagen hatte im letzten Jahr den Gewinn auf 19 000 Millionen Euro verdoppelt, mehr als das Bruttosozialprodukt von Zypern oder Bolivien und vergleichbar mit dem von Afghanistan, einem Land mit immerhin dreißig Millionen Einwohnern, und hat angekündigt, dieses Jahr ohne Gewinnsteigerung auszukommen. Schon liest man in der Presse, auch bei VW „wüchsen die Bäume nicht in den Himmel“, „beim Gewinn in der Warteschleife“, „VW tritt auf der Stelle“. Von „Stagnation“ ist die Rede, die Börsenkurse sinken. Und wenn sich der Gewinn, der sich gerade verdoppelt hatte, wider Erwarten halbieren sollte, dann wird vom Untergang des VW-Konzerns schwadroniert werden. Das ist die Logik der Denkgestörten in den Redaktionen. Nicht zu vergessen: Wir befinden uns in der Krise, und daraus haben wir uns erst befreit, wenn jeder heutige Millionär Milliardär geworden ist. Da muß der VW-Chef Winterkorn mit einem mageren Jahreseinkommen von nur 17 Millionen Euro noch ein wenig sparen.

2012

Falschgläubige

Gläubige ernennen andere Gläubige zu Ungläubigen, Rechtgläubige fühlen sich im Recht, Nichtgläubige sind stolz auf ihre scheinbare Resistenz in Glaubensfragen, aber sie alle sind Falschgläubige, weil sie denken, es gäbe etwas Rechtes zu glauben oder nicht zu glauben. Tatsächlich gilt es zu wissen, daß Glaube eine schlechte Angewohnheit ist wie Alkohol- oder anderer Drogengenuß und wie dieser gleichermaßen kurzfristig berauschend, mittelfristig problematisch und auf lange Sicht verhängnisvoll. Letzteres dem Leben ohne Drogen nicht unähnlich.

Jeder oder keiner

Wie merkwürdig, selbst bei einem so gebildeten Mann wie Goethe solch einen gravierenden Logikfehler zu finden:

Kircher hat bei dem vielen, was er unternommen und geliefert, in der Geschichte der Wissenschaften doch einen sehr zweideutigen Ruf. Es ist hier der Ort nicht, seine Apologie zu übernehmen; aber so viel ist gewiß: die Naturwissenschaft kommt uns durch ihn fröhlicher und heiterer entgegen als bei keinem seiner Vorgänger.

Farbenlehre

Das Gegenteil wäre richtig: Fröhlicher und heiterer als bei jedem …, nicht bei „keinem …“ Oder so fröhlich und heiter wie bei keinem …

Wie stets zweierlei Maß

Leider hat man es vor langer Zeit versäumt zu verhindern, daß die monotheistischen Religionen Bücher zu Heiligtümern erklärten; ohne heilige Bücher wären mit Sicherheit viele Millionen Liter Blut weniger in die aufnahmebereite Erde gesickert. Heute wiegeln die Taliban das afghanische Volk zum Mord auf, weil Amerikaner so unsensibel waren, Bücher zu verbrennen, die andern als heilig gelten. Den Ausländern soll Achtung vor islamischen Symbolen beigebracht werden. Die gleichen Taliban fanden es 2001 passend, achtlos die Buddha-Statuen von Bamiyan zu sprengen.

2012

Menschenkenntnis

Im Laufe der Jahre bildet sich bei den meisten Menschen ein Geflecht von Vorurteilen, die sie Erfahrung nennen, und deshalb betrachten sie die andern (wie sich selbst) meist recht oberflächlich und geben ihnen nur dann die Chance, genauer angeschaut zu werden, wenn sie ins Schema passen, das die Menschenkenner sich zurechtgelegt und dessen Grundlage sie mit dem Namen Menschenkenntnis versehen haben. Es ist sehr schwer, ein solches Verhalten abzustellen, weil dem unbewußte, nicht reflektierte Prozesse zugrunde liegen. Sich selbst nimmt man vor allem deshalb nicht realistisch wahr, weil man gleich einer Mater genau der stereotypen Grundform entspricht, die man sich zurechtgebastelt hat – eingehende Betrachtung nicht notwendig, denn man glaubt sich zu kennen, auszukennen mit sich selbst.

Demokratisch ist das nicht

Kaum ist ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gedrungen, wer in Kürze der neue Bundespräsident sein wird, mit einer breiten Mehrheit gewählt und ebenfalls von einer Mehrheit der Bevölkerung mit Wohlwollen betrachtet – was erst mal natürlich nichts heißt –, da geht die Netz-Nörgelei derart massiv los, daß man sich verwundert die Augen zu reiben gezwungen ist. Ob nun aus dem Zusammenhang gerissene Zitate überinterpretiert oder obskure Stasilegenden wiederaufgewärmt werden, daß es nur so kracht: „Der Herr Diestel wollte was sagen“ – oder gar geraunt: Die Eltern waren NSDAP-Mitglieder –, hier wird versucht, jemanden zu diskreditieren, noch bevor er ins Amt gewählt und eingeführt wurde. Demokratisch ist das nicht, und da sind wohl noch Rechnungen offen. Ich für mein Teil bin nicht so naiv, zu glauben, der Bundespräsident müßte grundsätzlich meine Meinung vertreten. Das kann ich nur selbst tun.

2012

Rechtfertigung

Menschen auf verzweifelter Sinnsuche oder solche in einer schmerzenden Sinnkrise fragen sich manchmal, wodurch das Dasein der Welt gerechtfertigt, worin es begründet sein könnte. Doch bedarf es einer Rechtfertigung, und ist Rechtfertigung tatsächlich möglich? Rechtfertigung setzt Moral voraus, jede Moral jedoch ist wegen ihrer Relativität fragwürdig, und es verbietet sich, das eine Fragwürdige auf der Grundlage eines andern Fragwürdigen zu rechtfertigen. Sinnleere kann nur dem weh tun, der an Sinn glaubt; wenn einer jedoch an Sinn glaubt, ist Sinnleere nicht existent. Paradox, mal wieder. So scheint aller Schmerz in Hinsicht auf den Sinn des Seins entbehrlich, es sei denn, man ist von der Existenz als Inkarnation des Bösen überzeugt. Doch auch in diesem Fall wäre das metaphysische Zähneklappern Folge eines moralischen Miß-Verständnisses.

Zumutung

Das Leitmedium des deutschen Bildungsbügertums warb mal mit dem Slogan „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“ und zeigte ein dazu passendes Bild der Zeitung. Mag sein, daß das so ist. Allerdings ist es bisweilen unerhört, was die Zeitung – zumindest im Netz – den klugen Köpfen zumutet. Drei offensichtliche Fehler in einem kleinen Absätzchen eines nicht unbedeutenden Beitrags der FAZ sind ein wenig viel. Von einem Qualitätsmedium darf in diesem Fall nicht gesprochen werden.

FAZ