Nichts Neues

Eine psychopathologische Verirrung einiger Menschen, die sich im Laufe der Entwicklung des technischen Instrumentariums zur Massenkrankheit weiterentwickelt hat: immerzu was Neues haben zu wollen. Zu Höhlenzeiten war eine solche Grundhaltung nicht die schlechteste, denn sie führte heraus aus der kalten Enge, aber heute, in Zeiten starken Bevölkerungswachstums und extremer Ressourcenverschwendung, bringt ungebremste Novitätengier als weitverbreitete Handlungsorientierung die Menschheit langfristig wahrscheinlich eher wieder zurück zu subterranen Lebensformen, als daß sie etwas Wegweisendes hervorzaubert.

Bizarre Reklame

Gerade sah ich eine Anzeige der »Christophorus Gruppe«. Obendrüber der Leitgedanke: »Sonnentage im Herbst des Lebens«. Das Wachkomahaus Oase bietet Wachkomapflege an. Fehlt nur noch die Sonne.

Mehrlagige Gedanken

Wenn ich unsere Gesellschaft durch die geschichtsphilosophische Brille betrachte und nach Niedergangsindikatoren spähe, so frage ich mich, an Montesquieus Dekadenztheorie denkend, auf einer anderen Brille sitzend und im Nahbereich fündig werdend, ab wieviellagigem Toilettenpapier diese Zivilisation als untergangsgeweiht zu betrachten ist und ob unsere zivilisatorischen Errungenschaften hier und dort Ähnlichkeiten mit der spätrömischen Verfallskultur aufweisen.

Irrsinn

Sollte nicht glauben
man gewänne Frieden
wenn man im Kriege siegt
auf Revanche folgt Revanche
folgt Revanche

man gewinnt nur ein paar Stunden
bis zum nächsten Gemetzel
ein paar Tage bis zum Feuersturm
ein paar Jahre

bis zum Untergang

Klepsydra nur, Ophelia

Sie treibt nicht fort, ihr Haar hat sich verfangen
an einem kahlen Trauerweidenast
der Wind leckt rauh die früh verglühten Wangen
und Ratten taumeln müde im Morast.

Am Ufer keine Astern, Anemonen,
ein paar kaputte Eimer, Anglermüll
und von Verirrten, die am Tag hier wohnen
der Rest vom Flaschendosenbieridyll.

So unromantisch. Da klingt kein Chopin,
und auch von Schubert kann kein Ton hier stören.
Das tote Mädchen schaukelt im Refrain
der stillen Fluten, fern von den Souffleuren.

Man wird sie morgen aus der Brühe fischen,
wird wissen wollen, wann, warum und wie
mit Messern graben an den Eisentischen
Begründung finden, doch die Gründe nie

 

Danke schön

Die Ukraine drosselt den Gastransit aus Russland nach Europa. Auch eine Art, danke schön zu sagen. Sind eben nette, freundliche Menschen in der ukrainischen Regierung, nicht nur in der ukrainischen Botschaft in Deutschland.

So geiht dat

24.2.2022 „Der Mercedes-Konzern hat im vergangenen Jahr einen Nettogewinn von 23,4 Milliarden Euro erzielt, fast sechsmal soviel wie im Vorjahr, als der Gewinn 4 Milliarden Euro betragen hatte.“

6.5.2022:
„Daimler schickt bis zu 9.000 Bremer Beschäftigte in Kurzarbeit.“

Verplempern

Mit dem Leben ist es wie mit dem Geld. Die einzige Art, tatsächlich etwas davon zu haben, ist es, dieses in Umlauf, in Bewegung zu bringen. Manche nennen das „verplempern“. Das ist eine naive Denkweise. Denn was wäre die Alternative? Der eine verplempert sein Leben mit Musikmachen, der andere mit dem Plattsitzen des Hinterns in einem Büro, und wieder ein anderer wechselt ständig die Reifen, anstatt zu fahren.

Wichtige Frage

Manchmal gibt es wichtige Fragen zu klären, zum Beispiel die, ob Rilke in seiner Hölderlin-Elegie das Wort Seeen mit drei „e“ geschrieben hat oder nur mit zwei. Tatsächlich mit drei, und das leuchtet mir ein.



Verweilung, auch am Vertrautesten nicht,
ist uns gegeben; aus den erfüllten
Bildern stürzt der Geist zu plötzlich zu füllenden; Seeen
sind erst im Ewigen. Hier ist Fallen
das Tüchtigste. Aus dem gekonnten Gefühl
überfallen hinab ins geahndete, weiter.

Auf Erden gibt es Seen – „Seeen“ sind erst im Ewigen.

Selbstentwertung

Ich dachte, er sei Sprachwissenschaftler. Als er dann jedoch begann, mit dem Oszillieren herumzufuchteln, bis es überhandnahm und zum Blablaen verkam, wurde ich hellhörig, und spätestens dann, als er bei jedem zweiten Rechts- oder Linksabbiegen von Paradigmenwechsel fabulierte oder gar von paradigmatischer Wende, da wußte ich: Wieder nur ein professoraler Jargoneur, oszillierend zwischen Paradigmen und von dem je einen auf das je andre rekurrierend syllogierend. Das kann man mal machen – aber doch nicht ständig.

Zwischenweltler schreibt am 20.07.2011 um 14:26 Uhr:*grins*
Man könnte denken, Du berichtest aus dem Bundestag.


Lyriost schreibt am 20.07.2011 um 14:29 Uhr:Da sitzen sie auch. Aber meistens eine Ebene tiefer. 😉


Lyriost schreibt am 20.07.2011 um 14:44 Uhr:Sag mal, Zwischenweltler, bist du heute schon „abgeholt“ worden, um „auf Augenhöhe“ zu kommunizieren?


Zwischenweltler schreibt am 20.07.2011 um 15:02 Uhr:Nö, dazu schiebt man mir immer ein Bänkchen unter.

Anmerkung: Kommentare nachträglich wiederhergestellt.

Wer zeigt wem was?

Bei der FAZ tut man sich mal wieder schwer mit dem Lesen. Man vergleiche die Handschrift mit der Legende. „Adele zeigt ihren Brüsten die Männer“, müßte es richtig in der Bildunterschrift unter der Legende des Autors heißen. Nicht „Adele zeigt ihre Brüste den Männern“. Das wäre banal. Waechter war ja nicht blöd.

FAZ

Immer diese andern

Einer schrieb von „Treppenscheißern“, „Reichsbürgern“ und „Gesochse“, all denen, die ihm das Leben vermiesen: „Also lassen wir uns nicht aus dem seelischen Gleichgewicht bringen.“ Das teilte jemand mit, der bisher immer darüber berichtet hatte, daß er unter schwersten Depressionen leide.

Verwundert schrieb ich: Das freut mich sehr, daß du jetzt endlich im seelischen Gleichgewicht bist. Das war ja leider schon länger nicht mehr so. Immer diese „Treppenscheißer“, die einen ärgern, weil sie so frech sind, eine andere Meinung zu haben. Mach dir nichts draus. Wichtig ist nur, daß deine eigene Meinungsstärke nicht leidet durch kritisches Denken von andern, zum Beispiel „Gesochse“, und offene Briefe von Dummköpfen.

Beleidigungen sind immer ein Zeichen von Intelligenz, nicht wahr. 😉